Zulöaer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Dogelsberg Fulda- und Haunetal * Fuldaer Kreisblatt uiiuiiiiiuiiiiiiiiniiiiHHiHiiiiiimiiiimiminiiiiiiiumiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiniiinniiiiiiuiiiiuiiiiiiHiiiHuiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiuiiiiiiiiniiiBiiiiiHiiiiiiuiiHiuui Redaktion und Gejchänrftelle: Mllylenstrake I, Telejon Nr. 989 luiiiiiiiiHiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiuiiiüiiiiiiiiniiiiiiiiiiniiiiiutiniiiHiiniminiHUiiiiuHuiiiHiiiiiiiiiiiiiiHiHiiiiiiiiiiiiiniiiiiiHmtiiiiHiniiiiiiJiiiimiiHimmiiunji Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mit (Quellenangabe: „Fuld. Nnz." gestaltet.
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Str. 67 — 1926
Fulda, Donnerstag, 25. März
3. Jahrgang
Ernährung aus
Der Landwiklschaßsetai im Reichstag
(185. Sitzung.) CB. Berlin, 24 März.
Der Reichstag verabschiedete nach kurzer Aussprache den Haushalt des Ministeriums sür die besetzten Gebiete. Der Rcssorilniuister Dr. Marx versicherte, daß die Reichsregierung der Bevölkerung des leider noch besetzten Gebietes treu zur Seite stehen werde.
Die zweite Lesung des Haushalts des Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft wurde in Anwesenheit des Ernähruiigsministers H a s l i n d e besprochen. Mit der zweiten Lesung sind verbunden ein Gesetzentwurf über die Gewährung von Darlehen zur Hebung der landwirischast- lichen Erzeugnisse und Anträge aller Parteien
Abg. Tictrich-Baden (Tein.) berichtete über die Verhandlungen des Ausschusses. Vor allem will man zur Behebung der ftreditnot eine Ermäßigung des Zinssatzes von 71-2 % aus 51a % erreichen. Bei Zwangsverkänfen, namentlich großer Güter, soll die Möglichkeit des Ankaufes durch das Reich erwogen werden.
Sodanii ergriff
MichsernZhrmrsismimstef Dr. Haslinde
zu einer programmatischen Rede das Wort, wobei er u. a. ausführte: Die Landwirtschaft ist in eine katastrophale Lage geraten und hier Abhilfe zu schaffen ist ein grundlegendes Programm für die Zukunft. Bei Anwendung aller technischen Verbesserungen muß es möglich sein, unser Ziel zu erreichen:
Deutschland aus eigener Scholle zu ernähren
und durch die weitere Beschränkung der Einfuhr ausländischer Nahrungsmittel die deutsche Handelsbilanz zu aktivieren. Wühreiiv früher Industrie und Landwirtschaft in frischem Wettkampf standen, geht es jetzt um die Existenz,^ um den Fortbestand unserer Landwirtschaft. Wir können für unsere gesamte Wirtschaft die Landwirtschaft nicht entbehren. Wir «Nüssen die Wettbewerbssähiftkeit unserer Industrie für die Ausfuhr stärken, aber das darf unter keinen Umständen ge- fchcheu auf Kosten der Eristenzfähigkeil unserer Landwirtschaft. Bei der lePeu .Ayjlporlagc hat die Lauvwinschaft nur einen ungenügenden Zollschutz erhalten, der ihr bei den Ermeverhäluusse keinen Nutzen bringen konnte. Beim Abschluß der Handelsverträge ist die Landwirtschaft weiter ge- schädigt worden.
Ich persönlich werde bei voller Anerkennung der fchwle» rigen Gtsamtlage unserer Wirtschaft und der Notwendigkeit einer ausreichenden Ernährnng der breiten Volksmassen mich dafür einfetzcn, daß die Landwirtschaft bei den künftigen Handelsverträgen die notwendige Berücksichtigung ihrer Notlage findet und daß ihr der für sie besonders notwendige Zoll- schnt, nicht versagt wird.
