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Zul-aer MnZeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

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Nr. 190 1926

Fulda, Freitag, 20. August

3. Jahrgan«

Das Attentat auf den BerlinKölner D-Zug.

19

Tote, zahlreiche Schwerverletzte.

Die Zugkataßrophe bei Leiferde.

Ein entsetzliches Eisenbahnunglück hat sich erneut zu- getragen, das zu jenen Katastrophen gehört, wie sie in Diesem Ausmaß glücklicherweise selten sind. Der D-Zug BerlinKöln, der vorschriftsmäßig mit ungefähr 85 Kilo­meter Geschwindigkeit durch die Nacht sauste, ist in den ersten Tagesstunden des Donnerstags durch einen ver- brecherischen Anschlag znm Entgleisen gebracht worden. Abgesehen von einem außerordentlich großen Material­schaden sind dem Unglück auch eine große Zahl von Men­schenleben zum Opfer gefallen, andere sind schwer verletzt und manche davon werden vielleicht für immer Krüppel bleiben. Die Polizei fahndet nach den Tätern; vorläufig steht nur soviel fest, daß die Eisenbahnverwaltung bzw. Ersenbahnbeamte kein Verschulden trifft. Vielleicht han- delt es sich gar nicht einmal um den Anschlag berufs- mäßiger Verbrecher, sondern um einen bösen Streich, der so schreckliche Folgen zeitigte.

Der amtliche Bericht.

Der D-Zug 8 BerlinHannoverKöln ist Donners­tag zwischen der Station Leiferde, unweit Jsenüüttcl- Gifhorn, und der Blockstelle 169 auf freiem Felde mit Lokomotive und sieben Wagen entgleist. Lokomotive, Pack- und Postwagen sprangen aus dem Gleis, ein Teil der Wagen stürzte eine eineinhalb Meter hohe Böschung hinab, der siebente Wagen schob sich in den sechsten hinein und zertrümmerte ihn vollständig.

Am Nachmittag teilte die Rcichsbahnvcrwaltung mit, daß die Zahl der Toten 19 beträgt. Das Bergungswerk gestaltete sich sehr schwierig, da jede einzelne Leiche mit Schweitzapparaten aus den Trümmern befreit werden unlstte. Die Toten werden sämtlich in Särgen zunächst nach dem Bahnhof Lehrte gebracht, wo sie aufgebahrt werden. Unter den Toten befindet sich auch der durch seine Tätig­te H bei Auseinandersetzungen im Ruhrbergbau besonders bekanntgewordene Reichs- und Staatskommis- f a r M e h l i ch aus Dortmund.

Von Isenbüttel, Lehrte und Sbisfelde wurden sofort Hilfszüge an die Unfallstelle beordert. Aus Lehrte und Isenbüttel fuhren schnellstens Ärzte dorthin. Die Un­glücksstelle bot einen grausigen Anblick. Die schwere Maschine war nach der Entgleisung noch ein Stück durch Den Sand des Bahndammes gerast und dann die einein­halb Meter hohe Böschung in einen Birkenwald gestürzt, wo sie auf die Seite gefallen war. Der Packwagen stürzte um, wobei der darin befindliche Zugführer Iordan aus Berlin den Tod fand, ebenfalls ein anderer Beamter. Der auf den Packwagen folgende Postwagen war unbeschädigt im Sande stcckengeblieben. Seine Insassen kamen mit dem Schrecken davon. Die nächsten dann folgenden Wagen innren ineinandergeschoben worden. Die dunkle Nacht er­schwerte die Rettungsarbeiten noch besonders. Die Be­wohner der nächsten Ortschaften eilten mit Notbeleuch- AM tungcn, Äxten und Brechstangen herbei und beteiligten sich in anerkennenswerter Weise an dem Rettungswerk.

Mit den Rettungsarbeiten Hand in Hand gingen die Ermittelungen der Polizei. Daß es sich um einen An­schlag handelt, mar keinen Augenblick zweifelhaft; man sah, daß die Schrauben herausgezogen, die Laschen ge­lockert waren. Das Handwerkszeug, mit dem das Ver­brechen verübt worden ist, lag noch neben der Attentats­stelle. Die Ermittlungen ergaben, daß die Lokomotive sich nach der Entgleisung überschlug und die hohe Böschung hinabstürzte, der Post- und der Gepäckwagen folgten und wurden vollständig zertrümmert, die übrigen Wagen, soweit sie auf den Gleisen geblieben waren, hatten sich ineinandergeschoben, nur der Schlafwagen war wie durch ein Wunder unversehrt geblieben.

