Zul-aer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 176 — 1926
Fulda, Mittwoch, 4. August
3. Zahrganx
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Das Programm der neuen Völkerbundtagung, die am 6. September beginnt, sieht als elften Punkt die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund vor.
* In der Magdeburger Mordaffäre wurde jetzt die Braut Schröders verhaftet, gegen Kölling soll angeblich ein Disziplinarverfahren eingeleitet werden.
* Der amerikanische Generalkonsul in Mexiko hat wegen Beschlagnahme einer amerikanischen Episkopalkirche bei der mexi- knischen Regierung Einspruch erhoben.
* Beim letzten Sturm sind auf Florida nach den nunmehrigen Feststellungen insgesamt 3850 Menschen ums Leben gekommen.
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Danzigs Unabhängigkeit.
Unter dem vielen Wahnwitz, den man bei den Frie- densverhandlungen in Versailles produzierte, ist einer der schlimmsten die Schaffung des Freistaates Danzig, die Abtrennung der alten deutschen Stadt von Deutschland. Umklammert vom polnischen Gebiet, in starker politischer wie noch stärkerer wirtschaftlicher Abhängigkeit von Polen, besitzt Danzig so gut wie gar kein Hinterland und ist des- wegen, um leben zu können, auf ein schiedlich-friedliches Verhältnis mit Polen angewiesen, das natürlich niemals die Hoffnung aufgegeben hat, sich Danzigs dereinst zu bemächtigen. Die häufigen Streitfälle mit Polen sind bekannt, bekannt aber auch, daß der Völkerbund dem Freistaat Danzig die selbstverständlichsten Wünsche versagte. Daß dadurch die Stimmung in Danzig nicht gerade völker- Lnnd- und polenfreundlicher geworden ist, versteht sich von selber, besonders, da der Völkerbund vor kurzer Zeit den Holländer van Hamel als Oberkommissar nach Danzig schickte, obgleich gerade dieser Mann früher als Porsitzender der Rechtskommission des Völkerbundes seine Gutachten immer gegen Danzigs Interessen abgegeben hatte.
Nun befindet sich Polen augenblicklich selbst in derartigen Schwierigkeiten, daß man sich auf außenpolitische Abenteuer wohl kaum wird einlassen können. Daraus sind djezurückhaltenden Erklärungen zu verstehen, die der neue polnische Ministerpräsident Bartel vor kurzem im Senat von sich gegeben hat über die künftige Gestaltung der polnischen Beziehungen zum Freistaate Danzig. Danzig hat einen sehr klugen Präsidenten, der es verstanden hat, seinem Staat bei den Verhandlungen mit Polen sowohl wie mit dem Völkerbünde ganz außerordentlich großen Nutzen zu bringen. Es ist der Präsident Sahm, der eifersüchtig darüber wacht, daß wenigstens nicht die eng- gezogenen Grenzen der Danziger Unabhängigkeit angetastet werden, die dieser Stadt belassen sind. Er hat sich soeben darüber sehr deutlich geäußert als Antwort auf wie Ausführungen Bartels, aus denen hervorgehe, daß Polen jetzt einsähe, nur der Weg dauernder und sachlicher wirtschaftlicher Zusammenarbeit könne zum Ziele führen, nämlich ein erträgliches Verhältnis zu schaffen; dabei solle man davon ausgehen, daß Danzig eine freie und von Polen unabhängige Stadt ist und bleibt.
Die innere Unmöglichkeit der „Ordnung" des Versailler Vertrages ist auch dadurch deutlich genug geworden, daß die Finanzlage des Freistaates eine recht prekäre ist, daß daher namentlich über die Abrechnungen der ein- lausenden Zollaebühren jahrelang dauernde Auseinandersetzungen mit Polen als bem eigentlichen Danziger Hinterland erfolgten. Diese Stadt ist ja doch der Haupthafen- Platz, über den die polnische Ein- rind Ausfuhr geht; die polnischen Versuche, sich in Gdingen einen eigenen Hafen zu schaffeil, sind in den Anfängen steckengeblieben. Die Streitigkeiten haben übrigens vor einiger Zeit sogar zu einer Grenzsperre Polens gegen das Danziger Gebiet geführt. Präsident Sahm lehnt aber jede Einmischung des Völkerbundes in die inneren, also auch in die finanziellen Angelegenheiten Danzigs ab; denn die Finanzlage sei an und für sich gesund, sie sei durch „außerordentliche Umstände" — man weiß, was er damit andeutet — nur vorübergehend in ungünstiger Weise beeinflußt worden. Das habe sogar die Finanzkommission des Völkerbundes bestätigen müssen. Danzig muß nämlich — als früherer Teil des Deutschen Reiches — an den Reparationslasten mittragen; trotzdem will Sahm aber höchstens eine vermittelnde Tätigkeit jener Kommission dulden, die sich außerdem nur noch mit einer Neuregelung des Zollverteilungsschlüssels zu beschäftigen habe. Mehr nicht; alles andere sei ein Übergriff des Völkerbundes, und wenn der polnische Ministerpräsident nach dieser Richtung hin Andeutungen mache, so werde Danzig sich scharf gegen jeden Versuch der Finanzkommission wenden, sich in die inneren Verhältnisse Danzigs einzumischen, geschweige denn, den Freistaat gar vor vollendete Tatsachen zu stellen, wie Bartel behauptet hat. Sollte sich hier etwa schon der neue Oberkommissar „betätigt" haben?
