Zuiöaer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 125 — 1926
Fulda, Samstag, 5. Juni
3. Jährgang
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Der Preußische Landtag erklärte seine Zustimmung zur Aushebung der Immunität des völkischen Abgeordneten W u l l e in bezug auf die Untersuchung über die sogenannten Fememorde.
* Die Trauerfeier für den verstorbenen Generaldirektor der Reichsbahngesellschast. Oeser, findet am 7. Juni statt.
* Jm Lübecker Stadttheater fand der offizielle Festakt der 700-Jahr-Feier statt; im Anschluß an seine Rede verlas Reichs- Verkehrsminister Dr. Krohne ein Handschreiben Hindenburgs.
* In Warschau wurde die Vereidigung des neugewählten Staatspräsidenten Moseieki Vorgenommen, wobei es zu kommunistischen Ruhestörungen kam.
Wissenschaft ist Trumpf.
Nein, es macht wirklich saunt noch Spaß, Verbrecher zu sein. Man wird allzu leicht überführt. Schon das war, vom Standpunkt des Einbrechertums aus gesehen, eine Gemeinheit, daß ein Geldsch r a n k erfunden wurde, der als einbruchssicher gelten kann, weil es viel zu viel Lärm macht, ihn aufzubrechen. Er besteht nämlich im Kern aus Eisenbetonklötzen und stundenlang mühten sich die erfahrensten „Einbrecher" der Berliner Kriminalpolizei vergeblich an der gewaltsamen Öffnung des Schrankes ab. Und nun gar der arme Berliner Chauffeur, den man gefesselt und halbnakt im Schilf am Ufer der Havel auffand und der behauptete, von seinen Fahrgästen niedergeschlagen und beraubt worden zu sein! Tagelang habt er schon dagelegen — da stellte man durch Auspumpen des Magens im Krankenhause fest, daß er ein paar Sinn- den zuvor — sein Mittagbrot verzehrt hatte. Da fair dann auch bald heraus, daß er nicht ein „Opfer" feinet Fahrgäste, sondern seiner Spielverluste geworden war Vielleicht ist jetzt seine Leidenschaft durch das Bad in Bet Havel etwas abgekühlt und seine Heilung wird er wohl in aller Ruhe hinter schwedischen Gardinen sortsetzew können.
Aber schließlich: gegen den Tod ist doch letzten Endes kein Kraut gewachsen. Oeser, der Generaldirektor bei Reichsbahngesellschaft, hat schon einmal dicht vor der dunklen Toren gestanden, durch die er jetzt hat hindurchgehen müssen. Damals hat ihn eine große Bluttransfusion für eine Zeitlang gerettet: das Blut eines Jugendlichen, das dem Todkranken in die Adern geleite) wurde, hat ihm noch eine kurze Fortsetzung des Lebens gestattet. Gleichgültig, ob politischer Freund oder Gegner — beide Teile sind einstimmig der Ansicht, daß hier ein Mann auf der Bahre liegt, der die Erfolge seines Lebens seiner gewaltigen Arbeitskraft verdankt. Trotz geradezr unglaublicher Widerstände von allen Seiten — nicht blos im Inland — hat er doch die entsetzlichen Verhältnisse persönlicher und wirtschaftlicher Art, wie sie nach dem Krieg« bei der Eisenbahn eingerissen waren, mit hartnäckigem Festhalten an dem für richtig Erkannten saniert. Unt das war wirklich nicht leicht. Und manchmal, namentlicl seit der Umorganisation der Reichsbahn auf Grund des Dawes-Planes, waren die Verhältnisse stärker als er. — Fast gleichzeitig mit ihm ist ein anderer ins Grab gesunken, der als Minister schon längst vergessen ist, besser nachministerielle Wirksamkeit aber noch lange nicht vergessen wird. Es ist der frühere preußische Handelsministet v. Berlepsch. Weitesten Kreisen war er bekannt als Begründer und Vorsitzender der Gesellschaft für Sozial« Reform, der übrigens auch noch ein anderer sehr bekannter Minister der Vorkriegszeit angehörte, der „Gra im Bart", Posadowsky nämlich. Trotz seines hoher Alters hatte sich Minister v. Berlepsch immer noch den Arbeiten seiner Gesellschaft gewidmet, die namentlich voi dem Kriege auf unsere Sozialpolitik einen ganz aukör- ordentlich großen Einfluß hatte. Auch der Minister v. Berlepsch hatte noch im hohen Alter schwer mit der Noi der Zeit zu kämpfen; nur einmal in der Woche während der schlimmen Zeiten 1922 und 1923 kam Fleisch auf den Tisch dieses ehemaligen Ministers. Jetzt ruht er aus von einem langen, arbeitsreichen Leben. Auch er hat keiner Feind hinterlassen, weil sein Wollen rein war.
