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Nr. 3
Dienstag, den 5. Januar 1926, mittags.
60. (3.) Jahrgang
Aus dem Hexenkessel Europas.
Marokko und China.
Militärdiktatur in Griechenland.
Athen, 4. Januar. Ministerpräsident General Pangalos proklamierte gestern nachmittag in Athen mit Zustimmung des Heeres die Diktatur. Vor der aufmarschierten
Munizipalgarde hielt Pangalos eine Rede, in der er verkündete, daß der Parlamentarismus eine Niederlage erlitten habe, und daß der Zusammenbruch in Kleinasien auf die Rückkehr Veniselos nach Athen im Jahre 1920 und auf die von ihm bewirkten Wahlen zurückzuführen sei.
Paris, 4. Januar. General Pangalos hat nach seiner Ausrufung zum Diktator dem Vertreter des „Daily Expreß" in Athen eine Erklärung abgegeben, in der sagte:
„Das parlamentarische Regierungssystem ist die Ursache all unseres Leidens. Ich bin am Ende meiner Geduld angelangt und werde nicht länger die Politik dulden, die keine Gelegenheit vorübergehen ließ, um dem Lande Schwierigkeiten zu schaffen. Wir haben ein rein nationales Programm. Wir sind entschlossen, alles zu tun, um die Kräfte der Nation zu organisieren. In einigen Monaten wird unsere Flotte das gesamte östliche Mittelmeer beherrschen. Unsere Armee wird die stärkste des Balkans sein und zur Verwirklichung unseres großzügigen Programms werden wir uns einzig und allein auf unsere bewaffneten
Die neue bulgarische Regierung.
Sofia, 4. Januar. Der König hat heute nachmittag den bisherigen Ministerpräsidenten Zankoff und den Abgeordneten und früheren Minister Ljaptscheff in Audienz empfangen. Im Anschluß daran genehmigte der König den Rücktritt der Regierung Zankoff und ernannte Ljaptscheff zum Ministerpräsidenten.
Das Kabinettt hat folgende endgültige Zusammensetzung: Vorsitz und Inneres: Ljaptscheff, Auswärtige Angelegenheiten: Buroff, Oeffentlicher Unterricht: Net- denöfs, Finanzen: Wladimir Moloff, Justiz: Kuleff, Krieg: General Walkoff, Handel: Boboschewski, Ackerbau: Christoph, Oeffentliche Arbeiten: Slavenko Wasileff, Eisenbahnen: Komon Eeorgieff.
Zum Thronverzicht Karols.
Paris, 4. Januar. Der Sonderberichterstatter der Daily Expreß" in Mailand hatte Karol von Rumänien um eine schriftliche Erklärung gebeten. Darauf ging ihm ein Brief zu, in dem der Prinz erklärt, alle von den Blattern veröffentlichten Einzelheiten seien falsch völlig aus der Luft gegriffen und nichts anderes als eine Hetze gegen ihn und seine Familie. Er werde keine Erklärung über die Angelegenheit abgeben.
Nach den letzten Meldungen aus Bukarest soll bei Thronverzicht des Kronprinzen von Rumänien andere Gründe als bisher gemeldet wurden, haben Kronprinz Karol habe einen Staatsstreich geplant, dessen Vorbereitungen der Regierung bekannt waren. ^nWbefjen fei er zur Abdankung gezwungen worden und habe nicht von sich aus auf die Thronfolge verzichtet.
Die Regelung der Thronfolge.
Bukarest, 4. Januar. Heute finden auf Schloß Tinaja neue Beratungen des Königs mit Vrantianu, Duca um Marzescu statt. Es soll der Gesetzentwurf über die Thronfolge endgültig festgestellt werdem Anschließend daran findet ein Ministerrat statt. Die Regentschaft soll zur den des Ablebens des Königs der Königin und dem Prm- Ml Mkolei in Gemeinschaft mit dem General Prezau und dem Prinzen Stirbey übertragen werden. Der rumänische Eesaiidte ^in Rom, Lahowary, ist heute hier emgetrozftn und hat dem Ministerrat Bericht über den Aufenthalt be, Kronvrinzen in Venedig erstattet. , . <,
Wie wir hören, beabsichtigt die Kronprinzessin m > in eine Scheidung einzmvilliüen ^ner wrrd rmtgeâ daß die erste Frau des Kronprinzen, Lambrmo, sich bereit, seit sechs Jahren in Paris aufhalt.
Der Äalkan.
