Zul-aer Anzeiger
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Nr. 228 — 1926
Fulda, Montag, 4. Oktober
3. Zahrgang
Deutschlands
Die Befriedung Europas.
Rede Stresemann5 in Köln.
Im großen Saal des Gürzenichs in Köln wurde der diesjährige Parteitag der Deutschen Volkspariei vom Parteivorsitzenden, Reichsminister des Äußern Dr. Stresemann, eröffnet.
Geheimrat Dr. Kahl wurde zum Präsidenten des Parteitages gewählt. Er richtete Worte der Begrüßung an den Parteitag. Unter lebhaftem Beifall sprach Dr. Kahl dem Parteivorsitzenden, Dr. Stresemann, Dank und Vertrauen aus und begrüßte ihn nicht nur als Führer der Partei, sondern auch als Führer des deutschen Volkes. Der Parteitag brachte darauf Dr. Stresemann lebhafte Ovationen dar. Geheimrat Dr. Kahl begrüßte dann die ausländischen Gäste, zu denen sich auch noch Vertreter der Saarländischen 'Volkspartei gesellten. Unter stürmischem Beifall gedachte 'Geheimrat Dr. Kahl des Geburtstages des Reichspräsidenten von Hindenburg, den er als Vorbild der reinen Vaterlandsliebe, der vollendeten Treue und heiligsten Pflichtgefühle feierte. Der Parteitag beschloß einmütig die Absendung eines Glückwunschtelegrammes an den Reichspräsidenten.
Stürmisch begrüßt nahm dann der Parteivorsitzende,
Dr. (Stresemann,
Kas Wort zu einem Vortrag über die politische Lage. Er betonte dabei, daß er als Außenminister nur Außenpolitik und nicht Parteipolitik getrieben habe, und sagte u. a. weiter: In ihrem Ziel ist sich die große Mehrheit des deutschen Volkes über die Außenpolitik durchaus einig. Welche Erfolge kann man denn von einer deutschen Außenpolitik heute erwarten? Niemand kann irgendwie Himmelstürzendes tatsächlich erreichen oder erreichen wollen. Was wir Erfolg nennen müssen, kann in der Mae, â dex, witz uns bis zur Stunde befinden, nur
Befreiung von den drückendsten Fesseln fein, die auf uns lasten; aber auf diesem Gebiete ist es, wenn auch Schritt für Schritt, vorwärtsgegangcn. Lassen Sie mich mal unter diesem Gesttchspunkt die Absichten der Außenpolitik im Zusammenhänge erörtern. Dabei muß ich gestehen, daß ich ost die Empfindung habe, als wenn doch manche Auslassung in der deutschen Öffentlichkeit zur deutschen Außenpolitik nur zu verstehen ist unter Der Überschrift: Wir vergessen zu rasch. (Zustimmung.) Wie lange haben wir versucht, in den ersten Jahren nach dem Niederbruch überhaupt nur dahin zu kommen, einmal den deutschen Standpunkt vor einer Konferenz vertreten zu können, anstatt nur ultimative Drohungen und Befehle von der anderen Seite entgegenzunehmen. Wie wenig lange ist es her, daß, als die Konferenzidee sich durchsetzte, es hieß: Ihr dürft nur als Gleichberechtigte mit den anderen verkehren. Erst langsam ist das Terrain besser geworden und, glauben Sie mir, der Kampf im Schützengraben wird nicht gefördert durch große Worte in der Etappe. (Zustimmung.)
Jeder, der heute in Deutschland Außenpolitik zu machen hat, hat zu kämpfen gegen eine ganz große und mächtige Partei in Deutschland, die Partei derjenigen, die da im Innern beten „Unsere tägliche Illusion gib uns auch heute!" (Heiterkeit und Beifall.) Wer gegen diese Partei anzukämpfen hat, der muß den Mut zur Unpopularität haben. Die Verständigungspolitik »vor unpopulär und die Schuld lag dabei wahrlich nicht «ur am deutschen Volke, denn die Politik der ersten Nachkriegsjahre gegenüber Deutschland war die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Die Verständigungspolitik fiel uns nicht in den Schoß, sie mußte erkämpft werden, und bis heute dauert dieser Kampf an, nicht nur bei uns, auch bei anderen Nationen.
