Zulüaer /lnzeiger
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Nr. 164 — 1926
Fulda, Mittwoch, 21. Juli
3. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser
' * In einer Sitzung des Reichskabinetts berichtete Reichs- Wehrminister Dr. Geßler über die letzten Noten der Kontrollkommission und vertrat die Ansicht, daß die Stellung des Generalobersten von Seeckt durch die früheren Verhandlungen geklärt sei.
* Der Verband der Bergarbeiter Deutschlands hat sich für «inen Zusammenschluß aller deutschen Bergarbeiterorganisationen eingesetzt und entsprechende Verhandlungen einge- leitet.
* Kammerpräsident Herriot ist die Bildung einer neuen Megierung gelungen, deren oberstes Ziel die Verteidigung des Franken sein soll.
Der Tanz ums Goldene Kalb.
Wer kennt nicht Klante! Wer kennt nicht diesen „König" der Wettbureaus, der versprach, die bei ihm hinterlegten Gelder mit Hilfe von vier Pferdebeinen auf dem grünen Rasen verdoppeln zu wollen in vier Wochen! Er ist rasch gestürzt worden, dieser „König", aber nur mit Mühe konnte die Hamburger Polizei neulich verhindern, daß er seine allerdings nur für ihn selbst so „frucht"brin- gende Tätigkeit wieder aufnahm und dabei — zahlreiche neue Dumme fand. Er und nicht wenige seinesgleichen spekulieren aus den Wunsch so Unzähliger, s ch n e l l u n d mühelos reich zu werden, wobei diese Spekulanten dann meist Glück haben, bis — die Polizei zugroist. Jetzt hat sie auch wieder zugegriffen. Auch er „machte" in Rennwetten, in „Sparsystemen" und dergleichen, dieser Herr Artur Keil, versprach für Einlagen eine Verzinsung von monatlich (!) 65 % unb hatte hierfür sein ebenso geheimnisvolles wie einträgliches „System". Er hatte — natürlich! — sein Hauptbureau und zahlreiche Filialen, denn zahlreich ist die Schar jener, die ihm Glauben schenkten, ihr Geld Hingaben und jetzt „in den Mond gucken" können. Was Herrn Keil und seinem weiblichen Anhang recht gut bekommen ist.
Also wieder einmal einer, trotz aller Warnungen der Presse! Aber — „am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles, ach, wir Armen!" seufzt Gretchen, als ihr Faust das Halsgeschmeide heimlich in den Kasten hatte stellen lassen. Herr Keil ist natürlich vorbestraft — woraufhin sich die Frage erhebt, warum die Kriminalpolizei den ganzen Schwindel nicht längst schon verhinderte, da es doch Pflicht des Staates ist, auch die Dummen zu schützen.
Freilich, schon der alte römische Schriftsteller Tacitus berichtet, daß die Germanen ganz unverbesserliche „Spielratten" gewesen seien und sich selbst, Hab und Gut, Frau und Kind „verjeuten". Wir Nachfahren begnügen uns damit, Hab und Gut zu verspielen; zahllos sind Tragödien dieser Art bei hoch und niedrig. Ein bißchen besser ist es ja geworden seit jenen Tagen der Nach- revolutions- und Inflationszeit, als der „Drang nach Gold" geradezu unersättlich schien und an allen Straßenecken irgendeine Bassermannsche Gestalt den Spieltisch aufstellte und die Vorüberkommenden zu raschem „Gewinn" anreizte, aber zu noch rascherem Verlust verführte, während in Hunderten von Spielklubs hinter verhängten Fenstern und verschlossenen Türen der Nepp im großen vollzogen wurde, wobei die wütendsten, seßhaftesten Spieler die — Frauen waren. Jetztaberrolltdas Geld langsamer, wird viel schwerer verdient als in jenen wilden Tagen, sind wir erwacht aus dem rasenden Rausch der Stunden, sind nüchterner geworden. Leider nicht so nüchtern, daß nicht immer noch jene Schafscherer genug der Opfer finden. Gerade die Not der Gegenwart verleitet ja so manchen dazu, mittels der letzten paar Mark auf diese Art das „Glück" zwingen zu wollen.
