Zuldaer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 165 — 1926
Fulda, Donnerstag, 22. Juli
3. Jahrgang
Meine Zeitung für eilige Leser.
* Der Reichskommissar für die besetzten Gebiete hat wegen her Vorfälle in Germersheim der Interalliierten Rheinland- kommisston eine Note übergeben.
* Ministerialdirektor Dr. Pünder ist an Stelle Dr. Kemp- Nèrs zum Staatssekretär der Reichskanzlei ernannt worden. ' * Die deutsche Außenhandelsbilanz war im Monat Juni zum erstenmal in diesem Jahre passiv.
* In Moskau starb im Alter von 49 Jahren der weitbekannte Ches der früheren Tscheka, F. E. Dsershinski.
Der Deutsche im Ausland.
In Dresden ist ein italienischer Student verurteilt worden, weil er bei einer Auseinandersetzung mit Deutschen den unverschänlten Ausdruck: „Deutsches Schwein" gebrauchte. Er hat dafür nur drei Monate zu brummen unb man ist durchaus der Ansicht des Richters, daß ein Deutscher im Ausland, der sich gleiches erlauben würde, weit höhere Strafe zu gewärtigen hätte. Aber — schon der Gedanke eines solchen umgekehrten Falles muß ein leises Lächeln Hervorrufen, weil ein solcher Gedanke überhaupt eine Unmöglichkeit vor sich sieht.
Merkwürdig: es wird immer soviel davon geredet, daß der Deutsche „im Auslande unbeliebt" sei — bloß niemand kann sagen, daß er selbst etwas von dieser Unbeliebtheit verspürt hat, daß er schlecht behandelt worden ist. Die Zeiten liegen ja Jahrhunderte zurück, da ein alter englischer Schriftsteller über den „unerträglichen Na- tivnalstolz" der Deutschen redete. Und wenn Mussolini über die Tracht der Deutschen und ihre sonstige Haltung in Rom und Italien unpassende Bemerkungen macht, so tut er das aus durchsichtigen politischen Gründen. Ernster ist natürlich die Sache, wenn, wie es jetzt an der belgischen Seeküste geschah, die Deutschen aus einer Nach wir- kung derKriegspsychose heraus geradezu schamlos behandelt werden; darauf gibt es dann eben nur eine Antwort: sortgehen und fernbleiben. Das hilft immer. Dazu kommt, daß die belgische — und französische — Jn- »WqMHton M oexueifüHrr, die^ takt- und rücksichtslos die „günstige Gelegenheit" ausnutzen. Auch uns waren diese ausländischen Jnflationshyäncn vor drei und vier Jahren nicht gerade sympathisch.
Das sind alles besonders gelagerte Fälle und darum besonders zu beurteilen; aber wir sollten das Märchen von dem „im Ausland unbeliebten Deutschen" nicht gar so schnell nachplappern. Wozu überhaupt „beliebt"? Der Reisende sordert eine Leistung und macht dafür seine Zahlung. So denkt der Engländer und der Amerikaner, diese typischen Reisenden, und sie fahren gut damit, obwohl sie längst nicht so freigebig und kauflustig sind wie die Deutschen. Sie interessieren die Gefühle ihres Hoteliers oder des Hausknechts nicht im geringsten; aber wir — werben darum, beliebt zu sein, und betonen ernsthaft die Rotwendigkeit, „moralische Eroberungen" zu machen. Die Regeln, wie man sich als gebildeter und taktvoller Mensch zu bewegen hat, sind stillschweigendes internationales Übereinkommen. Aber nun überall zu erzählen, der Deutsche benehme sich im Ausland allzuoft taktlos und ungeschliffen, ist erstens unwahr unb dann, wenn es gar von Deutschen selbst über Deutsche gesagt wird, national würdelos! Wenn der Deutsche allerdings endlich von seinem alten Laster lassen wollte, im Ausland durchaus sofort die fremde Sprache radebrechen zu wollen, auch dort, wo es gar nicht nötig ist, also auf dem Bozener Bahnhof nach einem „facchino" zu schreien, obwohl dort alle Gepäckträger Deutsche sind — dann wäre der Deutsche entschieden „beliebter"!
Südtirol — eine Frage für sich? Oh nein, man soll hin, man muß hin, gerade jetzt. Gewiß sind viele Hoteliers „italienfreundlich" — aus Geschäftsrücksichten. Aber die Bevölkerung ist doch kerndeutsch bis zur Sprachgrenze und man riskiert allerhand, wenn man sie auch nur im Scherz „Italiener" nennt. Hier kann man nationales Leid kennenlernen, wenn man mit dem deutschen Führer doch in die Einsamkeit der Berge geht und kein Faschisten- spion zuhören kann. Deswegen gehen doch genug Deutsche nach Deutschösterreich.
