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Zul-aer Anzeiger

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Nr. 156 1926

Fulda, Montag, 12. Juli

3. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Zwischen der Reichsregierung und der Ncichsbahnverwal- tung ist in den strittigen Fragen eine Verständigung erzielt worden.

* In Anwesenheit des Reichspräsidenten wurde in Berlin das Kriegerdenkmal der Universität in seierlicher Weise enthüllt.

* Dem Kabinett BriandCaillanr ist mit 269 gegen 247 Stimmen das Vertrauen ansgesprochen worden.

* In Portugal wurde durch einen neuen Staatsstreich der Präsident und Militärdiktator Gomez da Costa abgesetzt. Es wurde eine aus Militär und Zivilisten bestehende nene^ Re­gierung gebildet.

Deutschlands Lebenswille.

Eins der grausamsten Worte, das je von englischer Seite über uns gesprochen worden ist, war jenes zynische: Deutschland wird erst in 15 bis 20 Jahren spüren, was die Blockade während des Krieges bedeutet, dann näm» lich, wenn die jetzt geborenen Kinder herangewachsen sind." Man hat geglaubt, daß die furchtbare Unter­ern ü h r u n g im Kriege nicht bloß Hunderttausenden das Leben kosten, sondern auch unvertilgbare Spuren bei dem Heranwachsenden Geschlecht hinterlassen würde. Man war ferner der Ansicht, daß zwar unmittelbar nach dem Kriege, früheren Erfahrungen gemäß, ein Anschwellen der Geburtsziffer eintreten, dann aber ein rasches Sinken dieser Zahl erfolgen werde, zumal die wirtschaftlichen Verhältnisse ihren Einfluß geltend machen würden. Und schließlich war der Schluß nicht so fernliegend, daß diese kritischen wirtschaftlichen Verhältnisse sich auch auf die allgemeine Volksgesundheit verhängnisvoll auswirken würden.

Erfreulicherweise haben sich diese Ansichten aber als ein Irrtum herausgestellt. Die allgemeine Volks- g e s u n d h e i t hat u n l e u g b a r e Fortschritte ge­macht. Der Lebenswille kommt auch in der Zahl der Eheschließungen zum Ausdruck; wie das Sta- tisMLe Beichsamt mitzureUen in der Lage ist, sind im letzten Jahre fast 500 000 Ehen geschlossen worden, das heißt, es entfallen auf tausend Einwohner 7,7 Ehe­schließungen. Das sind 0,1 pro Mille weniger als im letzten Friedensjahr. Bemerkenswert ist dabei, daß die Zahl der Eheschließungen in den Großstädten beträchtlich höher ist als etwa in dem agrarischen Ostpreußen oder in Bayern, was einerseits ungemein Kl bedauern ist, an­dererseits aber leider nur allzusehr zutreffende Rück­schlüsse auf die Notlage der Landwirtschaft erzwingt.

Erfreulicherweise ist auch die G e b n r t e nz i f f e r wieder im Anstieg. Auf tausend Einwohner kommen jetzt 21,3 Geburten, was einen Fortschritt gegenüber dem ver­gangenen Jahre bedeutet. Freilich sind wir gegenüber dem Friedensstand mit 27,7 pro Mille noch beträchtlich im Rückstand, aber die wirtschaftliche Not der Gegenwart übt ja hierbei einen starken Einfluß aus. Im Jahre 1925 haben nicht weniger als 1,3 Millionen lebende Kin­der das Licht der Welt erblickt, 43 000 Totgeburten stehen dem gegenüber und damit ist eine Verhältniszahl von Totgeburten zu Lebendgeburten erreicht worden, die um ein beträchtliches besser ist als im Jahre 1913. Diese Besse­rung ist zweifellos den Bestrebungen zuzuschreiben, die sich die Aufklärung und die Pflege der werdenden Mutter zum Ziele gesetzt haben. Diesen bevölkerungspolitischen 'Zielen ist es auch zu verdanken, daß wir erfreulicherweise einen sehr erheblichen Rückgang der Säug­lingssterblichkeit aufzuweisen haben; starben im Jahre 1913 von 100 Kindern im ersten Lebensjahre noch 15,1, so ist diese Zahl schon im Jahre 1924 auf 10,8 und im Jahre 1925 auf 10,5 zurüügegangen. Am besten steht das kleine Waldeck da; dort betrug diese Ziffer sogar nur 4,7, während auf der anderen Seite Oberschlesien mit 15 weit über dem Durchschnitt steht. Über dem Durchschnitt bewegen sich bezeichnenderweise aber auch wieder das agrarische Bayern, ferner Mecklenburg und Pommern, so baß aus diesen Zahlen wieder zu entnehmen ist, daß man Der Säuglingssterblichkeit auf dem Lande tveit größere Aufmerksamkeit zuwenden muB als das bis- he>r geschieht. Daß hier ein Herunterdrücken der Zahl möglich ist, beweist u. a. die Tatsache, daß das in der Hauptsache agrarische Schleswig-Holstein mit einer Säug- lingsperblichkeit von 9,1 unter dem Reichsdurchschnitt liegt.