Dr. Stresemann kam dann, nachdem er die einzelnen Etappen der Verständigungspolitik gestreift hatte, auf den
Eintritt Deutschlands in den Völkerbund / Ku sprechen. Es wäre eine Torheit, so sagte Dr. Strese- anann weiter, die großen politischen Realitäten zu ver- Sennen, die die Genfer Institution darstellt. In Genf ist ein internationales Forum geschaffen wor- iden, das schon durch die bloße Existenz seines ständig be- reitstehenden Apparates große Wirkungen ausübt. Die Bedeutung der regelmäßigen Zusammenkünfte der Außenminister und führender anderer Politiker in Genf geht über die Möglichkeit der Besprechung aktueller Einzel- fragen weit hinaus. Sie begründet persönliche B e - ziehungcn, wie sie früher nicht möglich gewesen wären. Ich persönlich schätze den Kontakt, den ich mit dielen bedeutenden Staatsmännern anderer Länder schon während dieser ersten Tagung gewonnen habe, außer- "sdrntlich hoch ein. Dabei ist für mich der Völkerbund chicht etwa nur ein aus opportunistischen Erwägungen Ergriffenes Hilfsmittel für die Förderung der einzrlnen Aufgaben unserer Außenpolitik. Ich kann vielmehr nur ^wünschen, daß in Deutschland mehr und mehr die Erkenntnis Raum gewinnt, von deren Durchführung
die Entwicklung der Zukunst Europas abhängt. Das ist der Gedanke einer vernünftigen Verständigung, und es ist nicht nur ein Zufall, sondern in dem Wesen der Dinge begründet, daß der Gedanke der Verständigung uns auch den besonderen Zielen der deutschen Außenpolitik nähcrbringt. Dr. Stresemann kam dann zu dem vielerörterten Thema einer ^
deutsch-französischen Verständigung.
Außenpolitik.
Ich kenne, so meinte er, alle Hinderniffe, die psychologischen hüben und drüben, aber ich glaube, daß die Tatsache nicht zu bestreiten ist, daß eine deutsch-französische Verständi- gung der Kernpunkt jeder europäischen Ver- ständigung und Befriedung ist und bleibt. Diese Frage ist keine taktische, sondern sie ist das Kernproblem zukünftiger Entwicklung, ohne daß heute jemand zu sagen vermag, ob in dieser Entwicklung die Völker dem Wunsche und dem Willen ihrer Staatsmänner folgen. Ich glaube an den ehrlichen Verständigungswillen des französischen Außenministers, mit dem doch mehrere Jahre des Verhandelns über wichtige Fragen und persönliche Fühlungnahme bei Konferenzen mich verbinden.
Für mich steht das eine fest, daß das neue Deutschland und sein Wiederaufstieg, von dem wir sprechen, nur aufdem Frieden basiert sein kann. Er allein ist die Grundlage jeder Wiederaufrichtung unserer Stärke. Ich sehe, daß die Wirtschaft Schrittmacherin ist auf einem Wege, der über Landesgrenzen hinweg große neue Bindungen schafft. Es wäre völlig verfehlt, schon jetzt Einzelheiten darüber zu sagen, wie
die in Thoiry eingeleiteten Verhandlungen zum Erfolg geführt werden können. Es bedarf der sorgfältigsten Prüfung aller hierbei in Betracht kommenden politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Fragen, und ich bin mir von vornherein darüber klar, daß die Monate, die der Bereinigung dieser Fragen gelten, wieder Zeiten der stärksten Kämpfe und der Ge - dulds- und Nervenprobe sein werden.
Die Politik von Thoiry kann nach meiner über» Zeugung und, wie ich glaube, auch nach der Überzeugung des französischen Außenministers keine solche Politik sein, die aus dem Rahmen der allgemeinen Politik mit dem Ziel der Befreiung und des Wiederaufbaus Europas heraustritt. Es bedarf zu ihrer Verwirklichung deshalb auch der Beteiligung anderer Mächte und der Mitwirkung der für die Reparationszahlungen zu - ständigen Stellen. Ich rechne darauf, daß diese Politik in den anderen Ländern Verständnis und Zustimmung findet. Dabei denke ich besonders auch an die Vereinigten Staaten, die seit den Verhandlungen über den Vertrag von Versailles die wirkliche Befriedung Europas als eines der Ziele ihrer Politik bezeichnet haben. Von diesem Gedanken geleitet, haben die Vereinigten Staaten auch die Bewegung ins Leben gerufen, die zum Dawes-Abkommen und damit zur Entpolitisierung der Reparationsfrage geführt hat. Ich möchte daher annehmen, daß auch die Verhandlungen von Thoiry in der Linie der Politik der Vereinigten Staaten liegen werden.