Die Landwirtschaft hat unter der gegenwärtigen Wirtschaftskrise am meisten gelitten. Die Hilfe für sie muß von der Kreditseite kommen. Mit allem Nachdruck ist das Mi- uisterium an der Arbeit, die Hilse aus diesem Gebiet zu verstärken. Für einen Teil der überschuldeten Betriebe wird bis zur nächsten Ernte Hilfe kaum noch möglich sein, aber wir werben wenigstens das Gros der Landwirtschaft über die schlimmste Zeit hinwegbringen können. Eine ansreichende
Finanzierung der Düngcmittelbcstrllung
wirb voraussichtlich möglich sein. Sehr wichtig wäre für die Landwirtschaft in erster Linie die Belebung der Kanskrast des inneren Marktes. Die notwendige Steigerung der Preise der Landwirt schâftsprodukte braucht nicht zu einer Belastung der Verbraucher zu sichren, denn gerade hier kann die Spanne zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreisen sehr verminter! werden. Den Maßnahmen zur Steigerung des deutschen G e t r c i d c a b.s a tz e s, vor allem des Roggenverbrauchs, werben wir jede Unterstützung gewähren. Wir müssen er« warten, daß die Bäckereien der Bevölkerung iviedcr ein kräftiges, schmackhaftes Roggenbrot wie in der Vorkriegszeit liefern. Die Wiedcrciiirichtnng einer Zwangswirtschaft halten wir aber für bedenklich. Die Pferdezucht ist nicht zurückgegangen, aber die Einfuhr hat sich stark vermindert.
Der Fleischverbrauch der Bevölkerung
hat sich schon wieder auf 88,4 % des Vorkriegsverbrauchs ge« steigert. Die Versorgung mit Gefrierfleisch - ist ausreichend Mit' Rücksicht aus Die' gesunkenen deutschen Viehpreise würde eine Erhöhung des Kontingents ber zollfreien G e s r i c r f l c l s ch e i n s u h r stärkste Bedenken Hervorrufen müssen: An eine solche Erhöhung wird nicht gedacht. Sehr beunruhigend ist die außerordentlich gestiegene Ei n s u h r v o n Milch und Molkereiprodukten. Ein ausreichender Zoll- s ch n V für Butter und Käse ivird zur Steigerung des heimischen Milwabsatzcs unvermeidlich sein. Daneben muß die Bevölkerung mehr als bisher über den hohen Wert der Milch als Nahrungsmittel ausgeklärt werden. Der Spiritusverbranch kann durch die vermehrte Anwendung des Spiritus als Be- triebsmittel für Motoren vergrößert werden. Obst-, Gein ü s e - und Gartenbau haben bei Den Handclsvertrags- verhandlungen besonders schwer gelitten. Wir wollen alles tun um diesem Betriebszweig zu Helsen. Geradezu vcrzweisclt ist zurzeit
die Lage des deutschen Weinbaues.
Die Reichsregierung ist weiter bestrebt, wirksame Hilse z» schaffen. Sie hat sich trotz finanzpolitischer und sachlicher Bedenken mit der Aufhebung der Wciiisteuer einverstanden erklärt.
Der deutsche Zuckerrübenbau bedarf größeren Schutzes gegenüber dem künstlich gesteigerten Zuckerexport anderer Länder. Die deutsche H e r i n g s s l o t t c soll vergrößert und verbessert Werben, damit wir uns bon der gewaltigen Heringseinfuhr aus dem Auslande frcimachcn können.
Die weitere Intensivierung unserer Landwirtschaft mit dem Ziel größtmöglicher Steigerung der heimischen Er- zengung ist eine vaterländische Pflicht und ein volkswirtschaftliches Gebot. Sie muß aber nach wohldurchdachtem Plane erfolgen. Objektiv sind die Voraussetzungen zu einer weiteren Ertragssteigerung in verhältnismäßig kurzer Frist gegeben. Die Wirtschaftsberatung in den Landwirtschastskammern und Laudwirtschastsschulcit wollen wir ansbaucn. Wir wollen außer den Bctricbskreditcn noch Jnterstvicrungskrcdiic flüssig machen. Dazu sollen die bei der Auflösung der Reichsgetreide- stcllc frei werbenben Mittel zum großeil Teil verwandt werden.
Durch die Zuführung weiterer 35 Millionen aus den jiücrschüssen der Reichsactreidesi^lle tollen mindestens
eigener Scholle.
260 000 Morgen in ertragreiches Kulturland verwandelt werden.
Weitere 1ö Millionen sollen der landwirtschaftlichen Siedlung, besonders im Osten und der Ansâssigmachung von Landarbeitern dienen.