*
Doch noch einmal gesagt: Blut ist ein ganz besondere, Saft, das soll jetzt auch hinsichtlich der — V a t e r s ch a f t benutzt werden. In Wien will nämlich ein Gelehrter fest, gestellt haben, daß man die Vaterschaft bzw. Nichtvaterschaft hinsichtlich eines Kindes durch Blutreaktion wissenschaftlich beurteilen könne. Das Blut des Kindes weist nämlich die charakteristischen Merkmale des väterlichen Blutes auf, und ein Vergleich zwischen den beiderseitigen Blutproben ermögliche ein Urteil, ob die Vaterschaft vorliegt oder nicht. Das hat nun ein Berliner Gericht benutzt und hat in einer Alimentationsklage beschlossen, daß dem verklagten Vater, der Mutter, dem Kind und einem anderen Mann, dessen Vaterschaft angeblich auch in Frage kam, die Durchführung dieser Blutsprobe auserlegt wird. Je nachdem wie diese nun ausfällt, soll auch die Entscheidung fallen. Die Sache ist insofern sensationell, als ein derartiger Beschluß, vor allem aber eine wissenschaftlich exakte Feststellung durch Blutprobe auf vielen Gebieten des Rechts, die weitestgehenden Folgen zeitigen würde. Erinnert sei z. B. an den wohl nicht ganz vergessenen Kwilecki-Prozeß, wobei der Streit um die Vater- bzw. Mutterschaft die entscheidende Rolle spielte. Es gibt “ nicht wenige Prozesse dieser Art. Auch die — morali- Wn Folgen einer solchen wissenschaftlichen Entdeckung waren nicht zu verachtende. In Wien hat denn auch die
» ^nnde von dieser Entdeckung nicht bloß gewaltiges Aufsehen, sondern auch in manchen Kreisen heftige — Be- '"anls erregt. Aber — Wissenschaft ist Trumpf. ____
Die 7vv-Zahr-Feier in Lübeck.
Lübecks Ehrentag.
Die offizielle Feier aus Anlaß des 700. Jahrestages der Reichsfreiheit Lübecks begann Freitag vormittag im Stadttheatcr. Es waren u. a. erschienen: Rcichs- Verkehrsminister Dr. Krohne als Vertreter des Reichspräsidenten, des Reichskanzlers und der Rrichsregierung, Reichspresseches Ministerialdirektor Dr. Kiep, der Vizepräsident des Reichstages, Geheimrat Dr. Ricßer, eine Reihe von Mitgliedern des Reichsrates, Vertreter deutscher utrb ausländischer Staaten, die Präsidenten der Senate der Freien Hansestädte Hamburg, Bremen und Danzig.
Im Namen des Senats und der Bürgerschaft Lübecks sprach der Ehrenvorsitzende des Hauptausschusses für die Jubiläumsfeier, Senator Dr. Vermehren, die begrüßenden Worte.
Neichsverkehrsmmister Dr Krohne sprach im Ramen der Reichsregier' ng und führte aus:
Zu seltener Fe>r haben m:- .ms zusammengefunden, es gilt, die alte Sta>. am 700. Jahrestage ihrer Reichsfreiheit zu ehren. Durch seine hohe Kultur, durch wirtschaftliche und staatenbildende Leistungen in gleicher Weise ausgezeichnet, hat Lübeck in der deutschen Rcichs- geschichte eine weit über seine Grenzen hinausreichende Mission erfüllt. Gruß und Glückwunsch gelten der Hüterin des Deutschtums an der Ostsee, der Vorkämpferin für die Wiedergewinnung der Ostseeküste an das deutsche Volkstum, dem sie in der unruhevollen Zeit der Völkerwanderung verlorengegangen war. Bei der innigen Verknüpfung Lübecks mit dem Deutschen Reich und der deutschen Wirtschaft, in dessen auffteigenber Entwicklung sich der kleine Stadtstaat durch große eigene Werke voraus- schuueud w»ne eigene Verkeyrsgrundlage geschaffen hatte, konnte es nicht ausbleiben, daß die schwere Krisis auch das wirtschaftliche Leben von Lübeck erfaßt hat. Und so liegt auch über dieser Feier der Schatten banger Sorge um die Zukunft unseres Vaterlandes, die Entwickelung unseres Volkstums. Die 800jährige Geschichte Lübecks, die 700
Moscickis Vereidigung.
