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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

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Nr. 178 1926

Fulda, Freitag, 6. August

3. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Das Pariser BlattEcho de Paris" bringt die Meldung von angeblichen Verhandlungen über Rückgabe ehemaliger deutscher Gebiete an das Reich.

- * Der König von Afghanistall hat den deutschen Gelehrten Dr. Stratil-Sauer, der wegen Tötung eines Afghanen zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden war, begnadigt und frei- gelassen.

* Nach Meldungen aus Mexiko wird von der Regierung die Krone der Jungfrau von Guadalupe, die einen Wert von 1 60Ö000 Mark repräsentiert, vermißt.

Erleichterung der Güterverteilung.

Von besonderer Seite wird uns geschrieben:

Nicht bloß die Weltproduktion jeder Art stößt auf Hemmungen, wird in ihrem ruhigen Ablauf gestört, er­leidet Erschütterungen durch fortdauernde Krisen, fönten auch der Träger der Verteilung dieser Produktion ist in keiner besseren Lage: der Kaufmann. Vielleicht sind diese Hemmungen und Störungen, diese Erschütterungen und Krisen bei ihm und seiner Arbeit noch weit stärker zu verspüren als bei der Produktion selbst. Das gilt beim großen Kaufmann genau so wie beim kleinen. Snd bei jenem die zwischen den Völkern errichteten Schlag­bäume gegenüber dem Zustand der Vorkriegszeit geradezu zahllos geworden, so verspürt nicht minder der kleine Kaufmann überall Einengung seiner Betätigung wie nie zuvor. Bei den letzten Handelsverträgen Deutsch­lands ist Rücksicht darauf genommen worden, we­nigstens einen Teil der Schranken zu beseitigen, die der Wirksamkeit des deutschen Kaufmanns im Ausland ge­setzt sind. Doch sind diese Versuche ziemlich schüchterner Art geblieben. Und im Inland sorgen auch die zahl­losen Steuergesetze, vor allein aber ihre Ausfüh­rung durch die Finanzverwaltung dafür, daß der Kauf­mannsstand in einer geradezu gefahrvollen Lage ist. In­ternationale Beziehungen anzubahnen ist vorläufig erst in geschränktem Maße geglückt. Von der internationalen Handelskammer hat man bisher einige kluge Reden ge­hört, aber praktische Erfolge hat sie herzlich wenig erzielt. In ihr ist es nun besonders das amerikanische Ko­mitee, in dem anerkannte Größen der amerikanischen Wirtschaft sitzen, und das z. B. neulich über die weltwirt­schaftlichen Auswirkungen des Dawes-Planes bemerkens­werte Ansichten entwickelte. Jetzt hat dieses Komitee jener internationalen Handelskammer den Vorschlag unter­breitet, durch ihre Vermittlung sollte eine Vereinigung der Kaufleute der ganzen Welt herbeigeführt werden. Hierfür hat das Komitee auch schon Richtlinien ausge­arbeitet, die auf die Herstellung einer gemeinsamen Grund­lage der Wirtschaftsbeziehungen, der Rechts- und Wäh­rungsbeziehungen abzielen. Auch jetzt wieder äußert sich das Komitee in nüchtern verständiger Weise über die Haupthinderniste, die einem ruhigen Ablauf des inter­nationalen Güterverkehrs entgegenstehen. Das Nachlassen der Kaufkraft und die Entwertung der Währungen, zu­mindest das Schwanken der Wechselkurse spielen dabei eine besonders wichtige Rolle. Das ist ja auch klar; denn gerade der Kaufmann, der die Produkte dem Verbraucher übermittelt, ist in erster Linie abhängig von der Kaufkraft des Verbrauchers, von der qualitativen und quantitativen Art dieser Nachfrage. Daß gerade hierbei die schwankende Währung mit ihrem Hinüberkippen in die Inflation jedes klare Kalkulieren unmöglich macht, haben wir lange genug schaudernd erlebt. Dabei beißen den Letzten immer die Hunde, und dieser Letzte ist der K a u f m a n n.