Nach den wichtigsten Agrargebieten, Rußland, Nord- und Südamerika, wollen wir je einen ständigen Sachver- st a n d i g e ii entsenden, um auch der deutschen Landwirtschaft die in der ausländischen Landwirtschaft erzielten technischen Fortschritte nutzbar zu machen. Die Reichsregierung ist ent« ichlosscn, die bäuerliche und Arbeitersiedlung in den volks- armen Teilen des Ostens beschleunigt zu fördern. Ein Gegensatz zwischen Großgrundbesitz und Siedlungsbestrebungen besteht nicht. In der Landarbeilerfrage arbeiten wir auf allen «ebneten eng zusammen mit dem ReichLarbeitsministerium. ism Vordergrund steht die fultureltc Hebung der Landarbeiter durch Berussbildung und Lehikurse Die Reichsregierung ist bestrebt, der Landwirtschaft nicht nur über die gegenwärtige Notlage hinwegznhelsen, sondern ihr auch einen gesunden « ii I ft i e g für d i e Z u k u n f t zu sichern. Für die Ver- braucherschaft ergibt sich die Mahnun:g Deutsche, genießt deuschc Produkte!
Die Aussprache.
Abg. Robert Schmidt-Berlin (Soz.) erklärte, daß die Landwirtschaft sich zwar in einer Krise befinde, aber fei übertrieben, von einem Zusammenbruch zu sprechen fit vom Minister geforberte höhere Zoll schütz sei kein geeignetes Mittel zur Hilfe für die Landwirtschaft. Am wich,igst-u wäre eine Verbesserung der vie.'sach noch sehr rückständigen Pro- duktionsmethoveit der Landwirtschaft und eine Besscrsteüung der Landarbeiter.
Abg. Stlibbendorss (Dln.) meinte, der Minister siche vor einer schweren Aufgabe, beim sein Amtsvorgänger habe ihm infolge gar zu vieler Hemmungen einen Trümmerhaufen hinterlassen. Die deutsche Rindviehzuchl sei am Zerbrechen und der Getreidebau höchst unrentabel. Die Zuckerrüben und Kartoffeln verarbeitenden Gewerbe sümpften schwer um ihre Existenz. Alu Ende des Wirtschaftsjahres seien jchätzuugs- weife etwa 60 Millionen ZentnerKartojscln auf d c n Feldern g e b 1 i < h e n und mangels Vexweriungs- möglichkeit dem Verfaulen preisgegeben worden. Der Wald- besitz sei wegen der Absatzschwierigkeiten in schlimmster Lage. Eine Intensivierung der deutschen Landwirischast würde der Industrie einen großen Absatzmarkt verschaffen. Die deutfche Landwirtschaft sei unter gewissen Bedingungen vollkommen in der Lage, Denischland in seinem Nahrungs- Mittelbedars vom A u s I a n d e unabhängig zu machen. Die Handclsvcriräge müßten so geschlossen werden, daß alle Waren, die in Deutschland erzeugt werden könnten, möglichst nicht nach Denischland hereingelassen werden. Um den notwendigen Verbrauch deutschen Roggens zu steigern, müßte der W e i z e n z o l l erhöht werden.
Abg. Feilmahr (Ztr.) führte aus, daß die Sicherstellung der deutschen Industrie nicht gelingen würde, wenn man vorher nicht die deutsche Landwirischast wieder rentabel gemacht habe. Die deutsche Laudwirtschasi fei heute der einjiae ausbaufähige Produklionssaklor der deutschen Wirtschaft. Tie Regierunasmatznahmen seien auf élollKbuti der Industrie gerichtet, der Laiidwinschaji hätte rnaa aber geradezu das Betriebsvermögen entzogen. Ohne ausreichenden Zollschutz fei der Landwirischast nicht zu Helsen. Die zollfreie Gesriersleischeinsuhr bedeute eine große Schädigung der .heimischen Viehzucht.
Abg. Hamkens (T. Vp.) begrüßte Die größere Aktivität der deutschen Handelsbilanz. Sehr unerfreulich sei aber immer noch die riesige Einfuhr ausländischer Lebensmittel.
Skandal wegen eines Tribüncnzwischcnsalls.
