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Zul-aer Anzeiger

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Nr. 224 1926

Fulda, Mittwoch, 29. September

3. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Reichspräsidcni von Hindenburg Hai den Worllaiil einer Rede des Berliner Vizepolizeiprüsidenten Friedensburg ein­sordern lassen, in der von diesem das Bureau des Reichs­präsidenten apostrophiert wurde.

* Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages tritt am 7. Oktober zusammen, um über die Ergebnisse von Gens und Thoiry zu verhandeln.

* Reichsjustizminifter Dr. Bell hat Bericht eingesordert über die Verhaftung der Herren Dich und Goldmann durch den Oberreichsauwalt wegen angeblichen Landesverrats.

* Der Vertreter des Reichskommisiars für die besetzten Ge­biete hat bei der Interalliierten Rhcinlandkommisston Vor- stcllungen wegen der Bluttat in Germersheim erhoben. )

* Reichsbankpräsident Dr. Schach« erklärte in der Zentral-, ausschuß,itzung der Reichsbank, daß die Gerüchte über Ein­führung von Goldmünzen in den Zahlungsverkehr unbe- gründet seien.

Germershe'm.

Einen trüben Klang hat der Name dieses pfälzischen Städtchens gewonnen, jetzt ist der Klang noch trüber ge­worden. Wieder ist deutsches Blut geflossen, «veil die Pi­stolen französischer Offiziere losgegangen sind wie damals, als bei den Separatistenunruhen unter französischer Obhut siegen Deutsche vorgegangen wurde. Und erst vor kurzem wieder kam es dort zu Ausschreitungen französischer Be- satzungstrnppen, als der Kriegerverein eine Totsngedenk- feier veranstaltete, zu Ausschreitungen, die nie ihre Sühne gefunden habem weil Frankreich sich weigerte, auch nur eine unparteiische Untersuchung zuzulassen.

Auf der einen Seite stehen die Besatzungstruppen, die die Überflüssigkeit ihres Vorhandenseins wohl selbst empfinden, überhaupt keine Aufgabe haben. Dieschönen" Zeiten sind ja vorbei, als man durch bte deutsche Inflation und durch Deutschlands Verpflichtung, alle, aber auch alle Kosten zu tragen, herrlich und in Freuden leben konnte. _. J^^ rn sind die Zeiten andere geworden, weil man ine Machtansprüche, die Eingriffsmöglichkeiten in die dentfche Verwaltung nicht unerheblich einschränken mußte, iveil deutsche Klagen ein Echo in der Welt fanden, weil ja die Staatsmänner der beiden verfeindeten Staaten in Locarno und in G e n f zusmnmensaßen, gemeinsam ar­beiteten da wurde täglich die Widersinnigkeit der Be­setzung deutschen Landes deutlicher. Die Kölner Zone wurde geräumt, enger rückte die Besatzung zusammen aber das Verhältnis zur deutschen Einwohnerschaft konnte kein besseres werden, weil die Hoffnung ans baldige Räu- mung immer stärker, der deutsche Ruf danach immer lauter wurde.

Zwischenfälle, wie sie schon früher in Germersheim pnb anderswo verkamen, derartige Zusainmenstöße, wie sie dort jetzt zum Tode von zwei, vielleicht drei Deutschen führten, werden aber nicht eher aufhören, als bis die fremden Truppen den deutschen Boden verlassen haben. Die französischen Offiziere, die zur Pistole griffen, waren in Z i v i l k l e i d u n g. Die Besatzungstruppen fühlen sich als die Herren, denen die Waffe gar locker sitzt. Immer sind die Leidtragender, dabei die Deutschen, die in einen solchen Zusammenstoß verwickelt werden, nichtsahnend und in dem Glauben, im Recht zu fein. Aber Recht gilt für sie nur sehr beschränkt im besetzten Gebiet. Vor ein paar Wochen hat sich in denTimes" ein Engändcr erbittert darüber beklagt, daß er und seine Frau von einem französischen Posten in Koblenz mit dem Bajonett be­droht wurden, weil sie nicht vom Bürgersteig herunter- ginE' am Gebäude, in dem die Rheinlandkommission siEMiuch der Hinweis auf seine Nationalität habe nichts y<. suchtet. Nun, einem Deutschen ging es viel schlechter: ^tJVi wurde dort von dem Posten mit dem Bajonett der­art zugerichtet, daß er ins Krankenhaus transportiert werden mußte. Schweigend muß die Rheinlandbevölke­rung das dulden, soll, wenn französische Hartnäckigkeit darauf besteht, das noch 10 Jahre dulden müssen.

