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Zulöaer /lnzeiger

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Nr. 143 1926

Fulda, Samstag, 26. Juni

3. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Ter erneute Haftbefehl gegen den wegen Krankheit ent­lassenen Iwan Kutisker wird einstweilen nicht zur Ausführung kommen, da die Ärzte Kutisker als nicht transportfähig be­zeichnen.

* Die schreckliche Bluttat in Ncu-Sackisch bei Kudowa wurde dahin aufgeklärt, daß der eigene Bruder seine Schwester er­stochen und sich dann selbst getötet hat.

* Der große Oderdamm in der Nähe von Schwedt bei Niedersaathen wurde vom Hochwasser durchbrochen. Ein Ge­biet von 5000 Morgen ist dadurch überflutet.

* In Spanien ist man einer Verschwörung zur Beseitigung des Diktaturregimes ans die Spur gekommen.

* Die Überflutung der Stadt Leon in Mexiko forderte Tausende von Menschenleben.

Notzeiten.

Wir haben den Scheitelpunkt des Jahres wieder ein­mal überschritten unter Donner und Blitz, unter Wol­kenbrüchen und Hagelschauern. Das war gerade keine festliche Begleitmusik zu dieser Mittsommernacht, von der aus das Zeitenrad wieder abwärts zu rollen beginnt nach den ewigen Gesetzen des Weltalls. Eben hatten wir uns von den Aufregungen des Schlußkampfes um den Volks­entscheid etwas erholt» als das gewaltige Rumoren in der Natur anhub, bei dem es schien, als wenn wieder einmal alle Mächte des Himmels und der Hölle auf diese arme Erde losgelassen wären, um uns zu bedeuten, daß es zwischen Sonne, Mond und Sternen doch auch noch andere Sorgen und Gefahren gibt als diese zum Teil sogar nur eingebildeten Ängste, um derentwillen wir uns in Deutschland nun schon seit Jahren in unbrüderlichem Wüten zerfleischen. Weite Strecken des Reiches sind von Hochwasser überflutet. In den am ärgsten betrof­fenen Gebieten gilt die Heuernte als vernichtet, und wieder sind inmitten des mühevollen Ringens um Brot und Milch und Fleisch tausend fleißige Bauernhände zu un- freiwilligem Feiern verurteilt, weil sich gegen die Ge- SÄwÄÄÄS». Land und wieder wird der Staat um Hilfe angerufen für die beklagenswerte Bevölkerung, die, statt nun allgemach die Früchte der in der ersten Jahreshälfte geleisteten Ar­beit reifen zu sehen, ein Bild der Verwüstung, des Jam­mers, der Hoffnungslosigkeit vor Augen hat.

*

Der Staat und immer wieder der Staat! überall soll er einspringen mit seinen Mitteln und Krediten, zum mindesten da, wo unverschuldete Not zum Him­mel schreit. Aber das erste Wort, das der Reichskanzler Dr. Marx nach der Abweisung des Enteignungs­entwurfes vor dem Reichstag verlauten ließ, klang auch nicht viel anders als ein verzweifelter Notschrei: Die Mittel des Reiches sind erschöpft, wir haben keine Mög­lichkeit mehr, neue Lasten auf uns zu nehmen. Also: die Länder, die Gemeinden? Ach Gott, auch da sieht es nicht anders aus; überall hört man von leeren Kassen, von mehr oder weniger großen Löchern in der Etatswirtschaft, von sinkenden Einnahmen und steigenden Ausgaben, man stümpert vorwärts, von Monat zu Monat, und selbst Preußen, der größte unter den deutschen Brüdern, sieht bei allem Willen zum Optimismus doch nur sein Defizit langsam, aber sicher immer höher ansteigen. Aber es nützt alles nichts: wo die Not am größten, muß tue stützende Hand der Gemeinschaft am nächsten sein wenn and) andere Hilfsbedürftige, die ohne diese Hochwasser­schäden vielleicht noch wenigstens bis zu einem gewissen Grade hätten unterstützt werden können, wieder einmal auf spätere, auf bessere Zeiten vertröstet werden müssen.

