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Zul-aer Anzeiger

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Nr. 204 1926

Fulda, Montag, 6. September

3. Jahrgang

Deutschland ständiges Ratsmitglied.

Genfer Zustimmung zu

Seotsthlands Eintritt.

, Sonnabend nahm der Völkerbuudrat in Gens auf Antrag dès japanischen Vertreters nach dem Bericht über die Arbeiten der Studienkommission folgende Resolu. tion an:

! Der Bericht der Studienkommission für die Rats- frage wird gebilligt. Der Rat beschließt infolgedessen und aus Grund der Ermächtigung des Artikels 4 des Vülkerbundpnktes a) die Ernennung Deutschlands zum ständigen Mitglied des Rates vom Augenblick seines Ein­trittes in den Völkerbund an, b) die Erhöhung der Zahl der nichtständigen Sitze auf neun. Der Rat empfiehlt der Versammlung die Genehmigung dieser Entschließung. Der Rat empfiehlt der Versammlung, die Anträge in wohlwollende Erwägung zu ziehen, die von der Studien­kommission über den Wahlmodus der nichtständigen Ratsmitglieder und die Regelung ihrer Mandatsdauer gemacht worden sind.

Durch diese Resolution ist die offizielle Zu­stimmung zu Deutschlands Eintritt in den Völkerbund erklärt. Der schwedische Ratsdelegierte erklärte, daß Schweden sich freie Hand Vorbehalte für den Fall, daß durch diesen Plan eine Lösung der gegenwärtigen Rats­krise nicht sollte erzielt werden können. Der Völkerbund- rat nahm alsdann noch die von der Studienkommission vorgeschlagene bekannte Resolution Lord Robert Cecils an und beschloß, sie dem spanischen Vertreter im Völker- Hundrat zu übermitteln.

Der deutsche Ministerialdirektor Dr. Gaus, der von Genf nach Berlin zurückgekehrt ist, hat sofort dem Reichs- Außenminister Dr. Stresemann einen ausführlichen Bericht über die Arbeiten der Studienkommission gege- Den. Dr. Stresemann hat, mit Rücksicht auf die heutige Rückkehr des juristischen Sachwalters, seine Dresdner Reise aufgegeben. Wahrscheinlich wird Anfang der Woche das Reichskabinett zusammentreten, um vor Abreise der deutschen Delegation nach Genf die allgemeine Lage noch einmal zu besprechen.

Spaniens Absage in Genf.

Kündigung des Tangerabkommens.

Der englische Außenminister Chamberlain und der französische Außenminister Briand in Genf erhielten ein -Antwortstelcgramm von Primo de Rivera, in dem e£ heißt, er nähme mit tiefer Bewegung von den an ihm ge­richteten Worten Kenntnis. Seine politische Meinung sei es, den Anregungen unverzüglich zu folgen, wenn er es

Dr. Silberbergs Vorschläge in Dresden.

Unternehmertum und Arbetterschast.

Heranziehung der Sozialdemokratie verlangt.

Ei« Augenblick höchster Spannung entstand auf der großen Jndustrietagung zu Dresden, als Generaldirektor Dr. Silverberg, der rheinische Großindustrielle, dessen Namen seinerzeit namentlich gemeinsam mit dem des ver- storbenen Hugo Stinnes' viel genannt wurde, auf die zu- künftige Stellung des deutschen Unternehmertums zur deut- schen Arbeiterschaft und der durch diese gebildeten Sozial­demokratie zu sprechen kam. Dr. Silverberg, der als einer der engsten Gesinnungsgenossen von Hugo Stinnes galt, forderte ziemlich deutlich den Eintritt der Sozialdemokratie in die Reichsregierung und Zusammenarbeit zwischen Unternehmer­tum und Arbeiterschaft als Vorbedingungen für den Wieder- Aufbau Deutschlands.

Dr. Silverberg betonte zunächst, in der Besitzschichtung stelle das Eigentum an der Arbeitskraft einen besonders zu behandelnden Komplex dar. Der Redner fuhr fort:Dabei muß ich die Auffassung von der Hand weisen, als wenn ich damit lediglich die Handarbeit meinte; im Gegenteil, ich will damit alle diejenigen Individuen zusammenfassen, im weitesten Sinne gedacht, die durch Verwertung und in Betätigung ihrer körperlichen und geistigen Arbeit ein aus dieser fließendes Einkommen ziehen. Bei uns in Deutschland, wo weite Kreise mehr oder weniger an einer starken Überschätzung des organisatorischen Gedankens leiden, drückt sich diese um« lassende Auffassung auch schlietzlich darin aus, daß fast alle Berufe, sogar die öffentlichen Beamten, sich gewerkschaftlich organisiert haben. Ich möchte glauben, daß manch einer hier­bei dem Druck von unten und Der Stimmung gefolgt ist. die nun einmal bei uns als Auswirkung der Revolution ge­herrscht hat. und daß manch einer heute mit Anstand aus dieser Nberivannung des Oraanisationsaedankens berauSmöchte

