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Zul-aer Mzeiger

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Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg

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Nr. 12 t 1926

Fulda, Dienstag, 1. Juni

3. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die preußische Staatsregierung hat »cm Oberpräsidenten Hörsing wegen seiner Rcichsbannerrede in Nürnberg eine ernste Rüge erteilt.

* Nach einer eben veröffentlichten Statistik sind im Preußi- fchcn Bergbau im vorigen Jahr rund 15 % der unter Tage arbeitenden Bergleute verunglückt.

* Bei der Präsidentenwahl in Polen ist Marschall Pilsndski zum Staatspräsidenten gewählt worden. Pilsudski hat indessen die Wahl abgelehnt, so daß ein neuer Wahlgang notwendig ist.

* Die Revolution in Portugal hat mit dem Erfolg der Auf­ständischen geendet.

Militârrevolulionen.

Also gleich zwei geglückte Mililärrevolten, in P 0 l e n und in Portugal! Das erregt etwas Erstaunen in einem Zeitalter, das sich mit Vorliebe antimilitaristisch einstellt, weil es so sichtbar unter dem Weltkrieg gelitten hat. Militärrevolten, die schließlich durch irgendeine Form rechtens werden, weil sie schließlich den Erfolg auf ihrer Seite hatten. Militärrevolten, die diesmal sich in Repu­bliken abspielten, nicht wie in Italien 1921 in einem Königreich. Denn Mussolinis Marschnach Rom war letzten Endes ein Kampf mit Hilfe militärisch organi­sierter Kräfte; in Spanien und Griechenland aber errang das Heer als solches den Sieg.

Für den Erfolg einer Revolution ist die Persönlich­keit des Führers zwar nicht das Entscheidende, sie spielt aber immerhin eine wesentliche Rolle. Portugal ist ein Herd fortwährender politischer Unruhen des politisierenden Heeres gewesen. Der bis­herige Ministerpräsident M. da Silva stützte sich im Senat und im Unterhaus auch auf die stärkste Partei, die Demo­kraten jetzt hat er trotzdem dem siegreichen Führer der Revolte, dem Kommandanten Mendes Cabedadas, die Regierung übereignen muffen, die dieser zurzeit noch als tatsächlicher Diktator verwaltet. Neben der Popularität des Führers die Popularität seiner Ziele: Sauberkeit in der Verwaltung, Verringerung der Staatsausgaben und Budgetausgleich, unabhängige Gerichtsbarkeit und aller­hand Maßnahmen zur Hebung der wirtschaftlichen Not. Danben aber auch einemilitaristische" Note: Reorgani­sation von Heer und Flotte auch in technischer Hinsicht. Es wird hier wohl nicht lange dauern, bis sich Senat und Unterhaus entschließen werden, dem siegreichen Heer­führer das Amt der Präsidentschaft in die Hände zu legen, also seine Revolte zu legalisieren. Er hat eben den Er­folg für sich.

Am Erfolg selbst schuld sind wie in Polen -- nicht zum mindesten die Parteien, die in Portugal freilich ein noch viel bunteres Bild darstellen als in Polen. Und schuld ist vielleicht auch die Rückstrahlung vom östlichen Nachbar, von Spanien aus, wo seit dem September 1923 das M i l i t ä r d i r e k t 0 r i u m P ri m 0 d e Riveras herrscht, jetzt nun aber den großen marokkanischen Erfolg errungen hat.Das ist mein Mussolini," sagte damals nach dem Staatsstreich der König Alfons, als er den Diktator dem italienischen Hofe vorstellte. Die all­gemeine Unzufriedenheit mit dem Parla­ment ist in Italien nnb Griechenland, in Spanien und jetzt auch in Polen und Portugal die Grundlage für den Erfolg des Staatsstreiches gewesen. Die Unversöhnlichkeit der Parteigruppen, die sich in fast gleicher Stärke gcgen- überstanden, machte das Parlament arbeitsunfähig. Denn diese Parteigruppen zerfallen ja in all diesen Staaten ebenso ja auch in Frankreich wieher in Parteien und Parteichen, die sich um bestimmte Führer und solche, die es sein wollen zusammenschlreßen. In deren Spiel findet sich dann die Nation einfach nicht mehr zurecht und wird daher leicht das Opfer eines energischen Militärs, namentlich dann, wenn sie annimmt, daß er mit keiner dieser Parteien etwas zu tun hat oder zu tun haben will.