Die Kommunisten machen Lärm.
In Gegenwart der Mitglieder der Nationalversumm- Img, des Kabinetts und des Diplomatischen Korps wurde am Freitag im Großen Saal des Warschauer Schlosses die Vereidigung des Staatspräsidenten Moscicki vorge- nommen. Nachdem der Präsident der Nationalversammlung an Moscicki die Frage gerichtet hatte, ob er willens sei, das Amt zu übernehmen, und Präsident Moscicki bejahend geantwortet hatte, schritt man zur Vereidigung. Im Anschluß daran erfolgte im Marmorsaal die feierliche Unterzeichnung der Ein- setzungsurkunde. Der Staatspräsident nahm dann die Glückwünsche des Kabinetts und der Vertreter der auswärtigen Mächte entgegen. Die Zeremonie der Vereidigung wurde durch kommunistische Zwischenrufer gestört. Der Staatspräsident hatte gerade die letzten Worte des Eides ge-
Präsident Moscicki. sprachen, als Rufe ertönten: Wir verlangen Freilassung der politischen Gefangenen und Arbeit für die Arbeitslosen. Diese Störung rief in der Versammlung, die den Kommunisten mit Hochrufen aus Polen und Moscicki antwortete, große Erregung hervor. Allge- mein wurde bemerkt, daß die Sozialisten geschlossen der Feier ferngeblieben sind. Präsident Moscicki wird ebenso wie Marschall Pilsuldiki im Schloß Wohnung nehmen.
Die Trauer um Oeser.
Wer wird sein Nachfolger?
Die Trauerfeier für den verstorbenen Generaldirektor der Deutschen Reichsbahngesellschaft Oeser findet tu dem Verwaltungsgebäude der Reichsbahngesellschast am 7. Juni statt. Neben zahlreichen anderen Ehrengästen werden u. a. sämtliche 31 Eisenbahnpräsidenten Deutschlands an der Trauerfeier teilnchmen. Gleichzeitig mit der Berliner Traucrfeicr werden auch sämtliche Eisen- bahndirektionen örtliche Trauerfeiern veranstalten. Im Tauerhaus sind zahlreiche Beileidskundgebungen, u. a. des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers, ein» gegangen.
Die Geschäfte des verstorbenen Generaldirektors der Deutschen Reichsbahngesellschast. Oeser werden bis auf weiteres vom stellvertretenden Generaldirektor Dr. Dorp
Jahre der Freien und Hansestadt mit lyrem Aus unw Nieder schwerer, fast vernichtender Kämpfe und der immer, wiederholten Befreiung aus eigener Kraft mögen dem deutschen Volke ein Beispiel sein, an dem es sich aufrichtetj zur Hoffnung auf eine neue Zukunft.
Ein Handschreiben Hindenburgs.
Insbesondere gereicht es mir zur hohen Ehre, namens) des Herrn Reichspräsidenten uachstehrnS Hatt», schreiben! von ihm an den Senat Lübecks vorlesen zu dürfen:
Sehr geehrte Herren! Zur Feier der Erinnerung an die vor 700 Jahren durch den Hohenstaufenkaiser Friedrich II. vollzogene Verleihung der Reichsfreiheit an die Stadt Lübeck entbiete ich Ihnen und den Einwohnern der Stadt meinen Gruß und den Ausdruck meines aufrichtigen Gedenkens. Meine wärmsten Glückwünsche gelten heute dem Wohl und der weiteren Entwicklung der alten Hansestadt. Möge sie die Rückschläge der neuesten Zeit kraftvoll überwinden und einer Zukunft entgegengehen, würdig ihrer großen Vergangenheit. Möge sie, getreu den Überlieferungen der Väter, ihre Söhne weiterhin erziehen zu treuen Mitarbeitern an Deutschlands Aufstieg und Größe, gez. von Hindenburg.
Die Grütze des Reichstages überbrachte Vizepräsident Geheimrat Dr. Rießer, im Namen des Reichsrats sprach der bayerische Gesandte Dr. von Preger. Nach weiteren das gemeinsame Geschenk dieser Städte an Lübeck, die St. zig, Finnland, Lettland, Estland, Litauen, Dänemark und Schweden sowie des mecklenburgischen Ministerpräsiden- ten, Freiherrn von Brandenstein, im Auftrage der angrenzenden deutschen Länder hielt Studienrat Dr. Fritz Endres die Festrede.