Wie dem aber auch fei, es mutz rückhaltlos dankbar aner­kannt werden, daß die alten Gewerkschaften, soweit sie über einen alten Stamm gewerkschaftlich geschulter und disziplinierter Mitglieder und charakterfester Führer verfügen ich nenne hier, ihn und uns ehrend, den Ramen Legien sich große Verdienste dadurch erworben haben, datz Re ernst-

mitwirkten, die revolutionäre Bewegung von den Arbeiter­und Soldatenräten wieder zu einer geordneten Staatsver­waltung zu führen. Dankbar sei auch an dieser Stelle und in biefent Zusammenhang des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert gedacht."

Der Redner wandte sich weiter gegen Überorganisation flrwoül bei Arbeitnehmern wie bei Arbeitgebern, sprach von

nicht für seine Pflicht hielte, über das Prestige dieses alten ruhmreichen und vielgeliebten Spaniens zu wachen. Spanien werde, wenn es diesen Anregungen folgte, auf eine seiner Würde nicht entsprechende Stufe hcrabgedrückt werden, daher müsse es den Auswegineiner r» digen Enthaltung suchen.

Palacios, der Spanien im Studienausschuß für die Zusammensetzung des Völkerbundrates vertreten hat, reiste nach Paris ab, von wo er sich wieder auf seinen Gesandtenposten in Brüssel begibt.

Der Korrespondent desJournal des Döbats" in San Sebastian will aus sicherer Quelle mitteilen können, daß die spanische Regierung mit der italienischen bereits die Kündigung des Tanger st atus und auch diejenige des französisch-spanschen Vertrages von 1912 ins Auge gefaßt habe.

Memel und Saar in Genf.

Beschwerde des Memellandes.

In der zweiten öffentlichen Sitzung des Völkerbund- rates kamen eine Beschwerde des M e melländ >- schen Landtages gegen die litauische Regierung und der Bericht der ständigen Mandatskommission des Völker­bundes über diese Angelegenheit zur Besprechung. Briand, Chamberlain und Benesch fanden es bedenklich, daß die Mandatskommission von Litauen die Beantwortung eines ausführlichen Fragebogens verlangt und Bittsteller aus dem Memelland vernommen habe. Der Vizepräsident der Kommission, van Rees, erklärte demgegenüber, daß nach dem Völkerbundstatut die Man- datskommission in der Auswahl ihrer Mittel vollständig frei sei. Briand, Chamberlain und Benesch versicherten darauf, daß sie der Kommission keinerlei Vorwurf hätten machen wollen.

Über die Beschwerden des Saargebiets, die geforderte Zurückziehung der französischen Truppen usw., soll erst später, voraussichtlich nach der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund, verhandelt werden. Infolge der Ver- tagung der Angelegenheit ist die in Genf weilende Saar- delegation vorläufig wieder abgereist.

*

Die republikanische Presse der Vereinigten Staaten verbreitet in großer Aufmachung eine Erklärung des Weißen Hauses, wonach Coolidge entschlossen sei, die Durchführung des Luftflottenprogramms und den Bau von Kreuzern und Tauchbooten zu beschleunigen, wenn die Genfer Abrüstungskonfe­renz erfolglos bleiben sollte. Der Präsident habe die Teilnahme amerikanischer Delegierter an dieser Konferenz nur zugegeben, um den Friedenswillen der Vereinigten Staaten kundzutun.

dem richtigen Verhältnis, das beide Teile innehalten müßten, und wies auf die Wege hin, die nach seiner Meinung in Zu­kunst gegangen werden müßten.

Negierung und GozialDemolraiie.

