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Zul-aer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

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Nr. 158 1926

Fulda, Mittwoch, 14. Juli

3. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die Interalliierte Militärkonttollkommifsion hat an Deutschland neue Forderungen in der Entwassnungsfrage ge­stellt.

* Die belgische Negierung hat zur Stützung des belgischen Franken außerordentliche Maßnahmen vorbereitet.

* Bei der Ankunft des spanischen Diktators Primo de Rivera in Paris kam es am Bahnhof zu stürmischen Protest­kundgebungen. Es wurden 17 Verhaftungen vorgenommen.

* Die französisch-englischen Finanzverhandlungen in London haben zum Abschluß eines Schnldenabkommens zwischen beiden Mächten geführt, das Frankreich 60 % seiner Schulden an Eng­land erläßt.

Kontrollschikanen.

Mitten in die politische Ferienzeit des Augenblicks platzt eine Nachricht hinein, die zweifellos zu ebenso scharfen wie unerwünschten außen- und innenpolitischen Ausein­andersetzungen führen wird. Es hatte schon ziemliches Aufsehen erregt, daß vor kurzem das kleine schwache Ofter- reich von der Botschafterkonserenz mit einer neuen Ent­waffnungsnote beglückt worden war, die angesichts der Kleinheit dieses Staates und seiner ganzen wirtschaft­lichen und politischen Misere wirklich nur eine Groteske ist. Doch auch uns ist dieses Glück widerfahren. Man munkelte schon seit Wocken von einer neuen Ent - wafsttungsaktion gegen Deutschland, die französische Presse, die von vornherein über derartige Aktionen immer merkwürdig gut unterrichtet ist, brachte schon anfangs dieses Monats Andeutungen über den ge­planten Schlag; leider haben auch diesmal wieder die deutschen amtlichen Stellen es sorgfältig vermieden, die Öffentlichkeit bei uns darauf aufmerksam zu machen.

Mit noch brutalerer Offenheit als früher sind jetzt durch den Vorsitzenden der Interalliierten Kontrollkom­mission Forderungen aufgestellt worden, über deren In­halt man amtlicherseits aber die gleiche merkwürdige Zu- ..... occ den leptä.Äoten der Botsaiafterkonferenz deutscherseits obgewaltet hat. Wie es heißt, bezieht sich ein Punkt der Note der Kontroll­kommission auf General von Seeckt. Der General ist nicht mehr Chef der Heeresleitung, wie ursprünglich mit Ge­nehmigung der Entente gesetzlich bestimmt war, sondern untersteht auf Vorstellungen der Entente hin nach jeder Richtung dem Reichswehrminister, hat ohne dessen Ge­nehmigung kaum noch etwas selbständig zu verfügen. Fetzt soll beabsichtigt sein, auch die beiden Reichswehr- g r u p p e n k 0 m in a n d 0 s direkt dem R e i ch s w e h r- minister zu unte rstellen, so daß von einer prak­tisch einheitlichen Leitung unserer kleinen Reichswehr überhaupt nicht mehr die Rede sein wird.

In zweiter Linie sollen sich die Forderungen der Kontrollkommission erstrecken auf die Höhe des Reichsweh retats, obwohl dieser Etat erst dann dem Reichsrat und dem Reichstag vorgelegt wird, nach­dem er bis zum letzten Pfennig von der Interalliierten Kontrollkommission genehmigt worden ist. Trotzdem wird seine Höhe bemängelt, obwohl doch jeder Mann, jedes Geschoß und jedes Ausrüstungsstück von dieser Kom­mission bewilligt, der Etat selbst vom Reichstag ange­nommen worden ist. Und schließlich wird wieder einmal die Behauptung aufgestellt, daß Deutschland tatsächlich noch längst nicht völlig entwaffnet sei, sondern heim­lich Waffen in großer Masse verberge.

