Zul-aer Anzeiger
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9ir. 167 — 1926 Fulda, Samstag, 24. Juli 3. Jahrgang
Kleine Zeitung für eisige Leser.
* Ter deutsche Botschafter in Paris übergab dein dortigen Auswärtigen Amt eine Abschrift der Beschwervenole über Germersheim
* Der preußische Ministerpräsident Braun hat in einem Schreiben an den Reichskanzler als Stätte sür das Reichsehrenmal Berlin vorgeschlagen; im Falle der Ablehnung dieses Vorschlages sollte das Rheinland berücksichtigt werden.
* Der polnische Außenminister Zaleski erklärte in einer Senalsrede. daß Polen seine Ansprüche aus einen ständigen Ratsitz im Völkerbund nicht aufgebe.
* Poineare ist es gelungen, ein Kabinett auf breiter Grundlage zu bilden.
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Kulissenwechsel.
Auch in der Politik derselbe ewige Kreislauf bei Dinge, an den die Menschheit bei allen Fortschritten im einzelnen im Grunde doch immer gekettet bleibt. Als der Linksblock vor zwei Jahren in Frankreich siegreich aus den Kammerwahlen hervorging, glaubte man eine große Geistes- und Zeitenwende gekommen Poincarö mußte gehen und Herriot stieg auf den Thron und es begann jene mit allen Zungen gepriesene Friedens- und Beruhigungspolitik, die über Genf und Locarno schließlich auch Deutschland wieder in den gleichberechtigten Reigen der Nationen eingliedern sollte. Jetzt ist Herriot schmählicher als irgend sonst einer der führenden Männer der Französischen Republik in den Abgrund gesaust. Nicht ohne eigene Schuld, denn selbst die deutschen Sozialisten bescheinigen ihm heute, daß sein Vorstoß gegen Briand eine hanebüchene Torheit gewesen sei. Nun schreit die Straße wieder nach P 0 i n c a r ö als dem einzig noch übriggebliebenen Retter des Vaterlandes.
Das ist eine Rolle, zu der sich der V a t e r d e s V e r - sailler Vertrages allerdings nicht zweimal nötigen läßt, auch wenn er sich bei ruhiger Überlegung sagen müßte, daß neue Lorbeeren in der finanziellen Situation, in der Frankreich sich nachgerade befindet, schwerlich zu — ernten Din werden. Das schlimmste aber ist, daß das deutsche Volk diesem seinen grausamen Peiniger eigentlich nur Erfolg wünschen kann bei dein Werk, das er jetzt übernehmen soll. Denn je länger der Wahn der Frankinflation der französischen Wirtschaft erhalten bleibt, desto schlimmer für unsere Wirtschaft, die sich der ausländischen Konkurrenz schon ohnedies nicht mehr erwehren kann. Die Bereicherung der deutschen Ferienreisenden, die jetzt als nur zu sehr begreifliche Revanche für unsere leidvollen Erfahrungen in den Jahren 1922-23 im Gange ist, kann uns natürlich keinen Ersatz bieten für die Niederhaltung jedes deutschen Exports, den die französische Industrie sich leisten kann, solange sie mit gleitenden Wertzeichen zu rechnen hat. Die möglichst rasche Stabilisierung des Franken liegt ja auch in unserem gesamtwirtschaftlichen Interesse; wir können nur bedauern, daß erst ein Poincarö gerufen werden muß, ehe es wahrscheinlich wird, daß siè gelingt. Aber Das französische Volk hat es nun einmal so gewollt, wenigstens soweit sein Wille in dieser Hamster überhaupt zum Ausdruck kommen kann.
Dieser Poincarö lag, wie es scheint, schon in. den letzten Wochen sozusagen in der Luft. Schon hörte man wieder von Zank und Streit auch da, wo die Leute ertra zu dem Zweck einer gewissen internationalen Verbrüderung zusammengekommen waren. So z. B. im Stock- holmer Stadion bei dem F u ß b a l l ä n d e r k a m p f Schweden gegen Italien. Feierlicher Vortrag der beiden Nationalhymnen zu Beginn, Überreichung Prächtiger Blumensträuße in der Mitte, znm Schluß aber ein regelrechter italienischer Boxkampf gegen den schwedischen Schiedsrichter, dessen Entscheidung bei den Mannen Mussolinis auf Widerspruch gestoßen war. Die Folge war, daß das schwedische Publikum in Massen über die Karrieren setzte und die italienischen Gäste in so nachdrücklicher Weise zur Ordnung rief, daß schließlich Polizei mit blanker Waffe zum Schutz dieser sonderbaren Sportjünger aus dem Süden eingreifen mußte. Für uns Deutsche kein Grund zur Überhebung, denn auf einer gleichfalls zu Verbrüderungszwecken bestimmten Veranstaltung i n W i e n soll es kürzlich auch nicht gerade allzu bundes- freundlich hergegangen sein; und als einige Zeit zuvor gewisse deutsche Damen in Paris einem internationalen Frauenkongreß beiwohnten, ist es zwischen ihnen wegen der schlvarzweitzrolen und der schwarzrot- moldenen Flaggenfrage im Angesicht von Delegierten aus 10 ziemlich aller Herren Ländern auch zu recht unerquick- .Men Streitigkeiten gekommen. Von den deutschen Badegästen in belgischen N 0 r d s e e b ä d e r n gar nicht zcä reden, denen von aufgeregten Überpatrioten so übel mD.gespielt wurde, daß sie fluchtartig von diesem ungast- lich-n Boden lieber fortstrebten, um doch lieber in beut- schän Erholungsstätten die Ruhe und Erholung zu suchen, biente brauchten.
