M-aer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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yir. 80 — 1926
Fulda, Montag, 12. April
3. Jahrgang
KlâÄeskung für eilige Leser.
* Die Friedensverhandlungen Frankreichs und Spanien? Mit Abd-el-Krim sollen etwa am 15. April beginnen.
* Die griechischen Truppen in Saloniki meuterten gegen die jetzige Regierung. Der Aufstand wurde aber nach den amtlichen Mitteilungen alsbald niedergeschlagen.
* Der „Norge", Amundsens Polarluftschiff, hat von Rom anS Len ersten Etappenflug zum Nordpol angetreten.
* In China sind erneut Wirren ausgebrochen, in deren Folge der chinesische Präsident zurückgetreten ist.
Sie Friedensbedingungen für Add-el-Krim
Friedensverhandlungen in Ujda.
Wie nunmehr feststeht, sollen nach langwierigen Vorbesprechungen zwischen Frankreich und Spanien einer- seits und Äbd-el-Krim andererseits am 15. April in Ujda die Friedensverhandlungen beginnen. Die einzelnen Delegationen sind bereits ernannt. Zunächst soll über einen Waffenstillstand verhandelt werden.
Nach einem Bericht von Havas ist anzunehmen, daß unter den Programmpunkten für die Verhandlungen zwischen Vertretern der Rifleute und Vertretern Frankreichs und Spaniens die folgenden zu finden seien:
1. Abschluß eines militärischen Waffenstillstandes nach Besetzung von bestimmte« Stellungen.
2. Unverzüglicher Austausch der Kriegsgefangenen.
3. Neutralisierung einer bestimmten Zone bis zur Verständigung über die Berichttgung der streitigen Grenzlinie.
4. Entfernung der für die Erhebung verantwortlichen Führer.
Erst, wenn eine Einigung über diese Vorbedingungen erzielt sei, könnten die eigentlichen Friedensverhand- lunsien auf der Grundlage der Madrider Abmachungen beginnen.
Nach einer weiteren Mitteilung der Agentur HavaS wurden durch die Abmachungen von Madrid die wesentlichen GrundlagensürdieeigenllichenFrie- densVerhandlungen wie folgt festgesetzt: Regelung der Risgrenze am Werga, Gewährung einer Ber- waltunasautonomie unter der Souveränität des Sultans an die Rifstämme sowie endlich Entwaffnung der Gegend und Ausübung einer militärischen Kontrolle über die be- treffenden Landstriche.
Wie Havas aus Madrid berichtet, ermahnt das Ministerpräsidium in einem Kommunique die Presse und die Bevölkerung, die demnächst beginnenden Friedensverhandlungen mit Marokko nicht durch unerwünschte Veröffentlichungen und Neugier zu beeinträchtigen. Die Marokkofrage stelle sich heute unter günstigeren Bedingungen denn je dar. Es handle sich nur darum, die Früchte der militärischen Anstrengungen und der Opfer der Zivilbevölkerung zu ernten.
■ Gerüchte um Kronprinz Laroi.
Rückkehr des rumänischen Kronprinzen nach Bukarest?
Budapester Zeitungsmeldungen wollen wissen, daß der ehemalige Kronprinz von Rumänien dieser Tage in Budapest geweilt und sich von dort nach Bukarest begeben habe. Die Blätter hoben hierbei hervor, daß der ehemalige Kronprinz wahrscheinlich wieder in seine alten Rechte eingesetzt werden würde. Aus Bukarest wurden diese Nachrichten entschieden in Abrede gestellt.
Trotz des Dementis der rumänischen Regierung, daß sich der ehemalige Kronprinz Carol in Budapest und auf dem Wege nach Rumänien befinde, melden die Budapester Blätter in großer Ausmachung, baff die Budapester Ober- Hauptmannschaft von dem Grenzkommando Lokoshaza an der ungarisch-rumänischen Grenze telegraphisch davon verständigt worden ist, daß der rumänische Kronprinz Carol dierumänischeGr ë uzeüberschritte n und seine Reise im Auto nach Bukarest fortgesetzt habe. Der Kronprinz reise, so behaupten die Blätter, unter dem Namen eines Baron Belin.
Wie die Blätter Leiter melden, liege aus Bukarest die Nachricht vor, daß das rumänische Blatt „Lucin" bereits die Meldung von dem Eintreffen des Kronprinzen in Rumänien gebracht habe, ohne daß die Regierung es für notwendig gehalten habe, die Nachricht zu dementieren. Das rumänische Blatt fügt hinzu, daß Kronprinz Carol auf die Nachricht von der Demission der Regie- rungBratianu von Paris abgereist sei und sich über Wien nach Budapest begeben habe, wo er die Nachricht aus Bukarest erwartet habe, ob er nach Rumänien zurückkehren könne. Wie die Budapester Blätter weiter melden, hat die Nachricht von der Rückkehr des Kronprinzen in Bukarest ungeheures Aufsehen hervorgerufen.