Rewen diesen 140 000 Säuglingssterbefällen stehen nun die 608 WO anderen Sterbefälle. Das bedeutet, daß ge­genüber ^1913 ein ganz gewaltiger Rückgang an Todes­fällen erfolgt ist, ein Fortschritt, der auch gegenüber 1924 festzustellew ist. Mit einer Sterbeziffer von 9,9 % ist die peste Zahl erreicht worden, solange überhaupt eine sta- UMche Nachprüfung erfolgte, und hierbei soll noch er» wäWt sein, daß dieWeiße Pest", die Lungentuberkulose, weniger Opfer forderte, als es noch 1924 geschehen ist; leider Haben wir. den günstigen Stand von 1913 noch nicht wieder erreicht.

Richt ewig leben kann das Menschengeschlecht; aber dafür zu sorgen, daß die Heranwachsenden, daß die, die 'hineingeboren worden sind in diesen Leben, nun d e m ^L e b e n auch erhalten bleiben, ist eine Aufgabe, die jXd; jede Generation znr Pflicht machen sollte.

1Z0 Verhaftungen in Madrid.

ANa drid. In Madrid wurden 170 politische Verhas- iungcn hvrgenmnmen. Das Militürgesänguis ist überfüllt. Daft Presto de Rivera sich zuletzt ausschließlich auf die Poli­zei stützt und durch diese die Verhaftungen und Überwachun­gen vormnvüen läßt, ist ein sicheres Zeichen, daß er sich auf das Heer nvâ^ weniger als jeher verlassen kann. Seine Dik­tatur ist zur^it^mehr einePolizeidiktatur".

Vertrauensvotum für Briand-Caillaux.

Der Sieg des französischen Kabinetts.

Vollmachten für die Regierung.

Nach viertägiger Debatte in der Französischen Kam­mer über Caillaux' Sanierungsprogramm für die fran­zösische Währung ist dem Kabinett Briand-Caillaux mit 269 gegen 247 Stimmen das Vertrauen ausgesprochen worden. 40 Abgeordnete enthielten sich der Stimme. Ge­gen die Regierung stimmten vor allem die Sozialisten und die Abgeordneten der Rechten, wobei die letzten der Re­gierung gegenüber vor allem die Befürchtung aussprachen, daß durch das Finanzprogramm Caillaux', in dessen Mit­telpunkt die Aufnahme von Auslandskrediten steht, die Unabhängigkeit Frankreichs gefährdet Würde. Von Caillaux wurde diese Tendenz allerdings

. , Leclerc, .

der neue Vizegouverneur der Bank von Frankreich.

heftig bestritten. In dem von der Kammer angenom­menen Vertrauensvotum wird der Hoffnung Ausdruck ge­geben, daß die Regierung die Finanzen Frankreichs wie­der herstellt und die Währung saniert.

Der Verlauf der Abstimmungssitzung war im h ö ch - stenGrade dramatisch und es wird versichert, daß die Kammer seit den aufgeregten Augusttagen des Jahres 1914 keine Debatte von ähnlicher Leidenschaft erlebt habe. Kurz vor der Abstimmung ergriff noch einmal Finanz­minister Caillaux das Wort. Er erinnerte daran, daß es unmöglich sei, den Frank zu stabilisieren, wenn nicht alle passiven Posten der Staatsbilanz geklärt wären. Die Re­gierung werde im Parlament einen Gesetzentwurf vor­legen, der die Ratifizierung der Schuldcnabkommen vor­sehe. Die Verhandlungen mit London seien im Gange,

AèLchsregierung und Reichsbahn.

