Zul-aer Mzeiger
Zul-a- und Haunetal »Zulüaer Kreisblatt
rmtglie- des verâ* Deutscher Zt-tuo-*»«-- leger. PolMeckkeet»: Zr«kb«t a. M. Vr.««S
Nr. 241 — 1926
Fulda, Dienstaa, 19. Oktober
3. Jahrgang
Denkschrift der WeftwirlschastsMrer.
Für größere Handelssreiheit.
Milderung der Absperrungen.
Wahrscheinlich schon am Mittwoch soll nach Angaben, die zuerst in Londoner Blättern erschienen, in sämtlichen europäischen Hauptstädten gleichzeitig ein Manifest veröffentlicht werden, das die Unterschriften der grössten europäischen und amerikanischen Finanzleute trägt. Es enthält Ausführungen über die aus dem Kriege sich ergebende Lage Europas, und zwar die Finanz- und Wirtschaftslage, und fordert die Annahme eines genauen Planes, um diese Lage zu bessern. Dieses Dokument soll vielleicht das wichtigste seit dem Versailler Vertrag fein. Seine Abfassung hat mehr als sechs Monate gedauert. Das Dokument gibt die Ansicht der bedeutendsten Köpfe bet internationalen Finanzwelt wieder. Tas Manifest erklärt, das: die seit dem Kriege von den europäischen Nationen verfolgte Politik mehr Probleme aufgeworfen alâ gelöst und mehr Schwierigkeiten geschaffen als überwunden habe, und befürwortet eine radikale Änderung in der europäischen Politik. Tas sei notwendig zur Wiederherstellung des Kredits, zur Wiederbelebung des Handels und zur Steigerung der Einnahmen.
Wie von unterrichteter Berliner Seite mitgeteilt wird, ist das Manifest der Weltwirtschaft für Handelsfreiheit von Persönlichkeiten aus folgenden Staaten unterzeichnet: Österreich, Belgien, Tschechoslowakei, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Holland, Ungarn, Italien, Norwegen, Polen, Rumänien, Schweden, Schweiz und Vereinigte Staaten. Es sind nicht etwa lediglich Bankleute an diesem Manifest beteiligt, sondern sehr viele Persönlichkeiten aus Industrie und Handel der einzelnen Länder. Die Franzosen haben ihre Unterschrift mit einem Vorbehalt gegeben, in dem sie die Weltschwierigkeiten des Handels als Folge des Krieges betrachten und besonders MMMââ^NWü ^chwierigteiten Hinweisen, die der Krieg mit sich gebracht hat.
Deutsche ttnierschnsten.
Das Manifest ist von deutscher Seite vom Reichsbankpräsidenten Schacht, von Robert Bosch, von Geheimrat Deuts ch (A. E. G.), von C. F. v. Siemens, von dem Berliner Handelskammerpräsidenten Franz V. M e n - delssohn, von dem Hamburger Handelskammerpräsidenten W i t t h o e f t, von Direktor U r b i g (Disconto- Gesettschast), von Direktor Melchior (Bankhaus Warburg) und von dem Generaldirektor der Vereinigten Stahlwerke, Albert V ö g l e r, unterzeichnet.
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wtb. Berlin, 19. Ott. (Eig. Funkmeldung.) Dem W. T. B.-Handelsdienst wird zu dem heute veröffentlichten Wirt- schastsmanisest aus deutschen Wirtschastskreisen folgende Bemerkung gemacht:
Der Kreis der deutsche« Unterzeichner ist wohl aus rein organisatorischen Gründen zunächst nur ein verhältnismäßig Nei« ner. Es dürfte aber kein Zweifel darüber besthen, daß dieser Appell in den deutschen Wirtschastskreisen einen starken Widerhall und zahlreiche weitere Befürworter unter den führenden deutschen Wirtschaftlern finden wird. Eine besondere Bedeutung erhält der Appell für Deutschland dadurch, daß von einer so großen Zahl führender Wirtschaftlern aus nicht weniger als 16 Ländern die wirtschaftlichen Fehlgriffe des Versailler Vertrags erkannt und ihre Beseitigung als Vorbedingung für ein Wikderaufblühen der europäischen Produttion und des europäischen Handels bezeichnet wird.
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Bekämpfung der Wirtfchastsnot.
In den nächsten Tagen wird also ein wirtschaftspolitisches Manifest veröffentlicht, das aus mannigfachen Gründen recht eigenartig ist. Schon rein äußerlich ge- nommen: Wirtschaftsführer aus Deutsch-, l a n d u n d F r a u k r e i ch, a u s B e l g i e n u n d E n g- land, aus allen europäischen Ländern werden ihren Namen unter diese Denkschrift setzen, aber auch führende Wirtschaftler der Vereinigten Staaten geben ihre Unterschrift. Von Deutschland findet man Großindustrielle wie Dr. Vogler und Dr. von Siemens, dann den Reichsbankpräsidenten und die Direktoren der Großbanken.