Für das Privateigentum in Rußland.
Entschließung des russischen Emigrantenkongresses.
Der in Paris tagende Kongreß der russischen Emigranten hat einstimmig zwei Entschließungen angenommen, die sich folgendermaßen zusammenfassen lassen: Das nationale Rußland muß die Rückkehr des Landes zu wirtschaftlichen und rechtlichen Normen betreiben, die aus der Grundlage unserer Zivilisation sich aufbauen, und besonders die Wiederherstellung des Regimes des Privateigentnms erstreben.
Was insbesondere das Agrarproblem betrifft, so ist zu betonen, daß der Kongreß aus der Erwägung heraus, daß die Lösung von Einzelheiten nur in Rußland selbst durchgeführt werden kann, erklärt, daß das Land denjenigen überlassen bleibe, die es gegenwärtig bebauen, und daß diese Eigentümer anerkannt werden Mürben., ' -
Der Griechenputfch.
Meuterei in Saloniki.
Das unter ewigen Streitigkeiten leidende Griechenland hat wieder einmal einen Revolutionsversuch über | sich ergehen lassen müssen, der aber anscheinend gründlich in seinen Anfängen erstickt wurde.
Nach einem amtlichen Bericht wurden Teile der Garnison von Saloniki auf gesiegelt und marschierten aus der Stadt nach der Ortschaft Allatini. Die 11. Division umzingelte schnell die Meuterer, die, von der Außenwelt abgeschlossen, durch einen Abgesandten erklären ließen, daß die Bewegung sich nicht gegen die Regierung, sondern gegen ihre Vorgesetzten richte, und daß sie sich ergeben würden, wenn ihnen versprochen würde, daß diese Vorgesetzten durch andere ersetzt werden würden. Die Regierung antwortete, daß sie es ablehne, mit Meuterern zu verhandeln, und stellte ihnen eine Frist, nach deren Ablauf sie mit Waffengewalt auseinandcrgesprcngt werden würden. Die Flotte zog sofort nach Saloniki ab. Als die Flotte, an der Spitze der bekannte Kreuzer „Awerow", in Saloniki eingetroffen war und die Position der Aufständischen den ganzen Nachmittag beschossen hatte, haben sich die Aufständischen ergeben. Die Aufständischen hatten den Rücktritt des regierenden Mannes Pangalos, freie Präsidentschaftswahlen, Pressefreiheit usw. verlangt.
Wie zum Wochenschluß aus Griechenland einlaufende Nachrichten besagten, sollen sich Anführer der Meuternden und diese selbst in Stärke von 200 Mann ergeben haben. Sie würden nach Athen gebracht und dort kriegsgerichtlich abgeurteilt. Bei dem Aufstand soll General P l â st i r a s, der von General Pangalos ausgewiesen wurde, seine Hand im Spiele gehabt haben. Die Aufstandsbewegung soll aber auch mazedonische Truppen ergriffen haben. Auch die Garnison von Lerino habe gemeutert. Ein Eisenbahn- züg, der von Athen nach Larissa fährt, sei angeblich von den Aufständischen in die Lust gesprengt worden, um den Verkehr iatzmzulegen. Dabei sei eine große Zahl Soldaten umgekommen. Nach Meldungen aus Sofia habe sich nur ein Teil der Meuternden ergeben, der Rest habe sich hinter Saloniki zurückgezogen. Jedenfalls scheinen die Verhältnisse noch ungeklärt, da auch aus Janina uno dem Peloponnes Aufstände gemeldet würden.
