Zul-aer Mzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und Haunetal ♦ Zulöaer Kreisbla«
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Nr. 230 — 1026
Fulda, Mittwoch, 6. Oktober
3. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Der preußische Minister des Innern, Severing, tritt zurück. Sein Rücktritt soll Zusammenhängen mit der Bildung einer Regiernng der .Großen Koalition" in Preußen.
* Bei einem neuen Zwischenfall int besetzten Gebiet wurde in Neustadt a. V. H. ein französischer Unteroffizier durch den Dolchstoß eines Deutschen verletzt. Die Untersuchung ist von beiden Seiten im Gange.
* Im Ricken-Eisenbahntunnel Wadwpl in der Schweiz erstickten neun Beamte eines durchfahrenden Zuges durch schlechte Gase.
* 200 Menschen ertranken in der Stadt Mandia in Indien bei einer Überschwemmung infolge Dammbruchs.
Wirtschastsaussichten.
' Die deutsche Industrie hat die letzten Monate genutzt: her englische Bergarbeiterstreik, die beginnende Währungsstabilisierung in Belgien und in Frankreich ebneten den Weg. Generaldirektor Dr. B ö g l e r, der zu den hervorragendsten deutschen Wirtschaftspolitikern gehört und im übrigen als Leiter des Nhein-Montantrusts auch ein Mann von sehr weitreichendem Einfluß ist, hat auf der Dem Parteitag der deutschen Volkspartei in Köln folgenden Wirtschaftsbesprechung in Düsseldorf aber doch viel Wasser in den Wein einer allzu weitgehenden wirtschaftlichen Hoffnungsfreudigkeit gegossen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind eben etwas unnatürlich und Dr. V ö g l e r machte in nüchterner Sachlichkeit darauf aus- nierksam, daß wir von einer wirklichen Blüte der Wirtschaft noch weit entfernt sind. Überschätzt wird auch die Konjunktur in der deutschen K o h l e n w i r t s ch a s t. Gewiß sind Millionen Tonnen aus den Haldenbestünden verkauft worden, aber der große deutsche Kohlenbergbau war finanziell in einer so schwierigen Lage, daß diese Verkäufe mir den unbedingt notwendigen Ausgleich schusen. Dr. Vögler wies nach, daß die finanziellen Ergebnisse an und für sich derart gering geworden sind trotz des eng- n^. gj nüfé von die Selbstkosten kg um . noch gedeckt werdèu durch dèn Erlös, den die deutsche Kohle auf dem Weltmarkt jetzt erzielt. Abschließend stellte Dr. Vögler fest, daß die Förderung schon wieder stark zurückgegangen ist, der Höhepunkt des Julis schon im August und September nicht mehr erreicht wurde, daß aber auch durch den Rückgang der Förderung leider nicht alle übernommenen Aufträge auf Lieferung ausgeführt wurden.
Interessant waren die Andeutungen, die Dr. Vögler über gewisse Verhandlungen mit den Engländern machte, die jedoch ergebnislos verlaufen sind. Die englische Kohlennot und die mißliche Lage am deutschen Kohlenmarkt haben viel Ähnlichkeit mit der Krise, in der sich die E i s e n- il n d Stahlproduktion befindet. Diese Krise liegt wesentlich darin begründet, daß die Erzeugung viel zu groß ist. In Europa ist die Nachfrage nach Eisen und Stahl jetzt noch weit hinter dem Vorkriegsstände zurück. Tas gleiche gilt von der Kohle, und wenn Dr. Vögler das Wesen des E i s e n p a k t e s darin sieht, daß die Erzeugung dem wirklich vorhandenen Bedarf angepaßt werden foMo war das gleiche angeslrebl bei den Verhandlungen, die wegen der Regelung der Kohlenwirtschaft in London eingeleitet waren. Genau wie die Eisenpaktverhandlungen sind diese Besprechungen mit den Engländern vergeblich gewesen.