Zweifellos ein verbrecherischer Anschlag. Die Ermittlungen nach der Entftehungâursache wur­den durch einen Bahnmeister eingeleitet, der mit einer Draisine auf den Schienen herbeigeeilt war. Die Fest­stellungen haben ergeben, daß Bahnfrevcl vorliegt. Die Entgleisung wurde herbeigesührt durch Lösung eines Schienenstoßes. Die Schrauben waren herausgenommen worden und wurden neben den Schienen gefunden, so daß die Tatsache einer gewaltsamen Einwirkung unzweifel­haft feststeht. Reichsbahnpräsident Dr. Seidel und Krimi­nalbeamte mit Spürhunden, letztere auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft, weilen an der Unglücksstcllc.

Als Beweisstücke für ein wohlüberlegtes Attentat sind gefunden worden' ein Schraubenschlüssel, wie ihn die Eisenbahnverwaltung nicht benutzt, und ein Hemmschuh.

Nie Aussagen des Lvkomotlvpersonals.

' .Der Lokomotivführer und der Heizer konnten, nad)- dem beide Beamten sich von dem ersten Schrecken erholt hatten, dem Staatsanwalt und den Eisenbahningcnieurcn bereits eine Schilderung geben. Beide berichten über­einstimmend, daß der Zug mit einer Geschwindigkeit von etwa 8085 Kilometer gefahren sei, als der Lokomotiv­führer unter sich ein furchtbares Klirren und Krachen ver­nahm. Instinktiv habe er den Regulator zurückgerissen und gleichzeitig die Luftdruckbremse voll .geöffnet. Diese Darstellung entspricht zweifellos den Tatsachen, wie aus

den Bremsspuren hervorgeht. Weiter erklären die Be­amten, daß die Maschine noch ein oder zwei Sekunden geradeaus gefahren und sich dann nach der rechten Seite übergelegt habe. Heizer und Lokomotivführer klam­merten sich gefühlsmäßig an die offenen Fenster und konnten schon wenige Sekunden nach dem Unglück die Lo­komotive verlassen. Sie sahen im Dunkeln hinter sich die umgestürzten Waggons und hörten die Hilferufe »nd das Schreien der Reisenden.

Was ein Augenzeuge erzählt.

Ein in dem Unglückszug mitfahrender Reisender gibt von der Katastrophe folgende Schilderung:

Der Zug, der mit großer Geschwindigkeit fuhr, er­hielt plötzlich einen fürchterlichen Stoß, und schon hörte man auch die ersten Schreckensrufe. Die Maschine war 150 Meter weit ohne Schienen in den rechter Hand von der Unglücksstelle gelegenen Birkenwald gefahren und hatte sich dort zur Seite geneigt, während der Packwagen vier Meter hinter der Unglücksstelle zur linken Seite über-

Schauplatz der Katastrophe.

fiel. Der Schlafwagen schob sich aus neu vor ihm lie­genden »Zug-Wagen aus. Beide Wagen waren stark besetzt und brachten somit die meisten Toten und Ver­letzten. In einem der zusammengeschobeuen Waggons zweiter Klasse befand sich eine Frau mit ihrem kleinen Kind, die beide, wie durch ein Wunder, unverletzt ge­blieben sind, während gleichzeitig in demselben Abteil vier Tote gefunden wurden. Ein Mitreisender Geistlicher hat sich in hervorragender Weise an den Bergungs­arbeiten beteiligt. Der Postwagen, der auch aus den Schienen kam, blieb unbeschädigt im Sande stecken. Die Hilferufe und Angstschreie aus den besetzten Wagen gellten schauerlich in den dämmernden Morgen. Dec Materialschaden ist sehr beträchtlich.

Ein furchtbarer Anblick bietet sich beim Morgen­grauen. Der fünfte Wagen erster und zweiter Klasse und der nächste haben sich vollkommen ineinandergeschoben, nur das Unterteil steht abseits des Gleises. Hier hört man überall Stöhnen und Hilferufe, ohne im Moment Rettung leisten zu können. Dann geht man nachher mit Säge und Schweißapparat an die Befrein ngSarbeit.

