Hessische Morgen
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Nr. 2 Montag, den 4. Januar 1926, mittags. 60. (3.) Jahrgang
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NetljahrseWsUge dem ReithshrWmeit.
Berlin, 2. Januar. Das Ereignis des ersten Tages im neuen Jahre war der große Neujahrsempfang beim Reichspräsidenten, der mit dem Empfang des Diplomatischen Korps eröffnet wurde. Da es der erste Neujahrsempfang Hindenburgs als Reichspräsident überhaupt war, kommt ihm besondere Bedeutung zu. Der Tag schloß erst mit der in später Abendstunde von der Regierung bekannt gegebenen Ernennung des Generals der Infanterie von Seeckt zum Generalobersten, der seit dem 1. Oktober 1920 seine Stellung als Chef der Heeresleitung inne hat.
Der Reichspräsident emping am Neujahrstage um 12 Uhr die Chefs der fremden diplomatischen Vertretungen. Während der Auffahrt der Diplomaten erwies eine Abteilung der Reichswehr im Ehrenhof des Reichspräsidiums die militärischen Ehrenbezeugungen. Die Glückwünsche des Diplomatischen Korps brachte
der apostolische Nuntius Monsignore Pacelli
als Doyen zum Ausdruck:
Zum erstenmal versammelt sich gelegentlich der Jahreswende das beim Reiche beglaubigte Diplomatische Korps um Ihre Person, um Ihnen seine Glück- und Segenswünsche darzubringen. Große historische Ereignisse haben Ihre Anfänge in der Führung des höchsten Amtes bezeichnet und den Völkern die tröstliche Hoffnung auf wi^jieue, engere europäische Gemeinschaft gelenkt. Dqs Berliner Diplomatische Korps, das die Ehre hat, zu seinen Mitgliedern hervorragende Persönlichkeiten zu zählen, die an diesem Werke der Versöhnung und internationalen Entspannung verständnisvoll mitgearbeitet zu haben, spricht die innigsten Wünsche aus, daß dies Werk einen wirklich fruchtbaren Keim zu Glück und Frieden in sich trage. Möge es für die Völker ein um so machtvolleres Werkzeug zum Gedeihen und zum Fortschritt werden, je größere Opfer Sie zum allgemeinen Besten auf sich genommen haben. In dem ewigen Gesetz der Liebe, das trotz Zwist und Kampf das Weltall regiert, finden Großherzigkeit und Hingabe an die höheren Interessen der Menschheit ihren Lohn und Preis und verleihen den Völkern, die das edle Beispiel geben, den Strahlenkranz wahrer Größe. Dem deutschen Volke, das unter Ihrer weisen Führung In bewunderungswürdiger Weise an seiner friedlichen Wiederaufrichtung fortarbeitet, bringt das Diplomatische Korps, dessen Dolmetscher ich wiederum zu sein die Ehre habe, für das beginnende Jahr die wärmsten Wünsche dar, und wir flehen zur göttlichen Vorsehung, der unendlichen Liebe und unerschöpflichen Quelle alles Guten, um ihre Erfüllung.
Der Reichspräsident
erwiderte mit folgenden Worten:
Mit aufrichtigem Dank nehme ich die Glückwünsche entgegen, die Sie namens des Diplomatischen Korps dem deutschen Volke und mir selbst als seinem Vertreter dargebracht und denen sie so herzlichen Ausdruck verliehen haben. Sie erinnerten an die bedeutsamen Geschehnisse, die sich in dem nunmehr abgeschlossenen Jahre und in den ersten Mo- naten das mir durch den Willen des deutschen Volkes übertragenen hohen Amtes auf dem Gebiete der Weltpolitik abspielten. Mit Ihnen, Herr Nuntius, wünsche und ersehne ich, daß die Hoffnungen der Völker und insbesondere die Erwartungen des immer noch schwer bedrückten deutschen Volkes nicht enttäuscht werden. Mit Ihnen, Herr Nuntius, hoffe ich zu Gott, daß aus diesem, im ehrlichen Willen zur Verständigung gehegten Keime bald der volle und wahre Frieden hervorsprießen möge. Tief durchdrungen von der in den Herzen der Menschen lebenden Wahrheit, daß nur Gerechtigkeit, Sittlichkeit und Freiheit die Grundsteine sind, auf denen sich das Zusammenleben der Völker aufbauen und entwickeln kann, wird das deutsche Volk mit aller Kraft unverzagt weiterarbeiten an der friedlichen Wiederaufrichtung und Festigung seines eigenen nationalen Lebens wie auch an der Förderung und Sicherung des Friedens, der allein der Wirtschaft und Kultur der Welt Fortschritt und Aufstieg bringen kann.
