Zul-aer Anzeiger
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Nr 174 — 1926
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
Zulöa- und Haunetal ♦ Zulüaer Kreisblatt
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Fulda, Montag, 2. August
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3. Jahrgang
Kleine^eitung für eilige Leser.
< * Die Französische Kammer sprach mit 380 gegen 150 Stimmen Poincard ihr Vertrauen aus.
* Die belgischen Minister Vandervelde und Francqui hatten in Paris eine Besprechung mit Poincarè und Briand, in der eine gemeinsame Aktion in Währungsfragen erörtert worden sein soll.
* „Daily Telegraph' meldet, daß man in Völkerbundkreisen wegen der Haltung Polens auf der bevorstehenden Völkerbund- tagung in Genf Besorgnifle hege. Auch von feiten Spaniens seien Überraschungen nicht ausgeschloffen.
* In der Schweiz herrscht winterliches Wetter; mehrere Postautos blieben in den Bergen im Schnee stecken.
* Die mexikanische Regierung hat den päpstlichen Nuntius ersucht, das Land zu verlassen.
Das Ruffengeschäst.
' Viel ist bei den Vereinbarungen zwischen der deutschen .und der russischen Regierung über den deutschen 300-Mil- lionen-Kredit an Rußland praktisch noch nicht herausgekommen; wie nämlich die Berliner russische Handelsvertretung soeben mitteilte, sind bis jetzt erst Abschlüsse in Höhe von rund 40 Millionen zustande gekommen.
Die Russen klagen, sie klagen sogar sehr heftig über die deutschen Firmen, die mit Rußland Geschäfte machen wollen. Die deutschen Firmen stellen angeblich für dieselbe Ware die allerverschiedensten Preise, die Kalkulationen der verschiedenen Firmen gehen ganz außerordentlich weit auseinander und die Russen glauben, daß hieran nur die Angst vor dem Risiko — weil ja das ganze Geschäft auf einem teilweise überaus langfristigem Kredit basiert — schuld sei, trotzdem diese Firmen auf die russischen Vorstellungen hin sich denn doch aus sehr beträchtliche Preisnachlässe verstehen. Die Handelsvertretung glaubt auch, daß sich allerhand dunkle Elemente dazwischenschieben, die verdienen wollen; übrigens nicht ganz mit Unrecht, wie die Veröffentlichung über einen diesbezüglichen, beinahe geglückten Versuch Iwan Kutis- kers bewiesen hat.
- . Me deutsche Industrie müßte sich aber doch auf den Standpunkt stellen, daß dies ganze Geschäft mit Rußland weniger Gelegenheit zum Verdienen en gros ist als der Weg, unsere Handelsbeziehungen zu Rußland z u st ä r k e n. Sie sind nämlich nicht sehr rege, was ja vor allem an der gangen russischen Wirtschaftsorganisation, der geringen, künstlich noch gedrosselten Aufnahmefähigkeit des unter staatlicher Kontrolle stehenden russischen Marktes liegt, sondern auch deshalb noch längst, längst nicht die guten Verhältnisse der Vorkriegszeit, weil die englische und die nordamerikanische Konkurrenz uns im letzten Jahre sehr erheblich überflügelt hat. 1924 noch standen wir im Warenaustausch mit Rußland dort an erster Stelle; wir sind jetzt aufdiedritteherabge- fünfen, außerdem ist die russische Warenausfuhr nach Deutschland weit größer geworden als unser Warenabsatz in Rußland. Das rasche Aufsteigen der englischen Ware nein fuhr nach Rußland erklärt die überaus große Nachsicht, mit der man allen russischen politischen Eingriffen in das innerpolitische Leben Englands begegnet; man denkt — trotz großer Worte — dort gar nicht daran, über reine Wortgefechte und papierne Proteste hinauszugehen, etwa diplomatische Konsequenzen zu ziehen. Man verdient an Rußland viel zu viel. Und Amerika? Dort hat man die Sowjetregierung überhaupt noch nicht einmal anerkannt, aus „moralischen" Gründen nämlich — was aber keineswegs daran hindert, unter der Hand in Rußland sehr gute Geschäfte zu machen.
