Zul-aer Anzeiger
lichL Mark. BdEtefestt^^ durch Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 203 — 1926
Fulda, Samstag, 4. September
3. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Die Genser Studtenkommission ha, sich endgültig dahin entschieden, daß Spaniens Ansprüche abgewiesen werden und nur Deutschland einen ständigen Natssitz erhält.
* Die Reparationszahlungen sind für die nächsten beiden Jahre um zusammen 200 Millionen Mark Heruntergesetz, worden.
* In Berlin wurde die Funkausstellung unter Teilnahme zahlreicher Vertreter der Behörden eröffnet.
* General Plastiras marschiert in Griechenland gegen General Kondylis. erlege»! âünesische General Wupetsu ist seiner Verwundung
Wettläufe.
Im Geschwindschritt, mit Siebenmeilenstiefeln erobert sich der Sport die ganze Welt. Das kleine amerikanische Mädel aus Schwabenland hat durch recht und schlecht gerechnet gute acht Tage so ziemlich allen Leuten etwas die Köpfe verdreht, bis der wackere Kölner Vierkötter ihr den Rang ablicf und nun dafür seinerseits als Rekordbrecher im Wettschwimmen durch und über den Ärmelkanal sozusagen für den ganzen Erdkreis den Helden des Tages abgibt.
Neben diesen Leistungen können die Champions des Völkerbundes sich noch so sehr anstrengen, um die Aufmerksamkeit der Menschheit wieder einmal auf die schicksalbedeutenden Rats- und Vollsitzungen ihrer Beauftragten in Genf hinzulenken. Es will ihnen nicht so recht gelingen. Man hat die Genfer Sache nun auch schon zu oft erlebt, weiß int voraus, daß es dort furchtbar umständlich und langwierig zugehen und daß zum Schluß alles so ungefähr bleiben wird, wie cs bisher gewesen ist Gleichviel, ob D c u t s ch l a n d diesmal ohne jede Störung in den Bund der Nationen hineingehen oder ob es noch einige Aufenthalte geben wird oder nicht, das Feilschen und Intrigieren, das Beargwöhnen und Be- neiden. des einen gegen den andern hat unter dem Zepter ves Völkerbundes nicht viel weniger Unfug gestiftet als zu der Zeit, da wir ihn noch nicht hatten, und der Hinzutritt Deutschlands wird an dieser unglückseligen Veranlagung der Menschennatur voraussichtlich auch nichts ändern können.
Man muß sogar damit rechnen, daß der Eifer jener Friedensfreunde, die uns bisher schon sehr viel zu schaffen machten, weil sie jede Trübung des Einvernehmens unter den Völkern auf Deutschland und immer nur auf Deutschland zurückführten, in Zukunft sich dieses Treibens nicht entwöhnen werden. Wir sind nun einmal nicht beliebt in den Amtsstuben und den Beratiingsziinmern, in denen internationale Politik und — internationale Geschäfte betrieben werden. Wenn wir uns jetzt auch in Genf als Gleichberechtigte niederlassen, werden wir die Eifersucht gewisser Kreise wahrscheinlich sehr bald in den verschiedensten Winkel der Welt zu spüren bekommen. Aber nichtsdestoweniger: wir müssen hinein in den Strom und sehen, wieweit wir es im Wettschwimmen mit den preisgekrönten Größen des Völkerbundes bringen können. Herr Vierkötter soll unseren Genfer Delegierten und Vertrauensmännern dabei ein leuchtendes Vorbild sein!