Nun ist der ganze Süden Europasmili­tärisch" regiert, aber der Osten ist es auch. Be­deutet dies, was längst überholt schien, vielleicht doch eine neuen politischen Ära? Dann kann sich Europa bei jenen Herren bedanken, die in Versailles die Grundlage zu der Zerrüttung unseres Erdteils legten.

Das Schicksal Abd-el-Krims.

Madrid verlangt seine Auslieferung.

Am 30. Mai ist Abd-el-Krim unter starker Bedeckung in T a z a, dem Hauptquartier des französischen Ober­kommandierenden General Borchert, eingeliesert worden. Er wird in Taza bleiben, bis eine Entscheidung über fein Los getroffen ist. Die Übergabe spielte sich ohne ledes Zeremoniell ab, und Abd-el-Krim soll wie jeder andere Kriegsgefangene behandelt werden. In den nächsten Tagen beginnen in Paris die Verhandlungen zwischen Vertretern der spanischen und französischen Regierung über die in Marokko weiter zu verfolgende Pslitik.

Eines der Hauptprobleme wird die ^rage bilden, was aus Abd-el-Krim werden soll. Da der Rissuhrer einem Stamme angchört, dessen Gebiet rn der spanischen Protektoratszone liegt, verlangt man in Madrid, wie schon kurz gemeldet wurde, seine Auslieferung, und man macht gar kein Hehl daraus, daß man Abd-el-Krim als ein­fachen Rebellen undRäuber" aburteilen

Dadurch, daß sich der Rifführer, der fünf ^ahre^lang gegen die Spanier kämpfte, nicht diesen, sondern den Fran­zosen ergeben hat, ist die Lage für Frankreich seinem spa- «ischen Bundesgenossen gegenüber etwas heikel.

Präsidentenwahl in Polen

Der gewählte pilsudski lehnt ab.

Nochmaliger Zusammentritt der Nationalversammlung.

Die Nationalversammlung in Warschau, die aus dein Sejm und dem Senat zusammengesetzt ist, hat Marschall Pilsudski mit 292 Stimmen zum Staatspräsidenten von Polen gewählt. Der Gegenkandidat Pilsudskis, der Ver­trauensmann der vereinigten Rechtsparteien, Gras Bninski, erhielt 193 Stimmen, während 61 Abgeordnete sich der Abstimmung enthielten. Die deutschen Abgeord­neten hatten geschloffen für Pilsudski gestimmt.. Die Linke nahm die Wahl des Marschalls Johann Pilsudski mit Begeisterung aus. Einige Abgeordnete des Zentrums stimmten beim Verlaffen des Saales die Nationalhymne 5

an.

Während auf den Straßen Warschaus Freudenkundge- bungen der Pilsudski ergebe­nen Organisationen stattsan- den, ließ der neugewählte Staatspräsident dem Sejm­marschall die Nachricht zngc- hcn, daß er die Wahl aus verfassungsrechtlichen Beden­ken ablrhuen müßte. Pil­sndski schlug vielmehr vor, den Wilnaer Professor Zdzie- chowski oder Professor Wo- sciski aus Lemberg an seiner

Marschall Pilsudski

Stelle zum Gtaatspräsiden- ten zu wählen. Der Marschall fügte hinzu, daß seine Ab le h n un g it nwideir u s l ich sei.

Ernste Mge für Oberpräsidenl Hörsing.

Ein Nachspiel zum Nürnberger Reichsbannertag.

In einer Versammlung des Reichsbanners Schwarz- Rot-Gold in Nürnberg war Oberpräsident Hörsing, der Bundespräsident des Reichsbanners, auf die Flaggcnvcr- ordnung des Reichskanzlers Dr. Luther zu sprechen gc- fommen. Über seine Rede waren in der Öffentlichkeit widersprechende Nachrichten aufgetaucht. Besonders hatte cs Mißfallen erregt, daß Hörsing davon gesprochen hatte, daß bei vielen Volksgenossen durch die Flaggcnverord- nurtg der Eiirdruck erweckt worden fei, daß Reichskanzler Drs Luther den Reichspräsidenten verleitet habe, einen Schritt mit seiner Unterschrift zu decken, der als Verfassungsbruch empfunden werde.