Es bleibt ja doch immer vergebens, nur neue Leidtragende gesellen sich zu den bisher schon vorhandenen Tausenden; das Spieldezernat der Kriminalpolizei weiß ein Lied davon zu singen. Zu spät kommt dann immer die Reue und wie oft wird ein F a m i l i e n l e b e n z e r- stört durch diesen Tanz ums Goldene Kalb. Wirkliche Gewinner sind nur die anderen, die die Schafe scheren, aber nur solange, bis sich die Gefängnistüren hinter ihnen schließen. Da ist es eine Pflicht des Staates, vorbeugend oder schnell zugreifend zu verhindern, daß derartiges verkomint. Hierbei ist ja gar kein Unterschied mehr zwischen „Spiel" und Betrug und nicht immer ist es Leidenschaft, die jene dunklen Elemente auszunutzen versuchen, sondern so manches Mal auch Unerfahrenheit. Da kann der Staat viel Unglück und Leid verhindern; das Wichtigste freilich bleibt Selbst besinnung und Selb st erziehung.
Gpielklubschwindel.
Durch die Anzeige von Geschädigten ist die Kolberger ^Kriminalpolizei auf ein von Berlin ausgehendes großes Schwindelunternehmen aufmerksam geworden. Drei „Direktoren" eines angeblich für Kolberg konzessionierten Spielklubs suchten gegen Kautionen bis zu 3000 Reichs- mark Angestellte mit Gesellschaftcrbeteiligung bei Bezügen von 35 Mark täglich. In Kolberg erfuhren die Angestellten, daß sie Schwindlern in die Hände gefallen waren. Die Betrüaer sollen etwa 35 000 Mark erbeutet haben.
Der Reichspräsident und die Deutsche Sstmessc.
Königsberg. Reichspräsident v. Hindenburg bat das Protektorat über die Landwirtschaftliche Ausstellung der Deutsches Ostmesse (vom 22. bis 25. August) ü b e rn 0 mme 11. Der Reichspräsident übermittelte bei diesem Anlaß seine besten Wünsche für den Erfolg dör Deutschen Ostmesse und gab der Hoffnung Ausdruck, daß auch diese Veranstaltung von Vorteil 1111b Segen für die innere Verbindung Ostpreußens mit dem Reiche sein möge.
Wichtige Sitzung des Reichskabinetts.
Nr. Geßler Mr »i- Enltvasfmmgsnolen
Noch keine Entscheidung über das Ehrenmal.
Die Neichsregierung nahm in einer Kabinettssttzung den Bortrag des Reichswehrministers Dr. Geßler über die jüngsten Noten des Generals Walch entgegen. Dr. Geßler hat sich, wie verlautet, auf den Standpunkt gestellt, daß die Frage der Stellung des Generalobersten v. Seeckt grundsätzlich und endgültig im Frühjahr geklärt worden ist. Das Reichskabinett hat sich dieser Auffassung einmütig angeschlossen und ist der Ansicht, daß sie leinen Anlaß habe, die Erörterung über diese erledigte Frage noch einmal aufzunehmen.
Das Kabinett beschäftigte sich dann mit der Frage der künftigen Mitwirkung der Reichsregierung bei wichtigen Entschließungen des Verwaltungsrates der Reichs- b a h n g c s e l l s ch a s t. Da die Frage, ob und inwieweit das Reichsbahngesetz geändert werden müßte, noch nicht genügend geklärt ist, soll der Reichskanzler mit dem Präsidenten des Verwaltungsrates, «.Siemens, I
Das neue französische Kabinett.
Herriots Regierung gebildet.
Valutapanik in Paris.
Kammerpräsident Herriot ist es tatsächlich gelungen, schnell eine neue Regierung zu bilden. In diesem neuen Kabinett übernimmt Herriot außer dem Vorsitz auch das Portefeuille des Äußern, während Senator d e M 0 n z i e die Leitung des Finanzministeriums übernimmt und P a i n l e v é in das Kriegsministerium einziehen wird. 15 Mitglieder der neuen Regierung gehören dem sogenannten Kartell der Linken an, während sechs Minister bzw. Unterstaatssekretäre der Mitte des Hauses entnommen sind. Herriot hofft, durch diese Zusammensetzung seines Kabinetts eine Mehrheit in der Kammer zu finden. Er bezeichnet fein neues Ministerium als die Regierung der republikanischen Einigung, deren Ziel es sei, die Verteidigung des Frank ohne jeden Parteigeist durchzusühren. In einem Aufruf au das Land verspricht die neue Regierung, entschlossen zu handeln, und mahnt gleichzeitig zur Ruhe, die ebenso wie die nationale Arbeit eines der unerläßlichsten Elemente für feinen Wiederaufbau ist. Der neue Finanzminister gab über sein Finanzprogramm eine kurze Erklärung ab, in der er betonte, daß die Regierung keine Inflation fördern würde, zugleich fordert er aber auch eine gewisse Bewegungsfreiheit zur Durchführung seiner Pläne.
politische Rundschau.