Es wird jetzt soviel davon geredet, daß zwischen Deutschland und Frankreich die Feindschaft der Jahr­hunderte begraben werden soll aber Blut ist dicker als das Wasser dieser Reden. Erst muß dieses Wort zur Wirklichkeit werden, muß das Erregende, das in dem Weiterbestehen dieser Besetzung liegt, endlich beseitigt sein, darf nicht mehr deutscher Boden von Fremden beherrscht, dürfen nicht Deutsche von Franzosen verwundet, getötet werden. Darum ist die Forderung: FortmitderBe- fatzung! nicht bloß ein deutsches Verlangen, sondern muß bei allen jenen Widerhall finden, denen diese Ver- söbnungspolitik mehr als eine schöne Phrase ist.

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Wie die Bluttat geschah.

Nach dem bisherigen Verlauf der Ermittlungen über die silermerèheimcr Bluttat, die von einem im Auftrag der bayc- rischeu Staalsregierunfl aus Speyer nach Germersheim ent­sandten Rcgiernngskommissar geleitet wurden, bildete die erste Veranlassung zu der Tat der Wortwechsel zwischen zwei fran­zösischen Leutnants in Zivil und dem Schuhmacher Richard Holzmann. Im Verlause dieses Wortwechsels gab der eine der beiden französischen Offiziere aus Holzmann einen Revolverschuß ab, der den Unterkiefer durchschlug. Dieser Vorfall spielte sich am Ludwigstor ab Nach der Tat bogen die beiden französischen Offiziere in die Sandstraße ein und überließen den Verwundeten seinem Schicksal. Der Landwirt und Fuhrmann Mathes und der Arbeiter Erich Müller, die sich zufällig in der Nähe, jedoch nicht in der Begleitung des verwundeten Holzmann befanden und mit dem Streit nichts zu tun hatten, eilten als der Schuß fiel, dem Verwundeten zu Hilfe. Sie Tiefen dann den beiden französischen Offizieren nach, um ihre Persönlichkeiten festzustellen, ohne jedoch zu Witten. ba6 cs sich um An gehörige to französischen Besatzung?-.

IurüÄhalLrmg in Berlin.

Die Sersiändigong mit Frankreich.,

Äußerungen desMati n".

Der Autzcupolitiker des PariserMatin" will über die Stimmung in Berlin festgestellt haben, daß man etwas zurückhaltender hinsichtlich der in Thoiry in großen Zügen entwickelten Politik geworden sei. Es wäre über­trieben, von einem Rückzug zu sprechen, und nicht ganz gerecht, von einem Schwanken zu reden. Aber man stelle eine Pause fest, eine Zeit zum Überlegen bei den Män­nern, denen die Schwierigkeiten und Hinvernisse sich jetzt klarer abzeichneten als unter der schönen Sonne von Thoiry. Die Nachrichten s eien nicht gut. Die Diplomaten seien mit ihren Berichten nicht optimistisch und die Korrespondenten der Banken ebenfalls nicht. In Italien habe der Gedanke einer französisch-deutschen Bcrstândigung eine heftige Campagne ausgelöst, in Eng­land bewahre man, da die Regierung noch andere Sorgen habe, eine höfliche Zurückhaltung. Aber die Cityblätter spiegelten die schlechte Meinung der Finanzkreise wider. Selbst in Belgien scheine man ein wenig Überraschung zu zeigen, und dieselben Männer, die mit Deutschland Vcr- hândlungen gepflogen hätten über Eupen und Mal­me d y, wunderten sich ein wenig darüber, daß die fran­zösische Regierung Beziehungen anknüpfe, die zu einer neuen Interpretierung des Bersaillrr Vertrages führen müßten, während der Gedanke einer Transaktion zwischen Belgien und Deutschland so viele Einwendungen in Paris hervorgerufen habe.

