Zul-aer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg
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Nr. 193 — 1928
Fulda, Dienstag, 24. August
3. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Rcichspräsidcm von Hindenburg Hal sich für mehrere Urlaubswochen nach Dietramszell in Bayern begeben.
* Die Untersuchung des Eisenbahnunglücks ist noch immer ergebnislos, die zuletzt versolgten Spuren bei der Suche nach den Attentätern erwiesen sich als falsch.
* Der Breslauer Katholikentag forderte die baldige Vorlegung des Reichsschulgesetzes und ausreichenden Schuh der Bekennluisschule.
* In Griechenland wurde der bisherige Staalspräsideul Pcmgalos durch MilUärrevolunon gestiirzt und Der frühere Präsident Konduriotis wieder berufen.
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Marx über Außenpolitik.
Eins der wichtigsten Ereignisse der augenblicklichen Katholikenversammlung in Breslau war ohne Zweifel die Rede des Reichskanzlers Dr. Marx über die Außenpolitik. Er hat sie zwar nicht in einer der großen öffentlichen Versammlungen gehalten, da man diesen einen möglichst unpolitischen Charakter erhalten wollte und des- halb von der Erörterung aller Fragen der großen Politik Abstand nahm. Der Kanzler sprach auf der den eigentlichen Festlichkeiten voraufgehenden Generalversammlung des Augustinusvercins. Das ändert aber nichts an der . Bedeutung der Rede, die eine ernste Mahnung an unsere früheren Kriegsgegner bedeutet und zeigt, daß Deutschlands Geduld trotz allen bisher gezeigten Entgegenkommens doch nicht unerschöpflich sein dürfte. Natürlich mußte der Kanzler bei der Formulierung des Textes eine gewisse Zurückhaltung an den Tag legen, die ja überhaupt ein Charakterzug seines Wesens ist. Immerhin wurde er so klar, daß er nicht mißverstanden werde» konnte.
Wie nicht anders zu erwarten war, ging Marx von den L 0 c a r n 0 a b m a ch u n g c n aus. Er mußte da gleich etwas Wasser in den Becher derjenigen schütten, die zu große Hoffnungen an diese Tat geknüpft und geglaubt ^râen-ML MM^Mich die Hersbrniudern-rg. h.gx B e satzung sstärke sich jetzt in einem außerordentlich schnellen Tempo vollziehen werde. Wir wollen hoffen, daß Dr. Marx recht behält, wenn er für die nächste Zeit wenigstens eine immerhin nicht unbeträchtliche Herabsetzung der feindlichen Truppenzahl ankündigen zu können glaubte. Man darf nicht vergessen, daß in Frankreich jetzt wieder P 0 i n e a r é am Ruder ist. Wenngleich die katastrophale Entwicklung des'Franken ihn dazu zwingen dürfte, wenigstens nicht öffentlich Briands Pläne zu durchkreuzen, so genügt doch schon seine Anwesenheit an der wichtigsten leitenden Stelle, daß sein Geist überall in Frankreich sich wieder regt. Das haben wir ja jetzt erst erfahren, wo von Paris aus die hoffnungsvoll eingeleiteten Schritte wegen Rückgabe von Eupen-Mal- medy unwirksam gemacht wurden. Allerdings kann Frankreich auch anders, zumal, wenn es gilt, in irgendeinem andern Lande außer in Deutschland Eindruck zu machen. Das dürfte der Grund gewesen sein, weshalb das französische Kriegsministerium so schnell den Wünschen einer niederländischen Gesellschaft entsprach, die an der französischen Besatzung auf dem alten Stammschloß der Dränier, Oranienstein bei Diez, Anstoß nahm. Das deutsche Volk verlangt eben letzten Endes nicht nur Herabminderung der fremden Truppenzahl, sondern ihre restlose Zurückziehung. Geschieht das nicht, so muß die Meinung aufkommen, daß der Weg nach Locarno ein vergebliches Opfer gewesen ist. Daran sollen unsere Unterhändler in Genf wieder denken.