Daraus begab sich die festliche Versammlung in die benachbarte Katharinenkirche, wo mit festlichen Altsprachen der Präsidenten der Senate von Hamburg und Breme>t das gemeinsame Geschenk dieser Städte an Lübeck, die St. Jürgengruppe, die Nachbildung eines Meisterwerks des lüheckischen Bildschnitzers Bernt Rolke aus dem Jahre 1490, feierlich enthüllt wurde. Später fand im RatswelnÄ fetter ein festliches Mahl statt.
müller fortgesuhrt. Die Wahl des Nachfolgers nimmt der Verwaltungsrat der Deutschen Reichsbahngesellschaft, der aus 18 Mitgliedern besteht, vor, und zwar muß eine Dreiviertelmehrheit èrzielt werden. Der Reichspräsident muß den Gewählten bestätigen. Obwohl dem Verwaltungsrat vier Ausländer angehören, muß den Gesetzesbestimmungen nach ein Deutscher den Generaldirektorposten ein- nehmen. Als Nachfolger Oesers wird vielfach der ehemalige Reichskanzler Dr. Luther genannt.
Mit dem Amt des Generaldirektors der Reichsbahn sind verhältnismäßig hohe Bezüge verbunden. Der verstorbene Generaldirektor Oeser bezog alles in allem, einschließlich der besonderen Zulagen und Auswandsgelder, ein Jahresgehalt von rund 100 000 Mark. Um einen Ver-! gleichsmaßstab zu haben, sei hier mitgeteilt, daß der- Reichspräsident ein Gehalt von 60 000 Mark und bt< Summe von 120 000 Mark als Aufwandsgelder erhält- Der Reichskanzler bezieht ein Gehalt von 33 000 MarL und 18 000 Marl Aufwandsgelder, wohinzu noch neuer-' dings ein Wohnungsgeldzuschuß in Höhe von 2100 Mark getreten ist. Wie daraus zu ersehen ist, muß die Stellung! des Generaldirektors der Reichsbahn als eine der bep^ dotiertesten überhaupt gelten.
preußischer Landtag.
(177. Sitzung.) tt SB e r l in , 4. Juni.
Vor Eintritt in die Tagesordnung gibt Abg. Dr. vort Campe (D. Vp.) eine Erklärung ab, die auf die Ausführungen des Vertreters des preußischen Innenministers, Ministerialdirektors Abegg, vom 1. Juni im Preußischen Landtage Bezug nimmt, und in bor davon gesprochen wurde, daß die Aktion der Polizei in der Putschangelegenheit von einem prominenten Mitgliede einer Rechtspartei der Polizei gegenüber lebhaft begrüßt worden sei und daß ferner der Polizei angeregt worden sei, in möglichst weitem Umfange die Durchs suchungen vorzunehmeii, scharf zuzugreifen und selbst vor der Immunität nicht haltzumachen. Redner erklärt, die vom Ministerialdirektor Abegg herangezogene Erklärung sei ein-4
Äußerung des Außenministers Dr. Stresemann, ! die in einer telephonischen Unterredung mit Herrn Dr. Frie^ densburg als Vertreter des Polizeipräsidenten gefallen iR< Redner verliest dann eine zu der Sache veröffentlichte Erlm- rung des Ministers Dr. Stresemann, in der dieser sag^ seine Äußerung sei vor dem Bckanntwcrden der amtlichen Veröffentlichung über die angeblichen Putschgefahren erfolgt. Dann heißt es weiter: „Ich habe mich aus den inzwischen bei kannigewordenen Akten und nichtamtlichen Veröffentlichungen nicht davon überzeugen können, daß die Poraussetzungew für ein derartiges Vorgehen der Regierung tatsächlich gegeben waren." Der Redner schließt, die Richtigkeit dieserAusführungen des Herrn Dr. Stresemann habe Herr Dr. Friedensburg öffentlich bestätigt. (Hört, hört! rechts. Widerspruch und Unruh« links.)
Große Unruhe.
Diese Heranziehung unseres Parteiführers zur RechtsertiguuA' des Vorgehens der Polizei stellt sich Demnach als eine grobe Irreführung der öffentlichen Meinung (lebhafter Beifall rechts) und als völlig ungeeignet dar, die Polizeiaktion zu umerftüben. Das Vorgehen des Herrn Abegg schädigt zudem das Ansehen des Staates. (Stürmischer Beifall rechts. —, Große Unruhe im Hause, Protestkundgebungen links.) .^