Es haben sich also führende Männer in der Weltwirtschaft auf einem gemeinsamen Boden gefunden, wollen darlegen, daß ihre Ansichten über die wirtschaftliche und finanzielle Lage Europas, über die schweren Hemm- nisie und Fehler im handelspolitischen Zustand unseres Kontinents die gleichen sind. Sie sind sich einig darüber, daß die „Balkanisierung" Europas ihren Grund in dem Frieden von Versailles hat, der mit seinen willkürlichen Grenzziehungen zerriß, was zusammengehörte, aber ebenso willkürlich auch zusammenwarf, was gar nicht zu- einander paßt. Der zwischenstaatliche Güteraustausch in Europa ist durch die Vielheit der Staaten Erschwerungen unterworfen, die ein Aufblühen dieses Güteraustausches, damit aber eine Ordnung in der finanziellen Lage Euro-. Pas nur zu erfolgreich verhindern. Dabei haben geravr- die neugegründeten Staaten alles darangesetzt, die eigene Wirtschaft rücksichtslos auf Kosten der Nachbarn zu stützen und ihr zu einer Scheinblüte zu verhelfen, die doch sehr bald wieder welken mußte, weil die weltwirtschaftlichen 'Verknüpfungen der wichtigeren Industrieländer so enge geworden sind, daß das Schicksal des einen auch das iSchicksal! des anderen nach sich zieht. Gewiß darf keine (weltwirtschaftliche Forderuua erfüllt werden auf Kosten
der nationalen Wirtschaft. Die Nationalwirtschaft als solche ist vielmehr erfüllt von ihrem Eigenleben und bildet mit diesem Eigenleben eine Zelle in dem großen weltwirtschaftlichen Organismus.
Das Manifest der Wirtschaftsführer wendet sich gegen den Krankheitsstoss, der durch die Versailler Bestimmungen in diesen Wirtschaftsorganismus Europas hineingetragen worden ist und überall störend und hemmend wirkt. Daraus ergibt sich mit zwingender Logik die Notwendigkeit, der Balkanisierung Europas wenigstens wirtschaftspolitisch entgegenzuarbeiten, die Handelsbeschränkungen auf ein Minimum zu reduzieren und schließlich vielleicht doch zu einer Aufhebung der Zollhemmnisse zu gelangen. Die zur Verteidigung der neuen Grenzen in Europa eingesührten Handelsverbote, Zolltarife usw. hätten sich für alle Beteiligten als höchst nachteilig erwiesen, wird gesagt, hätten den Durchfuhrverkehr erschwert und die Transporte verteuert, so daß in ganz Europa eine künstliche Teuerung hervorgerufen sei. Diese Ausführungen der Denkschrift sind ebenso richtig wie die daraus gezogenen Folgerungen, daß die künstliche Teuerung ein Hindernis für den Erzeugungsfortschritt wurde und trotz Vermehrung der Zahlungsmittel den Kreditumlauf hemmte.
Das Ganze ist also ein Unternehmen zur Wiedereinführung des freieren Handels, zum mindesten zwischen den europäischen Staaten. Ob diese Aktion vollen Erfolg haben wird, kann trotzdem angezweifelt werden. Wäre die Lage so, daß die Produktion aller europäischen Länder unter normalen Verhältnissen erfolgen würde, so müßte man den Gedanken einer internationalen Handelsfreiheit begrüßen. Normal ist aber die Produktion nicht. Aus Deutschland lasten die Dawes-Verpflichtungen und Rußland ist immer noch ein Fremdkörper in der Wirtschaftsordnung von heute. Aber wenn die Aktion der Wirtschaftsführer auch nur den einen Erfolg hat, daß die Überhöhungen der Zollmauern abgemildert werden, so wäre das gerade für die Betätigung der deutschen Handelspolitik erfreulich. Denn weit höher als die deutschen sind die Zollmauern der meisten europäischen Länder, nicht zuletzt die Englands. Mit irgendwelchen Verhandlungen über die Aufhebung von Einfuhrverboten oder dergleichen haben wir bis jetzt nichts erreicht und der anderthalbjährige Zollkrieg mit Polen beweist, wie weit wir noch von einer wirtschaftlichen Annäherung entfernt sind.
Wenn das Vorgehen der Wirtschaftsführer auf dem Wege der Annäherung einen Schritt vorwärtsbrächte, so wäre das für uns Deutsche überaus nutzbringend, ginge doch daraus auch die Erkenntnis hervor, daß die Unmöglichkeit des Versailler Vertrages und anderer Bestimmungen, die hernach kamen, schließlich doch erkannt wären.
