Zul-aer Anzeiger
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Nr. 202 — 1926
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal »Zul-aer Kreisblatt Re-aktis« und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 ♦ Zernsprech-Hnschluß Nr.-S»
Nachdruck der «it * versehenen Artikel nur «tt <6seU«newge>« .Zuldaer k»n;etger'g»st»N»t.
Fulda, Freitag, 3. September
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3. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Die 41. Tagung des Völkerbundrats wurde in Ceni eröffnet. Spanien und Brasilien waren nicht erschienen.
* Deutschland bat seine Zahlungen auf Grund des Dawes- planes für das zweite Jahr vollständig geleistet.
* Der Reichsausschuß der Deutschen Volkspartei beschloß bei seiner Sitzung in Berlin, an der bisherigen Politik der Partei festzuhalten.
* In Spanien kamen durch ein furchtbares Unwetter mehr als hundert Menschen ums Leben, es wurde ein hoch in die Millionen gehender Schaden augerichtet.
Die bedrängten Oberschlesier.
Die Augen der ganzen Welt sind jetzt fast ausschließlich auf Genf gerichtet, so daß man für andere interessierende Angelegenheiten wenig Aufmerksamkeit übrig hat. Das ist nicht nur bei uns so, sondern in der ganzen Welt. Es ist aber in gewisser Beziehung sehr zu bedauern, geht doch jetzt eine Reihe von Dingen vor sich, die gerade die höchste Aufmerksamkeit verdienten. Es scheint fast so, als ob manche Kreise direkt auf solche Ablenkung der Oeffentlichkeit warten, um in aller Heimlichkeit vollendete Tatsachen zu schaffen, über die man nachher, wenn man sie entdeckt, klagt, die man aber dann nicht mehr ändern kann.
Die Genfer Vorgänge haben die Blicke fast vollständig nach Westen nbgelenkt. Es ist zu begrüßen, wie dabei die Interessen der besetzten Gebiete und die Bemühungen der Reichsregierung um diese von allen Seiten unterstützt werden. Aber der Osten verdient es trotzdem, daß man sich mit ihm von Zeit zu Zeit auch jetzt beschäftigt. Einer der wundesten Punkte ist dabei noch immer, und wird es noch lange bleiben, die ober schlesische Frage. Hier treten im- mer neue Tatsachen auf, die die Welt jedesmal wieder von der Unzuträglichkeit der seinerzeit vom Völkerbünde vorgenommenen Zerreißung Oberschlesiens überzeugen müßten. Jetzt bereiten sich wieder in Polnisch-Oberschlesien Dinge vor, die später zu den größten Verwicklungen führen müssen.
Vor kurzem ist der Kattowitzer Woiwode B i l s k i plötzlich seines Anites enthoben und nun durch den Krakauer WWMoc G rM.z y n st i ■ ersetzt worden. Die Lage der Deutschen in Ost-Oberschlesien war schon unter dem früheren Woiwoden keine rosige. Die Herkunft des neuen Woiwoden läßt nun aber leider die Befürchtung aufkommen, daß man sich noch auf Verschlimmerungen gefaßt machen muß. Als seinerzeit P i l s u d s l i seinen Staatsstreich in Polen unternahm, hofften die nationalen Minderheiten auf Besserung ihrer Lage. Die alte Politik blieb jedoch nicht nur, sie trat noch mehr in Erscheinung. Als einen Ausfluß dieser Strömung kann man auch die neue Kattowitzer Ernennung ansehen. Der neue Woiwode ist ein unbedingter Anhänger Pilsudskis. Was ihn aber besonders charakterisiert, ist der Umstand, daß er zu den Führern der früheren polnischen Aufständischen in Oberschlesien gehörte und sich auch jetzt wieder 'als deren Vertreter fühlt. Diese vollständig auf Deutschenfeindschaft eingestellten Elemente dürften von jetzt ab wieder die erste Geige spielen.
Es ist erklärlich, daß diese Ernennung nicht nur in den deutschen Kreisen Ost-Oberschlesiens große Besorgnis hervorgerufen hat. Es kam der berechtigte Wunsch zum Ausdruck, daß man zum Leiter eines solchen Landstrichs doch zum minbeften einen Mann ernennen müßte, der gründlich die Verhältnisse kennt, der also selbst ein Oberschlesier ist. Dann würde es sich vielleicht auch ermöglichen lassen, in der Schulfrage, die für die nächste Zeit in den Mittelpunkt der oberschlesischen Probleme gerückt ist, zu einem Vergleich zu kommen. Trotzdem der yom Völkerbünde eingesetzte Schlichter C a l 0 n d e r die Berechtigung der Forderungen der deutschen Minderheiten anerkannt hat, rührt man sich auf polnischer Seite nicht. Im Gegenteil, man tut so, gls ob es; für Polen keine Bestimmungen des Versailler Vertrages und kein Genfer Abkommen gibt. Man untersagt einfach fast in allen Fällen die Erlaubnis zum Besuche der deutschen Minderheitenschulen. Der die Interessen des Deutschtums in Ost-Oberschlesien vertretende Volksbund hat sich nun direkt an den Völkerbund mit seiner Beschwerde gewandt.