Auf eine in dieser Angelegenheit an die preussische Regierung gerichtete Anfrage der Deutschen Volkspartei hat Ministerpräsident Braun nunmehr die Antwort er­teilt. Der Ministerpräsident teilt darin mit, daß er leider die gewünschte Zurückhaltung, die mit dem Amt eines Oberpräsidenten bei öffentlichen Erörterungen von Maß­nahmen der Regierung verbunden fei, an verschiedenen Stellen der Rede vermisse. Das Staatsministerium hat daher den Oberpräsidenten Hörsing auf das c r n st c st c gerügt und Vorsorge getroffen, daß sich Oberpräsidenl Hörsing in Zukunft bei der Erörterung politischer Ange­legenheiten in der Öffentlichkeit mehr Zurückhaltung auf- erlbgt.

Die preußische Regierung hat sich, wie in der Ant­wort noch mitgeteilt wird, auf diese Maßnahmen be­schränkt, weil nach ihrer Ansicht beim Erlaß der Flaggen- veryrdnung eine Verletzung des v c r f a s s u n g s« gemäßen Rechtes des Reichsrates vorgelegen habe, dessen Mitglied Oberpräsident Hörsina ist.

Grüite-Lehder <m Femeausschuß.

Bericht über den Inhalt der Akten.

Der Feme-Untersuchungsausschuß des Preußischen Land­tages setzte nach der Pfiugstpausc feine Verhandlungen fort. Zunächst erstattete Berichterstatter Abg. Suttner (Soz.) den Bericht über den Aktcninhall in Sachen GrNttc- L e h d e r. Zwei Momente seien hauptsächlich hcrvorzuhcben: die Frage der

Anstiftung Grüttc-Lehdcrs

und der Glaubwürdigkeit des Mörders. Über das Thema An­stiftung enthielten die Akten so gut wie gar nichts. Die Staats­anwaltschaft habe sich in keiner Weise bemüht, die politischen Zusammenhänge zu prüfen; noch in der Anklageschrift spreche sie nur von Raubmord. Was die Glaubwürdigkeit des Grütte- Lehdcr angehe, so sei dies ein sehr kompliziertes Thema, weil es ins Psychologische hinübcrgehc. Der Berichterstatter beschäf­tigte sich dann mit der Person des von Grütte-Lehder ermor­deten Dammer s- Dieser Dammers fei ein Hochstapler ge­wesen. der wegen intellektueller Urkundenfälschung, Betruges und anderer Dinge vorbestraft und von einem Feldgericht de­gradiert worden sei. Er sei unter falschem Namen ausgetreten und habe sich einmal sogar für den

Prinzen Oskar von Preußen

ausgegeben. Grütte-Lehder habe behauptet, daß Dammers auch mit dem Rathenau-Mörder Tcch 0 w in Ver­bindung gewesen sei, und man habe in der Tat an ihn gc- richtelc Briefe der Brüder Techow gefunden. Dagegen fehle ein im Inhaltsverzeichnis der Akten angeführter angeblicher Brief des früheren Kronprinzen an Dammers; auch mit dem Haus Doorn soll 'Dammèrs loder Müller, wie er sich auch nannte) im Briefchewsel gcsiondcn haben. Mehrere Zeuge bc- kmHxiey, daß ihnen Grütte-Lehder einige Tage vor dem Morde

In einem an den ScjmmarschaU Rataj gerichteten Bries spricht Pilsudski für die Wahl seinen Tank aus. Leider könne er die Wahl nicht annehmen. Zu stark wirke noch auf seine Erinnerung das tragische G c s ch i * des Präsidenten Naratowicz, den er »cc seinem schrecklichen Tode nicht habe bewahren können. Überdies könne er ohne Arbeit nicht leben und die gegenwärtige Verfassung entrücke den Präsidenten der Arbeit. Es sei deshalb ein anderer Charakter für diese» Posten notwendig. Der Marschall entschuldigte sich wegen der E n t t â u s ch u n g , die er seinen Anhängern im Land­tage und im Volke bereiten müsse und spricht die Hoff­nung aus, daß unverzüglich eine andere Persönlichkeit zum Präsidenten gewählt werde.

Große Erregung in Warschau.

Der Sejmmarschall hat die Nationalversammlung nochmals zum Dienstag cinberufen, um die Wahl des neuen Staatspräsidenten vorzunehmen. Der Entschluss Pilsudskis hat in politischen Kreisen eine starke E r - r e g u n g hervorgerufen. Die Folgen der Entscheidung Pilsudskis lassen sich zurzeit noch nicht in ihrem ganzen Umfange übersehen.