Verständigungsniöglich'eit im Konflitt mit Preußen.

Zwischen der Reichsregierung und der Reichsbahn- gesellschaft ist es zu einer Vereinbarung gekommen, durch die künftighin eine engere Fühlungnahme zwischen Reich und Reichsbahn in den Eisenbahnfragen sichergestellt werden soll.

Der VcrwaltnngSrat der Reichsbahngesellschaft hat der Reichsregierung zugcslandcn, daß in Zukunft der R e i ch s v e r k e h r 8 m i n i ft e r oder sein Stellvertreter an allen wichtigen Sitzungen des Verwaltungsrates mit beratender Stimme teilnehmen kann. Ferner soll der Reichsregierung künftig nicht nur für den General­direktor, sondern auch für die Wahl der übrigen leitenden Direktoren das Bestätigungsrecht zu­stehen. Als Gegenleistung hat das Reichskabinett grund­sätzlich die Teilnahnle des Generaldirektors oder seines Stellvertreters an den Kabinetts­sitzungen, die sich mit Eiseudahnfragen beschäftigen, zugestanden. Das Reichsbahngesetz soll mit diesen Verein­barungen in Übereinstimmung gebracht werden. Aus Grund der Vereinbarung dürfte in der nächsten Sitzung des Reichskabinetts Dorpmüller als Generaldirektor der Reichsbahn bestätigt werden.

Was den Konflikt zwischen Reich und Preußen in der Frage der Zusammensetzung des Ver­waltungsrates der Reichsbahn betrifft, so nimmt man an, daß nach dem versöhnlichen Schreiben des Reichskanzlers an den preußischen Ministerpräsidenten eine Verstündi- gnng möglich sein wird. In kurzem erlischt das Mandat von sechs Mitgliedern des Verwal­tungsrates und es ist wahrscheinlich, daß, unabhängig von dem etwaigen Spruch des Staarsgerichtshofes, zwischen der Reichsregierung und der preußischen Staats- regierung eine E ^n igung über diepreußtscher Wünsche erfolgst.

Feuer Staatsstreich in Portugal.

Präsident Costa gefangen und ab gesetzt.

Am Vormittag des 9. Juli erfolgte, ohne daß Wider­stand geleistet wurde, ein neuer Staatsstreich in Portugal: er richtete sich gegen die Regierung des Präsidenten und Militärdiktator Gomez da C o sta, der auf Anord­nung mehrerer Führer der Armee und Marine verhaftet und abgesetzt wurde. Die Familie des verhafteten Prä­

aber auch mit Washington verhandele man, um Zuge­ständnisse zu erreichen. Die a u s w ä r t i g e n 8 redite seien unbedingt erforderlich, um die Stabilisierung zu sichern.

Eine gewisse Rolle in dem Sanierungsprogramm spielen auch die von der Regierung in dieser Frage vom Parlament geforderten Vollmachten. In dem dies­bezüglichen Gesetzentwurf sind für diese Vollmachten fol­gende Maßnahme» vorgesehen: Revision der Tarife der Einkommensteuer, der Umsatzsteuer und der Börsenabgabe, Umwandlung einzelner bisher dem Gewicht nach er­hobener Verbrauchssteuern in Wertabgaben, Erhöhung Der Transportgebühren. Auf dem Gebiete der Währungs- stabilisierung wird die der Regierung zu gewährende Handlungsfreiheit auf die Durchführung der im Sachver­ständigenplane vorgesehenen Maßnahmen zur Liquidation der schwebenden Schuld und zur Aufnahme auswärtiger Kredite beschränkt. Dagegen enthält der Gesetzentwurf keinerlei Vollmachten zur Ratifizierung des Washingtoner Abkommens, über die die Kammer selbst sich die Entschei­dung vorbehalten hat.

Die Diskussion dieser Vorlage wird den Kampf in den nächsten Tagen auf der ganzen Linie von neuem auf­flammen lassen und trotz des Abstimmungssieges ist das Kabinett noch keineswegs außer Gefahr.

Vor einem Schuldcnabkommen mit Großbritannien.