Man kann neugierig fein, ob der Völkerbund dem von ihm eingesetzten Manne int gegebenen Augenblick auch die Unterstützung gibt, damit dessen Entscheidungen nicht einfach nur leere Worte bleiben, wie es mit dem Urteile des Haager Schiedsgerichtshofes geschah, das die deutschen Ansprüche auf das Stickstoffwerk Eh 0 rz 0 w anerkannte und die Beschlagnahme durch Polen für ungesetzlich erklärte. In diesem Falle hat es Polen nicht einmal für nötig gehalten, auf die vielen deutschen Erinnerungen und Anfragen zu antworten, so daß man deutscherseits um ein Ergänzungsurteil bitten mußte. 9lus allem spricht die Nichtachtung, die man in Polen Deutschland gegenüber sich glaubt leisten zu können. Hier muß die deutsche Oeffentlichkeit laut ihre Stimme erheben, damit beim Versagen des Völkerbundes das Gewissen der Welt aufgerüttelt wird.
Der Bürgerkrieg in China.
Kant 0 ntrup pe n unter russischer Führung.
Die Armee Wupeifus, der in die Brust geschossen sein soll, zieht sich zurück. An der ^^e ihrer Verfolger, der Roten Kantonarmee, steht angeblich der russische General Rodel, der starke russische Unterstützungen erhalte. Der Sieg and die Abwesenheit der Roten Truppen aus Kanton hat dort dazu geführt, daß die Streikenden dort immer mehr außer Rand und Band geraten, Streikposten eröffnen das Feuer auf europäische Schiffe, die chinesische Passagiere be- fördern wollen. Aus diesem Grunde patrouillieren englische Kanonenboote die Küste des Fremdenviertels Schameen ab. In'Schanghai wurde der Belagerungszustand erklärt. Diese Zustände veranlassen den „Daily Telegraph", das Eingreifen der englischen Regierung «u fordern.
Zusammentritt des Bölkerbundrates.
Ratssitzung in Genf.
Auch Brasilien fehlt.
Donnerstag vormittag wurde die 41. Sitzung des Völker- bundrates mit einer kurzen geheimen Sitzung eröffnet. Spanien hatte keinen Vettreter entsandt, ebenso Brasilien nicht. Nach bestimmt auftretenden Gerüchten soll beim Generalsekretariat bereits ein Schriftstück der spanischen Regierung ein- getroffen sein, das sich mit der künftigen Haltung Spaniens zum Völkerbund befaßt. Gegen 12 Uhr begann dann unter dem Vorsitz des tschechoslowattschen Ministers des Auswärti- gen, B e n e s ch , die öffentliche Ratssitzung. Vertreten waren England durch Chamberlain, Frankreich durch Briand, Italien durch Skialoja, Japan durch Ishii, Belgien durch Vandervelde, Schweden durch Anden und Uruguay durch Guani. Die beiden weiteren nichtständigen Ratsstaaten Brasilien und Spanien find nicht vetteteiü Das ganze Interesse gilt der spanischen Frage, so daß die behandelten Hygiene- angelegenheiten kaum beachtet wurden. Rach 20 Minuten wurde die Sitzung vertagt und die nächste auf Freitag nachmittag angesetzt.
Nachdem Mittwoch der Schweizer Motta zum Schluß der Studienkommissionsberatungen erklärt hatte, die Mehrheit der Studienkommission lehne die Vermehrung der ständigen Ratssitze ab, ergab sich von selbst die Unmöglichkeit, den spanischen Ansprüchen auf einen ständigen Ratssitz zu willfahren.
Spanische Erklärung.
Der Vertreter der Agentur Havas in Genf erklärt, in der Lage zu sein, mitzuteile«, daß die Madrider Regierung, ohne den Beschluß des Völkerbundrates über die vom Ratsaüsschuh ausgearbeiteten Vorschläge aüzuwarten, beschlossen habe, bereits jetzt bekanntzugeben, daß sie sich an den Arbeiten des Völkerbundes desinteressiere. Binnen 24 Stunden werde der Generalsekretär des Völkerbundes eine amtliche Note der Madrider Regierung erhalten, die diesen Beschluß bekannt gebe.