Dr. Vögler legte vor allem stärkstes Gewicht darauf, daß die Wirtschaftsverbindung aus dem Stahlmarkte nur auf dem Hintergründe eines politischen Zusammen- arbeiteus allgemeiner Natur möglich ist, nur von dieser einen wirklichen Anstoß erfahren könne. „Die Bedeutung des Eisenpaktes liegt, von der wirtschaftlichen Seite abgesehen, darin, daß diese wirtschaftliche Verständigung ans die Dauer nur Bestand haben kann, wenn auch eine politische Verständigung erfolgt; das eine ohne das andere ist nicht möglich." Wichtige nationale Wirtschaftsmteressen dürfen freilich einer solchen internationalen Regelung nicht geopfert werden. Bisher lagen die Dinge aus dem Eisenmarkt so, daß der Auslandspreis unter dem Druck des französisch-belgischen Konkurrenten beträchtlich unter dem Preis stand, den der deutsche Jnlandsverbraucher^er- legen mußte. Auch hierin wird jetzt eine für den ^n- landsverbrancher günstigere Änderung eintreten, weil es der eisenschaffenden Industrie vor allem aus die Erreichung stabilbleibender Preise anfommt.. Ausdrücklich versichert die Rohstahlgemeinschast, daß an den Gerüchten über eine angebliche Preiserhöhung nicht das geringste wahr sei. Vielmehr wird die Entwicklung dazu führen, daß ein einheitlicher Preis für Jnländ und Ausland geschaffen werde.
Die Engländer sind beim Eisenpakt draußen geblieben, ebenso haben sie eine Regelung der Kohlenwirtschaft abgelehnt — da liegt es ohne weiteres auf der Hand, daß wir nun auch in dieser letzten Frage zu einer Einigung mit den kohlenerzeugenden Staaten des europäischen Kontinents werden kommen müssen, sobald England die Folgen der Streiks überwunden hat und wieder konkurrenzfähig geworden ist. Daß diese wirtschaftlichen Vereinbarungen damit auch gleich zu allgemeineren politischen Verständigungen führen werden, ist Selbstverständlichkeit; freilich wird England dadurch in eine auch für jciiie Wirtschaft gefährliche Vereinzelung gebracht werden.
*
Nachklänge zum Kölner Parteitag.
Die Nationalliberale Korrespondenz unterstreicht in ihrer Betrachtung zum Ergebnis des Kölner Parteitages, daß dieser die geschlossenste aller bisherigen Kundgebungen der Deutschen tVolkspartei sei. Geistig und politisch sei insbesondere die Tagung des Handels- und Industrie, âslchusses ein Ereignis gewesen. Der Parteitag habe
Ministerwechsel in Preußen.
Rüttln« des musischen
Zimenmmislers Severing.
Neubildung der Regierung?
Der preußische Minister des Innern, Severing, dessen Rücktritt in letzter Zeit schon öfter angekündigt war, wird nunmehr tatsächlich aus seinem Amte scheiden. In politischen Kreisen wird damit gerechnet, daß das offizielle Rücktrittsaesuch Severinas spätestens in zwei Tagen er-
Znnenminister Severing.
folgen wird. Der Rücktritt Severings soll aus gesundheitlichen Gründen erfolgen, da seine Nerven nach etwa sechsjähriger ununterbrochener Ministerzeit stark angegriffen sind. Severing ist erst vor kurzem von einem längeren Urlaub in das Juneumiuisterium zurückgekehrt, doch soll ihm diese Auskvannuna nicht die aewünschte Er
gezeigt, daß innenpolitisch das Ringen um die StaatS- form zu Ende sei. Wenn keine innerpolitischen Fragen gestreift worden seien, so hätte das daran gelegen, weil der Parteitag auf dem Standpunkt stände, daß Koalitionsfragen taktische Fragen seien. In der Beurteilung wirtschaftspolitischer Fragen habe die Partei gezeigt, daß sie auf dem Grundsätze stände, daß jeder einzelne Stand das Recht habe, s. b selbständig zu verteidigen. Die Partei erblicke ihre Aufgabe vor allen Dingen darin, den Wirtschaftskräften das erforderliche Maß von Freiheit zu ver- schaffen.