Das Komitee nennt als ein weiteres Haupthindernis die politische Unsicherheit. Daß gerade diese namentlich auf dem Gebiete der Kreditpolitik unheilvollen Einfluß ausübt, ist unumstößliche Tatsache, und hier ist es auch wieder der Kaufmann, der das am meisten verspürt, weil bei ihm der Umschlag des investierten Kapitals ein be­sonders schneller sein muß, er infolgedessen in stärkster Abhängigkeit vom Kapitalmarkt ist. Dann nennt das Komitee als letzte, vielleicht aber schlimmste Hindernisse eines ruhigen Güteraustausches die Errichtung zahl­reicher Zollschranken durch bte Schaffung neuer poli­tischer Gebilde und schließlich die Einmischung der Regie­rungen in dieGebiete derProduktionundWiederverteilung, die eigentlich der privaten Unternehmungslust zu über­lassen sind. Jeder Kommentar zu diesen Selbstverständ­lichkeiten erübrigt sich wohl. Billiger ist der Güteraus­tausch namentlich in Europa dadurch auch nicht gerade ge­worden, daß der Vertrag von Versailles nicht bloß die unmöglichsten Staatengebilde schuf, die unmöglichsten Grenzziehungen veranlaßte, sondern diesem balkanisierten Europa auch handelspolitisch die größten Un­möglichkeiten auferlegte. Und was das zweite betrifft, die Eingriffe der Regierung, so bezieht sich dieser Vorwurf nicht bloß auf die überall stark verbreiteten Tendenzen, von Staats wegen sich an der Produktion zu beteiligen, möglichst auch an der Verteilung der produzierten Güter, oder gar dort sich Monopole zu schaffen, sondern diesen Tendenzen entsprechen auf der anderen Seite die tausend­fachen Versuche, in die Produktionregulierend" einzu- areifen, den Handel in Zwangsbahnen zu pressen und den sich Sträubenden durch Machtmittel gewaltsam zum Ge­horsam zu zwingen. Diese Eingriffe bleiben in der Regel erfolglos, weil sie zwar im legitimen Handel den ehr­lichen Kaufmann treffen können, nicht aber jenen, der gewitzt und listig durch die Maschen der Gesetze und Ver- ordnungen zu schlüpfen versteht.

Anregungen sind es nur, Vorschläge, die jenes ameri­kanische Komitee macht, sic sind von großer Sachlichkeit und von vernünftiger Selbstverständlichkeit. Aber wie »eiten haben im Treiben der Welt Sachlichkeit undVcrnunft gesiegtl

Rückgabe ehemaliger deutscher Gebiete?

Land für Geld.

Deutsche Angebote an valutaschwache Länder?

Wie dasEcho de Paris" zu melden weist, hat sich die Berliner Regierung in den letzten Tagen lebhaft für die Schwicrigkeitcn Belgiens interessiert. Un- terstützungsangebote seien unter der Bedingung formuliert worden, daß Eupen und Malmedy an Deutsch- lau d z u r ü ck f a l l e n. Schon im November 1925 hätte Dr. Schacht das Terrain abgetastet. Er habe Belgien an- geboten, die sechs Milliarden deutscher Mark aufzuwerten, die in Belgien zurückgeblieben und die die Ursache der bel­gischen Inflation gewesen seien. Schon damals habe er Eupen und Malmedy verlangt. Das Blatt verweist weiter auf einen Artikel der englischen Zeitschrift Fourtnightly Review", wonach aus dem Umwege über einen Beamten des Völkerbnndsckrctariates Deutschland der polnischen Regierung die Beteiligung an einer An­leihe angeboten haben soll. Zur Bedingung sei gemacht worden, daß die nördliche Eisenbahnlinicimpol- nischen Korridor dem Gebiete von Danzig zuge­sprochen werde. Dr. Schacht habe versucht, den ameri­kanischen Sachverständigen Keminerer, der der polnischen Regierung zur Seite stehe, für seine Bemühungen zu ge­winnen. Auch Frankreich sei nicht vergessen worden. Das Blatt behauptet, daß Dr. Schacht über eine deutsche Anleihe für Frankreich gesprochen habe, auf Grund deren Deutschland Kamerun oder eine andere jetzt französische

Professor Roffè seines Amtes enthoben.

Urteil im elsässischen Heimatlandprozetz.

Gegen den bekannten Vorsitzenden der elsaß-lothrin­gischen Beamtenschaft, Prof. Ross», ist jetzt das Urteil gefällt worden. Es lautet aus Amtsenthebung. Neun Zehntel seiner gesetzlichen Pension werden Pto- sessor Ross» auf die Dauer von fünf Jahren ausbezahlt; dann erhält er keine Pension mehr.