Uns im Deutschen Reiche sind die Hände gebunden; aber aus den bisherigen Erfahrungen können wir ent- nehmen, daß in Danzig von dem alten Hanscatengeist noch recht viel übrigblieb, der sich beugt, sich aber nicht brechen läßt. Und wir können nur mit gesteigerter Zuversicht auf jenen Tag hoffen, an dem die Weltgeschichte auch über diesen Wahnwitz von Versailles ihr Urteil spricht; bis dahin aber möge Danzigs Schicksal in treuen deutschen Händen liegen.
Deutsch-polnische Niederlasfungsverhanblungen.
Berlin. Die deutsch-polnischen Niederlassunasverhandlun- gen sind .gestern wieder ausgenommen worden. Das polnische Ausländergesetz liegt noch nicht vor, weil der polnische Ministerrat das Gesetz noch nicht im Vcrordnungsweg.in Kraft setzen tonnte.
Programm der Völkerbundtagung.
Dr. Stresemanns Rückkehr nach Berlin.
Reichsaußenminister Dr. Stresemann wird am 9. August von seinem Urlaub wieder in Berlin eintreffen und die Leitung des Außenministeriums übernehmen. In politischen Kreisen wird damit gerechnet, daß nach der Rückkehr des Außenministers die schwebenden Verhandlungen über Deutschlands Völkerbundeintritt in ihr letztes entscheidendes Stadium gekommen sind. Nach Klärung der Sachlage wird sich die Reichsregierung dann auch über die Zusammensetzung der deutschen Delegation für Genf schlüssig werden müssen. Es gilt als selbstverständlich, daß der Reichsminister des Äußeren an der Delegation wiederum teilnimmt, es ist aber noch nicht sicher, ob auch Reichskanzler Dr. Marx mit nach Genf fahren wird.
Das Programm der Herbsttagung des Völkerbundes, die am 6. September beginnt, umfaßt 22 Punkte. Neben der Wahl des Präsidenten, der Annahme der Tagesordnung und der Geschäftsordnung sowie der Wahl von Kommissionen und ihrer Präsidenten wird ein allgemeiner Bericht über die im letzten Jahr geleistete Arbeit des Völkerbundes erstattet werden. Alsdann wird der Rat einen besonderen Bericht erstatten über die bisherigen Versuche, internationale Streitigkeiten friedlich zu regeln. Ebenfalls wird ein besonderer Bericht über die Fragen des Schiedsgerichts, der Sicherheit und der Abrüstung erstattet werden. Als elfter Punkt der Tagesordnung ist die Prüfung des Berichts der ersten Kommission, der sogenannten Ratserweiterungskommission der außerordentlichen Märzversammlnng, über die Frage der A u f n a h m e Deutschlands in den Völkerbund vorgesehen. Der zwölfte Punkt enthält den Bericht über die Vorschläge, die der Völkerbundrat nach Prüfung des Berichtes der Studienkoinmisston zu erstatten haben wird. Es folgen dann weiter die Berichte der Finanz- und Wirtschaftskommissionen über die Lage Österreichs und Ungarns sowie der Bericht über die Ar
Zehntägige Schlacht vor Damaskus.
Ausbreitung des Aufstandes in Syrien.