*

Bis zu ihnen werden sich auch die vielen Notleidenden gedulden müssen, die die Quelle ihres gegenwärtigen Elends nicht in Ereignissen von heute und gestern, son­dern in der einen großen Katastrophe zu suchen haben, tue der Verlust des Weltkrieges für uns alle bedeutet hat: in dem Zusammenbruch der deutschen Währung. Wieviele Hoffnungen klammerten sich noch bis in die letzten -tage an die Arbeit, die besonders für diesen Zweck gegründete Organisationen aufbrachten, um wenigstens den alten, aus der Vorkriegszeit stammenden Reichsbanknoten noch nachträglich zu einer gewissen Anerkennung und Auf­wertung zu verhelfen. Es hat ihnen alles nichts genutzt, ob­wohl auch für ihre Rechtsausfassung namhafte Juristen eintraten, die ja schließlich von diesen ebenso schwierigen wie bedeutungsvollen Fragen etwas verstehen mußten. Aber das Reichsgericht hat gegen sie entschieden, und so werden auch die berühmten rot oder blau gestem­pelten Tausendmarkscheine in die Waschkörbe wandern können, in denen hier und da noch immer die gloriosen Milliarden-Papierberge als trübselige Erinnerung an den Jammer der Nachkriegsjahre aufbewahrt werden. Ob aber der Versuch des Reichsgerichts, die Verlierer in diesem Fall aus die wahre Ursache ihres Unglücks hinzu­weisen, nämlich auf denDruck äußerer Verhältnisse", durch den die Rechte des Reiches gegenüber der Reichs- bank nach verschiedenen Richtungen hin eingeschränkt wer­den mußten, Erfolg haben wird? Die Hindernisse, um unzweifelhaft geschehenes Unrecht wieder gutzumachen, liegen nicht in diesen oder jenen innerdeutschen Verhält­nissen, nicht an dem Mangel an gutem Willen, an Gerech­tigkeitssinn, sondern, das betont das Reichsgericht aus­drücklich in seinen Urteilsgründen, in den außenpoli­tischen Bindungen, die Deutschland mit dem Londoner Abkommen übernehmen mußte in demselben Abkom­men, dessen Ablehnung der damalige Außenminister, jetzige Reichsgerichtspräsident Dr. Simons auf sich

Dammbrüche und Verwüstungen.

Oie Hochwasserverheerungen.

Die Hiobsposten vom Hochwasser mehren sich von Tag zu Tag. Im Magdeburger Gebiet sind die Ver­heerungen furchtbar. In vielen Orten stehen alle Gärten und Gehöfte vollständig unter Wasser. Die Eisen­bahn d ä m m e der Strecke MagdeburgBerlin schienen eine Zeitlang bedroht zu sein, da sie nur noch wenig aus den Fluten emporragten. Bei Jerichow wurde ein Deich in Länge von 500 Metern überflutet. In der Altmark und Priegnitz sind die Folgen der Hochwasserkatastrophe ganz unübersehbar. Mehrere Personen, die von der schnell hereinbrechenden Kata­strophe überrascht wurden, sollen ertrunken sein; auch viel Vieh, das nicht rechtzeitig geborgen werden konnte, ist in den Fluten umgekommen.

Durchbruch bei Schwedt.

Dem gewaltigen Andrang der Wassermassen in der Oder hat der große Oderdamm in dem Königsberger Kreise, unweit von Schwedt und Niedersaathen, nicht mehr standhalten können. Der Deich wurde in einer Breite von 100 Metern durchbrochen. Inzwischen hat sich die Durch­bruchstelle wesentlich erweitert. Der Kreis Königsberg hat wohl am schwersten unter den Wirkungen des Hoch­wassers zu leiden gehabt; seine Bewohner haben jetzt die Behörden um eine Unterstützungsaktion ersucht. Beson­ders schwer sind auch die Verheerungen, die das Hoch- wasser im Warthe- und Netzebruch angerichtet hat. Man

Heue Änderungen im Abßndungsgefetz.