Es ist erfreulich, zu sehen, daß Deutschland in Genf diesmal nicht wieder der Zuschauer eines solchen Spieles sein will, wie man es dieses Frühjahr mit ihm lrieb. Es will erst Klarheit haben, was man vorhat, ehe es sich nach Genf begibt. Vielleicht gibt auch die Zwischenzeit noch Gelegenheit, andere Punkte aufzuklären. Da ist in erster Linie die K 0 l 0 n i a l f r a g e , die dem deutschen Volke besonders am Herzen liegt. Mit dem Versprechen allein, daß Deutschland als Völkerbundmitglied wie alle anderen unter Umständen einmal ein Kolonialmandat bekommen könnte, darf es allein nicht getan sein. Hier muß man uns bestimmte Zusicherungen geben. Die Kolonien hatte man uns im Friedensvertrage bekanntlich fortge- nommen unter dem Vorwande, als wäre Deutschland nicht imstande gewesen, eine wirksame Kolonisierung zu betreiben. Charakteristisch dafür sind ja die Unwahrheiten über die angebliche Mißhandlung der Eingeborenen. Hier hat glücklicherweise ein britisches Mandatsgebiet bahnbrechend gewirkt, indem Südwestafrika einfach das englische Blaubuch mit diesen Märchen, die den Kolonialraub borbereiteten, als das bezeichnete, was es war, als Kriegspropaganda; seine Vernichtung wurde befohlen. Hier haben Kenner entschieden, die sich an Ort und Stelle überzeugt hatten, wie einwandfrei die deutsche Verwaltung gearbeitet hat. Vielleicht schlügt einmal Belgien in seinen eigenen Archiven nach, da wird es finden, daß England gegen dieses Land, unv den Kongo einmal einzuheimsen, ein ähnliches Verfahren einschlug, das die belgische Regierung zur Herausgabe jener blauen Hefte zwang, die sie über die ganze Welt verbreitete und worin sie gegen die britischen Anschuldigungen über angebliche belgische Barbarei im Kongostaatc Stellung nahm. Belgien ist nun Englands Verbündeter und man erinnert sich wohl in London nicht mehr gern an diese Dinge. Aber immerhin ist es gut, die Welt noch einmal daraus hinzuweisen, damit sie weiß, was es mit solchen Anschuldigungen auf sich hat.
Südwestafri^a hat Deutschlands kolöi^satorischeFähigkeit anerkannt. Deshalb kann cs bcrtanltw, daß es nicht mit leeren Versprechungen in Genf ab gespeist wird, sondern daß ihm.bindende Zusagen gemacht werden.
Neuer Umsturz in Griechenland.
Der griechische Siaaissirsich.
General Kondilis an der Macht.
Wieder einmal haben sich über Nacht die seit Fahren schwankenden Verhältnisse in Griechenland geändert. Der bisherige Machthaber Pangalos wurde gestürzt, entfloh, wurde aber ergriffen und gefangengesetzt.
Sonntag brach in Athen eine Militärrevolution aus. Der Urheber des Staatsstreiches, General Kondilis, hat, unterstützt von den Garnisontruppen, von den öffentlichen Gebäuden Besitz ergriffen und sämtliche Minister verhaften lassen. Gleichfalls ordnete er die Verhaftung des Diktators Pangalos an, der auf der Insel Spetsae weilte. Kondilis hat den früheren Präsidenten der Republik, Konduriotis, wieder zum Präsidenten ausgerufen.
Die Umwälzung ging vollständig unblutig vor sich. Nachts drangen die Truppen der Garnison und die Republikanische Garde in Athen ein und besetzten die Post und
Pangalos.
das Telegraphenamt, das Kriegsministerium sowie die übrigen Ämter. Kriegsminister General Tserulis begab sich noch während der Nacht nach der Kaserne der Republikanischen Garde, die als pangalostreu galt, um dem Aufstand militärisch entgegenzutreten. Er wurde jedoch unmittelbar bei dem Betreten der Kaserne verhaftet. Das Regime Pangalos ist radikal zusammengebrochen, denn außer der Garnison in Athen haben sich alle Garnisonen, die von Saloniki, Patras und den anderen großen Städten, ebenso wie die Flotte. gegen Pangalos ausge
Hindenburg in Bayern-
Besuch bei Forstrat Dr. Escherich.