In der Begründung des Disziplinarurteils gegen Professor Rosso wird ausgeführt, ein Beamter dürfe jede beliebige Meinung haben, er müsse sich aber als Diener des Staates bei deren Bekundung eine gewisse Zurückhal­tung auferlegen. Die Kundgebung des Heimatbundes bilde einen heftigen Ausfall gegen das fran­zösische Regime und wenn seine Unterzeichner auch behaupteten, daß es keinen antinationalen Charakter trage, so könne doch nicht bestritten werden, daß seine Veröffent­lichung den Zweck verfolgte, die Bevölkerung zur Unzu­friedenheit aufzureizen und damit eine Bewegung hervor­zurufen, die zu einer Lockerung der Bande zwischen Frank­reich und dem Elsaß führen könnte. Diese Bewegung habe um so leichter in rein separatistischem Sinne ge­deutet werden können, als die Öffentlichkeit sie instinktiv mit den autonomistischen Bestrebungen, die sich in der Vorkriegszeit gegen das Reich und den deutschen Einfluß richteten, in Zusammenhang gebracht habe.

Professor Rosse, eine führende Persönlichkeit in der Heimatbewegung, hatte bekanntlich das Manifest des Elsaß-lothringischen Hcimatbundes mitunterzeichnet, dessen Hauptforderung nach Autonomie Elsaß-Lothringens im Rahmen Frankreichs von der französischen Regierung als Gefährdung der nationalen Einheit bezeichnet wird.

Die Elsässer für Rossè.

Die elsässische Lehrcrgewerkschast hat als Protest wegen des Urteils gegen Professor Rosse diesen zu ihrem Generalsekretär ernannt. Rosso ist auf Grund eines früheren deutschen Gesetzes verurteilt worben, das von der Würde der Staatsbeamten außerhalb ihrer Berufspflichten spricht und von den Franzosen nun auf ihre Art aus­gelegt worden ist.

Sirasmaßnahmen gegen spanische Beamte

WegenKritik der Regierung.

Eine amtliche Bekanntmachung der spanischen Regie­rung erklärt, daß gegen alle Beamte und alle übrigen Per­sonen, die in der Öffentlichkeit in heftigen Ausdrücken ge­gen die Maßnahmen der Regierung Stellung nehmen oder Mitglieder der Regierung verleumden, schärfste admini­strative Strafmaßnahincn ergriffen werden, ohne daß da­mit ein etwaiges gerichtliches Verfahren ausgeschlossen würde.

Der Ministerrat hat, wie in der Bekanntmachung mit. geteilt wird, bereits beschlossen, wegen des angeführten Vergehens einen Telegraphenbeamten, einen Gemeinde­beamten und den Gesandtschaftssekretär Pegullal ihrer Posten zu entheben. Gegen Pegullal wird außerdem ge­richtlich vorgegangen werden. Im Schluß der Bekannt­machung heißt es, daß Personen, die ihre Interessen oder Rechte durch irgendwelche Regierungsmaßnahmen verletzt glauben, die Möglichkeit haben, vor den Gerichten oder un­mittelbar bei der Regierung Nachprüfung zu verlangen.

Der Kirchenstreii in Mexiko.

Einekostbare Goldkrone verschwunden.

Nach Meldungen aus Mexiko ereignete sich ein schwerer Zusammenstoß in Guadalajara. Die erregte Menge bewarf Regierungstruppen mit Steinen, als sie das Innere der Kirche der heiligen Jungfrau von Guada­lupe besetzten. Die Soldaten feuerten, zwei Menschen wurden getötet, zehn verwundet.

Kolonie zugesprochen werden solle. Erst vor kurzer Zeit sei eine ähnliche Idee aufgetaucht. Frankreich sei eine finanzielle Unterstützung des Reiches unter der Bedingung angeboten worden, daß die zweite und dritte Rheinland­zone geräumt würde. Es sei möglich, daß Frankreich, um seine Währung zu stabilisieren, genötigt sei, sich unter das kaudinische Joch des Auslandes zu beugen. Aber Gott möge es davor bewahren. Die Buße, die Frankreich viel­fach auf politischem Gebiete zu zahlen habe, sei sehr beacht-, lich. Wie aus Brüssel gemeldet wird, erwartet man auch in dortigen offiziellen Kreisen deutscherseits die Initiative zu Verhandlungen über die Rückgabe Enpen-Malmedys an das Reich. Wenn Deutschland der belgischen Regierung ein günstiges Angebot machen würde, dürsten nach Ansicht dieser Kreise die Rückgabrvcrhandlungcn erfolgreich ver­laufen können.