Die Polizeibehörden in Warschau hatten für den Wahltag große Vorkehrungen getroffen, um die Ruhe in der Stadt und den Wahlakt sicherzustellen. Das Parla- meNtsgcbäude war bereits in den frühen Morgenstunden in großem Umfange abgesperrt. Der Sitzungssaal des Landtages, in dem die Wahl des Staatspräsidenten vor- genommen wurde, war bis auf den letzten Platz von Ab­geordneten und Senatoren gefüllt. Allerdings wohnte der letzte Ministerpräsident Witos dem Wahlakt nicht bei. Auch die Diplomaten- und die Presselogen waren dicht besetzt. Der Wahlakt, der unter größter Spannung des Hauses vor sich ging, dauerte etwa 1% Stunden.

erklärt.hahc, er habe den Auftrag, den Spitzel Danuners zu tote»; die Zeugen haben ihm aber nicht geglaubt und ihn für einen Aufschneider gehalten. Die Anzeige nach der Tat ist gegen Grulw-Lchder anonym telephonisch erstattet worden. Daraus mürbe Grütte-Lehder verhaftet; da ihm jedoch nichts nachgcwiefeu werden konnte, wurde er srcigelasscn und flüchtete dann sofort. Später aber verdichtete sich der Verdacht, daß er doch ein Mörder sei, uiid da er in Budapest, wo er sich aushielt, laut und offen über seine Tat sprach, wurde er von neuem verhaftet. Grütte-Lehder, so fuhr der Berichterstatter fort, habe wiederholt erklärt, daß er den Spitzel Dammers

auf höheren Befehl erschießen

müsse und habe völkische Abgeordnete belastet. Er habe er­klärt, daß er sich aus seinen Prozeß freue und feine Hinter­männer nennen wolle: es sei dann ein großer politischer Skan­dal zu erwarten. Nach seiner Verurteilung habe Grütte- Lehder aus dem Gesängnis einen Bries an seinen Adoptiv­vater geschrieben, in dem er seiner Freude darüber Ausdruck gibt, daß er vor bem Untersuchungsausschuß des Landtages oernonimen werden solle. Damit schließt der Bericht des Abg. Kuttner.

Gkagerrak-Gedenkseiern.

In Kiel, Hamburg und Königsberg.

I« K i e l fand in der Aula der Kieler Universität eine Skagerrak-Gedenkfeier anläßlich des zehnjährigen Jahres­tages der Schlacht statt. Der Stationschef, Vizeadmiral Räder mit seinem Stabe, Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen, die Offiziere der Marine und der Küsteu- lvehr, Abordnungen anderer Truppenteile sowie zahl reiche inaktive Offiziere und Mannschaften wohnten dem Festakt bei. Fregattenkapitän Scheibe (während der Seeschlacht auf PauzerkreuzerLützow") hielt die Ge­dächtnisrede, in der er einen überblick über den Verlauf der Schlacht gab. Vizeadmiral Räder brachte in einer kurzen, von vaterländischem Geiste getragenen Rede ein Hoch auf das deutsche Volk und auf das deutsche Vater land aus. Im Anschluß an die Feier begann dann der große Zapfenstreich sämtlicher Truppenteile der Garnison

Zur Erinnerung an die Skagerrakschlacht veranstaltete der deutsche Marincvcrein von 1877 zu H« m b u r g in der großen St. Michaelkirche eine ernste Feier. Von« Senat waren Bürgermeister Dr. Petersen und Staatsrat Dr. S t r u m c erschienen. Außer vielen Offi­zieren und Mannschaften der früheren Marine nahmen Vizeadmiral Meurer, Vizeadiniral Jacobson uno Vertreter des Hamburger Kriegerverbandes an der Feier teil.

In Königsberg veranstalteten die ehemaligen Marineangehörigen eine Gedenkfeier, bei der Konter­admiral K ü s el die Festrede hielt. Unter lebhaftem Set fall wurde die Absendung von Huldigungstelegrannneu an den Reichspräsidenten, die Großadmirale von Tirptt? und von Köster und die Admirale Scheer, Hipper und Zenker beschlossen. Ferner fand unter Teilnahme «veitcr Kreise der Bevölkerung die feierliche Enthüllung eines Denknials für die gefallenen Mariucangehörigen Ost- und Westpreußens statt. _ _ .

Zum zehnjährigen Gedenktag der Seeschlacht im Ska­gerrak wurde von dem gegenwärtigen Gesandtschaftsrat bei der deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen, Freiherr« von Weizsäcker, der seinerzeit als Adjutant des Flotten­chefs Admiral Scheer an der Schlacht teilgenommen hat, am Grabe her in Skagen beerdigten deutschen Seeleute, die nach der Schlacht an der dänischen Küste angetrieberp worden ivau.t, ein Kranz niedergclegt.