Varis 4 Januar Die Ereignisse, die in den letzten ti aus Silfarcit, Sofia ""V*" »^ erwecken in der französischen Öffentlichkeit den Lrndru ,
daß das neue Jahr auf dem Balkan nicht gerade sehr hoffnungsvoll beginnt. Insbesondere werden von den Vorgängen in Athen ernsthafte Rückwirkungen auf die Entwicklung der internationalen Politik befürchtet. Man vermutet hier, daß General Papgalos den letzten Zwischenfall mit Bulgarien, der bekanntlich durch das Eingreifen des Völkerbundes geregelt wurde, noch nicht vergessen hat, und daß seine säbelrassenden Aeußerungen über die Organisierung einer starken Armee in den anderen Balkanstädten bald ein Echo finden werden. Im übrigen wird festgestellt, daß die Diktatur immer mehr zur großen Mode der europäischen Politik zu werden scheint und daß die Aussichten für die Erhaltung des Friedens dadurch nicht gerade günstiger werden. Zum Ueberfluß besagen weitere Meldungen, für die allerdings eine Bestätigung von anderer Seite nicht vorliegt, daß auch der englisch-türkische Konflikt in der Mossulfrage sich wieder zugespitzt habe. Angora soll angeblich entschlossen sein, direkte Verhandlungen mit England abzulehnen.
Die Lage in Marokko.
Paris, 3. Jan. Der Generalresident für Marokko Steeg hat heute die Rückreise nach Marokko angetreten. Einem Vertreter des '„Jntransigeant" gegenüber äußerte er, er sei über die Lage so befriedigt, wie man es nur sein könne.
Abd el Krims Antwort.
Paris, 4. Dezember. Abd H Krim hat nicht lange mit seiner Antwort auf die schroffe Ablehnung seiner Friedensversuche durch die französische Regierung warten lassen. Aus verschiedenen Quellen stammende marokkanische Nachrichten besagen übereinstimmend, daß bereits Vorbereitungen für eine neue Offensive der Rifleute zu bemerken seien. Zugleich sei eine erhöhte Propaganda Abd le Krim^ in der spanischen Zone und besonders bei den Djebalas zu verzeichnen. Der Bruder Abd el Krims, Mohammed, soll gegenwärtig mit den Führern verschiedener Djeb^stämme wegen ihrer Teilnahme am Feldzug verhandeln. In einer offiziösen französischen Meldung, die gewiß nicht die Absicht hat, die Schwierigkeiten der Lage zu übertreiben, heißt es: „Die Rifführer bleiben gegen uns in wilder Feindschaft und setzen alle Hebel in Bewegung, um uns an der Ausbeutung unserer politischen Erfolge zu verhindern." Das steht einigermaßen im Widerspruch zu der Erklärung des Herrn Briand, der bekanntlich noch vor einigen Tagen in der Kammer versicherte, daß das Blutvergießen in Marokko zu Ende sei.
Das Chaos in China.
Verzweifelte Schlacht an der „Großen Mauer". Neue Erfolge Tschangtsolins.
Zwischen den Streitkräften Tschangtsolins und Feng- yuhsiangs ist es in der Nähe von Schanhaikwan, an der Stelle, wo die Große Mauer an der Meeresküste endet, zu einer verzweifelten Schlacht gekommen. Marschall Tschang ist in der Mandschurei Siöger und sendet jetzt Verstärkungen nach dem eigentlichen China.
Meilen
Tschangs
„Daily Mail" meldet aus Peking: General Tschang- tsoli'n rückt mit einem seiner Heere in südlicher Richtung auf Schanhaikwan (Provinz Tschili, etwa 150 nordöstlich von Tientsin) vor. Eine andere von Armeen rückt in westlicher Richtung auf Jehel (in der Mitte von Tschili), 100 Meilen nordöstlich von Peking, vor. Fengyuhsiang zieht seine Truppen schnell in Richtung auf Kalgan (100 Meilen nordwestlich von Peking und 170 Meilen nordwestlich von Tientsin) zurück. Die Eisenbahnverbindung zwischen Tientsin und Peking ist wieder unter brachen. Die Meldung fügt hinzu, das Schicksal der gegenwärtigen chinesischen Regierung hänge davon ab, ob Feng Herr der Lage bleiben könne.
London, 4. Januar. Der Sonderberichterstatter des Daily Telegraph" in Peking, Percival Landor, meldet über das zunehmende Chaos in China: Die Einigkeit Edinas ist ein Traum geworden. Nordchina verblutet sich buchstäblich was den Weg für das Eindringen Moskaus und ein Gegeneindringen Japans vorbereitet. Der Tag ist nicht mehr fern wo die Unsicherheit für Leben und Eigentum außerhalb der Vertragshäfen und Pekings die Unfähigkeit Chinas, sich selbst zu regieren, beweisen wird.
Ein Erklärung Fengpnhsiangs.