In den vom französischen Parlament geforderten Vollmachten ist auch ein Gesetzentwurf vorgesehen, durch den die Regierung ermächtigt wird, mit Großbritannien ein Schuldenabkommen zu treffen. Der bekannte Finanz­sachverständige Leon Barnaud reist nach London, um die letzten Vorbereitungen für die Zusammenkunft Churchills mit Caillaux zu treffen. Caillaur wird sich am Montag im Flugzeug nach London begeben. Die Verhandlungen werden auf der Basis einer Jahreszahlung von 1214 Millionen Pfund Sterling ausgenommen.

Trotz des späten Ausganges der Kammersitzung ist ein Kabinettsrät zusammengetreten. Finanzminister Caillaux wurde von seinen Ministerkollegen zu seiner ent­schlossenen Haltung vor der Kammer und seinen erfolg­reichen Interventionen lebhaft begrüßt. Der Finanz­minister erstattete dann einen Bericht über die bevor­stehenden Londoner Verhandlungen. Briand machte An­gaben über die Schlußarbeiten der französisch-spanischen Konferenz. Bei Ausgang der Sitzung erklärte Briand wörtlich:Wenn man endlich daraus verzichten wollte, uns mit neuen Interventionen zu Leibe zu rücken, und uns Mittel an die Hand geben würde, daß wir in Ruhe an die Arbeit gehen könne», so glaubt die Regierung ver­sichern zu können, daß das Land die gegenwärtige schwie­rige Lage überstehen wird, doch nur unter dieser Be­dingung."

sidenten wurde aufgefordert, den Regierungspalast, der von Truppen umgeben ist, zu verlassen.

Die neue Regierung ist bereits gebildet: sie setzt sich aus Militär- und Zivilpersonen zusammen. Ministerprä­sident und Kriegsminister ist General Carmona, der dem Kabinett Costa angehörte und jetzt denunblutigen Putsch" organisiert hat. Die politische Lage ist noch voll­kommen verworren. Mehrere diplomatische Vertreter Portugals sollen abberufen werden, darunter der Prä­sident der portugiesischen Delegation beim Völkerbund. Aus Kreisen der neuen Regie­rung wird versichert, daß im Lande alles ruhig sei.

*

Zur Sage in Portugal.

Paris. Wie Havas aus Lissabon meldet, bat die neue Regierung beschlossen, den Genera! Gomez Costa, der sich weigerte, seine Befugnisse als Präsident abzugeben, als Ge­fangenen nach einem 25 Kilometer von Lissabon entfernten Orte zu überführen. Seine Adjutanten sollen an Bord ein^ Kriegsschiffes gebracht werden.

Mmönlsch-Hulgartscher Grenzztvischensall.

London. DieBritish United Preß" meldet aus Sofia, daß rumänische Truppen fünf Meilen in Bulgarien einmar- . schierteil und 120 Bulgaren erschlugen. Eine Bestätigung für diese Meldung sei bisher nicht zu erlangen gewesen. Nach bulgarischen Zeitungen soll eine Abteilung von 50 Bulgaren das Dorf Staroselo überfallen und zwei Rumänen getötet haben. Rumänische Truppen nahmen daraufhin das Dorf wieder in Besitz und nahmen 26 Bulgaren gefangen. Darauf griffen die restlichen Bulgaren die Eskorte der Gefangenen an. In dem folgenden Kampf wurden 18 Bulgaren getötet.

Hindenburg ehrt die Gefallenen.

Denkmalsweihe in der Berliner llniversitât.

Acht Jahre nach Kriegèschluß ist es endlich gelungen, zum Nedächlnis an die Gefallenen der Berliner Universität ein zroßes Denkmal zu errichten. Im Garten der Universität er- hebt sich vor vier riesigen Pfeilern, die mit dem Kreuz gekrönt and, das Denkmal von Professor Hugo Lederer, das in Überlebensgroße einen ins Knie gesunkenen Jüngling dar- teilt. Die Feier der Enthüllung des Denkmals für die ge- isallenen Helden vereinigte eine nach Tausenden zählende f Menge von Ehrengästen, Vertreter der Behörden und der Presse, Professoren und Studentenschaft der Universität vor 'dem Denkmgi. iXbre Sßeibe erhielt die Veranstaltung durch