Griechenlands Lage schildert uns ein mit den Verhältnissen vertrauter Mitarbeiter wie folgt:
Revolutionen sind in Griechenland weiter nichts Ungewöhnliches. Ob es sich dabei dann um einen rein politischen Putsch handelt oder um eine Militärrevolte mit politischem Hintergrund — das wechselt miteinander lieblich ab. Das Land ist ja seit dem Tage des Zusammenbruches in SUeinafien, seit diesem jähen Absturz von der Höhe militärischen Triumphes überhaupt erst so einigermaßen zur Ruhe gekommen, als der General Pangalos etwa die Rolle eines Mussolini oder eines Primo de Rivera spielte; also: reine militärische Gewaltherrschaft, die sich kaum mit parlamentarisch-demokratischen Formen verhüllt, die sich aber doch auf eine innere Zustimmung zum mindesten großer Teile, wenn nicht gar der Mehrheit der Bevölkerung stützt. Nur haben es die Träger dieser Gewalt mit rücksichtslosen Gegnern zu tun, die gegen jene Gewalt mit allen, auch den unbedenklichsten Mitteln ankämpfen. Mit dem „Wohl" des Landes haben weder die einen noch die anderen Strömungen das geringste zu tun; cs sind reine Machtkämpfe, um die es sich handelt. Immerhin ist es eigenartig, daß die drei südlichen Halbinseln Europas Regierungsformen aufweisen, die man zweifellos als im letzten Sinne des Wortes autokratisch, also Herrschaft eines einzelnen aus eigenem „Recht", bezeichnen kann.
Auch in Griechenland hat — wie in Italien — Ohnmacht nach außen und schwerste Unordnung im Innern das Aufkommen einer stärkeren Persönlichkeit erleichtert. Statt der Erfüllung der kleinasiatischen Träume, statt der Errichtung des Griechischen Kreuzes auf der Spitze der Hagia Sophia in Konstantinopel, ergoß sich nun ein unabsehbar breiter Strom griechischer Flüchtlinge aus Kleinasien und der europäischen Türkei nach Griechenland hinein. Nach dem Friedensschluß wurde dieser Strom vielleicht noch breiter, da ja vereinbart war, daß alle Griechen die Türkei zu verlassen hätten wie die Türken griechisches Land. Der Einzug der Hunderttausenden — allein aus Konstantinopel sollen rund 300 000 Griechen abgewandert sein — brachte furchtbarste Not, unsagbares Elend und stürzte den militärisch geschlagenen, mit Schulden überhäuften und von Parteikämpsen zerrissenen Staat in immer ärgere Unordnung. Konstantin, der Sieger im ersten Balkankrieges, 1917 vertrieben, dann wieder zurückgeholt, mußte auf den Thron verzichten, da das Heer meuterte. Die „Herrschaft" seines Sohnes Georgios be« Deutete nur eine kurze Episode.
Was aber blieb trotz Niederlage, wüstester Unordnung, ivildester Parteikämpfe, das sind jene außen- politischen Träume. Und hierfür haben sich Fäden zwischen Pangalos und Mussolini angeknüpft, wobei man wohl nicht mit Unrecht England als Urheber ansehen kann. Sogar in die Öffentlichkeit sind schon Gerüchte von heimlichen Rüstungen gedrungen, die sich gegen die Tür- I e i richten. Italien besitzt ja seit 1912 immer noch eine Reihe der Kleinasien vorgelagerten Inseln und baut zurzeit die Insel Rhodos zu einem Seekriegshafen aus. So zerspalten die griechischen Parteien sind — die außenpolitischen HvInungen auf einen. ney?H Sicgeszug nach
Byzanz und Kletnaften gnD tynen allen gemeinsam. «0 sehr, daß z. B. die nach Amerika ausgewanderten Griechen geradezu riesige Geldmittel für die Linderung der Rot in der früheren Heimat aufwandten.
Man weiß aus Erfahrung, daß sich derartige mili- tarische Gewaltherrscher schließlich doch immer nur auf längere Zeit behaupten können, wenn sie nicht bloß Ordnung im Innern schaffen, sondern vor allem sichtbare Erfolge nach außen hin aufweisen können. Man mu& ferner daran denken, daß die aus der Türkei vertriebenen oder ausgewanderten Griechen dort Träger von Handel und Gewerbe waren und in der Regel über einen nicht unerheblichen Besitz und Reichtum verfügten. Das ist ihnen zum allergrößten Teil verlorengegangen oder mußte verschleudert werden. Ein griechischer Sieg würde ein Heil- mittel bedeuten, weil man kaum noch etwas zu verlieren, aber viel zu gewinnen hat. Schon die Art, wie vor kurzem ein rein lokaler Streitfall mit Bulgarien mili- türisch ausgebeutet wurde, wirft ein Schlaglicht auf diese Unterströmungen.' Wenn jetzt der Aufstand in Salo- niki so schnell niedergeschlagen werden konnte, so war das nur möglich, weil Pangalos Heer und Flotte nicht bloß in der Hand hat, sondern dort auch über stärkste Sympathien verfügt. Der „Aufstand" einiger politisch unzufriedener Obersten konnte lokal isoliert bleiben, das zurechtgestutzte Wahlrecht hat gewirkt, so daß Pangalos auch die demokratischen „Bekleidungsstücke" benutzen und sich vermutlich auch zum Staatspräsidenten machen lassen kann. Daß ihm dieser Erfolg sogar in dem politisch besonders stark unterwühlten Saloniki gelang — ein Großteil der Bevölkerung sind seit altersher spaniolische Juden, die dort schon unter der Türkenherrschaft politisch eine sehr bedeutende Rolle spielten — beweist, daß seine Gewalt doch schon tiefe Wurzeln geschlagen hat.