Zugeständnisse an Deutschnationale und Sozialdemokraten

Bei den Freitagsberatungen des Rechtsausschuffes über das Fürstenabfindungsgrsetz würben wieder einige âMrungsm des btegierui^^enupurfes vorgcnommen. So erhielt vor allem der § 10 eine andere Fassung, der die Entschädigung für die aus dem Vermögen des Fürsten­hauses dem Landb zuzusprechenden Theater, Schlösser, Parkanlagen, Kunstanlagen usw. regelt. Auf deutschnatio­nalen Einspruch hin erhielt der Paragraph eine dahin­gehende Einschränkung, daß die Enteignung sich auf die Kunstschätze beschränken soll, die bereits vor der Staats- umwälzung von 1918 der öffentlichen Besichtigung frei­gegeben waren. Bei § 12, der bestimmt, daß die Vertei­lung der Streitmasse nach Billigkeit erfolgen soll, bean­tragten die Sozialdemokraten einen Zusatz, wonach die Garantie einer angemessenen Lebenshaltung für die Fürsten auf die jetzt lebenden Mitglieder der Fürsten­häuser beschränkt werden soll. Dieser sozialdemokratische Antrag fand auch bei den Regierungsparteien Zustim­mung. Im übrigen wurden bei der Writerberatung, die bis 8 17 des Regierungsentwurfes gediehen ist, alle Ab­änderungsanträge abgelehnt.

Auch außerhalb des Rechtsausschusses werden die Be­sprechungen über die Verabschiedung des Fürstenabfin­dungsgesetzes zwischen den Parteiführern eifrig fort­gesetzt. Dabei wird vor allem die sozialdemokratische For­derung erörtert, bereits abgeschlossene Vergleiche nicht nur, wie das Gesetz es vorsieht, ans gemeinsamen Antrag eines Fürsten und eines Landes dem Sonder­gericht zur nochmaligen Überprüfung zuweisen zu dürfen, sondern eine solche Nachprüfung auch auf einseitigen An­trag eines Landes zuzulassen. Von den Führern der bürgerlichen Parteien wird hervorgehoben, daß diese so­zialdemokratische Forderung im Reichstag außer- ordentliche Schwierigkeiten Hervorrufen würde. Diese Schwierigkeiten werden noch vergrößert, da die Sozialdemokraten darauf bestehen, daß das im Ab­findungsgesetz vorgesehene Sondergericht vom Reichstag gewählt und nicht vom Reichspräsidenten ernannt werden soll. Wie cs heißt, machen die Sozialdemokraten die An­nahme dieses Antrages zu einer Hauptbedingung für ihre etwaige Zustimmung zum Abfindungsgesetz. Es ist also nach wie vor noch sehr fraglich, ob der Regierungsentwurf im Plenum des Reichstages die erforderliche Zweidrittel­mehrheit zu seiner Verabschiedung erhalten wird.

nehmen wollte, das uns dann aber trotzdem durch tue An­drohung sofortigen Einmarsches in deutsches Gebiet auf­gezwungen wurde. *

Der Zusammenhang ist so klar, daß sich daran wirk­lich nicht drehen und deuteln läßt. Für die all ge­rn eine Inflation möchte man aber heute noch.diese oder jene Einzelpartei oder gar diesen oder jenen ein­zelnen Menschen verantwortlich machen. Ant aller Ge­walt sollen wir in eine neue Auswertungskampagne hm- eingedrängt werden, um von Grund auf neu aufzubauen, was die Gesetze von 1923 nur sehr stückweise und nur sehr unvollkommen in Ordnung zu bringen suchten. Wenn man sich entschließen könnte, nach der Belehrung durch das Reichsgericht die leidige Schuldfrage von den Erorterun- gen fernzuhalten, würde sich gewiß eher ein gangbarer Weg stoben lassen, aus dem wenigstens dre schlimmsten Folgewirkungen der damaligen Regelung beseitigt wer­den könnten. Hat doch soeben auch das Kammerge- r i ch i ein Unrecht, das die Stadt Berlin gegenüber den Besitzern der von ihr übernommenen Obligationen der Großen Berliner Straßenbahn begehen wollte, verhindert, indem es die beabsichtigte Aufwertung nach den «übrige» ren Sätzen der öffentlichen Anleihen; statt nach den höheren Der Jnbustrieobligstionen, als unzulässig feststellte.

rechnet mit dem Bersten des großen Warthedammes bet Bietz.

Zu diesen Nachrichten aus dem östlichen Deutschland kommen Unglücksbotschaften vom Rhein, aus dem west­lichen A l g ä u und aus den Alpen, wo viele Userschutz­bauten durchbrochen und beschädigt wurden. Die Heu­ernte in der Steiermark ist zum großen Teil ver­nichtet. Die Flüsse hinab schwimmen viele Tierleichen.