Sonntag traf Reichspräsident v. Hindenburg mit dem fahrplanmäßigen Zuge in München ein. In seiner Beglei- tung befand sich nur sein Sohn, Major v. Hindenburg, und sein Diener. Auf dem Hauptbahnhoj in München hatten sich Oberregierungsrat M u n tz , Oberamtmann Rubenbauer von der Neichseisènbahngesellschaft und Oberregierungsrat Bernreuler von der Polizeidirektion München eingefunden. Der Sonderwagen des Reichspräsidenten wurde dann dem nach Mühldorf abgehenden Zug bis zur Station Thann-Matzbach angehängt. Von dort fuhr Hindenbi 3 im Auto weiter nach Isen. Hier besuchte er den bekannten Forstrat Dr. E s ch e r i ch, dessen Amtssitz und Wirkungskreis Isen und der Jsengau ist. Der Besuch trug privaten Charakter. Der Reichspräsident nahm bei seinem Gastgeber ein Frühstück ein. Ein kurzer Spazier- gang durch den Ort folgte. Nachmittags fuhr der Reichspräsident zum Münchener Hauptbahnhof zurück, wo auch kein offizieller Empfang stattfand. Doch hatte sich der Reichsgesandte in München, Dr. Hantel, eingefunden. Dann erfolgte die Weiterfahrt Hindenburgs nach seinem Reiseziel Dietramszell, wo er drei Wo^-« Urlaub zu verbringen gedenkt.
Ostpreußen und das Mich.
„Mehr Berücksichtigung für den Osten."
Königsberg, 23. August.
Im Stadlballeusaton fand zu Ehren der Vertreter der Reichs- und Staatsbehörden, die zur Eröffnung der 13. Deutschen Ostmesse nach Königsberg gekommen waren, ein Ehen statt. Oberbürgermeister Dr. Lohmeyer begrüßte die Gaste, insbesondere den preußischen Laiidwirtschaftsministcr Steiger, und führte aus, Ostpreußen habe durchaus Verständnis gehabt für die Einstellung der Reichs- und Staatsregierung nach Westen, solange dies die Lage notwendig gemacht habe. Heute müsse der Blick der Berliner Stellen wieder stärker nach dem Osten gerichtet werden, wo infolge des Versailler Vertrages Grenzen für die Dauer geschaffen werden sollten, mit denen sich Ostpreußen niemals abfinden könne. Der Osten sei bis zur Wiederherstellung vernünftiger Grenzen angewiesen aus die Unterstützung aus dem Reiche. Das Reich habe die Verpflichtung, diesen Würstchen Ausdruck zu verleihen nicht allein im eigenen Interesse der Provinz, sondern zugleich im Interesse des Reiches selbst. Die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Land werde in Ostpreußen in hervorragendem Maß- gepflegt und finde ihren deutlichen Ausdruck in der Ostmefle, die zustande gekommen sei durch das einmütige Zusammenwirken von Landwirtschaft, Handel und Industrie. Diese Zu- sammcnarbeil von Stadt und Land sei eine wesentliche Grundlage für den Wiederaufbau des deutschen Vaterlandes.
sprochen. Die von Pangalos verhafteten politischen Führer und Offiziere, darunter Papanastafiu, Caffandaris und Metaxas, sind sofort auf freien Fuß gesetzt worden.
pangâs' Gefangennahme.
Der bisherige Machthaber Pangalos wohnte seit mehreren Wochen auf der Insel Spetsae und hatte das Kriegsschiff „Pergamos" zu seiner Verfügung. Außerdeni verfügte er über ein Flugzeug. Nachdem er erfahren hatte, daß Admiral Konduriotis seine Verhaftung angeordnet habe, versuchte er im Flugzeug zu entkommen, wurde aber daran durch den Gouverneur der Fnsel gehindert, der bereits seinen Verhaftungsbefehl erhalten hatte.
Pangalos wurde auf das Kriegsschiff gebracht, das Kurs nach Athen nahm. Unterwegs gelang cs Pangalos, den Kommandanten des Schisses für seine Sache zu gewinnen und ihn zur Kursänderung zu veranlassen. Mehrere Wasserflugzeuge, die das Schiff begleitet hatten, nahmen sofort die Verfolgung auf, ebenso zwei Torpedo bootzcrstörer. Dem Zerstörer „Leon" gelang es, das Kriegsschiff „Pergamos" zu überholen und Pangalos zu verhaften. Der Zerstörer „Leon" ist mit Pangalos an Bord in Keratsini cingetroffen. General Kondilis erklärte, er werde Pangalos vor ein Kriegsgericht stellen.
Eine weitere Meldung besagt, daß es vor der Verhaftung des Generals Pangalos zwischen der „Pergamos", aus der sich Pangalos befand, und den Zerstörern „Leon" und „Kiklis" zu einem kurzen Gefecht gekommen ist.