So sieht sich Rußland — trotz gegenwärtiger Wirtschaftskrise — in der Stellung eines von drei Seiten Umworbenen und versteht recht gut, daraus Rutzen zu ziehen. Die deutschen Firmen, die sich am Russenge- fchäft beteiligen wollen, müssen dieser Sitnation aber gleichfalls Rechnung tragen. Es nützt nichts: wenn eine mächtige Konkurrenz auf dem Markt vorhanden ist, mutz man eben wirklich äusserst kalkulieren; außerdem sind die russischen Handelsvertreter viel zu gerissen, um sich so leicht Übervorteilen zu lassen. Auch sie nützen — was niemand ihnen übernehmen kann — zudem noch die Konkurrenz der deutschen Firmen untereinander aus. Das Reichswirt- schaftsministerium seinerseits klagt nun aber auch darüber, daß die Russen ihre Preise viel zu niedrig stellen, so daß wir nicht einmal aus die Gestehungskosten kommen. Auf beiden Seiten ist dann erklärt worden, daß die Hauptsache bei diesem ganzen Geschäft das gegenseitige V e r - trauen alsGrundlage sein müsse — was sich zwar theoretisch recht schön anhört, praktisch aber doch wohl über einen frommen Wunsch nicht hinausgeht, übrigens wird die deutsche Industrie sich gegen eine Verallgemeine- rung der russischen Vorwürfe mit Erfolg wehren können.
Der Orkan bei den Sahamainseln.
über 200 Fahrzeuge vermißt.
Von den Bahamainseln laufen jetzt weitere Nach- richten über den Orkan ein, der dieser Tage dort wütete. Aus Nassau wird gemeldet, daß es der schlimmste Orkan >var, den diese Gegend jemals erlebt hat. Die Zahl der Vermißten beträgt allein in Nassau 150. Der angerichtete Schaden wird auf über 30 Millionen Goldmark geschätzt. Eine Flotte von Schwammfischern von 200 Fahrzeugen, die kurz vor dem Sturm ausliefen, ist bisher nicht zurück- gekehrt. Man hat nichts über ihren Verbleib gehört. Unter einer Reihe von anderen vermißten Fahrzeugen befinden zwei Postdampfer der Negierung, die 20 bzw. 40 Fahr- flafte an Bord hatten. An den Felsen bei Nassau wurden mehrals 50Fahrzeuge zerschellt. Die ganze Stadt ist zerstört.
MOebittc in der
Vertrauensvotum für poincare.
Mit 380 gegen 150 Stimmen.
Bei der Generaldebatte über die neuen Finanzvorlagen in der Französischen Kammer ergriff Ministerpräsident Poincarè das Wort zu einer großen Rede, während der er von den Kommunisten wieder mehrere Male heftig unterbrochen wird.
„Die Zusammensetzung des Kabinetts," so meint er, „ist das bestimmte Zeugnis für das allgemeine Gefühl, von dem wir uns bei allen unseren Handlungen inspirieren lassen wollen. Wir dürfen jetzt nicht an die Vergangenheit denken. Wir befinden uns in einer Krise, welche die Kommunisten nur verschärfen, alle anderen Parteien aber beilegen möchten. Seit der Vorlage des Sachverständigengutachtens hat n.och nichts getan werden können. Die Sachverständigen hatten erklärt, daß wir früher oder später die Währungsstabilisierung erreichen müssen; dazu seien vorübergehende Maßnahmen notwendig, von denen die beiden wenigsten der Ausgleich des Budgets und eine Erleichterung der Lage des Schatzamtes sind. Die Sachverständigen hatten beschlossen, daß das Schatzamt sofort 2X- Milliarden Frank brauche; aber seitdem ist der Unterschied zwischen den Einnahmen und den notwendigen Ausgaben noch größer geworden.
Was ist zu tun, um dieser schwierigen Lage abzuhelfen? Sicherlich, ein Gesamtsanierungsplan ist notwendig. DasvorliegeudcProjektistnurein Beginn. Wir müssen schnell handeln. Der Abgeordnete Auriol hat uns Mangel an Einfällen vorgeworfen. Wir haben alle Fingerzeige und Ratschläge berücksichtigt; aber wir müssen noch heute handeln, sonst verliert der S t a a t t ä g l i ch 16 M i l l i o n e n. Dies ist der erste Vorschlag innerhalb der Gesamtheit der durchaus notwendigen Lasten. Im übrigen werden die Bürden der Steuerpflichtigen nicht vergrößert. Diese Einnahmequellen stellen einen billigen Ausgleich des Budgets her. Sie ermöglichen eine Erleichterung der Lage des Schatzamtes und verschaffen einen ersten Betrag für die Til- 8 ^Jtac^ der Rede Poincarös beschloß die Kammer mit 380 gegen 150 Stimmen die Generaldebatte über den Finanzentwurf der Regierung zu beenden und in die Ein- zelberatttng einzutreten.