- Herr Nuntius! Möge das neue Jahr, über dessen Schwelle wir heute treten, unsere gemeinsamen Wünsche nach einer fortschreitenden Annäherung und Verständigung der Völker lebendige Wirklichkeit werden lassen! In dieser Hoffnung spreche ich. Ihnen, Herr Nuntius, und Ihnen, meine Herren, zugleich für Ihre Staatsoberhäupter, Regierungen und Völker namens des deutschen Volkes und im eigenen Namen meine herzlichsten und aufrichtigsten Neujahrswünsche aus.
Hierauf begrüßte der Reichspräsident die einzelnen Botschafter, Gesandten und Geschäftsträger und wechselte mit ihnen Neujahrswünsche. Bei dem Empfang waren außer dem Staatssekretär Meißner und den Herren der Umgebung des Reichspräsidenten Reichsminister Stresemann, der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes von Schubert, sowie der Chef des Protokolls, Vortragender Legationsrat Köster, zugegen. Im Anschluß hieran empfing der Reichspräsident die hier anwesenden Reichsminister und Staatssekretäre der Reichsregierung.
Als Vertreter des abwesenden Reichskanzlers sprach Reichsminister Geßler
die Glückwünsche der Reichsregierung aus.
Später übermittelten der Reichspräsident Loebe und der Vizepräsident Rießer, Dr. Bell und Graef die Wünsche des Reichstages und als Vertreter des Reichsrates, der Staatssekretär des Preußischen Staatsminsteriums Weisman, der bayerische Reichsratsbevollmächtigte Exzellenz Dr. von Preger sowie Ser heffische Reichsratsbevotlmäch- tigte Exzellenz von Biegeleben die Glückwünsche dieser Körperschaften.
Der stellvertretende Generaldirektor Dorpmüller und die Direktoren Vogt und Kumbier brachten daran anschließend die Glückwünsche der Hauptverwaltung und des Personals der Reichsbahngesellschaft und Reichsbankpräsident Dr. Schacht mit den Direktoren von Kaufmann und von Grimm die Glückwünsche der Reichsbank dar.
Der Reichspräsident und der österreichische Bundespräsident haben zum neuen Jahr Glückwunschtelegramme gewechselt. Der Bundespräsident wünscht in seinem Telegramm, daß die bedeutsamen Abmachungen des vergangenen Jahres, die von der ganzen Welt erwarteten Folgen bald zeitigen und auch dem deutschen Volke eine schöne und friedliche Zukunft eröffnen. Der Reichspräsident erinnert in seiner Antwort an die treue Kameradschaft beider Länder und wünscht, daß das Jahr 1926 für Oestereich ein Jahr der Kräftigung und des weiteren Aufstieges werden möge.
Reichspräsident von Hindenburg richtet an die deutsche Wehrmacht folgenden Neujahrserlaß:
An die deutsche Wehrmacht!
Der deutschen Wehrmacht entbiete ich zum neuen Jahre meine herzlichsten Wünsche. Ich habe im vergangenen Jahre das hohe Maß ihres Könnens mit Freude festgestellt. Ich wünsche ihr, daß sie unter bewährter Führung fortschreiten möge in ihrer Aufgabe, unser Vaterland zu schützen.
Der Reichspräsident: gez. von Hindenburg.
Der Reichswehrminister: gez. Dr. Geßler.
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Kronprinz Carols Verzicht.
Mailand, 2. Januar. Der rumänische Kronprinz Carol hat auf Ofengssst noch keine amtliche Bestätigung über die Annahme seines endgültigen Thronverzichts durch den König erhalten. Seine Umgebung nahm die Bekanntgabe des Verzichts durch die Zeitungen mit Ueberraschung auf. Seine Gattin, Prinzessin Helena von Griechenland, hat auf den 8. Januar im gleichen Hotel, wo der Kronprinz wohnt, Zimmer bestellt. Die Umgebung des Prinzen bestreitet entschieden, daß die wenige Tage nach seiner Ankunft im gleichen Hotel abgestiegene rumänische Fürstin Lupescu die erste morganatische Gattin Carols sei. Indessen findet die Versicherung wenig Glauben, daß die Anwesenheit dieser hübschen Rumänin im gleichen Hotel nur ein Zufall
sei und daß zwischen den beiden keine Beziehungen beständen. Oeffentlich wurden sie zwar nicht miteinander gesehen, und auch die rumänische Fürstin lebt sehr zurückgezogen.