Deutsches Reich.
Das ArbcUsbcschaffungsprogramm.
Ende dieser Woche findet zur Durchführung des A r b e i t s b e s ch a f f u n g s p r 0 g r a lir m s der Rcichsrcgierung in Berlin eine Besprechung zwischen Reich und Ländern statt. An der Besprechung nehmen auch die Spitzen des Städtetages sowie der Verwaltungsrat für Arbeitsvermittlung teil. Man will das Arbeits- beschaffungsprogramm gemeinsam durchbesprechen, damit jedes unnötige Rebeneinanderarbeiten bei der Durchführung der Notstandsarbeilen vermieden wird. Gleichzeitig sollen alle übrigen mit dem Erwerbslosen- problem zusammenhängenden Fragen (Arbeitslosenversicherung, Schaffung einer besonderen Fürsorge für Ausgesteuerte und bergt) durchberaten werden. Im Vordergrund der preußischen Notstandsarbeiten steht der Landarbeiterwohnungsbau.
Ein Aufruf Joseph Wirths an alle Republikaner.
Der bekannte Zentrumsführer und frühere Reichskanzler JosephWirth erläßt in einem Zeitungsartikel einen Aufruf an alle entschiedenen deutschen Republikaner, in dem er angesichts der vielen innerpolitischen Wirren in Deutschland zu einer Verständigung und zu einem festen Zusammenschluß aller wahrhaften Freunde der Republik auffordert. Er werde im kommenden Spätherbst mit einigen Freunden versuchen, eine gemeinsame Basis für die Republikaner zur Vertiefung der Probleme der Deutschen Republik zu schaffen. Der Reichstagspräsident Paul Löbe und der Demokrat Ludwig Haas seien von dem gleichen Gedanken beseelt, und die Reichsbannerleute und alle entschiedenen Republikaner in Deutschland würden ihre Scharen bereitwillig dem Dienste an der Deutschen Republik zuführen.
Aus In. und Ausland.
Berlin. Die deutsch-polnischen Verhandlungen über die Niederlassung ssrage haben hier begonnen. Die Zoll- verhandlungen werden in diesen Tagen fortgesetzt.
Berlin. Reichskanzler Marx hat an den früheren öfter- reichiscbcn Bundeskanzler Prälaten Dr. Sei p e I, der den fünfzigsten Geburtstag feierte, ein herzliches Glückwunschtelegramm gesandt.
London. Anläßlich eines Hinduscites kam es bei Kal- k u t l a zu neuen Zusammenstößen zwischen Hindus und Mo-
noch weiter verhandeln. Aus diesem Grunde wurde vorläufig der Beschluß über die Bestätigung der Wahl des neuen Generaldirektors Dr. Dorpmüller noch ausgesetzt.
Auch in der Frage des Reichschrenmals, über die der Reichsinnenminister Dr. Külz berichtete, wurde noch keine Entscheidung getroffen, da von rheinischer Seite gegen die Wahl des Bcrkacr Forsts als Tenkmalsstütte Einspruch erhoben worden ist und die Rheinprovinz sich mit allen Mitteln für die Errichtung des Gefallenendenkmals am Rhein cinsctzt. Die Reichsrc- gicrung hat den formellen Beschluß zwar vertagt, aber zugleich betont, daß Berka schon deshalb der Vorzug zu geben wäre, weil es im Herzen Deutschlands liege.
Am Schluß der Sitzung befaßte sich das Kabinett mit dem Vorschläge des Reichskanzlers, einen Wechsel im Staatssekretariat der Reichskanzlei cin- treten zu lassen. Dr. K c m p ii e r, der sich auf Urlaub befindet, dürfte durch einen Beamten ersetzt werden; die endgültige Entscheidung liegt beim Rcichs- vräsidcntew
In Pariser und Londoner Finanzkreisen hat die Kabinettsbildung Herriots einen überaus ungünstigen Eindruck gemacht und in der Hauptstadt Frankreichs zu einer Valutapanik geführt. Vielfach weigerte man sich in Pariser Geschäften, noch Papicrsrank anznnch- men. Auch im internationalen Deviscnverkehr setzt sich die Flucht aus dem Frank fort. Für ein Pfund Sterling wur den am Dienstag nachmittag in London 237,50 Frank notiert.