Was die Amerikaner betreffe, von denen der Außcu- politiker die qualifiziertesten schon in Berlin gesprochen haben will, so sei ihre Stellung klar: die Ratifizierung des Abkommens von Washington müsse vor allem er­folgen, alsdann werde es möglich sein, Geld zu finden. Aber die Ziffern, die man anfühie, seien stark übertrieben. Die größte auswärtige Anleihe, die in Rewyork seit bem Kriege aufgelegt worden sei, sei zugunsten Australiens erfolgt. Sie habe nicht 100 Millionen überschritten. Es sei wahr, daß der französisch-deutsche Kredit nach einer wirtschaftlichen und politischen Verständigung höher als der australische geschätzt werden könne, aber Deutschland schulde auch Geld an Frankreich, und, wie ein amerika­nischer Finanzmann gesagt habe, man möchte nicht alle

bchörde handelte, weil die beiden Franzosen Ztvilkleidcr tru­gen. Gegenüber der Post, etwa 300 bis 400 Meicc vom Lud- «vigstor entfernt, Hollen die beiden Deulschen die beiden fran­zösischen Ossiziere ein. Der Verlauf der sich nunmehr sehr rasch abspielcnden Ereiqnisse ist im einzelnen noch nicht voll­ständig qckläri, jedoch sieln fest, daß der Arbeiter Erich Müller von einem aus nächster Nähe abgegebenen Schutz nie bergeffreeft wurde. Er war sofort t 0 t. Der Laiidivirl and Fuhrmann Maihcs mürbe durch eilten Schuß ins Gehirn l e b e ii 6 a e i ä h r 11 ch verlobt.

GcrmerShri m. Aus einem amtlichen Berichl über die blutigen Vorgänge in der Nacht zu Montag ist noch zu entnehmen, daß Holzmann, der sich unter den vier Deutschen befand, nach Auslagen eines Zeugen von dem französischen Zivilisten, als er sich diesem näherte, sofort mit S i 0 cl - oder Peitschenhieben geschlagen «vurde. Jetzt haben die französischen Behörden von sich auS die Sektion her Leiche des erschossenen Müller vorgenommen. Der französische Untc\ * leutnaiit Stornier bewegt sich übrigens noch immer frei in den Straßen von Germersheim. Die Erregung der Bevölkerung ist allgemein. Es ist beobachtet worden, daß gerade Angehörige des Artillericregiments Nr. 311, zu bem Aoucier gehört, ein ganz besonders willkürliches Benehmen an ben Tag legen, da der Abtransport des Regiments in den nächsten Tagen bevorstcht.

*

Der Vertreter des Reichskommisiars für die besetzten Gebiete, Graf Adelmann, hat bei der Interalliierten Rheinlandkommission Vorstellungen wegen des Vorfalles in Germersheim erhoben. Die zuständige bayerische Staatsanwaltschaft verfolgt die Angelegenheit weiter, _ .

AngesorHerle Berichte.

Reichspräsident und Reichsjustizminifter wünschen Aufklärung.

Staatssekretär Meitzner hat im Auftrag des Reichspräsidenten durch Brief den preußischen Minister dcs Innern auffordern lassen, den genauen Wortlaut der Rede des Bizcpräsidcnten des Berliner Polizeipräsidinms, Friedensburg, in der er auf der T a - gung des Republikanischen Führerbundes in Berlin das Bureau des Reichspräsidrntcn apostro­phierte, feflAUfteücH. Polizeipräsident Friedensburg hatte bei feinen Ausführungen darauf hiiigewiesrn, daß das Bureau dcS Reichspräsidenten diejenige Stelle fei, an die sich alle möglichen Gruppen zu wenden pflegen. Friedens- bürg hatte ün Zusammenhang hiermit eine straffe ein­heitliche Staatsgewalt gefordert.

Der Reichsjustizminifter hat den Oberreichsanwalt über die Verhaftung des Dr. Dietz und Goldmanns wegen angeblichen Verrats militärischer Geheimnisse zum Be­richt aufgefordert. Weitere Maßnahmen in dieser An- gelegenhcit sind daher erst zu erwarten, nachdem der Be- richt im Rcichsjustizministcrium einer Prüfung unter- zogen worden ist.

Zu den Fällen Dietz und Friedensburg sind bereits mehrere Interpellationen verschiedener politischer Par­teien kingegangen, so daß beide Affären noch im Parla­ment ein Nachspiel haben werden,

Eier in den gleichen Korb legen. Das seien die Nach­richten, unter denen sich, so schließt der SBericpterftatUr, die Meinungen in Berlin bilden, da sie nicht durch er­mutigende Nachrichten aus Frankreich ergänzt würden, und auch als die Reden Poincarès vorlagen, habe er sich nicht gewundert, eine reserviertere Hal­tung vorzufinden.

Kranlreichs AnnâhewiigSbedingungen.

Nach der LondonerTimes" ist Frankreich zu einer Annäherung an Deutschland unter drei Bedingungen bereit:

1. Daß die Annäherung in Übereinstimmung mit seinen Verträgen und Bündnissen steht,

2. daß die Frage der Kriegsschuld der mitteleuropäi­schen Kaiserreiche nicht aufgerollt wird,

3. daß der Beweis geliefert wird für materielle und moralische Abrüstung der Nachbarn.