Heuer Wischensall im besetzten Gebiet.
Bluttat im A l k o h o! r a u s ch.
Im besetzten Gebiet, in Neustadt a. d. H., hat sich ein neuer Zwischenfall ereignet. Von zuständiger deutscher Stelle wird darüber folgendes berichtet: In der Nacht vom Sonntag auf den Montag trat in einer Wirtschak< ein Deutscher namens Krauter zwischen zwei Franzosen, von denen der eine in Zivil, der andere in Uniform war. Es entspann sich zwischen den dreien eine lebhafte Unterhaltung, die teilweise sehr kollegiale Formen annahm. Der Deutsche, der im Kriege einen Kopfschuß erlitten hat und seitdem für Alkohol sehr empfänglich ist, war angetrunken. Plötzlich stand der französische
Beisetzung des erschossenen Holzmann in Germersheim.
Sergeant aus und sagte, er sei i n d i e B r u st g c st ö ch e n worden. Wie der Franzose zu dem Stich gekommen ist, ist noch ungeklärt, da ein Messer überhaupt nicht gesehen wurde. Die beiden Franzosen verließen darauf das Lokal, jedoch kehrte der eine, der in Zivilkleidung war, nach ungefähr einer halben Stunde wieder zurück und sagte, man solle kein Aufhebens von der Sache machen. Der Ge- stochene hätte auch nicht die Absicht, den Zwischenfall weiter verfolgen zu lassen. . t
Am Montag abend sprach dann jedoch der franzosi,che Verbindungsoffizier bei der Polizei in Neustadt vor und forschte nach dem Täter. Der Fall ist p s y ch o l o g i, ch noch gar nicht geklärt. Der Deutsche, der infolge seiner Krieasverletzuna sein Universitätsstudium aufgeben
holung gebracht haben. Der Minister hat vor kurz:m sein 50. Lebensjahr vollendet. Er ist geborener Herforder und hat das Schloflerhand.verk erlernt. Seit 1902 war er dann journalistisch e.13 Redakteur einer sozialdemokratischen Zeitung tätig.
Wer der Nachfolger Severings werden soll, ist noch nicht bestimmt. Fest scheint indessen zu stehen, daß wieder ein Sozialdemokrat an die Spitze des preußischen Innen- Ministeriums berufen werden wftd. Als Kandidat für diesen Miuisterpostcn gelten der Berliner Polizeipräsident, Landtagsabgeordneter Grzesinski, der Lüneburger Regierungspräsident Krüger, Oberpräsident Noske, der Reichstagsabgeordnete Landsberg, der ehemalige Oberbürger- meifter von Hannover, Leinert, u. a. Die zuständigen sozialdemokratischen Instanzen werden sich umgehend mit der Frage des Nachfolgers Severings befassen.
In politischen Kreisen Preußens hält man es nicht für ausgeschlossen, daß mit dem Ausscheiden Severings aus dem Kabinett die Frage der Umbildung und Erweiterung der preußischen Regierung in ein akutes Stadium tritt. Wie cs heißt, beansprucht die Deutsche V o l k s p a r t e i bei einem etwaigen Wiedereintritt in die Regierung die Besetzung des Kultus- und des Justiz- ministerums durch Vertrauensmänner ihrer Partei. Als Ministcranwärter für diese Ministerien werden die volksparteilichen Abgeordneten v. Richter und Leidig genannt.
l);e ^laggensfage.
" 1000 Vorschläge e i II g e g a n g e N.