Die kommende Genfer ISlkerbundtagung.
Besorgnisse wegen der Haltung Polens.
Der diplomatische Berichterstatter des „Daily Telegraph" schreibt, es fänden gegenwärtig zwischen verschre- denen Völkerbundstaaten vertrauliche Meinungsaustausche über die bevorstehende bedeutsame Tagung des Rates und der Völkerbundversammlung in Genf statt. Der britischen Regierung liege hauptsächlich daran, daß Deutschlands Aufnahme in beide Körperschaften ohne Zwischenfälle, wie sie sich im Marz ereigneten, vor sich gehe. Aus diesem Grrmde werde gefordert, daß Deutschlands Wahl in die Völkerbundversammlung und den Völkerbundrat am allerersten Tage erfolgen soll, während die Wahl für die nichtständigen Sitze auf acht bis zehn Tage später verschoben werden soll. Warschau fordere jedoch u. a., daß Pole n für eine der neu geschaffenen nichtständigen Sitze mit dreijähriger Dauer a m g l e i ch e n T a g e gewühlt werbe wie Deutichland für einen ständigen Ratsttz. , , ..
Die Forderung Polens gehe jedoch noch weiter. Polen verlange, dass es durch eine Zweidrittelmehrheit der Versammlung für wiederwöhlbar erklärt werde, und zwar nicht, nachdem es drei Jahre im Rat gewesen sei, sondern im voraus, also schon bei der ersten Wahl. Dadurch hoffe es, gleich von Anfang an, ein sechs,ahriges Mandat an Stelle eines dreijährigen zu erhalten. Verschiedene Völkerbnndmitgliedcr einschließlich der skandinavischen Mächte widersetzen sich diesem Verlangen mit Nachdruck. Schließlich fordere Polen noch die Streichung der Bestimmung des Lord-Cecil-Planes, durch die ungezie- mender Widerstand von feiten eines nichtständigen Rat- Mitgliedes verhindert werden soll. Diese polnischen For- dcrungen hätten natürlich Besorgnisse verur» f “ ^Von feiten Sp aniens sei eine Überraschung möglich. Es sei keineswegs ganz sicher, daß sich Spanien bereit erklären werde, einen dreijährigen Sitz wie Polen anzunehmen. Es sei jedoch anzunehmen und möglich, daß, nachdem Deutschland seinen Sitz im Rate eingenommen habe, der Anspruch Madrids auf einen ständigen Sitz von Berlin und Paris unterstützt werden würde. ____
MM weist den päpstlichen Auntius aus. Eine Erklärung des Präsidenten Calles.
Nachdem die mexikanische Regierung schon zahlreiche katholische Geistliche, die nicht Mexikaner sind, des Landes verwiesen hatte, hat sie jetzt beschlossen, auch dem Ge- schäftsführer des päpstlichen Stuhls, Monsignore Gresei, mitzuteilen, daß er binnen 24 Stunden das Land zu verlassen habe.
In einer Ansprache an eine Abordnung der Gewerk- schäften führte Präsident Calles aus, daß die Regierung vollauf mit der Lösung von schwerwiegenden nationalen Aufgaben, wie der Aufstellung des Budgets, der Berbrei- terung des öffentlichen Unterrichts und der Entfaltung
Rammer.
Pomcarès Kirranzgeseke angenommen.
Erhöhung der Parlamentarierdiäten.
Die Einzelberatung der Steuergesetze in der Französischen Kammer, die nach einer Rede Poincarès vorge- nommen wurde, war rein technischer Art, da nach einem Beschluß der Regierungsparteien Abänderungen unmöglich waren. Der Finanzgesetzentwurf in seiner Gesamtheit wurde mit 295 gegen 188 Stimmen angenommen.
Im Verlauf der Beratung wurde auch der vom Finanzausschuß eingeführte Artikel zwecks Bewilligung von Mitteln zur Erhöhung der Indemnität der Parlamenta- rier von 27 000 Franken auf 45 000 Franken jährlich angenommen, nachdem auch Justizminister Barthou im Namen der Regierung sich für die Anpassung an die Teuerung ausgesprochen hatte. Zum Schluß wurde dann noch ein Antrag des Landwirtschaftsministers angenommen, die Aussetzung der Erhebung der Zölle auf Auslands, getreide bis zum 20. August zu verlängerns Die Kammer vertagte sich hierauf auf nächsten Mittwoch.