Times" bemerkt hierzu, im allgemeinen Interesse dieser moralischen Abrüstung wäre es vielleicht besser gc- wefen, wenn es für den französischen Ministerpräsidenten, möglich gewesen wäre, zu s ch >v e i g e n. Das sei aber nicht möglich gewesen.Nachdem der deutsche Außenmi­nister diedeutsche Kriegsschuld" geleugnet hat, war Poincar^ gezwungen, Behauptungen zurückzuweisen, die, falls sie nicht zurückgewiesen wären, als Hebel hätten ge­braucht werben können, um wesentliche Bestimmungen des Vertrages von Versailles zu beseitigen. DieSchuld Deutschlands" ist diemoralische" Basis für viele von den Bedingungen, die der Vertrag von Versailles Deutsch­land auferlegt hat."

Daß der Kriegsschuldartikcl die Basis für viele Be­dingungen ist, die der Vertrag von Versailles Deutschland auferlegt hat, darüber ist man sich auch in Deutfchland klar. Die gewundene Begründung derTimes" und die gequälte Jnschutznahucc Poincar^S zeigen erneut, daß die Kriegsschuldfrage als unanfechtbares politisches Argument angesehen wird, weil man im Lager der Gegenseite zu gut selbst iveiß, daß mit dem Zusammenbruch der Kriegsschuld­lüge d a s g a n z e G e b ä u d e von Versailles ins Wanken gerät. Währenddessen schreitet die Er­forschung der Kriegsursachen unbehindert fort und wird sich zu gegebener Zeit auswirken.

Rückkehr der deutschen Delegation aus Gens.

Einberufung des Auswärtigen Ausschusses.

Die deutsche Delegation ist aus Genf in Berlin unter Führung des Staatssekretärs von Schubert, des Ministe­rialdirektors Dr. Gaus und des Abgeordneten Prälat Dr. Kaas cingetroffen. Zur Begrüßuug waren aus dem Bahnhof erschienen: Reichsminister Dr. Haslinde, im Auftrage des von Berlin abwesenden Reichskanzlers der Staatssekretär in der Reichskanzlei Dr. Pünder, vom Aus­wärtigen Amt die Ministerialdirektoren Dr. Kopke und Dr. Wallroth, der stellvertretende Pressechef Vortragender Legationsrat Zechlin sowie mehrere Beamte des Aus­wärtigen Amtes. , o

Der Auswärtige Ausschuß des Reichs­tages ist zum Donnerstag, .den 7. Oktober, einberufen worden. Auf der Tagesordnung steht die Besprechung über Gens und Thoiry.

politische Rundschau.

Deutsches Reich.

Retchsbeihilfe für die Ostgebiete.

Um den dringlichsten Notständen in den östlichen Grenzgebieten Preußens möglichst schnell abzuhelfen, hat die Reichsregierung beschlossen, dem Reichsrat und Reichs­tag einen Nachtrag zum Haushalt des Reichsministeriums des Innern vorzulegen, in dem 32 Millionen Reichsmarkfür bestimmte kulturelle und wirtschaftliche Aufgaben in den Ostgebieten angefordert werden. Der Verwendungsplan ist im Einvernehmen mit der preußi­schen Staatsregierung aufgestellt worden. Die Mittel sollen noch in diesem Rechnungsjahr zur Verwendung kommen. *

Um die Große Koalition in Preußen.

Zwischen dem volksparteilichen Abg. Dr. Leidig imd dem Zentrumsabgeordneten Dr. Heß hat eine Besprechung über die Lage in Preußen und die Möglichkeiten einer etwaigen Umbildung der Regierung stattgefunden. Über die Schwierigkeiten, die der Lösung im Sinne der Großen Koalition entgcgcnstehcn, bestand einmütige Auf­fassung. Bei dieser Unterredung handelte es sich nur um eine private Aussprache; irgendein Schritt von feiten der Fraktionen liegt nicht vor. Die Fraktionen treten erst ant 6. Oktober zusammen und können dann selbst Stellung nehmen.

PotftanbSarbeiten in Preußen.

Das preußische Staatsininisterium hat nach Mit- teilung des Amtlichen Preußischen Pressedienstes in einer Ministerbesprechung die Inangriffnahme großer Rot- standSarbciten behandelt. Auf Grund von programmati­schen Darlegungen der Minister für Handel und Gewerbe und für Landwirtschaft, Domguxn und Forsten Wurfes