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Neidlos wollen wir dagegen den jetzt auf der internationalen Konkurrenz um ständige und nichtständige Sitze im Völkerbundrat nicht ganz zum Ziele gelangten Polen auf anderen Gebieten die Siegespalme überlassen. Wir haben in Deutschland einmal einen Hauptmann v o n K ö p e n i ck gehabt, der einen harmlosen Vorortbürgermeister mit ausgeborgten Soldaten überlisten konnte, und die ganze Welt hat sich über seinen Gaunerstreich königlich amüsiert. In Polen hält man sich mit solchen kleinen und vereinzelten Streichen gegen die öffentlichen Gewalten nicht auf. Da ist es die Polizei, die bewaffnete und uniformierte Polizei, die den Spitzbuben des Landes, den Wegelagerern und Beutemachern zu Hilfe kommt und sich mit ihnen, auf Kosten des Staates und seiner Bürger, bereichert, wo immer sich dazu Gelegenheit bietet. Ganz ungescheut sagt man bereits einigen maßgebenden Polizeileuten in der polnischen Landeshauptstadt öffentlich nach, daß siemitVerbrechernunter einerDecke st ecken. I
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Wenn es nur das alte oder nur das eigentliche Polen wäre, das mit solchen herrlichen Künsten nähere Bekanntschaft zu machen hatte, wir Deutschen könnten mit Gelassenheit den Dingen ihren Lauf lassen. Aber was sich jetzt so an der W e i ch s e l an Gewalttätigkeit aller Art cin- nistet, fällt auch sehr bald unseren Brüdern an der Warthe und an der O d c r auf die Nerven — und mehr als auf die Nerven. In Oberschlesien werden deutsche Ärzte systematisch vertrieben und durch polnische Kräfte ersetzt. Die Krankenkassen dürfen nicht mehr deutsche Medikamente verwenden, sondern müssen polnische Er- reugnisse abgeben, deren minderwertige Eigenschaften von dielen unzweifelhaft sachverständigen Beurteilern nachge- lviesen sind. Es paßt zum Ganzen, daß sogar den Apothekern bei Strafe der Entziehung ihrer Praxis verboten wird, Medikamente deutschen Ursprungs zu verkaufen. Auf direkte Verstöße gegen die Genfer Verpflichtungen kommt es dabei nicht im geringsten an. Der Völkerbund ist weit — und auch Wo er es gut und gerecht meint, verfügt er doch nicht über die erforderliche Amtsgewalt, um fernem Willen den gehörigen Nachdruck zu verleihen.
Dr. Sv.
Spanien in Genf endgültig abgelehnt.
Am für Deutschland ein Sitz.
Endlich hat man sich in Gens zu einem bestimmten Entschluß durchgerungen, nachdem die Verhandlungen über die Vorschläge der Studienkommisston den ganzen Mittwoch und Donnerstag resultatlos geblieben waren und es Donnerstag sogar zu heftigen Hin- und Herreden gekommen war. Spanien hatte eine deutliche und unzweifelhakte Ablehnung seiner Ansprüche auf einen ständigen Sitz im Völkerbundrat verlangt. Die Studienkommisston Kte am Freitag nach erneuter kurzer Beratung folgen- 1 Beschluß:
»Aus den Erklärungen der übrigen Ratsmitglieder (abgesehen von Polen und China) ergab sich, daß die Mitglieder der Kommission trotz des lebhasten Wimsches ihrer Regierungen außerstande waren, in erhöhtem Maße den Rechten und Wünschen Spaniens Rechnung zu tragen, und daß sie daher dem Völkerbundrat keine weiteren ständigen Sitze vorschlagen könnten als wiederum den, den n a ch e i n st i m m i g e m Wu n s ch e D e u t s ch - land erhalten soll. Aus diesen Gründen und zu ihrem größten Bedauern kann die Kommission dem Rat die Annahme des spanischen Gesuches nicht empfehlen. Der deutsche Vertreter wünscht, sich der Stimme zu ent- halten, schließt sich aber der allgemeinen Sympathiekund- gebiing für, Spanien an. Der Vertreter Spaniens dankt für diese Kundgebung, berichtet seiner Regierung und hält seine Forderung ausrecht"
Vor dieser Formulierung war in besonderer Sitzung von Lord Cecil, Briand und dem Vorsitzenden Motta eine Resolution Cecils angenommen worden, in der die Mitglieder der Kommission für die Zusammensetzung des Rates vor dem Auseinandergehen ihren spanischen Kollegen bitten, seiner Regierung ihre ernstliche Hoffnung zu übermitteln, daß sie die Anstrengungen in wohlwollende Erwägung ziehen möchte, die gemacht worden sind, um soweit als unter der vorliegenden Umständen irgend möglich die Wünsche der spanischen Negierung zu erfüllen Es wird dann aufgezählt, was alles für Spanien geschehen sei. Präsident Motta hielt die Schlußrede in der Haupt- sitzung und drückte dabei noch einmal die Hoffnung aus, daß sich Spanien nicht aus dem Völkerbünde zurückziehen und nicht einmal seine Mitarbeit einstellen werde.