Pangalos hatte sich vor einem Jahre "mi Diktator erklärt und alle Gewalt an sich gerissen. Im Herbst 1925 löste er die Nationalversammlung aus und berief sie nicht wieder ein. Im Frühjahr 1926 ließ er sich unter scharfem Druck und Stimmenthaltung aller großen Parteien zum Staatspräsidenten wählen. Die Gärung im Lande wuchs während dieser Rorkomnisfe ständig.
Proklamation an das Volk.
Militärflugzeuge warfen über Athen eine Proflama- tion der neuen Machthaber ab, in der die Abschaffung der Tyrannei des Generals Pangalos und die Einsetzung eines neuen Regimes, das die gesetzliche Ordnung und die verfassungsmäßige Freiheit wiederherstellen soll, angckiin- digt werden. Binnen acht Monaten sollen Parlamentswahlen vorgenommen werden. Die Bewegung scheint überall geglückt zu sein, ohne auf Widerstand zu stoßen. Die Garnisonen von Saloniki, Patras und den anderen großen Städten haben sich zustimmend ausgesprochen, ebenso auch die Flotte. Kondilis wird alsbald das Ministerium bilden. Er selbst wird den Posten des Ministerpräsidenten übernehmen. Präsident Konduriotis hat sich nach Athen begeben.
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Landwirstchaftsministec Steiger wies in seiner Antwort auf den gewaltigen Ansturni hin, dem die besetzten Gebiete standhaltcii mußten. Für Außenstehende sei es schwer möglich, sich ein Bild von den Leiden und Drangsalen der rheinischen Bevölkerung zu macheu. Es sei natürlich, daß der Osten bei dieser Politik zu kurz kommen mußte. Er sei jedoch bestrebt, zu seinem Teil dazu beizutragen, die Lage der Pro- Vinz in jeder Weise zu bessern. Heule wehe bei Reich und Preußen ein besserer Wind nach dem Osten. Der Minister schloß mit Dankesworten an die Stadt Königsberg.
65. Deutscher Katholikentag.
Breslau, 23. August.
An dem großen Festgottesdienst unter freiem Himmel, der Sonntag die eigentliche Einleitung des Katholikentages bildete, nahmen gegen 80 000 Personen teil. Nuntius Pacelli und Kardinalfürstbischof Bertram von Breslau wurden zu diesem Gottesdienst feierlich eingeholt. Kardinal B e r t r a m hielt die Festpredigt, die durch Funk- spruch verbreitet wurde. Fn der ersten geschlossenen Versammlung wurde zum 1. Präsidenten des Katholikentages Landeshauptmann Dr. H 0 r i 0 n - Düsseldorf gewählt.
Eine Versammlung der katholischen Arbeitervereine fand nachmittags im Messehof statt. Reichskanzler Dr. M a r x betonte in einer Ansprache, daß es eine Unter- lassungssünde der besseren Stände sei, so wenig Gemeinschaft mit den Arbeitern zu halten. Abg. Stegerwald verlangte in seiner Rede Erleichterungen für kinderreiche Familien bei der Steuer und bei der Sozialversicherung. Die erste öffentliche Sitzung eröffnete Präsident Dr. Horton mit einer Ansprache, in der er als Kriegserbe Unglaube und Unmoral bezeichnete. Kardinal Bertram hieß die Mitglieder ocs Katholikentages in Breslau willkommen. Nuntius Pacelli erklärte es als heilige Pflicht, dahin zu wirken, daß auf der Erde der Geist der Friedlosigkeit und des Hasses vernichtet und die Herrschaft des Geistes und der Unterwerfung unter Christi errichtet werde, FN einer weiteren Versammlung der katholischen Schulorgani- sationen wies Reichskanzler Marx auf die Notwendig,eit hin, das
Rcichsschulgesctz
endlich zu schaffen, um eine Grundlage für Ordnung und Frieden im Schulwesen zu erhalten. Grundforderung ber Katholiken sei Anerkennung der Gewissensfreiheit und bc» Elternrechts. Auf dieser Basis müsse die Verständigung in der Schulfrage und eine friedliche ^öfung erreicht werden Weitere Ansprachen im gleichen Sinne hielten Graf Franz Galen und der badische Landtagsabge-