Belgisch -französische MhniWdesprechW».
V a n d e r v e l d e bei P o i n c a r é u n b Briand.
Die belgischen Minister Vandervel.de und Francqui wurden in Paris von Poincarè und Briand empfangen. Es wurde die Möglichkeit einer gemeinsamen F r a u k st ü tz u n g s a k 1 i o n erörtert. Vandervelde erklärte nach der Besprechung, er könne nur sagen, daß Frankreich und Belgien in währungspolitischer und finanzieller Hinsicht vielen Schwierigkeiten gegenüberständen , und daß man die Lage geprüft habe. Es sei ganz natürlich, daß zwei neugebilvete Regierungen, die einen neuen Geist verträten, Fühlung nähmen, um eine beide interessierende Lage gemeinsam zu besprechen.
„Echo de Paris" schreibt, daß der französische und der belgische Frank und auch die italienische Lira das gleiche Schicksal hätten. Deshalb sei eine gemeinsame Verteidigung des französischen und des belgischen Franken auf dem Geldmärkte nötig. Frankreich, Belgien und Italien würden ein gutes Geschäft machen, wenn sie ihre Währungen nach gleichen Methoden sanierten, so verschieden auch immer ihre eigenen Probleme seien.
der industriellen und landwirtschaftlichen Kräfte des Landes beschäftigt war. Calles fuhr fort: „In diese Aufgaben vertieft, hat die Regierung das katholische Element fast vergessen, als gerade im schwersten Augenblick meiner Amtszeit die katholische Priesterschaft in ihrem Haß einen Anschlag gegen die Regierung verübte, indem sie in der reaktionären Presse erklärte, daß sie die neue Verfassung der Republik nicht anerkenne, und indem sie allen ihren Anhängern befahl, der Verfassung nicht zu gehorchen und sie zu bekämpfen. Die Priesterschaft erklärte, daß die religiösen Bestimmungen der Verfassung für Mexiko schimpflich und schändlich seien und daß sie nicht befolgt werden sollten. Angesichts dieser Haltung muß die Regierung entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen mit der ganzen Strenge des Gesetzes das Vorgehen der Priesterschaft bekämpfen."
Der Religionskrieg in Mexiko.
9Z e u e schwere Zusammenstöße.
Nach Meldungen aus Mexiko ist es wieder in verschiedenen Orten zu schweren Zusammenstößen zwischen Polizeitruppen und Demonstranten gekommen, wobei es zahlreiche Verwundete gegeben hat. Die Regierung ist völlig Herr der Lage und geht mit scharfen diktatorischen Maßnahmen vor. Die Haupt- führer der Kirchenbewegung sind verhaftet worden. Die Regierung hat über die Kirche den Boykott erklärt. Die Lage wird sich noch weiter verschärfen, wenn in den nächsten Tagen die Riesendemonstrationen der Gewerkschaften und der Kirchenanhänger durchgeführt werden. Man rechnet mit großen Ansammlungen vor unv in den Kirchen.
Die Lage scheint jedoch nicht so ernst zu sein, wie sie von einem Teil der amerikanischen Presse dargestellt wird, da ein gewisses amerikanisches Interesse daran besteht, die Dinge in Mexiko möglichst schwarz darzustellen. Manche Blättermeldungen erinnern an die sogenannte Greuelpropaganda des Weltkrieges, die von verschiedenen amerikanischen Blättern betrieben wurde. Es ist keine Seltenheit, daß Blätter ausführliche Schilderungen über die Niederschießung oder Verwundung von Frauen geben, die für ihre Kirche kämpfen. In verschiedenen Fällen haben die Blätter ihre mexika- Nischen Greuelmeldungen hinterher wieder dementieren müssen.
Die Magdeburger Mordaffäre.
JustizgegenVer waltung.
Die Magdeburger Mordaffäre hat jetzt zu einem schweren Konflikt zwischen bem Untersuchungsrichter Kölling und den Verwaltungsbehörden geführt. Der Untersuchungsrichter hat an den Magdeburger Polizeipräsidenten einen Brief gerichtet, in dem er dem von Berlin entsandten Kriminalkommissar Busdorf den Vorwurf der Bespitzelung und der Begünstigung der Mörder macht. Ferner macht er Busdork den Vor-