Oeuischlands Delegierte.
In der Berliner Kabinettssitzung wurden als Deutschlands Hauptdelegierte bei der Völkerbundratsitzung die Herren Neichsaußenminister Dr. Stresemann, Staatssekretär v Schubert und Ministerialdirektor Dr. Gaus ernannt. Die Delegation wird ferner die Reichstagsabgeordneten Graf B e r n st 0 r f f, Dr. B r e i t s ch e i d , Dr. Kaas und Frhr. von R h c i n b a d e n , die Staatssekretäre Dr. P ü n d er und W e i s in a n n , die Ministerialdirektoren Dr. Kiep und Dr. Schüssel sowie Sachverständige aus verschiedenen Ministerien umfassen.
Der juristische Sachverständige des deutschen Auswärtigen Amtes, Ministerialdirektor Dr. Gaus, hat Genf
200 Millionen Mark Reparationszahlungen weniger.
Drittes und viertes Dawes-Jahr.
Nach dem Sachvcrständigcnplan und dem Londoner Schlußprotokoll hätte Deutschland für das dritte und vierte Reparationsjahi je 250 Millionen zusätzliche Zahlungen zu leisten, wenn die verpfändeten Einnahmen — woran nach der bisherigen Entwicklung nicht zu zweifeln ist — eine gewisse Summe überschreiten.
Diese beiden sogenannten „kleinen Besserungsscheine" im Gesamtbetrag von 500 Millionen waren infolge der daraus sich ergebenden Belastungen des deutschen Budgets und der deutschen Wirtschaft Gegenstand ernster Sorge für die Reichsregierung.
Zwischen dem Rcichsfinanzminister und dem durch die Reparationskommission hierzu bevollmächtigte» Generalagenten ist nunmehr ein Abkommen getroffen worden, welches an Stelle der zu leistenden 500 Millionen Mark eine Summe von 300 Millionen setzt. Gleichzeitig ist, um eine erhöhte Liquidität der Reichskasie zu erzielen, mit dem Kommissar für die verpfändeten Einnahmen ein Parallelabkommen abgeschlossen worden, nach welchem der Kommissar die verpfändeten Einnahmen, die bisher zu feinen Gunsten jeweils sechs Wochen lang gesperrt waren, unmittelbar freigibt, nachdem er die zur Erfüllung der Haushaltszahlungen Deutschlands notwendigen monatlichen Summen erhoben hat.
Finanziell bringen die beiden Abkommen für bte Reichsfinanzverwaltung eine wesentliche Erleichterung des deutschen Haushalts. Es werden durch das Abkommen mit dem Generalagenten haushaltsmäßig gespart im Etatsjahr 1926'27 37,8 Millionen Goldmark, int Etatsjahr 1927/28 58 Millionen und im Etatsjahr 1928/29 104,2 Millionen Goldmark. Die an Stelle von 500 Millionen zu zahlenden 300 Millionen sollen überdies für Sachlieferungen verwendet werden, wodurch das Arbeits- befchaffungsprogramm der Reichsregierung eine sehr wichtige Erweiterung erfährt.
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verlasten. Er trifft Sonnabend in Berlin ein. Bot- schaster v. Hoesch begibt sich nach telegraphischer Be- richterstattung nach Chamonix, von wo er nach einem kurzen Ferienaufenthalt nach Paris zurückkehren wird.
Aus der Tagesordnung der öffentlichen Sitzung des Völkerbundrates am Freitag standen die Memeler Frage und der Bericht des Prüfungsausschusses für die Zusam- mensetzung des Rates.
Die Saardelegation unter Führung von Kommerzienrat Röchling und Rechtsanwalt Levacher ist in Genf eingetroffen.
Stresemann über Genf.
Die Turiner „Gazzettn del Popolo* veröffentlicht eine Unterredung, die der deutsche Reichsminister des Äußern Dr. Stresemann ihrem Berliner Korrespondenten Prof. Senatra gewährt hat. Der Minister erklärt darin auf die Frage, ob nunmehr alle Schwierigkeiten bezüglich des Ein- tritts Deutschlands in den Völkerbund als behoben betrachtet werden könnten, daß zwar die Erfahrungen der Märztagung die Möglichkeiten des Unerwarteten in sich bergen, daß man aber nach der derzeitigen Lage den Ein- lrittolssicher annehmen könne.