Die Kontrollkommission scheint besonders den letzten Punkt aufgegriffen zu haben, um die Notwendigkeit ihres Fortbestehenszu beweisen". In dem Augenblick näm­lich, da wir dem Völkerbund beitreten würden, würde diese Kommission den deutschen Staub von ihren Schuhen schütteln müssen, weil dann der Völkerbund das Recht für sich in Anspruch nimmt, diese Kontrolle auszuüben. Be­sonders grotesk aber wirkt diese ängstliche Sorge um Deutschlands Abrüstung gerade jetzt, da die Vorbereitende Genfer Abrüstungskonferenz ein klägliches Ende gefunden hat, die ganze, Komödie mit einer praktischen Verhinde­rung jeder Abrüstung abschloß. Fast kann man auf den Gedanken kommen, daß durch diese neuen Pariser Roten unser Eintritt überhaupt verhindert werden soll, weil ein Fortbestehen dieser interalliierten Misitärkontrolle mit unserem Eintritt sich gar nicht vereinbaren läßt und uns zu einem Staat zweiten Ranges degradieren würde. Die Öffentlichkeit muß trotz der politischen Ferien den vollen Inhalt der Note erfahren, damit man völlig über die Ungeheuerlichkeit dieser neuen Forderung unterrichtet ist.

A *

Fochs Forderungen.

Von unterrichteter Seite wird zu den Forderungen der Interalliierten Kontrollkommission nachträglich be­kannt, daß in den Noten vor allem darauf hingewiesen wird, daß General v. Seeckt tatsächlich noch den Ober­befehl über die Reichswehr führe, obwohl er nicht mehr formell Oberbefehlshaber sei. Hierzu ist festzustellen, daß Oberbefehlshaber der Reichswehr tatsächlich der Reichs­präsident ist, dem der Reichswehrminister unterstellt ist. General v. Seeckt ist seines Amtes als Chef der Heeresleitung bereits feit längerer Zeit entkleidet, wie dies bereits in einem früheren Notenwechsel zum Aus­druck gebracht worden ist. Die Interalliierte Kontroll­kommission hat jetzt gefordert, den Posten eines deutschen Generalissimus zu schaffen und diesen einem der beiden Truppenbefehlshaber zu über­tragen. Weiterhin wird in den Noten eine Änderung in

Caillaux' Verhandlungen in London.

Das englisch - französische Schulden­abkommen.

Verzicht auf 3 9 3 Millionen Pfund.

Die Verhandlungen des französischen Finanzministers Caillaux in London zur Herbeiführung einer Revision des französischen Schuldenabkommens sind von Erfolg gekrönt gewesen. Das Abkommen ist bereits von den Finanzministern Frankreichs und Englands unterzeichnet worden. Den Verhandlungen wohnte auch der englische Außenminister Chamberlain bei. Den Kern­punkt der neuen Abmachungen bildet der Verzicht Englands auf 60 % der französischen Schuldsumme. Statt 653 Millionen Pfund braucht Frankreich nur 260 Millionen in 62 Jahresraten zu zahlen. Weiterhin verpflichtet sich die englische Regierung zu einer evtl. Revision des Abkommens für den Fall, daß durch irgendwelche Umstände die Zahlungsfähigkeit Frankreichs eine Schwächung erfahren sollte. Gemeint ist hiermit wahrscheinlich die Möglichkeit des Nichteinganges von deutschen Reparationszahlungen. Andererseits hat sich Frankreich verpflichten müssen, das 53 Millionen re­präsentierende, im Jahre 1916 bei der Bank von England hinterlegte Golddepot in England zu be­lassen. Diese Summe soll auf die französische Gesamt­schuld ausgerechnet werden, Frankreich erhält allerdings ein Rücklaufsrecht derart, daß es dieses Gold gegen ent­sprechende vollwertige Devisen zurückerwerben kann.

Rach demDaily Telegraph" haben bei Abschluß dieses Schuldenabkommens auch politische Erwä­gungen eine Rolle gespielt. Die britische Diplomatie ist jetzt am Vorabend des dringend erwünschten Eintritts Deutschlands in den Völkerbund besorgt wegen der

Primo de Rivera in Paris.

Unfreundlicher Empfang.

Die französische Regierung hatte zu der diesjährigen Feier des^ französischen Nationalfeiertages (14. Juli) nicht nur den Sultan von Marokko, sondern auch den spanischen Diktator Primo de Rivera nach Paris eingeladen. Den politischen Grund für diese Einladung bildete die feierliche Unterzeichnung des spanisch-fran­zösischen M a r 0 k k 0 a b k 0 m m e n s. Während nun aber der marokkanische Sultan, von dem man in den Glanztagen Abd-el-Krims so gut wie nichts gehört hatte, von den Parisern ziemlich freundlich begrüßt worden ist, ist es dem spanischen Machthaber bei seiner Ankunft in der Seinestadt nicht besonders gut ergangen.