Daß Italien die deutsche Zurückhaltuitg verspürt, ist erfreulich; schadet nichts, daß man dort jetzt schimpft. Luft und Berge, Licht und Meer gibt es auch anderswo genug.
Deutscher Schritt wegen Germersheim
Note an die Interalliierte Rheinlandkommission.
Der Reichskommissar für die besetzten rheinischen Gebiete in Koblenz hat wegen der bekannten Zwischenfälle ,n Germersheim der Interalliierten Rheinlandkommission eine Note übergeben. Dieser Schritt ist auf Veranlassung des ne,«ernannte« Ministers für die besetzten Gebiete, Dr. Bell, erfolgt, über den Inhalt der Roten ist der Öffentlichkeit noch nichts bekannt geworden, doch hieß es m politischen Kreisen, daß die deutsche Regierung wegen der Vorfälle Genugtuung verlangen werde.
Die Vorgänge, die zu dem Protest der deutschen Regierung geführt haben, dürften noch bekannt sein. In Germersheim in der Pfalz ist ein Festzug am 3. und 4. ^uli durch das dort stationierte französische Militär ivicberbolt belästigt und gestört worden, obwohl der französische Stadtkommandant das Versprechen gegeben hatte, die Feier nicht zu stören. Außerdem sind in Germers- Hetm rn den letzten Tagen wiederholt Belästigungen von Frauen und Mädchen von französischen Soldaten vorge- kommen. Dem französischen Stadtkommandanten selbst lchelnen die Zwischenfälle während des Festes so unan- genehm gewesen zu sein, daß er gebeten hatte, über sie nichts in der Presse zu veröffentlichem
Neuer Regierungssturz in Frankreich.
Stürmischer Kabinettsrat in Paris.
Die Hauptstadt Frankreichs ist, wie immer in anfge- rcgtr» Zeiten, der Schauplatz wildester Gerüchte, die zu einer Valutapanik der Bevölkerung geführt haben. Die F l » ch t aus dem Frank hat auf der ganze«! Linie eingesetzt. Die Banken werden vom Publikum gestürmt, das seine Anlagen zurUckverlangt oder vergeblich versucht, die Kriegsanleihestücke in Geld umzuwan- deln. Die Geschäfte werden überlaufen. Man kauft alles, was zu haben ist, mit dem Erfolg, daß die Preise von Tag zu Tag sprunghaft in die Höhe schnellen. In den großen Waren- und Kaufhäusern werden die Preise zwei- bis breimal täglich geändert. Besonders die Ausländer nehmen große Hamsterkkufe vor, so daß in Paris eine. wachsende F r e m d e n f c i n d l i ch ke i t Platz gegriffen hat, in deren Anschluß es wiederholt zu blutigen Zwischenfällen gekommen ist.
Die Stellung des Kabinetts Herriot ist nach wie vor sehr schwach. Gerüchtweise verlautet sogar, daß Herriot bereits zurückgetreten sei und Poincars seine Nachfolgerschaft angeireten habe. Den Grund zu diesem Gerücht gab wohl der Verlauf eines Kabinettsrates, der sehr stürmisch war und in dem verschiedene Minister ihre Demission angeboten haben. Sie wurden nur mit Mühe veranlaßt, diese zurückzunehmen. Während der Kabinetts- rat tagte, begab sich nämlich der Gouverneur der Bank von Frankreich zum Präsidenetn der Republik, Doumergue, und setzte ihn von der stündlich zunehmenden Gefährlichkeit der Finanzkrise in Kenntnis, insbesondere, daß seit dem Regierungsantritt Herriots Schatz, scheine und Nationalbons in ungeheuren Mengen zur Einlösung an sämtlichen Kassen des Landes vorgelegt würden und daß das Schatzamt dem Ansturm nicht begegnen könne. Sofort nach dem Besuch des Bankgouverneurs ließ Doumergue Herriot zu sich rufen und legte ihm.unzweideutig nahe, daß er möglichst schnell sich dem Parlament vorstellen und Klarheit über die Lebensfähigkeit seiner Negierung schaffen müsse.