Während dieser Ausführungen ließ von der Publikums- initieltribüne eine Frau langsam an zwei Schnüren ein großes Plakat hc-runter. Ans der Mitte des Hauses wurde gerufen: „Raus, raus!". Vizepräsident Dr. Bell er- snchic die Veranlasser der Tribünenkundgebnng, sich sofort zu entfernen. Tas verzögerte sich aber. Die Frau ließ das große Plakat ganz hcruntcrsallcn unb von einem Herrn in ihrer Räbe wurden noch einige größere Flugblätter h e r un 1 erge - warfen, die, wie sich später hcrapsstcllte, darüber Beschwerde erhoben, daß ihnen in ihrer Heimat eine Wohnung entzogen worden fei. Vizepräsident Dr. Bell ersuchw daraus, s ä in t - lichc P n b l i k ii m s t r i b ü n e n zu r ü u m e it. Vou rechts und aus der Mitte wurde das mit lebhaftem Beifall begrüßt. Von Der Tribüne wurde von einigen Besuchern gerufen: Aber warum denn, Die Frau ist doch längst raus. Der deutschuatio- nate Abg. Laverronz erhob sich darauf und rief drohend zur Tribüne heraus: „Halten Sie das Maul, raus!" Daraus protestierten Die Kommunisten und riefen zur Tribüne herauf: „Blcibi ruhig drin!" Aus Gr md von Gegenrufen von rechts und von der Mitte kam cs zu einem argen TumuIl int Saal, daß der Präsident schUèßlich gezwungen war, die Sitzung auf fünf Minuten zu unterbreche«. Als er die Sitzung wieder eröffnete, verlangten die Kommunisten stürmisch, daß bic Besucher wieder aus Die Tribüne gelassen würden. Der Präsident weigerte sich energisch unb mußte Dann weiter strenge Maßuahmen ankündtgen, ehe die Kommuuisten sich beruhigten und der Redner in seinen Aussührungen fort» fahren konnte. Inzwischen hatte sich lierausgestellt, daß von einer politischen Demonstration keine Rede war. Ein Ber- l i n c r Damenschneider lind seine Frau woülcn nur mit dieser ungewöhnlichen Tribüncnkundgcbung der deutschen Volksvertretung flarmaihen,. daß ihr Hauswirt sie betrogen und daß auch das Gericht ihnen Unrecht getan habe. DaS war der Inhalt des Plakates und des Flugblattes.
Abg. Dictrich-Bade» (Dem.) betonte die Notwendigkeit, bei allen Rezepten für die notleidende Landwirtschaft, die Wir-
In letzter Stunde
erinnern wir unsere Postbezieher an die
sofortige Erneuerung
des Postbezuges dieses Blattes für Aprb. Eine verspätete Neubestellung zeitigt leicht unliebsame Unterbrechungen In der regelmässigen Zustellung des Blattes.
Kleine Zeitung für einige Leser
* Reichsernährungsminister Di Haslinde gab im Reichstag eine programmatische Erklärung über bic Lage der deutschen Landwirtschaft ab.
* Für das Volksbegehren sind über 1214 Millionen Stimmen abgegeben worden.
8 Das englische Unterhaus hat mit 325 gegen 136 Stimmen dem englischen Außenminister Chamberlain sein .Vertrauen ausgesprochen.
6 Gras Westarp wurde zum Parteivorsitzenden der Deutschnationalen Volkèpartci gewählt.
rung auf die Ecsamlwirtschaft zu beachten. Von diesem Ee- sichispunkte aus fei der Ral an die Landwirischast, sich umzu- )teücn, ganj verkehrt. Würden durch den Niedergang der Landwirischast große Menfchenmasien vom platten Lande in die Stadie verpflanzt, dann sinke nicht nur die heimisch. Nährungsmittelproduktion, sondern gleichzeitig wachse auch der Ernährungsbedarf.
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Die gereiteten Minister.
Es war wirklich nicht schwer, vorauszusehen, daß Chamberlain im Unterlaufe einen Sieg davon- tragen würde; müssen noch die Fehler. Die ein englischer Minister macht, schon ganz gemallige sein, um die Regierungspartei, die ihn auf Den Schild gehoben hat, dazu zu bewegen, ihn fallen zu lassen. Außerdem handelte es sich keineswegs allein um Chamberlain, sondern um Die Politik des ©efamtfabinetts, das dem Außenminister die Richtlinien für seine Politik mitgegeben hatte, so daß dieses verantworllich für alles daraus Entstehende war.