Es ist allerdings ein schmerzlicher Nachklang zu der Politik der allgemeinen Befriedung zu verzeichnen, den ich im Interesse der Verständigungsbcstrebungen tief bedauere, wenn neuerdings auf der Gegenseite van hoher verantwortlicher Stelle aus in der Öffentlichkeit wieder die alte Behauptung von der alleinigen Kriegsschuld der Mittelmächte verkündet worden ist. (Lebhafte Zustimmung.) Die Aufklärung der Völker ist zu weit fortgeschritten, als daß derartige Behauptungen noch jetzt gewagt werden dürfen. (Stürmische Zustimmung.) Wir brauchen uns um so weniger zu fürchten, wenn die Behauptungen sich aus einer Stellungnahme zu all- diesen Fragen erklären, deren fast zwangsläufige Parteilichkeit vor aller Welt offen zutage liegt. (Stürmischer Beifall.)
Ich will mit diesen Erklärungen hier nicht rechnen, sie nicht kritisieren. Gott gab den Menschen nicht die Erkenntnis der Wahrheit, er gab ihnen nur das Streben nach Wahrheit. Wir sind bereit, uns jedem unparteiischen Gerichtshof zu stellen, der die Ursache des Weltkrieges untersucht, der deshalb will, daß die W a h r h e i t entschieden werde. (Stürmischer Beifall.)
Das alte und das neue Deutschland.
In dem Teil seiner Rede, die sich mit innerpolitischen Fragen beschäftigte, befaßte sich Dr. Stresemann mit den Vaterländischen Verbänden, deren Gründung er aus den Zeiten der Nachkriegszeit durchaus verstehen könne. Er empfinde es aber bedenklich, wenn sich jetzt parteipolitische Bestrebungen in diesen Organisationen geltend machen. Unser Kampf, so sagte Dr. Stresemann, muß sich richten gegen den Klassenkampf- charakter, ob er auf der einen oder anderen Seite auftritt. Dazu gehört die Bereitschaft zur Verständigung mit jedem, der gewillt ist, den Klasscnkampfgedanlcn auf- zugeben.
Unter stürmischem Beifall erklärte Dr. Stresemann: Die Liebe zum alten Deutschland wird uns stets in Gegnerschaft finden gegen jeden, der so klein im Herzen und so verlcdert im Gemüt ist, daß er nicht empfindet, welche Kraftquellen der deutschen Seele der Gedanke der großen deutschen Vergangenheit ist. (Beifall.) Aber das neue Deutschland, für das wir leben, das zwingt uns, auch hier den Kampf aufzunehmen gegen diejenigen, die ich wie die Ewiggestrigen auch im neuen Deutschland nennen möchte. Wenn wir ein neues Deutschland heute aufbaucn, die Einseitigkeiten, die cs einstmals gab zu Zeiten, zu denen schon die Ernennung eines Nationalliberalen zum preußischen Landrat als. große Konzession an das Bürgertum gewertet wurde, wünschen wir nicht wiederkehren zu sehen. Wir glauben nicht, daß cs bestimmte Gesellschaftsklassen gibt, die das Recht haben, den Staat neu zu beherrschen, nachdem sie
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Aus bellt Parteitag der Deutschen Polksparlei hielt Reichs- außeunünistcr Dr. Stresemann eine große Rede über Die Entwicklung der Politik bis zur Zusammenkunft von Thoiru.
* Der Berliner Juwclenräubcr Spruch hat ein volles Ge- staiidiils abgelegt und die Verstecke der geraubten Juwelen angegeben, so daß die ganze Diebesbculc gefunden werden konnte.
* Der bei dem blutigen Ereignis von Germersheim schwer verwundete Deutsche Holzmann und zwei seiner Begleiter in ber kritischen Nacht wurden von den französischen Behörden verhaftet.
Australienflieger Cobham ist nach seinem 25 000» Meilen-rftug London—Australien und zurück am 1. Oktober auf der Themse gelandet.
den alten Staat nicht haben erhalten können. Wir wollen uns bekennen zu der Überwindung jeder Gesellschafts- unterschiedc, die viel mehr zur Stärkung der Sozialdemokratie beigetragen haben als das Erfurter Programm.