Weiter führte Dr. Silverberg aus:Es hieße sich selbst etwas vormachen, wollte man verkennen, daß Die überwiegende Mehrzahl der deutschen Arbeiterschaft in der Sozialdemo­kratie, eine Minderheit in Der Zentrumspartei, ihre politische Vertretung findet. Nicht nur dem Unternehmertum erwachsen aus dieser Lage besondere Schwierigkeiten; sie entstehen min­destens in demselben Umfange für Die Zeulrumspartei, so­lange die Sozialdemokratie Oppositionspartei ist. Deshalb ist es eine auf Die Dauer in höchstem Maße allgemeinpolitiscb und wirtschaftspolitisch unerträgliche und schädigende Lage, wenn eine große Partei wie die Sozialdemokratie in einer im deutschen Parlamentarismus mehr oder weniger veranl- wortungssreien Opposition steht. Man sagte einmal, es kann nicht gegen Die Arbeiterschaft regiert werden. Tas ist nicht richtig, es muß heißen: es kann nicht ohne die Arbeiterschaft regiert werden, und wenn das richtig ist, muß man den Mut zur Konsequenz haben, es soll nicht ohne die Sozialdemo« kratie, in Der die überwiegende Mehrheit Der deutschen Ar­beiterschaft ihre politische Vertretung sieht, regiert werden. Die deutsche Sozialdemokratie muß zur verantwortlichen Mit­arbeit heran. Sie wird auch als Partei zugrunde gehen, wenn Re sich nicht hierzu entschließt. Dazu ist von unserem Standpunkt aus Voraussetzung, daß Die soziale Demokratie auch den Mut Hal, Die Folgerungen aus den Lehre« zu ziehen, die sie in und seit der Revolution erhalten hat: Re hat nicht die Macht und Die Kraft unD Die Fähigkeit. Den Staat zu beherrschen und zu führen.

Wenn eine soziale Demokratie sich so auf den Boden der Tatsachen stellt, den radikalen Doktrinarismus und die immer zerstörende, nie aufbauende Politik der Straße und der Ge­walt ablehnt, wird sie zusammen mit dem Unternehmertum und unter seiner Führung Deutschland und die deutsche Wirt­schaft wieder zn Erfolgen und zur Blüte führen.*

Zum Schluß betonte Dr. Silverberg:Ich glaube hier feststellen zu dürfen, daß das industrielle Unternehmer­tum sich zu der Erkenntnis durchgerungen hat, daß das Heil für Deutschland und Deutschlands Wirtschaft nur in der ver- trauensvollen Kooperation mit der deutschen Arbeiterschaft liegt, und daß, darauf fußenb, auch weite Kreise deS deutschen industriellen Unternehmertums den Mut zu der Schlutzsolge- rung haben, daß die politische Mitarbeit und Mitverantwor- tztUü der Sozialdemokratischen Partei angeftrebt werden mutz.

Wir haben in Deutschland zusammen viel wieder aufzubauen. Dazu sind in erster Linie die beiden aufstrebenden Schichten tm Volke berufen: das deutsche Unternehmertum im weitesten Sinne gedacht und die deutsche Arbetterschast. Kein TeU hat es bis jetzt dem anderen leicht gemacht, zu einer aufbauenden Zusammenarbeit zu gelangen, sicher nicht die politische Ver­tretung der Arbeiterschaft und ihre Exponenten, die für sich alle Anerkennung verlangten, aber verkannten, datz sie ohne kräftiges, auf guter Tradition beruhendes Unternehmertum nichts sind. Manches haben die Organisationen der Arbeiter­schaft erreicht. Aber eines haben sie nie gekonnt und werden sie nie können:Arbeit schassen'. Das kann nur daS Unter- nehmerlum, das eine geistig und körperlich gesunde Arbeiter­schaft hinter sich weiß.'

*

Dresdener Jndustrietagung.

Von besonderer Seite wird uns zu den wichtigen Ver- Handlungen des Reichsverbandes der Deutschen Industrie noch geschrieben:

Die alljährliche Generalversammlung des Reichsver- bandes der Deutschen Industrie gehört schon seit langem zu den wichtigsten öffentlichen Kundgebungen. Dies drückt sich schon dadurch aus, datz die für unsere innen- und außenpolitische Betätiauna wichtigsten Minister Dabei nicht nur erscheinen, sondern auch Programmreden halten. Von einer ganz besonderen Bedeutung war die diesmalige Tagung in Dresden, weil wir gewissermaßen an einem Wendepunkt der gesamten deutschen Wirtschaftspolitik stehen. Rejchsaußenminister Dr. Stresemann hatte selbst ein Reserat angekündigt. Er mußte aber im letzten Augenblick absagen, weil die ganze Entwicklung in Genf alle Pläne über den Haufen geworfen hat. So konnte Ministerialdirektor Dr. Gaus erst am Sonnabend in Berlin über die Genfer Vorgänge berichten. Da ist es begreiflich, daß der Außenminister in Berlin blieb. Sind doch gerade wegen Genf schnelle Entschlüsse der Reichs- regierung notwendig. Weshalb feine Stunde verloren werden darf. Diese schnelle ^^^^^^^u^^^^^u^^ liegt auch im Interesse der deutschen Industrie, die mit am meisten unter der Ungewißheit der Lage leidet, in die Gens dies­mal eine Klärung bringen muß.