Alte Erinnerungen aus der Zeit des griechischen Königs Otto, des Wittelsbachers, neuere aus der Zeit des Weltkrieges, da Griechenland von der Entente nur mit brutalster Gewalt zum Anschluß gezwungen werden konnte, verknüpfen uns mit jenem Lande, dem man nur das eine wünschen kann: zur Ruhe zu kommen. Die Mittel für die Erreichung dieses Zieles mögen sein wis sie wollen.
Die griechischen Meuterer vor dem Kriegsgericht.
Ergebenheitsbezeugungen für Pangalos.
Nach den letzten Athener Meldungen sind neun verhaftete aufständische Führer dem Kriegsgericht übergeben worden. Die Anklage lautet auf Meuterei gegen dir Negierung, Hervorrufen von Blutvergießen und Verweigerung deS Gehorsams gegenüber den Vorgesetzten. DaS Gesetz fordert die Todesstrafe für die Anführer und lebenslänglichen Kerker für die Mitschuldigen. Nach kurzer Beratung des Gerichts wurde die Verhandlung gegen die Revolutionäre auf Montag festgesetzt.
Die Kommandeure sämtlicher Armeekorps sandten Pangalos Ergebenheitstelegramme. Die Presse beglückwünscht Pangalos zu der raschen Unterdrückung des Aufstandsversuches in Saloniki. Die Zeitungen stellen fest, daß die offenkundige Entrüstung aller Schichten der Bevölkerung ein Beweis dafür sei, daß Armee und Volk für Putschversuche nicht mehr zu haben seien.
Wupeifu Herr in Peking.
Rücktritt des Präsidenten.
Der Pekinger Korrespondent des „Daily Telegraph" melbet, mit dem Abzug Fengyuhsiangs aus China sei die alte Feindschaft zwischen Wupeifu und Tangtsolin wieder ausgelebt — eine Tatsache, die die Lage vollkom- men ändere. . Einstweilen seien zwischen allen Parteien Verhandlungen im Gange, deren Ergebnis vollkommen unsicher sei. Die militärischen Operationen ruhten. Der Pekinger Korrespondent der „Times" sagt, die „nationalen" Streitkräfte seien, wie gemeldet werde, bereit, zu Wupeifu überzugehen. Wie weiter gemeldet wird, haben die Kuomintschun-Führer Wupeifu gebeten, nach Peking z» kommen, um die politische Lage wiederhrr- zustellen. Zugleich haben sie den früheren Präsidenten Saolu» auf freien Fuß gefeilt. Der Oberbefehlshaber der Kuomintschun-Armee, Lutschiinglin, hat sich infolge der Unzufriedenheit über die Haltung des Generals Feng- yuhsiang, ber zugunsten Lntschunglins vom Kommando zurücktrat, unter den Befehl Wupeifus gestellt. Der Präsident Tuantschijui ist zurückgetreten. Gegen ihn werden schwere Vorwürfe wegen finanzieller Verfehlungen erhoben.
Die Lage in China stellt sich nach den letzten Berichten folgendermaßen dar: Im Westen und Südwesten Pekings stehen die Truppen Tsckangtsolins unmittelbar vor der Hauptstadt. In Anschluß daran: im Süden Pekings befinden sich die Armeen Wupeifus, die nationale Armee selbst jedoch, die sich nunmehr unter den Oberbefehl Wupeifus gestellt hat, ist in der Stadt eingeschlossen, .lller Wahrscheinlichkeit nach ist mit einer F?.^etzung der Kämpfe zu rechnen, und zwar nunmehr zwischen Tschang- tsoliu und den verbündeten Armeen unter Wupeifu, vor- ausgesetzt, daß Tschangtsolin genügend Truppen vor Peking besitzt, um seinen Gegnern entgegentreten zu können. Ein Sieg Wupeifus würde die Lage etwa so wiederher- ftelleu, wie sie bis zum Herbst 1924 gewesen ist, b. h. eine neue Präsidentschaft Saokuns unter dem militärischen Schutz seines Schülers.