Schon mehrere Tage vor seiner Ankunft, als die Ein­ladung bekannt wurde, erhoben sich in einem großen Teil der Pariser Presse warnende und erregte Stimmen, die diesen Besuch für unzeitgemäß und überflüssig erklärten. Da man infolgedessen Ruhestörungen befürchtete, hatte die Polizei vorsorglich umfassende Maßnahmen zum Schutze des spanischen Generals getroffen. Es wird z. B. erzählt, daß sie in den Warenhäusern sämtliche Trillerpfeifen und auch andere Lärminstrumente mit Beschlag belegt habe. Viel genützt scheint das aber nicht zu haben, denn Primo de Rivera wurde, als er in Paris aus dem Eisenbahnzug stieg, von einem zahlreichen Publikum mit einem wahren Pfeif- und Heulkonzert und mit lauten Pfuirufen empfan­gen. Die Polizei stürzte sich auf die Demonstranten und es kam zu einem lebhaften Handgemenge, wobei zwei Po­lizisten nicht unerheblich verwundet und 17 Personen, darunter ein Spanier, verhaftet wurden; zwei der Ver­hafteten, darunter ein Stabsarzt, sollen vor ein Kriegs­gericht gestellt werden.

Der offizielle Empfang des Generals, an dem sich Briand, Marschall Pötain und einige Minister betei­ligten, verlief natürlich durchaus korrekt. Für den Präsi­denten Doumergue hat Primo de Rivera die In­signien des spanischen Ordens vom Goldenen Vließ mitgebracht. Doumergue ist allerdings davon dispensiert worden, auch die Ordenskleidung, roten Rock, rot und weiß gefütterten Mantel, gelbe Seidenstrümpfe und rote Schnallenschuhe, zu tragen. Er braucht nur die goldene Ordenskette anzulegen.

*

Unterzeichnung des französisch-spanischen Marokko- Abkommens.

Das französisch-spanische Marokko-Abkommen ist im französischen Ministerium für Auswärtige Angelegen­heiten von Ministerpräsident Briand und Ministerpräsi­dent General Primo de Rivera unterzeichnet worden. Der Unterzeichnung wohnten auf französischer Seite unter anderem der Generalsekretär im Ministerium des Äußern, Ph. Berthelot, Marschall Pütain und General Simon bei. Von spanischer Seite waren Botschafter Quiuones de Leon und General Jordana anwesend.

den Ausbildungsvorschriften in der Reichswehr und der Vorschriften für die V e r w e n d u n g von Panzer- kraftwagen gefordert. Das Reichskabinett wird sich Ende dieser Woche mit dem neuen Schritt der Entente be­schäftigen, sobald Dr. Marx von seiner Rheinlandreise nach Berlin zurückgekehrt sein wird.

M'öglichkeit eines Rücktritts Briands im Falle einer weiteren Verschlechterung der französischen Währung. Man fürchtet in Londoner politischen Kreisen, daß nach einem Sturze Briands ein rechtsgerichtetes Kabinett ans Ruder käme, was neue Schwierigkeiten bei den Völkerbiindverhandlungen hervorrufen könnte. Jn- folgedessen ist man also Caillaux äußerst entgegenge­kommen.

Stützung des belgischen Franken.

Auch die belgische Regierung scheint jetzt daranzu- gchen, energische Maßnahmen gegen das stündige Sinken des belgischen Franken zu ergreifen. Neben der Erhöhung der Eisenbahntarise soll der Verbrauch aller Luxuserzeug- niffe stark eingeschränkt und eine Ausmahlung des Ge­treides von 82 % eingeführt werden. Man hofft mit der letzten Maßnahme täglich eine halbe Million Frank bei der Getreideeinfuhr zu sparen. Außerdem sollen dem König auf die Tauer von sechs Monaten außer­ordentliche Vollmachten verliehen werden, um alle Fragen zu regeln, die sich auf den Banknotenumlauf, Anleihen, die Lebensmittelversorgung und andere finan­zielle Fragen beziehen.

Die belgische Regierung hat einen Aufruf an das Land erlassen, in dem es heißt, die Regierung sei ent­schlossen, alles daranzusetzen, um den finanziellen Wieder­aufbau und die Stabilisierung des Franken herbeizu­führen. Das Volk möge an die unheilvollen Folgen denken, die ein Nachlassen des nationalen Vertrauens jetzt haben könne. Kein innerer Grund rechtfertige das Sinken des belgischen Franken und die Bewegungen, die sich aus den Börsen vollziehen. Mit den härtesten Opfern seien das Gleichgewicht des Budgets hergestellt und die internatio­nalen Verpflichtungen eingehalten worden. Die finan­zielle Sanierung dürfe nicht durch den Ankauf fremder Devisen gefährdet werden.