Bei der gedrückten Wirlschastslage nicht nur in Deutschland kann es nicht wundernehmen, wenn der ganze Ton Der Dresdener Verhandlungen nicht sehr ge­hoben klang. Das bewies gleich die Eröffnungsansprache des Professors Dr. Duisberg, der von langen Aus­landsreisen zurückgekehrt ist und auf Grund seiner in der Heimat gewonnenen neuen Eindrücke Die Lage in Deutschland als trübe bezeichnete. Er meinte sogar, daß sich in der Zeit seiner Abwesenheit die Lebenshaltung deS deutschen Volkes eher verschlimmert als gebessert habe. Reichsfinanzminister D r. Reinhold wies zu Beginn seiner Rede gleich aus die wirklichen Ursachen Der tröst- losen Zustande hin, in denen das zweite Kabinett Luther die Regierung an getreten habe. Diese Lage sei genug gekennzeichnet gewesen durch die zwei Millionen unter» stützungsberechtigter Arbeitsloser und durch Die an­nähernd zweitausend Konkurse in einem Monat. Als den Schuldigen bezeichnete er mit Recht den wirtschaftlich unsinnigen sogenannten Friedensschluß, Der in ganz Europa einen "iauganbauernDen wirtschaftlichen Nieder- gang verursachte. 9(ud) Der Dawes Lasten gedachte Der Minister. Er nahm Dabei an, Daß angesichts der allge­meinen katastrophalen Wirtschaftslage die Welt von sich aus die Beseitigung dieser Lasten verlangen werde.

Mit in den Mittelpunkt Der Heilmittel gegen die Nöte der Zeit stellte der Reichsfinanzminister äußerste Spar- samkeit auf allen Gebieten, und er will löblicherweise da­mit in seinem eigenen Ressort zuerst anfangen, -ruf einen anderen Weg verwies Professor Duisberg, der auf Die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufmerksam machte, da nur gemeinsame Arbeit Die drohenden Gefahren bannen könne. Dieses Thema spann dann in einem spä­teren Stadium der Tagung das Verbandsmitglied Gene- raldirektor Dr. Silverberg fort, der sich be- sonders über die Stellung des industriellen Unternehmer- tumS zur Arbeiterschaft verbreitete. Seine Rede wird noch lange die Öffentlichkeit beschäftigen. Der Redner verlangte die Wiederheranziehung der Sozi­aldemokratie zur Regierung, da nun einmal die überwiegende Mehrzahl der deutschen Arbeiterschaft in dieser Partei ihre politische Vertretung fände und eine Regierung ohne die Arbeiterschaft nicht möglich fei.

Auch der Reichswirtschastsminifter Dr. CurtiuS betonte die Notwendigkeit des Zusammenwirkens aller schafsenden Kräfte. Er erinnerte Dabei an die alte Geg­nerschaft zwischen Fertigindustrie und Schwerindustrie und bezeichnete es als ein Verdienst des Reichsverbandes, hier einen Ausgleich geschaffen zu haben. Doch scheint es so, als ob dieser Ausgleich doch nicht so restlos gelun­gen ist Das ließ der Minister selber erkennen, als er es als seine vornehmste Aufgabe bezeichnete, vor schwierigen Sandelsvertragsverhandlungen einen Ausgleich der beut-

Kleine Zeitung für eilige Leser

Generaldirektor Dr. Silverberg hielt aus Dem Industrie- tag eine aufsehenerregende Rede, in der er Eintritt der Sozial­demokratie in Die Regierung und Zusammenarbeit von Unter­nehmern und Arbeitern forderte.

» Der spanische Außenminister kündigte außergewöhnlich« Ereignisse in der spanischen politischen Entwicklung an.

In Genf hat Der Völkerbundrat Den Bericht der Studten» kommission genehmigt und Damit der Ausnahme Deutschlands in den Völkerbund zugestimmt.

In einer nordamerikanischen Grube wurden 200 Berg- leute verschüttet, Die meisten konnten gerettet werden, ist SurDen als Leichen geborgem