Die preußische Staatsregierung holt dauernd Berichte aus allen in Frage kommenden Landesteilen ein und wird, sobald die Gesamtlage zu übersehen ist, eine st a a t- liche Hilfsaktion einleiten, die um so notwendiger erscheint, als die Verwaltungen mancher kleinen Gemein­den aus Mangel an Geld nicht wissen, wie sie der Kata­strophe begegnen sollen.

* v

Opfer des Hochwassers in Mexiko.

Bei der Überflutung der Stadt Leon im mexikanischen Staate Guanajuato infolge eines Dammbruches spülte ein 2% Meter hoher Wasserfall Häuser, Menschen und Vieh fort. Die Zahl der bei der Katastrophe umgckoinmenen Personen ist vorläufig nicht zu ermitteln, wird aber aus Tausende geschätzt. Die Bahngleise, selbst an den höchst­gelegenen Punkten Leon s, stehen einen Meter unter Wasser, so daß es unmöglich ist, Lebensmittel dorthin zu schaffen. Die jetzt 60 000 Einwohner zählende Stadt wurde am 18. Juni 1888 von einer ähnlichen Katastrophe heim- gefuM wobei 200 Personen umlamen und 2000 Häuser zerstört wurden.

Das Achiüeion auf der Insel Korfu, das einstmals von Kaiser Wilhelm II. erworben wurde und nunmehr in ein Spielkasino umgewandelt werden soll, ist Gegenstand eines Rechtsstreites zwischen dem ehemaligen Kaiser und dem Reichsentschävigungs- amt. Das beistehend im Bilde wiedergegebene Achilleion hat einen angeblichen Friedenswert von 214 Millionen Goldmark. Die griechische Regierung beschlagnahmte es als feindliches Eigentum und der Kaiser beansprucht da­

für Ersatz vom Reichsentschädigungsamt. Er hat jetzt auch Einspruch erhoben gegen die von der griechischen Re­gierung mit einer Anzahl italienischer Geschäftsleute ge­führten Verhandlungen zwecks Umwandlung des Schlosses zu einer Spielhölle. Die Vertreter Wilhelms II. begründen den Einspruch, damit, daß der Kaiser noch immer Besitzer des Achilleions sei. Die griechische Regierung weigert sich, den Protest anzuerkennen, und sagt, daß sie berechtigt gewesen sei, das Achilleion während des Krieges als feindlichen Besitz entschädigungslos zu enteignen.

Eine Verschwörung in Spanien ausgedeüi

Gegen die Militärdiktatur Primo de Riveras.

Journal" berichtet aus Madrid über die Aufdeckung einer Verschwörung zur Beseitigung der gegen­wärtigen Regierung. Als Urheber dieses An­schlages werden, wie das Blatt erfährt, republikanische unb liberale Elemente bezeichnet. Zahlreiche Persönlich­keiten, darunter der Chefredakteur der ZeitungLa Liber tad" sowie zwei frühere republikanische Abgeordnete, sind verhaftet worden. Auch Gencralkapitän Weyler und der frühere Kriegsminister General Aguilera sollen in die Angelegenheit verwickelt sein.

Nach einer Meldung derUnited Preß" sollen bereits 21 Personen verhaftet sein, unter ihnen auch General Weyler. Die Verschwörung soll ihren Kern in Offizier-- kreisen haben. Die Regierung behauptet, daß die Gefahr überwunden ist und keine weiteren Unruhen zu erwarten finb.

Deutscher Reichstag.

(217. Sitzung.) CB. Berlin, 25. Juni.

Bei Eröffnung der Sitzung gab Präsident Löbe bekannt, daß das zweite Gesetz über den Volksentscheid, durch das ein Volksentscheid über Äuswertungssragen ausgeschlossen werden fall, von der Regierung zurückgezogen ivorben ist.

Abg. Best (Völk.) fragte, ob diese Zurückziehung so zu verstehen sei, daß nun der Weg für einen solchen Volksen^ scheid frei sei, oder ob die Regierung im Gegensatz zu diesem Gesetzentwurf jetzt der Meinung sei, daß ein solcher Volksent­scheid schon nach dem bestehenden Recht unzulässig ist.

Rcichsinnenministcr Dr. Külz gab auf eine fragende Gcs^e des Präsidenten Löbe durch Kopfschütteln zu erkennen, daß er die Frage des Abg. Dr. Best nicht beantworten wolle. Der Auswärtige Ausschuß beantragte die Zustimmung zu den Pariser Lufliabrtvcreinbarungen.