Auch in der Presse ist die Aufnahme der neuen Regierung, von wenigen Links blättern abgesehen, die denkbar schlechteste. Die Rechtsblätter, wie das „Echo de Paris" und der „Gaulois", nennen die neue Regierung eine Herausforderung an das Land. „Echo de Paris" bezeichnet die Auslösung der Bammer als dringend notwendig. Der „Gaulois" weist auf die Schwierigkeiten auf außenpolitischem Gebiet hin. Früher habe Herriot auf die Sympathien seines Genossen Macdonald rechnen können. Aber welche Ausnahme mürbe ihm der konservative Baldwin bereiten, da er Herriot auf dem besten Fuße mit der Moskauer Regierung wisse? Das Blatt befürchtet, daß Herriot, der auf die Ruhr verzichtet habe, auch die Rheinlandbesetzung aufheben werde. Von den Linksblättern äußern sich das „Oeuvre" und die „VolontS" wenig günstig für die neue Regierung. Der „Quotidien" ist beinahe das einzige Blatt, das der neuen Regierung in vollem Umfange zustimmt.
yammevanern. Steven >45 e r j 0 n c n wuroen getötet, viele andere verletzt.
London. Die Aussprache der englischen Bischöfe mit dem Ministerpräsidenten Baldwin über die Kohlenkrise ist ergebnislos verlaufen.
Athen. Das neue Ministerium ist von dem ehemaligen Minister und Vorsitzenden des Sparausschusses Entaxias gebildet worden. Für die Finanzen will das Kabinett diktatoriale Gewalt haben, im übrigen aber verfassungsmäßig regieren.
Förderung von Fotstandsarbeiten.
Eine amtliche Erklärung.
Neben der Erteilung von Aufträgen an die Industrie und her Förderung der Ausfuhr und des Wohnungsbaues sieht die Reichsregierung in ihrem Arbeitsbeschaffungsprogramm vor, auch künftig aus die verstärkte Durchführung von Notstands- arbeiten hinzuwirken, die sich in besonderem Maße für die Beschäftigung von ungelernten Arbeitern eignen. Die Bedeutung dieser Arbeiten ergibt sich daraus, daß allein die Rcichsarbcitsverwaltung in den Monaten April, Mai und Juni b. Is. der Ausführung oder Fortführung von Unternehmungen mit einem Gesamlauiwand von 28 Millionen Reichsmark, von denen 22 Millionen Reichsmark auf die Mittel der Erwerbslosensürsorge fallen, zugestimmt hat.
Von diesen Arbeiten verdienen besonderes Interesse: in Preußen umfangreiche Straßenbauten; in Sorgetal-Kreis Hasencrweiterungsbauten; in Wange Regulierungen im Niederschlagsgebiet der Seseke und die Fortsetzung des Kanal- baues Kampe—Dörpen; in Bayern der Bau einer Bahn Viechtach—Blaibach; großzügige Krafterfchlietzungsarbetten in der mittleren Isar und die Regulierung der Isen zwischen Ampfing und Erharting; in Sachsen Regulierungen der Elster und Bau einer Talsperre bei Weiterswicse; in Thüringen größere Meliorationsarbeiten in den Landkreisen Sonneberg, Meiningen und Hildburghausen; in Hessen die Fortführung der Ricdentwässerung und in Oldenburg die Fortsetzung des Kanalbaues Kampe—Wcdclsberg und die Regulierung der Haasegewäfser.
Diese Unternehmungen stellen nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Gesamtprogramm der Notstandsarbcitcn dar; denn die Mitwirkung der Reichsarbeitsverwaltnng bei der Anerkennung von Notstandsarbcitcn ist aus die Projekte beschränkt, bei denen die Beihilfe aus den Mitteln der Erwerbs- lofeitfürforge den Betrag von 200 000 Reichsmark übersteigt. Die Anerkennung der weitaus zahlreicheren kleineren Unter- ncbmunaen ist auch soweit Rcicbsmittcl in Anspruch genommen