Die neue finnländische Regierung.
Helsingfors, 2. Januar. Die neue finnländische Regierung stellt dieselbe parteipolitische Zusammensetzung wie die frühere dar, d. h., sie besteht aus Vertretern der finnischen Rechten und des Landbundes. Der Ministerpräsident Kallio (Landbund) war schon früher einmal Kabinettschef und Reichstagspräsident. Das Ministerium des Auswärtigen übernimmt der frühere Kultusminister und bekannte Sprachforscher Setälä (finnische Sammlungspartei). Wehrminister ist der Rektor der Technischen Hochschule in Helsingfors Prof. Hjelmman (Sammlungspartei, Kultusminister wird der frühere Ministerpräsident Jngman (Sammlungspartei). — In seiner Programmrede betonte der neue Regierungschef die Wichtigkeit einer starken Verteidigung, der Weiterentwicklung der technischen Ausrüstung der Streitkräfte, der guten Beziehungen zu allen Nachbarn, sowie Aufrechterhaltung der inneren Ordnung und Bekämpfung jeder staatsfeindlichen Propaganda.
Ein neues Attentat auf den Schah von Perfien.
Berlin, 3. Januar. Ueber London kommen Meldungen, daß der Schah von Persien einem Bombenattentat zum Opfer gefallen sein soll. Er soll beide Beide verloren haben und in hoffnungslosem Zustande darniederliegen. Daß Mißtrauen, dem diese Meldung wegen der Quelle, aus bei sie kommt, von vorherein entgegengebracht werden muß, wird durch die bei der hiesigen persischen Gesandtschaft eingeholte Auskunft verstärkt. Die Eesandschaft erklärt, daß sie noch nicht im Besitz direkter Meldungen sei. Gerüchten, die auf dem Wege über Bagdad aus Persien in die Welt gesandt würden, sei erfahrungsgemäß recht wenig Glauben zu schenken.
Verschlimmerung im Befinden der Königinmutter Marguerita.
Rom, 3. Januar. Der Zustand bei Königinmutter Marguerita hat sich plötzlich ernstlich verschlimmert. Der König und die Königin begaben sich daher heute früh im Sonderzug nach Bordighera.
Briand und die Arondiffementswahlen
Paris, 3. Januar. Die „Ere Nouvelle" will aus sicherer Quelle erfahren haben, daß Briand beim Wiederzusammentritt des Parlaments an erster Stelle die Besprechung des Gesetzentwurfes betreffend die Wiedereinführung der Arondiffementswahlen fordern und bei dieser Gelegenheit die Vertrauensfrage stellen werde.
Die franzöfischen Sozialisten gegen eine
Teilnahme an der Regierung.
Paris, 3. Januar. Heute haben die meisten Vezirks- vereinigungen der Sozialistischen Partei ihre Delegierten für den am 10. Januar in Paris stattfindenden außerordentlichen Parteikongreß bestimmt, der über die Haltung entscheiden soll, die die sozialistische Partei zur Frage einer eventuellen Beteiligung der Sozialisten an der Regierung einzunehmen habe. — Die Bezirksvereinigung des Departements der Rhonemllndung hat sich mit 225 von 250 Stimmen gegen die Beteiligung an der Regierung ausgesprochen. Die Bezirksvereinigung von Chambery hat mit 33 gegen 26 Stimmen ebenfalls gegen die Beteiligung an der Regierung gestimmt. Die Bezirksvereinigung Ost- Pyrenäen hat sich jedoch mit allen, gegen neun Stimmen für eine eventuelle Beteiligung der Sozialisten qn der Regierung gestimmt. Von besonderem Jntereffe ist die Stellungnahme der einflußreichen Bezirksvereinigung des Seine-Departements, die heute in Abwesenheit des sozial listischen Abgeordneten Leon Blum tagte. Der Abgeordnete Blum hat jedoch in einem Briefe Stellung genommen und sich gegen die Beteiligung ausgesprochen. Die Diskussion auf dem Bezirksparteitag ist im Augenblick noch nicht abgeschlossen. Die meisten Redner, die zu Wort kamen, haben sich gegen eine Beteiligung ausgesprochen.