Nach einer Meldung aus Beirut sollen 18 000 Mann französischer Truppen eine zehntägige Schlacht in der Nähe von Damaskus geliefert haben, ohne es indessett zu einem entscheidenden Sieg zu bringen. Das Kurdenviertel in Damaskus und ein anderer Teil der Stadt, wo sich die Aufständischen verschanzt hätten, seien beschossen und eingeäschert worden. Die Aufständischen hätten einen Zug, der von Beirut nach Damaskus fuhr, angegriffen, ihn geplündert und einen französischen Offizier, zwei Soldaten und drei Armenier getötet, die übrigen Personen im Zuge jedoch nicht behelligt.
Einer „Times"-Meldung aus Jerusalem zufolge scheint sich Damaskus nach den Mitteilungen eines doct befindlichen Amerikaners in einer so schlimmen Lage zu befinden, wie sie seit der großen Beschießung im Oktober vorigen Jahres nicht mehr eingetreten ist. Es wird gemeldet, daß sich alle Kurdenstämme den Aufständischen an- aeschlossen hätten.
Kein Waffenstillstand in Mex-ks.
Amerikanischer Einspruch gegen eine Kirchenbeschlagnahme.
Nach einer Meldung der „Associated Preß" hat der amerikanische Generalkonsul in Mexiko, Weddell, beim Staatsdepartement gegen die Übernahme des Eigentums der amerikanischen Episkopalkirche San Josö de Gracia Einspruch erhoben. Die Kirche ist seit 1857 amerikanischer Besitz, wurde aber von einem mexikanischen Geistlichen verwaltet. Die Regierung hat auf den Einspruch erwidert, der Geistliche habe das Kirchenbuch nicht in der vorgeschriebenen Weise geführt.
Nach einer „Associated-Preß"-Mcldnng aus.Nogales in Arizona hat der frühere mexikanische Präsident Obregon in einer von ihm unterzeichneten Kundgebung erklärt, er sei mit der von Präsident Calles in Mexiko befolgten Kirchenpolitik einverstanden. Die kirchlichen Würdenträger hätten den Konflikt provoziert, und der Streit werbe von selbst verschwinden, wenn sie bereit seien, den Gesetzen zu gehorchen.
Wie aus Mexiko gemeldet wird, hat Präsident Calles den von bischöflicher Seite angebotenen Waffenstillstand abgelehnt, jedoch sind inoffizielle Besprechungen zur Einleitung einer Verständigung im Gange.
Der Mgdebmgek Streitfall
Disziplinarverfahren gegen Kölling?
Wie verlautet, wird der Antrag aus Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen den Magdeburger Landgerichtsrat Kölling und auf seine Suspendierung vom Amte beim zuständigen Disziplinarsenat des Oberlandesgerichts Naumburg a. d. S. gestellt werden.
Die Hauptpunkte dieses Disziplinarantrages sind folgende: Kölling hat einen Dienstbrief, der das schwebende Verfahren betrifft, in der Oppositionspresse veröffentlicht und damit selbst seinen Schritt zu einem demonstrativ be
beiten des vorbereitenden Komitees für die Weltwirtschaftskonferenz. Weitere Berichte werden erstattet über die Arbeiten zum Schutz der Frauen und Kinder im vorderen Orient, über die Vereinheitlichung des Handels und Verkehrs, über die Arbeiten des Hygienekomitees, der Opiumhandelskommission, der Kommission für geistige Zusammenarbeit und der Kommission, die sich mit der Eindämmung des Frauen- und Kinderhandels befaßt. Als zwanzigster Punkt auf der Tagesordnung ist der Bericht der Kommission zur Vorbereitung der A b - r ü st u n g s k 0 n f e r e n z vorgesehen. Im einundzwanzigsten Punkt wird das Völkerbundbudget in Verbindung mit dem Budget des internationalen Arbeitsamts und des ständigen Schiedsgerichts im Haag behandelt, während ^der letzte Punkt der Tagesordnung die Nomination der nichtständigen Ratmitglieder vorsteht.
Neue Abrüstungsbesprechungen.