Das würde bedeuten, daß Spanien aus dem Völkerbund ausscheidet. Welche Nachwirkungen ein derartiger Beschluß haben wird, muß sich alsbald entscheiden.
Deutschlands Aufnahme am
6 September?
Vermutlich wird die jetzt wohl als feststehend zu be- fruchtende Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund am 5. September erfolgen. Die Zuteilung eines ständigen Sitzes im Völkerbundrat wird wohl am 7. September, spätestens im 8. vor sich gehen. Unmittelbar nach dem Eintreffen der
Deutschlands Zahlungen im LDawrsjahr.
Bericht des Reparationsaaenten.
Der (Generalagent für bie Reparationszahlungen teilt mit, daß mit der Mittwoch früh erfolgten Zahlung von 45 000 000 Goldmark durch die Deutsche Reichsbahngesellschaft Deutschland den vollen Betrag der im Sachverstündi- zenbericht für das zweite Jahr vorgesehenen Iahreszahlung von 1220 000 000 Goldmark gezahlt hat, mit Ausnahme eines kleineren Betrages von etwa 8 Millionen Goldmark aus der Transportsteüer, der erst am 21. September 1926 fällig ist. Die heute von der Deutschen Reichsbahngesell- ickast geleistete Zahlung stellt den am 1. September 1926 fälligen Zinsen betrag für die Neparationsbonds für das zweite Jahr dar.
Deutschland kommt demnach seinen Verpflichtungen pünktlich nach und hat die während des zweiten Jahres des Dawesplanes fälligen Zahlungen richtig geleistet.
Die bisher als Zahlung auf die zweite Jahresrate eingegangenen Beträge setzen sich wie folgt zusammen:
1. Beitrag aus dem deutschen Budget .
2. Zinsen auf deutsche Eisenbahnbonds .
3. Transportsteuer .......
4. Zinsen auf deutsche Industrie-Obligat.
Insgesamt . . .
Goldmark 250 000 000 595 000 000 241 905 000 125 000 000
1 211 905 000
politische Rundschau.
Deutsches Reich.
Einführung des neuen Oberreichsanwalts.
. 1
In Vertretung des Reichsjustizministers Dr. Dell führte am Mittwoch Ministerialdirektor Dr. Bumke den neuen Oberreichsanwalt Werner in sein Amt ein. Dem scheidenden Oberreichsanwalt Dr. Ebermayer überbrachte er ein Dankschreiben und ein Bildnis des Reichspräsidenten, sprach ihm den Dank der Reichsregierung aus und gab zugleich der Genugtuung darüber Ausdruck, daß Dr. Ebermayer seine Kraft weiterhin in den Dienst der Strafrechtsreform stellen werde.
Tagung der Deutschen Bolkspartek.
Am Mittwoch hat in Berlin der Reichsausschuß der Deutschen Volkspartei getagt. Den Bericht über die Lage erstattete Dr. Stresemann. Eine rege Aussprache schloß sich an. Das Wort ergriffen «. a. Oberbürgermeister Dr. Jarres- Duisburg, Admiral Reetzmann- Leipzig, Hintzmann-Bremen sowie die Abgeordneten Dr. Scholz, Hemkes. Dr. Leidia, Frau Mende. Brüninadaus, Dinaeldeo
Rachricht von der erfolgten Aufnahme und der Wahl in den Rat wird die deutsche Delegation nach Genf abreisen. Das vird am 7. oder am 8. September geschehen, so daß der feier- iche Einzug der deutschen Deputation in den Reformations- saal spätestens am 10. September erfolgen wird.
Die Kabinettssitzung in Berlin wird ihre Entschließungen über die Zusammensetzung der deutschen Delegation voraus- ichtlich sofort nach Eintreffen Ministerialdirektor Gaus' aus Senf treffen. Reichsaußenminister Dr. Stresemann wird He Delegation führen. Außer dem Staatssekretär v. S ch u -
1 e r t und den zuständigen Referenten des Auswärtigen ll mies werden der Delegatton mehrere Parlamentarier an- sehören. Dr. Stresemann hat an den Reichstagsabgeord- »eten, Prälaten Dr. Kaas (Zentr.) die amtliche Anfrage gerichtet, ob er bereit fei, als Mitglied der deutschen Bölker- iunbbelegation nach Genf zu gehen. Dr. Kaas soll zugesagt jaben. Gleiche Anfragen erhielten Graf Bernstorff (De- noirct) und Dr. Breitscheid (Soz.)