'Peking 4. Januar. Reuter meldet: General Fengyuhsiang, der am '24. Dezember Tientsin besetzte, teilte in ei
nem Rundtelegramm mit, daß er auf das öffentliche Lebe^ verzichtet, nach dem Ausland geht und die Militärpartei beschwört, dem Chef der Exekutivgewalt, Tuanschiju, Unterstützung für die Besserung der Lage des Landes zu gewähren.
Königmwitwe Marghuerita f.
Mailand, 4. Januar. Die Königinmutter, Margherita von Savoyen, erlag heute mittag um 11,10 Uhr auf ihrem Wohnsitz in Bordighera einem Schlaganfall, den sie gestern abend erlitten hatte. Im vergangenen Monat war sie schon einmal bedenklich an Grippe erkrankt, sonnte sich aber wieder erholen. Gestern abend befand sie sich in anregendem Gespräch mit ihrer Umgebung, als sie plötzlich die Sprache verlor. Die anwesenden Aerzte erkannten sofort den ernsten Zustand. Sofort wurden alle Angehörigen, das Königspaar aus Rom, die Prinzen aus Turin, telegraphisch herbeigerufen, die dann im Laufe der Nacht eintrafen. -In Abwesenheit der Kinder und Enkel verstarb die Königin heute vormittag. Die Flaggen im ganzen Lande gingen sofort auf Halbmast herunter. Der Große Rat der faszistischen Partei, der seit gestern in Rom tagt, setzte zum Zeichen der Trauer seine heutige Sitzung aus. Mussolini hat an das Land einen Aufruf erlassen, in dem er das Volk auffordert, sich um den trauernden König und seine Familie zu scharen und sich erneut in Eintracht und Disziplin zu rüsten, um Italiens große Geschicke vorzubereiten, auf die die Königin im Vertrauen auf die Erneuerung des Volkes gewartet habe.
Beileidstelegramm des Reichspräsidenten.
Berlin, 4. Januar. Der Reichspräsident hat folgendes Beileidstelegramm an den König von Italien gerichtet: „Eurer Majestät und Ihrer Majestät der Königin bitte ich meine aufrichtiMe Teilnahme anläßlich des Ablebens Ihrer Majestät der Königin Margherita aussprechen zu dürfen.
gez. Hindenburg."
Stresemann bleibt in Berlin.
Berlin, 4. Januar. Wie von zuständiger Seite mitgeteilt wird, beabsichtigt der Reichsaußenminister den in Aussicht genommenen Urlaub nicht anzutreten, sondern in Berlin zu bleiben.
Die Dispositionen des Reichskanzlers Dr. Luther haben sich nicht geändert. Er wird am 7. Januar in Berlin zurückerwartet.
Zur Regierungskrise.
Berlin, 4. Januar. Zur Regierungskrise liegen einige bemerkernswerte Aeußerungen vor. Der linksgerichtete badische Zentrumsführer Dr. Schöfer sprach sich gegen die Große Koalition und für die schnelle Beendigung der Krise aus. Er verlangt eine Politik, die den Willen zur Tat habe. Im Gegensatz dazu läßt Reichsminister a. D. Koch im „Beobachter" eine neue Mahnung zur Großen Koalition verbreiten, wobei er den Sozialdemokraten rät, nicht die einzige Möglichkeit zu verpassen, um eine demokratische Regierung herbeizuführen, in der sie positiv mitarbeiten können. Die „Germania" benutzt eine Betrachtung über die zurzeit in verschiedenen Ländern bestehende Diktatur dazu, um mit der Schlußfolgerung zu enden, daß sich die Erschütterungen der Nachkriegszeit unter dem Säbel der Diktatur im wesentlichen unter heftigeren Schwankungen und Krisenerscheinungen vollzogen, als unter der demokratischen Herrschaftsform.
Der Zusammentritt der Parlamente.
i>er Auswütige Ausschuß des Reichstages ist zu einer Sitzung zu Sonnabend, den 9. Januar einberufen worden. Er wird sich mit der in der Öffentlichkeit xiel erwähnten Völkerbundsangelegenheit und schließlich mit der Frage der Auswirkur^ der Locarnoverträge beschäftigen.
Der Preußische Landtag tritt am Dienstag, den 12. Januar. nachmittags 2 Uhr zu seiner ersten Vollsitzung nach den Weihnachtsferien zusammen. Die Landtagsäusschüsse beginnen bereits einige Tage vorher mit ihren Arbeiten.
Der Reichstag, der gleichfalls am 12. Januar zusammentritt, hat noch keine feste formulierte Tagesordnung vorgelegt. Man erwartet offenbar noch bis dahin das Vorliegen neuer Tatsachen in bet Frage der Regierungsbildung.
An unsere Leser.
Mit der heutigen Nummer beginnen wir den Abdruck einer spannenden Novelle von Grillparzer. — Auf den Roman „Der tolle Mister Teddy von Newyork" kommen wir in der nächsten Nummer zurück.