Ministerpräsident Herriot hatte mit bem Gouverneur der Bank von Frankreich und mehreren seiner Mitarbeiter, namentlich mit bem Finanzminister bc Monzie längere Besprechungen, denen sich unter dein Vorsitz des Präsidenten der Republik ein Ministerrat anschloß. In den Wandelgängen der Satnmér herrscht eine pessimistische Stimmung. Die Sitzung der radikalen Abgeordneten, die sich mit einer eventuellen Unterstützung des Kabinetts besaßte, soll sehr stürmisch verlaufen sein. Es wird auch erklärt, daß die Sozialisten sich hinsichtlich der dem Kabinett zu gewährenden Unterstützung sehr reserviert gezeigt hätten. In politischen Kreisen herrscht ein völliges Durcheinander, so daß noch keine Einigung über die Entgegennahme der Regierungserklärung erzielt werden konnte. Es liegen bereits sechs Interpellationen vor, die von der Regierung Näheres über die Sanierungs- Pläne wissen wollen.
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Paris, 21. Juli. In der Kammer ist heute abend der von der Regierung angenommene Vertrauensantrag Cazals mit 290 gegen 237 Stimmen abgelehnt worden. Die Regierung ist also mit 57 Stimmen in der Minderheit geblieben und ist zum Rücktritt gezwungen.
Paris im Inflationsiaumel.
Ganz wie bei uns.
Ein soeben aus Paris zurückgekchrtcr Mitarbeiter stellt uns folgenden Beitrag zur Verfügung, der durch die letzten Vorgänge in der Seincmctro- pole von erhöhtem Interesse ist
Ist in Paris wirklich alles so billig? Dies ist meist die erste Frage, die Bekannte an einen stellen, wenn sie hören, daß man eben ans Paris zurückkommt. Ja, es ist für uns Deutsche jetzt wirklich sehr billig bort, wenigstens sofern man sein Geld dort ausgibt, wo in der Hauptsache Franzosen verkehren. Um nur ein paar Preise als Beispiel anzuführen: ein Zimmer kostet in einem sranzösifchcn Hotel, wo kein internationales Publikum verkehrt, in Mark umgerechnet etwa 2,50, fertige Herreuanzüge sieht man in dèn Schaufenstern ausaeüellt für den Gegenwert von 30—40 Mark und für 50—60 Mark kann man sich schon einen guten Maßanzug unfertigen lassen. Elegante Glacehandschuhe bekommt man für 2—3 Mark, Schuhe für 10 bis 14 Mark und so in dieser Preislage geht es weiter; ein Mittagessen von vier Gängen kostet in einem einfachen gutbürgerlichen Lokal mit einem viertel Liter offenen Wein 1,50 bis allerhöchstens 2 Mark. Besonders billig sind auch die Fahrpreise auf der Eisenbahn; so kostet z. B. die Fahrt 2. Klaffe mit dem eleganten Expreßzug Brüssel- Paris nur etwas mehr als 9 Mark, die Untergrundbahnfahrt 2. Klasse in Paris 6 Pfennige, und da es dort Einheitsfahrkarten für das gesamte Verkehrsnetz der „Metro", wie die Untergrundbahn dort heißt, gibt, so kann man für diese 6 Pfennige tatsächlich ganz Paris von einem bis grün anderen Ende dnrchguercn.
Man sieht schon aus diesen Beispielen, daß die französischen Verhältnisse sehr stark an unsere Inflationszeit unseligen Angedenkens erinnern, und auch dort sind bi» Nebenerscheinungen ganz ähnlich wie damals bei uns. Paris war ja an sich immer eine Fremdenstadt, aber in solchen Strömen wie iebt sind die Fremden aus allen Nachbarländern und nicht zuletzt aus Nordamerika doch noch niemals dorthin geeilt.
Allenthalben inerkt man im Straßenbild deutliche Spuren davon, vor allen Dingen sieht inan eine große Zahl jener geräumigen Rundsahrtautos die Stadt durcheilen, mit deren Hilse die gewissenhaften Fremden die Pariser Sehenswürdigkeiten programmäßig in möglichst kurzer Zeit genießen. Namentlich die Stätten, wo man sich abends amüsiert, die zahllosen Theater, Revuebühne«, . Musichalls und Kabaretts sind ganz aus die ausländischen Besucher eingestellt, und da die englischsprechenden Fremden der Zahl nach bei weitem überwiegen, findet man sehr viele dieser Vergnügungen in englischer Sprache angekündigt. Anch gibt es in Paris wohl kaum noch Ansichtspostkarten zu kaufen, auf denen der Text unter der Ansicht nicht in französisch und in englisch gedruckt wäre.