Der Deutsche Volksbund gegen die Zwingherrschaft am Rhein in München erläßt einen Appell an die Oeffentlichkeit, in der er verlangt, daß vor Deutschlands Eintritt in den Völkerbund der Kriegsschuldparagraph des Versailler Verlages vor aller Welt gestrichen werde. Das deutsche Volk müsse sich einmütig von der Schuld am Kriege lossagen und für die falsche Anklage Genugtuung verlangen.
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Frankreichs Abgesandte.
Die französische Delegation für die Völkerbundtagung setzt sich folgendermaßen zusammen: Delegierte: Briand, Paul - B 0 n c 0 u r, Senator Pams, stellvertretende Delegierte: de Iouvenel, Loucheur, Senator Labrousse; Beisitzer: Iouhaux, Generalsekretär des Allgemeinen Arbeiterverbandes; die Abgeordneten Plaifant, Barthelemy, Serot, Bastid und Professor der Rechtswissenschaften an der Universität Lille Cassin; als Sekretäre fungieren Planzel, Leiter des französischen Menstes beim PMerbund, und Konsul.Ame-Leroy.
' Wie in unterrichteten Kreisen verlautet, wird der jugoslawische Minister des Aeußeren Rintschitsch zum Präsiden- ten der am Montag in Genf zusammentretenden 7. Völker« bundversammlung ernannt morden.
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Marx für europäische Verständigung.
Reichskanzler Dr. Marx hat an die Konferenz für europäische Verständigung in Genf folgendes Telegramm gesandt: .Ramens der Reichsregierung, die den Bestrebungen der Konferenz für Europäische Verständigung größtes Interesse entgegenbringt, übermittle ich der Tagung die besten Wünsche für einen gedeihlichen Verlauf."
und Burger. Sowohl die Beratungen des Parteivorstandes wie die des Reichsausschusses ergaben die Geschlossen- heitder Partei bezüglich der Fortführung ihrer bisherigen Politik, womit wohl ausgesprochen werden soll, daß die von einigen Seiten befürwortete anderweitige Orientierung nicht geplant ist. — Die Sitzung des volksparteilichen Vorstandes beschäftigte sich mit der Vorbereitung des am 2. Oktober in Köln beginnenden Parteitages. Am 1. Oktober wird eine Sitzung des Zentralvorstandes in Köln stattfinden, am 2. Oktober wird der Parteitag eröffnet werden.
Verhaftung wegen angeblichen Fememordes.
Dem Verbot der Bundeszeitschrift „Der Stahlhelm" ist jetzt die Verhaftung ihres Chefredakteurs Friedrich Wil- Helm Heinz gefolgt. Er wird von dein Chauffeur Schwing, der kürzlich in Nauheim verhaftet wurde, unter Angabe von Einzelheiten beschuldigt, den Fememord an dem ehemaligen Hauptmann Wagener a n g e st i f t e t und die Ausführung der Tat überwacht zu haben. Heinz, in das Unter- iuchungsgefängnis von Gießen cinaeliefert, bezeichnet sich als das Opfer eines Racheakts Schwings.
Erhöhung der belgischen Vertragszölle.
Nach dem deutsch-belgischen Handelsab- kommen können die Zollsätze für die in den Anlagen I und III des Abkommens aufgeführten Waren entsprechend erhöht werden, sofern der durchschnittliche Index der Großhandels- preise in Belgien gegenüber der Zeit des Vertragsabschlusses eine Erhöhung von mindestens 20 Prozent aufweist. Unter Hinweis darauf, daß dieser Index von 538 im April 1925 auf 876 im Juli 1926 gestiegen ist und damit eine Erchöhung von 64 Prozent aufweist, hat die belgische Regierung der deutschen Regierung mitgeteilt, daß sie voraussichtlich in nächster Zeit genötigt sein werde eine größere Anzahl der Ver- tragszölle zu erhöhen. , * ' ,
Danzig.
X Die Finanzreformvorlage. Der in den letzten Wochen entbrannte Kampf um die Sanierung der Danziger Staats- finangen hat einen gewissen Abschluß gefunden. In der Volkstagssitzung am Mittwoch wurde in zweiter Lesung die Vorlage der Regierung, die u. a. die Kürzung der Beamten- gel)älter je nach der Höhe des Einkommens um 4—10 Pro- zent, die Einführung einer Art Ledigensteuer, sowie einen Zuschlag zur Einkommensteuer und eine besondere Abgabe für die Erwerbslosensürsorge vorsieht, angenommen. Die bei der zweiten Lesung erlangte Mehrheit für die einzelnen Gesetzentwürfe schwankt zwischen 10 und 12 Stimmen. Die dritte Lesung findet am Freitag statt. Es ist damit zu rechnen, daß auch die dritte Lesung eine Mehrheit für die Vorlage bringen wird. - <