In diplomatischen Kreisen Berlins hält man diese In­formation für nichts weiter als die Wiedergabe von d i - plomalischen Privat unterhaltungen ohne ernste sachliche Bedeutung und glaubt auch nicht, daß die Unterredung Dr. Schachts mit dem Amerikaner Strong mit den vomEcho de Paris" berührten Fragen oder mit der Frage EupeN-Malmcdy irgend etwas zu tun hat. Auf kranzösischer Seite hält man Dinge für in Fluß befindlich, ^ie in Wirklichkeit noch gar nicht begonnen haben, und c^ ist nicht anzunehmen, daß in der nächsten Zeit auk den be- rührten Gebieten irgend etwas Abschließendes vor sich gehen wird.

Weitere 9Jlelbu:tgen besagen, daß die berühmte, mit Perlen und Edelsteinen besetzte Krone der Jungfrau von Guadalupe im Werte von 400 000 Dollar vermißt wird. Mexikanische Meldungen rechnen mit langer Dauer der Krise, da keine Möglichkeit gesehen wird, eine Kompromißsorurel zu finden.

Die Katholiken konzentrieren ihre ganze Kraft auf den Wirtschaftsboykott. Eine B a n k i e r s g r u p p e er­klärte sich deswegen nach übereinstimmenden Meldungen bereit, als Vermittler aufzutreten, und will der Re­gierung folgende Forderungen des Episkopats unter­breiten: Erstens soll die Durchführung der Regierungs­maßnahmen verschoben werden, zweitens soll der Epi­skopat vorläufig das Recht aus die Kirche zurückerhalten, drittens sott am Jahresende eine Volksabstimmung über alle Konfliktssrägen stüttsinden.

In einer Unterredung mit dem Vertreter derAfso- ciated Preß" erklärte Bischof Diaz, die Kirche werde nie­mals einen bewaffneten Ausstand gegen die Regierung billigen, sondern, wenn es nicht anders sein könne, den ihr gereichten bitteren Kelch des Duldens trinken.

Das mexikanische Kriegsministerium hat etwa tausend Offiziere aus dem Heeresdienst entlassen, da sie verdächtig schienen, im Kulturkampf gegen die Regierung zu re­bellieren.

Politische Rundschau.

Deutsches Reich

Thüringen und das Rcichschrenmal.

Der thüringische Staatsminister Dr. Leutheußer hat in der Frage des Reichsehrenmals an den Reichskanzler einen Brief gerichtet, in dem das Land Thüringen leb­haften Einspruch dagegen erhebt, daß der Platz für das Gefallenenmal gemeint ist damit Berka, für den sich der von der Reichsregierung eingesetzte Ausschuß ausge­sprochen habe und der dem Wunsche der großen Front­kämpferverbände entspreche, wegen eines aus zweifellos wirtschaftlichen Belangen verfolgten Einspruches verlassen werden solle. Der Gedanke der Gefallenenehrung darf, so sagt das Schreiben, nicht nach wirtschaftlichen Gesichts­punkten entschieden werden. Die Landesregierung gibt der Bitte Ausdruck, daß es unter Würdigung dieser Gründe bei dem einmal gefaßten Beschluß endgültig ver­bleibt.

Begnadigung Dr. Stratil-Sauers.

Der König von Afghanistan, Aman Ullah, hat dem deutschen Gelehrten Dr. Stratil-Sauer, der in diesen Tagen von dem zuständigen afghanischen Gericht wegen der Tötung eines Afghanen zu vier Jahren Gefängnis ver­urteilt worden war, durch einen spontanen Gnadenakt die Strafe erlassen. Dr. Stratil-Sauer ist bereits der deut­schen Gesandtschaft in Kabul übergeben worden und wird in den nächsten Tagen die Rückreise nach Deutschland an­treten. Dieser Akt des Herrschers von Afghanistan wird, so wird von einer Berliner offiziösen Stelle hinzugefügt, als ein neuer Beweis für seine freundschaftlichen Gefühle für Deutschland mit Befriedigung und Dankbarkeit be­grüßt werden.

Frankreich.

X Französische Unterstützung für rheinische Separatisten. Wie die ZeitungLa Lanterne" mitteilt, ist in Paris eine neue Liga, genanntLa Halte", gegründet worden, die sich zur Aufgabe gestellt hat, diejenigen Rheinländer zu unter­stützen, die sichfür die edle Sache der Unabhängigkeit und für die französische Freundschaft" eingesetzt haben. Viele von diesen Rheinländern seien nach Paris ge- flüchtet.La Halte" wolle im Rahmen ihrer Mittel die Versprechungen cinlösen, die jenen Leuten in Frankreich gemacht, aber nicht gehalten worden seien. Sie wolle ihnen Mittel zur Verfügung stellen, ein Flüchtlings-