Über die Eupen-Malmedy-Frage
erklärte Dr. Stresemann dem Korrespondenten, daß es sich bei dem materiellen Objekt dieser inoffiziellen Verhandlungen um eine Summe gehandelt babe, die etwa den zehnten Teil der von amerikanischer Seite genannten 1 % Milliarden auömachte, und daß auch sie nicht von Reichs wegen, sondern etwa als eine Besreiungsanleihe im Rheinland privat hätte aufgebracht werden müssen. Schließlich berührte der Minister auf eine Frage das Kolonialprobleme, das gleichermaßen Deutschland und Italien interessiere. Er unterstrich dabei, daß es in dieser Frage nur eine einheitliche öffentliche Meinung in Deutschland gebe, und daß man mit Bezug auf sie dem deutschen Volke auf das bitterste Unrecht getan habe.
Eingreifen des Papstes bei Spanien?
Wie aus Rom gemeldet wird, soll der Papst eine längere Unterredung mit dem Madrider Nuntius, Monsignore Tedeschi, gehabt haben, in deren Verlauf der Papst den Nuntius gebeten habe, sich sofort nach Madrid zu begeben und dem König und Primo de Rivera zu erklären, daß der Vatikan im Interesse des europäischen Friedens der Ansicht sei, Spanien müsse seinen Platz im Völkerbund behalten und dürfe sich nicht von den Arbeiten des Völkerbundes zurückziehen.
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Veutschlands Völlerbundetntriit 10. September.
Genf. Die Aufnahme Deiitschlands in den Völkerbund, die eingehend durch die Herren von Hoesch und Briand et« arten worden ist, ist für Freitag, den 10 September, vorgesehen. Die Ausnahme Deutschlands als ständiges Raismit- glied soll sich der Ausnahme in den Völkerbund unmittelbar änschließen und somit bereits am Freitag abend oder am Sonnabend vormittag erfolgen.
Oie täglichen Eifenbahnunsälle.
Zugentgleisungen und ein verhütetes Attentat.
Der Luxuszug 65 P a r i s—P r a g ist bei der Durchfahrt durch die Station Crailsheim mit allen Wagen entgleist. Die Lokomotive ist umgestürzt. Ein Reisender und der Heizer sind verletzt. Der Materialschaden dürste sehr bedeutend sein. Die Ursache ist noch nicht bekannt. Der Bahnverkehr mußte durch Umsteigen aufrechterhalterr werden. !
Wie aus S ch n e i d e m ü h l gemeldet wird, entdeckte das Zugpersonal, kurz bevor der von Ncustettin kommende Personenzug in den Bahnhof cinfuhr, in einer Länge von etwa 150 Metern, und zwar abwechselnd auf dem einen und dem anderen Schienenstrang, eine Anzahl faustgroßer Steine auf den Schienen, die der zwischen den Schienen vorhandenen Kiesschüttung entnommen waren. Glücklicherweise entdeckte das Zugpersonal die Steine so rechtzeitig, daß der Zug, ohne irgendwelche Perkehrshinderung zu haben. weiterkaüren konnte.
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Hartmannshain, 3. Sept. (Eisenbahnattentat eines 15jährigen.) Auf die Vogelsbergbahn Lauterbach—Stockheim wurde ein Attentat verübt. Bei der Streckenbcgehnng wurde festgcstellt, daß bei Hartmannshain mehrere Laschenschrauben von den Eisenbahnschienen entfernt und gestohlen worden waren, was unzweifelhaft zu einer Zugentgleisung geführt hätte. Es gelang den Bemühungen des Eisenbahnkriminalbeamten Seng in kurzer Zeit, den Täter zu ermitteln. Es handelt sich um einen 15jährigen Knecht, der aus Offenbach stammt und in Hartmannshain bedienstet ist. Er hat die Tat, die unabsehbares Unglück im Eesolge haben konnte, aus Uebermut begangen.
Leipziger Auftakt der Sresdener Mufinetagung.
Aus Anlaß her bevorstehenden Dresdener Industrie- tagung hatte daS Leipziger Messeamt den HauptauSfchutz des ReichSverbandes der Deutschen Industrie zur Besichtigung der Messe eingeladen. Bei der Begrüßuilg der Gäste in der alten Handelsvörie machte Direktor Köbler