Es war nicht gerade sehr aufschlußreich, was Chamberlain in seiner Rede verbrachte. Ausfallender- weife waren aber auch Die Ausführungen des vorangehenden Redners Der ^Opposition von überaus groß r Zurückhaltung, obwohl dieser Redner niemand anders als Der sonst so temperamentvolle L l o p v George war. Er sprach nur von Intrigen Der Locarnomöchte, von Verschwörungen und afferhaiiD Manövern, ist auf Polen schlecht zu sprechen — doch Cha m berlain schl â g t scharf zurück. Aus eine bezügliche Frage des Gegners, ob er sich Briand gegenüber hinsichtlich des P o l n i= s ch c n Rat sitz es nicht verpflichtet habe, antwortete Chamberlain, Daß er Brians erklärt habe, er könne persönlich keinerlei Perpflich.nngen übernehmen, bevor er nicht zuvor in London mit dem Kabinett gesprochen habe. Leider hat aber die Opposition nicht Die weitere Frage gestellt, ob sich nun das englische Kabinett selbst verpflichtet hat, was für uns Deutsche von größtem Interesse wäre. Aber Spanien gegenüber hat sich Chamberlain verpflichtet, bei einer geeigneten Gelegenheit Den Anspruch dieses Landes auf einen ständigen Ratsitz zu unterstützen. Hub Dann spricht er ;cn merkwürdigen Satz, es sei für Deutschland kein Grund vorhanden gewesen, bei seinem Eintritt in den Völkerbund besondere Bevingnngeu zu stellen oder Vorbehalte zu niachen, da die englische und die sranzöslsche Regierung erklärt hätten, sie würden die Verleihung eines ständigen Ratsitzes an Deutschland nntei- flußciL Die deutsche Auffassung, Deutschland müsse allein in den Völkerbund ausgenommen werden, also die einzige für Dcmschlnnd möoliche Aufnahmebedingung sei — ein Mißverständnis: denn Deutschland habe ja auch in Locarno nie ein Wort davon gesprochen, cs würde niemals zugeben, daß gleichzeitig mit ihm noch eine andere Macht in den Vö.lkcrbundrat ausgenommen würde. Uns aber deucht, daß das von der deutschen Regierung als selbstverständlich vorausgesetzt, übrigens in der Hamburger Rede des Reichskanzlers mit jeder nur wünschens- werten Deutlichkeit gesagt worden ist.
Chamberlain erklärte noch, daß Spanien wie eine Großmacht behandelt werden, also einen ständigen Rat- sitz 'erhalten sollte, Polen und Brasilien ständige Ratmit- glieder werden sollten, und zwar sobald als möglich. Wie er das mil den von seinem Kabinett erhaltenen cn* ftriift io neu in Einklang bringen kann, daß er nämlich seiner Änderung des Völkerbundes zustimmen dürfe, Die bon Eintritt Deutschlands verhindern oder verzögern könnte, müssen wir allerdings ihm oder dem englischen Parlament zur B-'-rteilung überlassen. Jedenfalls hat Der nachfolgende Redner, Macdonald, der I^^^«^ Der Arbeiterpartei, unzweifelhaft damit recht, daß sich Chamberlain in Intrigen hat verwickeln lassen und daß diese privaten Verhandlungen ein schwerer Fehler gewesen seien. Wie Ertrinkende nach einem Strohhalm, so hätten diese von Hotel zu Hotel fahrenden Minister nach der brasilianischen Weigerung gegriffen, um wenigstens einen Ausweg zu haben.
Der englische Ministerpräsident B a l d w i n selbst bat dann freilich zugeben müssen, daß in Genf vieles geschehen sei, was er lieber nicht gesehen hätte. Immerhin habe neb der Völkerbund moralisch verpflichtet, Deutschland im September zuzulasien —, wobei wir Deutschen allerdinas nach den Erfahrungen von Genf über diese „Moral des Tolk.r- bunHes unsere eigenen Gedanken haben werden. .l«.>er trotz alledem: Chamberlain hat sein Vertrauens' v o t u in in i t 325 gegen 136 Stim m c n Opposition erhalten, wobei allerdings bemerkenswert tjt, bim u Jii ein Viertel seiner Partei bei Der Abstimmung sc!u e. ^11 dieses Sieges herrscht aber im Parlament ebenso wie tu Der Presse die mehr oder weniger dumpfe E m p i in« Dung, daß durch Die Politik Chamberlains vor und in Genf Englands P r e si i g e nicht gerade gehoben worden ist. . . , , ...
Seichter wird es der bosnische A u tzenmin, ster haben, wenn er vor den Sejm tritt. Im Auswärtigen Ausschuß des Polnischen Landtags hat sich Graf Skrzhnsli