Dr. Stresemann feierte ‘ sodann die Verdienste Helfferichs und Eberts um das neue Deutschland und wandte sich dann gegen die Parteilcidenschaften, die führende Persönlichkeiten nicht objektiv werten würden. Er richtete weiter die Aufforderung zur Mitarbeit an dem neuen Staat. Aus nationalen Gründen dürfe überhaupt kein Deutscher die Frage der Staatsform in Zweifel ziehen. Dr. Stresemann beklagte die Zerrissenheit des A u s l a n d s d e u t s ch t u m s und appellierte im Zusammenhang hiermit au die Auslandsvertreter, her Welt nicht das Bild eines zerrissenen, sondern eines einheitlichen und zum neuen Deutschland sich bekennenden Deutschtums zu zeigen. Am Schluß seiner Ausführungen gedachte Dr. Stresemann des Führers der Nationallibc-- ralen, Bassermann. Er schloß seine Rede mit folgenden Ausführungen: Wir sind und bleiben national und liebe» ral, und nur die Leute, die so denken und fühlen, werden sich wohlfühlen in unserer Deutschen Volkspartei. Wenn heute manche großen Gedanken der Freiheit des Denkens zurückgedrängt sind, weil andere alltägliche Lebcnssorgen unA bedrücken, sie bleiben die Grundgedanken unserer Partei, und wenn cs gilt, sie zu verteidigen, dann wird man uns am Platze finden. Die Teilnehmer brachten Dr. Stresemann nach der Rede eine langanhaltende Ovation dar.
Dank an Dr Silksemann.
In einer einstimmig angenommenen Entschließung gedenkt der Parteitag der Brüder im besetzten Gebiet und spricht dem Führer der Partei, Dr. Stresemann, für seine kluge, von tiefem vaterländischem Gefühl geleitete staatsmännische Politik, die großzügig und weitblickend dem Ziel der Freiheit und Stärkung des Reiches zustrebt, Dank aus. Er dankt zugleich der Reichstagsfraktion für ihre geschlossene vertrauensvolle Arbeit an der Wicderausrich- tung der inneren Ordnung und des Wirtschaftslebens des Reiches. Der Parteitag stellt mit Genugtuung die völlige Einmütigkeit der Deutschen Volks- Partei fest. Die folgerichtige, stetige Politik der Partei und ihres Führers hat sich als richtig und dem Vaterland«: förderlich erwiesen. Die Deutsche Volkspartei wird diesen Weg einig und im Vertrauen zu ihrem Führer w c i t e r - gehen. Alle, die hierbei aus anderen politischen Lagern Hilfe leisten wollen, sind ihr zur Mitarbeit willkommen.
Glückwünsche zum Geburtstag ver Reichspräsidenten.
Mehrere tausend Telegramme.
Anläßlich des Geburtstages des Reichspräsidenten sind mehrere tausend Glückwunschschreiben und Telegramme sowie Blumengrüße usw. im Hause des Reichspräsidenten eingegangen. — Der von Berlin abwesende Reichskanzler hat die Glückwünsche der Reichsregierung telegraphisch ausgesprochen, die in Berlin beglaubigten fremden Botschafter und Gesandten haben sich ebenso wie eine große Anzahl führender deutscher Persönlichkeiten persönlich in die Besitchsliste im Hause des Reichspräsidenten eingetragen, während der zurzeit auf Urlaub in der Schweiz weilende Doyen des Diplomatischen Korps, Msgr. Pacelli, auf drahtlichem Wege seine Glückwünsche übermittelt hat. Die meisten Botschaften und Gesandtschaften der fremden Staaten hatten aus Anlaß des Tages geflaggt.
Begegnung Briand-Chamberlain.
Vor neuen deutsch französischen Verhandlungen.
Der englische Außenminister Chamberlain nahm auf seiner Rückreise von Italien nach England in Paris Auf enthalt, wo er eine Besprechung mit B r i a n d hatte, In dieser Aussprache haben die beiden Außenminister, wie einem amtlichen französischen Kommunique zu entnehmen ist, die Gemeinsamkeit ihrer Ansichten und Die Gemeinsamkeit ihres Vorgehens zur Lösung der äugen- blicklich bestehenden internationalen Probleme festgestclll und festgelegt. Sie haben Die auswärtige Lage und ins besondere die d e u t s ch - f r a n z ö s r s ch c n B e z1e h u n gen geprüft, deren Orientierung durch Die Wommen von Locarno und die Unterredung von Thorry naher präzisiert wird. Die Unterredung hat sich, wie amtlich weiter betont wird, in einer günstigen Atmosphäre voll- »nnen Sie haben feststellen können, daß ihre Zusammenarbeit im Dienste des Friedens herzlicher und vcrftau-^ cnsvollcr denn ic bleibt.