Die deutsche Delegation zu den Arbeiten der Unterkommission der Abrüstungskonferenz hat sich wieder nach Genf begeben. Bei den kommenden Beratungen muß eine Reihe noch unerledigter Probleme aufgearbeitet werden, im besonderen wird eine Klärung über den Begriff der Rüstungseinschränkungen geschaffen werden müssen. Weiterhin stehen zur Beratung die Methoden für die Rüstungsbeschränkung und die Frage der offensiven und defensiven Rüstung. Alsdann gilt es, eine U n - terscheidung von Zivil- und Militärflugzeugen zu finden. Bei der Erörterung des Zusammenhanges der Abrüstung mit der Frage der Sicherheit werden die Frage der allgemeinen Abrüstung bzw. der regionalen Abrüstung und die Fragen, die mit Artikel 16 (Durchmarschrecht) des Völkerbundstatuts zusammenhängen, eine Rolle spielen. Weiterhin soll noch behandelt werden die Frage der Umstellungsmöglichkeit der Industrie von der Friedens- auf die Kriegswirtschaft und hierbei wird die Gasfabrikation und die Flugzeugherstellung eingehend erörtert werden. Schließlich soll sich die Kommission noch mit der Kontrolle der Rüstungsbeschrän- kuna befassen.
tonten parteipolitischen Akt gestempelt; ferner hat er durch Ablehnung aller Berliner Kriminalbeamten und durch die Begründung, daß ihre Hilfe und die des Landespolizeiamts den kriminellen Tatbestand der Mordaffäre Helling nur zu verdunkeln, nicht aufzuhellen geeignet fei und durch andere Vorwürfe Verdächtigungen gegen Behörden und Beamte des preußischen Ministeriums des Innern ausgesprochen, die geeignet sind, die Staatsantorität herabzusetzen.
Schröders Braut verhaftet.
Kriminaloberinspektor Dr. Riemann und Kriminal- kvmmissar Braschwitz haben in Köln die Hausangestellte Hildegard Götze verhaftet. Hildegard Götze ist die Braut des des Mordes angcschuldigten Schröder und hat zu ihm bis zu dessen Verhaftung in Beziehungen gestanden.
Hildegard Götze ist dringend verdächtig der Mitwissenschaft an dem Kapitalverbrechen, das an Helling verübt wurde. Ein bei Schröder vorgefundener Briefwechsel belastet sie sowohl als auch Schröder schwer. Aus diesem Briefwechsel geht klar hervor, daß Schröder nach seiner Wohnung in Rottmersleben Personen gelockt hat, denen er Stellungen anbot, aber die Zahlung einer Kaution als Vorbedingung stellte. Es wird mit Sicherheit angenommen und ist durch Beweise belegt, daß der ermordete Helling sich um eine derartig Stellung beworben hat und aus diesem Grunde bei Schröder in Rottmersleben Besuch machte. Er hatte sich dazu 500 Mar! als Kaution mitgenommen.
Appell des Richtervereins an den Reichstag.
Landgerichtsrat Reschke hat an den Reichstag und an die Reichsregierung folgende Eingabe abgesandt: „An den Reichstag (Reichsregierung) wende ich mich in meiner Eigenschaft als stellvertretender Vorsitzender des Bezirksverbandes Magdeburg vom Preußischen Richterverein gemäß Artikel 126 der Reichsverfassung. Den Reichstag bitte ich, nach Artikel 15 und 102 ff. der Reichsverfafsung einzugreifen zum Schutze der Rechtspflege und zur Wahrung der Unabhängigkeit der Richter, weil einem Richter in Magdeburg, dem die Führung einer Voruntersuchung nach dem Gesetz obliegt, von den Verwaltungsbehörden außerordentliche Schwierigkeiten bereitet werden. Dadurch entsteht die Gefahr, daß die Klärung der Angelegenheit unmöglich gemacht wird. — Auf die in der Presse in den letzten Wochen eingehend erörterten Vorgänge nehme ich Bezug."
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Magdeburg. Von den Berliner Kommisiaren Busdorf, Dr. Riemann und Raschwitz sind in der Mordsache Helling weitere Ermittelungen im Auftrage der Landeskriminalpolizei direktion angestellt worden, auf Grund deren die Berliner Kriminalpolizei einen gemeinen Raubmord, begangen von Schröder, als erwiesen ansteht. Ein Telegramm des vereidigten Schießsachverständigen Dr. Metzger-Stuttgart erklärt, daß die Kugeln im K 0 pfe Hellings ohne jeden Zweifel aus dem Revolver Schröders stammen. Man steht es bei der Berliner Kriminalpolizei als sicher an, daß Schröder dem. Helling in sein Haus lockte und dort ermordete, um ihm die 500 Mark Kaution zu rauben, die Helling aus Grund eines Inserats Schröders mitgenommen hatte. Untersuchungsrichter Kölling erklärt demgegenüber, daß sieb das Netz seiner Untersuchungen immer enger um Direktor Haas zusammen ziehe. Er sei im Besitz so schweren, zum Teil neuen belastenden Materials, daß an eine Haitentlasiung