Absetzung des tschechischen General­stabschefs.

Auf Veranlassung von Foch. ' '

Mit der plötzlichen Beurlaubung des tschechoslowakischen Generalstabschefs Gayda befaßt sich die tschechische und die deutsche Presse ausführlich. DieBohemia" meldet, daß Gayda weder auf seinen Generalstabschefposten noch in den Generalstab selbst zurückkehren werde. Von dem Er­gebnis der Erhebungen des Nationalverteidigungsmi­nisteriums werde es abhängen, ob er fernerhin über­haupt dem Heer angehören werde.

Das gutunterrichtete mährische deutsche Hauptblatt, derBrünner Tagesbote", erfährt, daß die Entfernung Gaydas von dem Posten des Generulstabschefs auf den ausdrücklichen Wunsch des Marschalls Foch zurückzu- führen sei, der Gayda für die Stellung eines General­stabschefs nicht für geeignet erachte.

Eine überaus scharfe Sprache führt das mährische FaschistenblattMorovska Orlice" gegen die Entfernung Gaydas. Das Blatt erklärt, Gayda sei beseitigt worden, weil er sich dem gewalttätigen Plan der Sozialdemo­kratie nach Aufstellung einer sozialistischen Diktatur ent­gegengestellt habe. Wenn die Sozialdemokratie den Bürgerkrieg wolle, so nähmen die Faschisten diese Her­ausforderung an.

W&I10 der Länder- und Gemeindkanikihen.

Berlin. Nachdem die zweite Verordnung des Reichs- mmisters der Finanzen zur Durchführung des Gesetzes über die Aoloiuug der öffentlichen Anleihen vom 2. Juli laufenden ccahres ergangen ist, haben die Landesregierungen ent« sprechende Ansfuhruttgsverorduungev über die Ablösung der " ^ ^ fßnlcti)cII ö^k Sänger, der (Gemeinden und der

Verbände erlassen. In allen diesen Verordnungen der Länder ist die Ausschlußsnst für die Anmeldung der in Betracht fom« Enden Anleihen und zwar zunächst nur für solche alten

- zum Umtausch iu Ablösuugsanlcihe und zur Gc- Wahrung von Auslosungsrechten einheitlich auf die Zeit vom - August bis 1. November festgesetzt worden. Der Anspruch auf Umtausch von Inhaberschuldverschreibungen ist durch An­meldung innerhalb der Ausschlußfrist, wie bei der Ablösung der steichsau eihe, bei einer Vermittlungsstelle geltend zu machen. _ ie Einzelheiten des Verfahrens ergeben sich aus den Verordnungen der Landesregierungen.

Zwischenfälle in Germersheim.

Berlin. Zu Vorgängen in Germersheim, wo ein Festzug durch französisches Militär belästigt wurde, wird von unter­richteter Seite gemeldet: Der französische Stadtkommandant von Germersheim hatte versprochen, die Feier nicht zu stören. Der ^hn während seiner Abwesenheit vertretende Major hat die Feier offenbar absichtlich stören lassen. Am Abend des 3. Juli (Sonnabend) setzten sich mehrere Kompagnien mit Musik vor den Festzug, welcher die auswärtigen Fahnen vom Bahnhof abholte. Andere französische Soldaten drangen in den Fcstzng ein. Bei der Feier am Denkmal stellten sich zigarettenrauchende Unteroffiziere so vor das Denkmal, daß eine Kranzniederlegung nur mit Oberst eigen des Gitters mög­lich war. Am 4. Juli wurden zahlreiche Fahnen und Girlanden hermttergerisseu. Auch auf dem Feststplah suchten die Fran­zosen allenthalben zu stören. Am Dienstag kam der stellver­tretende Kommandant zum Bürgermeister und forderte, Zeitungsberichte über die Vorgänge zu verhindern. Der Bürgermeister lehnte das mit dem Hinweis ab, daß zahlreiche Teilnehmer aus dem nicktbesetzten Gebiet amvefeno gewesen seien. Der Major hat sich daun entschuldigt.