Der im November zusammentretende Reichstag wird aus Wunsch der Regierung einen Flaggenaus- s ch u b wählen. Über die Zusammensetzung dieses Aus- »schusses steht Endgültiges noch nicht fest, doch nimmt man an, daß der Ausschuß aus Vertretern aller Parteien, aus Künstlern, Heraldikern und Kunstsachverstündigen zusam- mengesetzt sein wird. Von den rund lOOO Vorschlägen, die eingegangen sind, kommen 40 in die engere Wahl und werden dem Ausschuß vorgelegt werden. Die Auswahl ist vom Reichskunstwart gemeinsam mit dem Heraldiker Kekülè von Stravonitz vorgenommen worden.
mußte, hat im Verlauf seiner Unterhaltung mit den Frau- zosen diese nach ihrer Meinung über den Germersheimer Zwischenfall befragt. Es ist möglich, daß er sich in seiner Trunkenheit, wobei seine Kopfverletzung zu berücksichtigen wäre, dazu hat hinreißen lassen, für die Germersheimer Zwischenfälle an einem der beiden Franzosen Rache zu nehmen. Wie verlautet, befand sich Krauter am Montag nicht mehr in Neustadt. Tie Erhebungen zur Aufklärung des Vorfalles werden fortgesetzt. Man nimmt deutscherseits an, daß es sich um einen psychopathisch zu beurteilenden Fall handelt.
Aus französischer Quelle wird zu dem Zwischenfall noch bekannt, daß der deutsche Zivilist, der Kaufmann in Neustadt ist und früher Offizier Ivar, an den Unteroffizier berangetreten sei und ihn gezwungen habe, aus seinem Glase zu trinken. Darauf zeigte ihm der Deutsche einen Dolch und erklärte, daß er seine Frau töten wolle. Ohne jede weitere Erklärung stieß er dann dem Unteroffizier den Dolch in die Herzgegend. Daraus verließ der Deutsche das Lokal und fuhr aus einem Motorrade davon. Die Verwundung des Franzosen ist ernst. Die dcutschcPoli- z e i hat sich sofort den französischen Militärbehörden zur Verfügung gestellt, um des Täters, dessen Person bekannt ist, habhaft zu werden.
*
Die Untersuchung des Germersheimer Zwischenfalls.
Die Agentur Havas veröffentlicht in bezug auf die Untersuchung des Germersheimer Zwischenfalls durch die deutschen und die französischen Behörden folgende Auslassung: General Guillaumat, der Befehlshobei der französischen Besatzungsarmee, hat dem Kriegsminister mitgeteilt, daß er den Berichterstatter des Kriegsgerichts von Landau aufgefordert habe, in der Germersheimer Angelegenheit als Zeugen den deutscherseits mit der Führung der Untersuchung beauftragten d e u t s ch e n B e a m- t e n sowie die von diesem benannten Zeugen zu vernehmen. Dies sei die einzige Form deutsch-französischer Zusammenarbeit, die ins Auge gefaßt werden könne. Der Reichskommissar habe diese Formel angenommen. Die Angelegenheit sei nunmehr eine rein gerichtliche und die Untersuchung werde alles berücksichtigen und absolut un-, parteiisch sein.
politische Run-schau.
Deutsches IKeich.
Tankerlaß des Reichspräsidenten. v \ *
Das Bureau des Reichspräsidenten gibt folgenden Erlaß des Reichspräsidenten bekannt: Auch in diesem Jahre sind mir zu meinem Geburtstage aus allen Teilen des Reichs und von Deutschen aus dem Auslande zahllose Glückwünsche zugegangen, deren Einzelbeantwortung mir leider unmöglich ist. Allen, die freundlich meiner gedacht haben, spreche ich daher auf diesem Wege meinen herzlichen D a n k aus und bitte sie zugleich, mit mir weiter zusammenzuhalten im steten Bemühen umdieBefrie» dung und Befreiung unseres Vaterlandes, von Hindenburg, Reichspräsident. ______-___________^.^