25000 Mark Belohnung.

Die Deutsche Reichsbahn A.-G. hat auf die Ergrei­fung der Täter, die die furchtbare Eisenbahnkatastrophe bei Leiferde verschuldet haben, eine Belohnung von 25 000 Mark ausgesetzt. Eine von der Eisenbahndircktion Han­nover ausgesetzte Belohnung von 2000 Marl ist darin ent­halten. Ferner hat noch der Regierungspräsident von Lüneburg 2000 Mark Belohnung für Ergreifung der Täter ausgesetzt.

Es handelt sich um das folgenschwerste Attentat, das seit 18 Jahren in Deutschland auf einen Eisenbahn- zng verübt worden ist. Und es ist nur in Parallele zu stellen mit dem Verbrechen, das vor etwa 18 Jahren in der Nähe von Strausberg bei Berlin verübt worden ist. Damals haben Verbrecher, deren Ermittelung leider nicht gelungen ist, aus die gleiche Art einen B-Zug zum Ent­gleisen gebracht, um die unvermeidliche Panik zu einer Beraubung der Fahrgäste ausnutzen zu können. Ein Wagen ist damals in Brand geraten, ein Reisender in den Flammen ums Leben gekommen. Ob auch diesmal bei den Attentätern das gleiche Motiv in Frage kommt, ist nur zu vermuten. Aber es haben sich gerade in letzter Zeit die Attentate auf Eisenbahnzüge erschreckend gehäuft. Das Kriminalamt in Chemnitz gibt gerade jetzt bekannt, daß am vergangenen Sonntag abend der Schnellzug Berlin Tbemnitz auf freier Strecke durch Vorhalten einer Laterne mit rotem Lichte zum Halten gebracht worden ist. In frischer Erinnerung ist noch der Anschlag auf den »Zug BerlinHamburg am 27. Juli. Der Zug sollte durch das Auflegen eiserner Bahn- schwellen znm Entgleisen gebracht werden. Im Oktober 1925 ist auf der Bützower Kleinbabnstrecke ein ähnlicher Anschlag gegen einen Güterzug versucht worden. Im November 1924 ist in Mecklenburg gegen einen »Zug ein Anschlag verübt worden, indem Eisenbahnschienen Alter über das Gleis gelegt wurden. Der Zug konnte rechtzeitig zum Sieben gebracht werden, ehe die lebten-. Wagen entgleisten. Attentate gleicher Art sind auf Züge, die ' zwischen Berlin und Leipzig, zwischen Berlin und Kottbus verkehren in den letzten Jahren mehrfach fest­gestellt worden.

Der auf so tragische Weise bei dem Unglück bei Leiferde ums Leben gekommene Reichs- und Stäatskom- miisar Mehlich stand im 44. Lebensjahre. In Schlesien geboren, kam er schon früh ins Ruhrgebiet und war als Metallarbeiter in der Gewerkschaftsbewegung tätig. Sein Amt als Reichs- und Staatskommissar übernahm er im Jahre 1920. Er hinterläßt nunmehr sieben Kinder als Waisen, von denen das jüngste drei Jahre zählt. Der Reichskommissar weilte noch Mittwoch in Berlin, um dann in der Nacht nach Köln zu fahren.

Vereinfachung der Behörden?

Die Privatwirtschaft macht die größten Anstrengun­gen, eine Rationalisierung durchzuführen, also mit den geringsten Aufwendungen den größten Nutzen zu er­reichen, aber auch mit zufriedenen Partnern zu arbeiten. Wie steht es nun mit der öffentlichen Verwaltung?