Nein, das Zeitalter des ewigen Friedens ist noch nicht', für uns angebrochen, auch wenn der polnische Außemminister noch so salbungsvoll nach allen Seiten hin friedliche Händedrücke anbietet. Und kommt nun wirklich noch Herr Poincarö an die Spitze der französischen Regie- rnng, bann wird der Himmel des armen Völkerbundes Ach gewiß sehr bald wieder einigermaßen verdüstern.
Ecuador und der Völkerbund.
Gens. Die Regierung Ecuadors, welches wie die Vereinigten Staaten den Versailler Vertrag unterzeichnete, aber nicht ratifizierte und infolgedessen dem Völkerbund fernblieb, teilte dem Generalsekretariat des Völkerbundes die Absicht mit, dem vom Völkerbund ausgearbeiteten Entwurf einer imer- uaKonÄen Hilssunion Keizutretetl. ..
Pomcarc am Ziel.
Das neue Kabinett poincarè.
Regierung der nationalen Einigung
Poincarè ist es gelungen, ein Kabinett auf breiter Grundlage zu bilden. Er hat die Namensliste des neuen Ministeriums dem Präsidenten der Republik zum Ernennungsvollzug vorgelegt. Die Liste hat, falls nicht noch im letzten Augenblick Veränderungen vorgenommen werden müssen, folgendes Aussehen:
Ministerpräsident und Finanzen: Poincarö
Vizepräsident, Justiz und Elsaß-Lothringen: Barthou Außenminister: Briand
Inneres: Albert Sarraut
Krieg: Painlevö
Unterricht: Herriot
Marine: Leygues
Handel: Bokanowski
Ackerbau: QueuilleS
Kolonien: Perret
Eisenbahnen: Tardieux
Pensionen: Marin
Arbeit: Fallieres (Radikale Linkes.
Ministerpräsident Poincarö
Beim Verlassen des Elysees erklärte Poincarö den Journalisten: „Wir wollten ein Ka bi nettderbreiten nationalen Einigung, in dem alle Parteien vertreten sind. Wir haben versucht, unsere Aufgabe mit der größtmöglichen Großzügigkeit aufzufafsen. Ich muß sagen, daß es mir nicht schwergefallen ist, weil ich mich bemüht habe, mein Ministerium zu bilden, ohne be-- sondere Wünsche weder der einen noch der anderen zu berücksichtigen. Wenn wir uns bei allen anderen Anregungen aufgchalten hätten, die man uns gegeben hat, so hätten sich die Arbeiten zur Bildung der Regierung ewig lange hinae-oaen. Es war aber notia. schnell zu arbeiten. Die neue Regierung wird voraussichtlich Dienstag vor die Kammer treten."
Fast hatte es den Anschein, als ob auch Poincarö bei Durchführung der Kabinettsbildung scheitern würde. Die
Die deutsche Hofe wegen Germersheim.
Botschafter v. Hoesch im Quai d'Orsay.
Die deutsche Note an die stanzösische Regierung, die sich mit den Zwischenfällen von Germersheim beschäftigt, wird voraussichtlich nicht veröffentlicht werden. Sic gibt eine genaue Darstellung der bedauerlichen Vorfälle und fügt hinzu, wie sehr die Reichsregierung derartige Ereignisse bedauert, die geeignet sind, die Befriedung des besetzten Gebietes hintanzuhalten und zu gefährden. Man ist in Berlin überzeugt, daß die Folge der Untersuchung durch die französischen Behörden die in solchen Fällen international übliche Genugtuung sein wird.
Der deutsche Botschafter v. Hoesch hat dem Generalsekretär des Ministeriums des Äußern, Philippe Berthelot, einen Besuch gemacht und mit ihm über die bekannten Vorgänge in Germersheim gesprochen, v. Hoesch hat bei dieser Gelegenheit Berthelot die Abschrift einer Note überreicht, die der Reichskommissar für die besetzten Gebiete bem stellvertretenden Vorsitzenden der Rheinlandkommission, Forthomme, übergeben hat.
Ministerpräsident Brann über das
Ehrenmal.