Geradezu verblüffend ist für den Freinden, der Paris zum erstenmal besucht, der gewaltige Autoverkehr auf den großen Boulevards. Überhaupt ist das Straßenleben in Paris viel lebhafter, als wir es bei uns in den Großstädten gewöhnt sind, das hängt vor allem mit dem lebhafteren Naturell der romanischen Bevölkerung zusammen. In den Hauptverkehrsstraßen entwickelt sich namentlich vor den zahlreichen Kaffeehäusern ein reges Leben, die Gäste sitzen bis zur Mitte des Bürgersteiges, und wenn die großen Warenhäuser ihre Saisonausverkäufe haben, so errichten sie vor den Schaufenstern auf der Straße ebenfalls trotz des regen Vexkehrs Verkaufsstände, an denen dann regelmäßig ein beispielloses Gewühl herrscht, so daß man sich im stillen wundert, daß dort nicht mehr gestohlen als gekauft wird.
Auch der Montmartre, jenes weltberühmte ehemalige Pariser Künstlerquartier, das sich dann zur Amüsierstadt entwickelte, hat natürlich durch die Zeitverhältnisse ein etwas anderes Gesicht bekommen. Durch die ehemals so stillen winkligen Gäßchen rattern jeden Abend die Luxusautos und großen Ruudfahrtwagen hinauf, die die Fremden in die angebliche Montmartreromantik bringen. Das heißt, in Wirklichkeit sind oben auf der Höhe des Montmartres, von wo man einen herrlichen Blick auf die zahllosen Lichter von Paris hat, eine Reihe international ausgemachter Restaurants entstanden, die mit der eigentlichen Montmartreromantik von ehedem nicht eben viel zu tun haben. Am Fuße des Monünartres befinden sich die meisten Revuetheater, Kabaretts und überhaupt Amü- fierftätten aller Art. Allen voran natürlich das weltberühmte Monlin rouge, über dem sich allabendlich im Glanze zahlloser roter elektrischer Birnen die bekannten Windmühlenflügel drehen. In den vielen Revuen wird vor allen Dingen die „Nacktkultur" bis zum äußersten getrieben, wie es unsere deutsche Polizei niemals gestatten würde, aber hier nimmt niemand Anstoß, es ist eben Paris. Ist der Deutsche erst ein paar Tage hier, dann wird ihm bald klar, daß er sich auf die Dauer in dieser Weltstadt wobl saunt wobliüblcn würde.
Ein neuer Ehes der Reichskanzlei.
D r. P ü n d e r e r n a n u t.
Der Reichspräsident hat den bisherigen Staatssekretär der Reichskanzlei, Dr. Kcmpner, in den cinstwciligcn Ruhestand versetzt und an besser. Stelle den Ministerialdirektor der Reichskanzlei, Dr. Pünder, zürn Staatssekretär der Reichskanzlei ernannt. Der neue Staatssekretär gehört parteipolitisch beut rechten Flügel des Zentrums an, ist aber bisher noch nicht in brr Öffentlichkeit hervorgetreten.
Mit der Ernennung Dr. Pünders, der als unpolitischer Beamter gilt, wollte Reichskanzler Dr. Marx wohl dokumentieren, daß sein Kabinett als übergaiigsministc- rium zu betrachten sei. Man hatte ursprünglich auch die Absicht, die Neubesetzung dieses für die Führung b^r Reichsgeschaste wichtigen Postens bis zum Herbst zu vertagen, da voraussichtlich zu diesem Zeitpunkt wieder die Frage einer Umbildung der Reichsregierung neu aufgerollt werden dürfte. Der bisherige Staatssekretär Dr. Kcmpner hat dem ersten und zweiten Kabinett Lnther angehört. Wie cs heißt, soll er in absehbarer Zeit im diplo- mattschen Außendienst Verwendung finden.
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Reichskanzler Marx bat am Mittwoch Berlin zu einem längeren Urlaub verlassen, den er in Süd- deutschland verleben wird. Sein Vertreter ist Reichs- Wehrminister Dr. Geßler.
Unsere Handelsbilanz passiv.
Zum c r ft c n m a I in diesen! Jahr.
Die deutsche Außenhandelsbilanz ist im J u « i zum erstenmal in diesem Jahre passiv. Der Einfuhrübcrfchutz im Juni beträgt insgesamt 35 Millionen Reichsmark, im reinen Warenverkehr 33 Millionen Reichsmark, während der Mai einen Ausfuhrüberschuß von 27 Millionen Reichsmark, der April von 56 Millionen Reichsmark aufwies.
Die Umsätze sind gegenüber dem Vormonat recht er- beblich gestiegen. Die Einfuhr hat mit 792 Millionen Mark im reinen Warenverkehr eine Höhe erlangt, die sie