Man hat sowohl mit Recht wie mit Unrecht Amerika als Vorbild genommen. Der Nachahmung wert wäre der amerikanische Erfolg, mit dem die Vereinigten Staa­ten den Personalbestand der öffentlichen Verwaltung auf den Friedensstand zurückführen konnten. Krieg und Inflation, die Ursachen der Verwaltungsvermeh­rung, sind vorbei. Reichsfinanzminister Dr. Reinhold hat den Beamtenabbau ganz richtig als unzweckmäßig und erbitternd fallen lassen und eine Verwaltungs Ver­einfachung in Aussicht gestellt. Die Vereinfachung marschiert, aber in einem Tempo, das sich zu dem der Wirtschaft verhält wie der Fußgänger zum Flugzeug. Das ist bedauerlich, in erster Linie, weil die Wirtschaft nicht nur unter der Höhe der Abgaben leidet, noch mehr stöhnt sie über die unproduktive Arbeit, die der Verkehr mit den Behörden fordert. So ist die Zahl der Steuer­termine von einigen Hundert in der Inflationszeit auf monatlich sieben bis acht (dreimal Steuerabzüge vom Ar­beitslohn, je einmal Umsatzsteuer, Lohnsummen-, Grund­vermögens-, Hauszinssteuer u.a.), also nicht ganz auf ein- hundert im Jahre zurückgegangen. Diese Steuern haben zum Teil Schonfrist, zum Teil keine, verschiedene Ver­zugsstrafen und müssen bei verschiedenen Kassen entrichtet werden. Würden sie der Verwaltung solches Kopf­zerbrechen machen wie der Wirtschaft die Aufbringung der Steuern, wären sie, so wird uns glaubhaft versichert, längst vereinfacht. Mit den erhöhten Steuern hat man sich zum Teil deshalb noch nicht abgefunden, weil die um­ständliche Art der Steuerentrichtung erbittert.

Die Post, angeblich die fortgeschrittenste Verwal­tung, übt immer noch die moderne Folter der Telephon­sperre, damit jeder Anrusende sofort weiß: Aha, die Ge­bühren sind nicht bezahlt! Vorschläge, nur die Halb­sperre einzuführen, so daß der Säumige zwar angerufen werden, aber nicht selbst anrufen kann, mürben bisher nicht berücksichtigt. Man darf auch die Gebühren nicht dort zahlen, wo die Post eine Filiale hat, sondern dort, wo sie ihre Kunden hinbestellt. Das darf sich ein moderner Privatbetrieb nicht leisten.

Aus der Fülle des Materials über die Gerichts- kosten nur ein Beispiel. Der Verband Sächsischer Industrieller hat um Ermäßigung der Gerichts- und No­tariatskosten ersucht. In einem Falle stellt der Verband fest, daß die Gebühren in Sachsen das 121<fache der sächsischen Vorkriegssätze, das Fünffache der zurzeit gel­tenden preußischen und anhaltischen, das Vierfache der in Thüringen geltenden Sätze beträgt. Die Rechts­anwalts- und Notariatssätze seien so hoch, daß sie gar nicht zur Erhebung gelangten. Solche Behauptungen werden durchaus nicht allein in Sachsen, auch in anderen Bundesstaaten laut Gewiß, es sind Bemühungen im Gange, die Gerichte zu vereinfachen, aber es dauert un­erträglich lange, ehe diese Bemühungen zu einem erkenn­baren Erfolg führen.

Ebenso laute Klagen ertönen über den unerträglich langwierigen I n st a n z e n z u g zwischen Reich, Staa­ten, Provinzen, Kreisen und Gemeinden. Der normale Weg eines Baugesuches führt über 20 bis 30 Instanzen. Die letzte kann das Projekt noch zum Scheitern bringen und annulliert die Arbeit der vorangehenden 29. Welche Menge unproduktiver Arbeit entsteht nun erst bei Be­anstandungen!

Es muß baldmöglichst durchgesetzt werden, daß sich die Spannung zwischenRegierern" undRegierten", zwischen öffentlicher und privater Wirtschaft schließt. Hier ist wirklich ein Burgfriede dringend nötg.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

It von Hindenburg tritt am 22. August

an.

* Der Reichspräsident von H seine Urlaubsreise nach Bayern

* Der D-Zug 8 BerlinHannoverKöln entgleiste infolge eines verbrecherischen Anschlags bei der Station Lerferde m der Nähe von Lehrte. Die Katastrophe forderte 19 Tote und zahl­reiche Schwerverletzte. , ,

* In der Magdeburger Mordsache ist die Voruntersuchung abgeschlossen, die Mten mit den Ermittlungen gegen «chroder find Ar Staatsanwaltschaft zur Stellung der Strafantrage

* Das große französische Passagierflugzeug, welches den Verkehr Pari»London vermittelt, stürzte in England mit 15 Insassen ab. Zwei davon wurden getötet, 11 schwer verletzt,