Er wünscht es für Berlin oder das Rheinland. ,
Angesichts des Streites, der um das Ehrenmal für die im Kriege Gefallenen entbrannt ist, hat der preußische Ministerpräsident Braun an den Reichskanzler ein Schreiben gerichtet, in dem er ans den ursprünglichen Plan, bie sogenannte Schinke l - W ache in Berlin (ehemalige Hauptwache) zu einem Erinnerungsmal für die Gefallenen umzugestalten, zurückgreist. Sollte sich die Reichskanzlei jedoch nicht für Berlin entscheiden, ,o empfiehlt der Minisierpräfident das R h e i n p r 0 i e k t. da die Rheinlande nach den vielen Leiden, die sie um Ge- samtdeutschlands willen durchgemacht hätten, besonders berücksichtigt werden sollten.
Widerstände fanden sich hauptsächlich bei den linksstehenden Parteien, denen er indessen durch Aufnahme mehrerer linksstehender Politiker in sein Kabinett, wie Painlevö, Sarraut und Herriot, Konzessionen in der Innenpolitik machte. Aus dem Gebiet der äußeren Politik scheint die Linke durch das Versprechen Poincarös gebunden worden zu sein, jetzt die eingeschlagene Außenpolitik beizubehalten und die Locarnoverträge sicherzustellen. Alles in allem kann man das Kabinett Poincarö als ein Kabinett der Köpfe bezeichnen, da in ihm Persönlichkeiten von ausgesprochen politischer Prägung und großem Führertalent vertreten sind.
peret Kammerpräsident.
Bei der Kammerpräsidentenwahl für den vor einigen Tagen zurückgeiretenen Herriot entfielen bei der ersten Abstimmung auf Peret 197, auf Bouisson 133 und auf. Bouyssou 113 Stimmen. 40 Stimmen waren zersplittert. Bei der endgültigen Abstimmung erhielt Peret 227 und Bouyssou 215 Stimmen. Damit war Peret zum Präsidenten der Kammer gewählt.
Nene Ausschreitungen gegen Fremde.
Auf den Boulevards ist es wieder zu fremdenfeindlichen Kundgebungen gefommen. Mehrere Autos, die den Ausländern „Paris bei Nacht" zeigten, wurden von. Passanten umringt und mit Schmährufen überschüttet. Im Nn hatten sich mehrere Tausend Manifestanten angesammelt, die die in den Autos befindlichen Fremden mit wüstem Gejohle und Pfeifen überschütteten. Polizei und eiligst herbeigerusene republikanische Garde zerstreuten mit Mühe die Manifestanten. Der Straßenverkehr war stundenlang unterbunden.
In mehreren größeren Restaurants wurde Ausländern die Bedienung verweigert. Andere steigern ihre Preise sprunghaft. Von einem großen Teil der Zeitungen wird dieser Feldzug gegen die „Parasiten" unterstützt.
Demgegenüber muß auch erwähnt werden, daß der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete S 0 l l in a n n „ der selbst Rheinländer ist, sich in einem Brief an ben Reichsinnenminister gegen den Rheinplan ansspricht, da der Rhein durch den starken Fremdenverkehr ein viel zu lebhafter Strom sei, als daß hier die richtige; Stimmung für ein Toteninal aufkommen könnte.
Polttische Rundschau.
Deutsches Neich. '
Wohnungsbaufragen im Neühsrat.
Der Reichsrat beschäftigte sich in seiner letzten Sitzung mit W 0 h n u n g s b a u f r a g e n und stimmte in nament- licher Abstimmung einem Antrag Preußens zu, wonach der ursprüngliche Schlüssel, nach dem die Zwischenkredite an die Länder verteilt werden sollen, wieder bergestcUt wird, so daß das Reich sofort 60 Millionen an die Länder verteilen kann. Ferner wurde einer Verordnung über die Berechnung der nach dem Gesetz unter bestimmten Vor- aussetzungen von Der Hauszinssteuer befreiten Eigen. Heime mit nicht mehr als 70 Quadratmeter Wohn- flächenraum zugesiimint. Der Reichsrat stimmte dann bem Entwurf einer Verordnung über A r aft sah r • zeugverkehr, der durch die letzten Rcichstagsbeschiüsse notwendig geworden war, zu.
Deutschlands Ausnahme in den Völkerbund.
In Londoner diplomatischen Kreisen verlautet, daß Deuischlünd Anfang September in der ersten Sitzung des Völkerbundes und des Völkerbuudrates zum Mitglied des Bundes und zum ständigen Mitglied des Rates gewählt werden wird, und zwar ohne vorhergehende Verhandlungen einfach auf Grund eines Antrages des Vorsitzenden der sogenannten Ersten Kommission. Der Vorsitzende wird darauf Bezug nehmen, daß bereits im März der Vollversammlung mitgeieilt worden sei, daß Deutschland die Voraussetzungen der Wähl-, barkett erfüllt habe.