Der Wunsch der defekten Gebiete.
Bei seinem Aufenthalt in Aachen hielt Reichsminister für die besetzten Gebiete, Dr. Bell, eine Rede, in der er zu den akuten Fragen der Außenpolitik und des Europaproblems Stellung nahm. „Wer glaubt," so sagte der Minister, „daß wir durch unseren Eintritt in den Völkerbund über alle Schwierigkeiten bereits hinweggekommen seien, der gibt sich Selbsttäuschungen hin. Für Deutschland und insbesondere für unsere Diplomatie beginnen jetzt erst die eigentlichen Arbeiten und Schwierigkeiten. Jetzt gilt es, unter Auswertung aller außenpolitischen Erfahrungen der Vergangenheit, vor allem unter gründlicher Erfassung der Psyche des Auslandes den deutschen Belangen zu dienen, Deutschlands allgemein politische und wirtschaftliche Interessen wirksam zu vertreten.
Die bedauerlichen Z w i s ch e n fä l l e, die wir in den letzten Wochen beklagen mussten, legen den Gedanken nahe, dass schon die Möglichkeit weiterer Zwischenfälle ein schweres Hcmmnis für die dauernde Verständigung bedeute. Der Geist von Locarno und Thoiry, Deutschlands Eintritt in den Völkerbund als gleichberechtigtes und gleichwertiges Mitglied des Völkerbundkonzerns und des Völkerbundrates, soll nach der ausdrücklichen Versicherung aller Beteiligten eine neue Ara des Friedens an Stelle des Hasses und der Feindschaft einleiten. Darum ist es begreiflich, wenn jetzt spontan und mit elementarer Gewalt im ganzen Rheinland, in Rheinhessen und in der Rheinpfalz Wunsch und Verlangen nach Befreiung von der Besatzung sich geltend mache», in der berechtigten Überzeugung, daß deren Aufrechterhaltung sich mit wahrem Frieden und wahrer Versöhnung ebensowenig verträgt wie mit unabweisbaren deutschen Interessen und nationalen Empfindungen."
Eine Llnèerrehung in Doom.
Der holländische Innenminister bei Kaiser Wilhelm.
Nach einer Meldung aus Amsterdam hatte der holländische Minister des Innern, Dr. Kan, am Montag vormittag in Doorn eine Unterredung mit dem ehemaligen Deutschen Kaiser, über den Gegenstand der Unterredung wird in dieser Meldung nichts gesagt. In Berliner Kreisen neigt man vereinzelt zu der Annahme, daß es sich bei dieser Aussprache vielleicht um Rückkehr- wünsche des ehemaligen Kaisers nach Deutschland ge- handelt hat.
Diese Rückkehrmöglichkeiten des ehemaligen Königs und Kaisers behandelte der preußische Finanzminister Dr.
Kleine Zeitung für eilige Leser
♦ In allen Hauptstädten Europas soll am Mittwoch eine Denkschrift der Weltwirtschastssührer veröffentlicht werden, in der neue Wege zur Überwindung der internationalen Wirt- schaftsnot vorgeschlagen werden.
* Reichspräsident von Hindenburg ist von seiner Reise nach Braunschweig und Groß-Schwülper wieder in Berlin einge- Irosfen.
* Nach einer Meldung des Sekretärs der Zeppelin-Eckener- Spende an das preußische Wohlfahrtsministerium beträgt das Gesamtergebnis der Sammlung im Reiche etwa 2% Millionen Mark, von denen 10 % für Unkosten verbraucht sind.
* Die von den Sowjetgrößen Stopft und Sinowjew geführte Opposition in Rußland hat sich der Mehrheit der Kom- munistischen Partei unterworfen und sich verpflichtet, die Oppositionsgruppen aufzulösen.
* Durch Explosion von Granaten auf einem chinesischen Dampfer wurden 1200 Personen getötet.
Höpker-Aschosf in einer Rede in Dortmund. Der Minister vertrat hierbei die Ansicht, daß diesem, dem ehemalige» König eingeräumten Wohnrecht keine praktische politische Bedeutung beizumessen sei: innen- und außenpolitische Gründe ließen eine sofortige Rückkehr des ehemaligen Königs nicht zu. Jede preußische Regierung werde Mittel und Wege finden, jeden Versuch der Hohenzollern, das an sie gezahlte Geld zum Stampf gegen die Republik zu verwenden, zu verhindern. Tas Entscheidende des jetzt zustande gekommenen Vergleichs sei, daß nun endlich alle Hohenzollern in die Reihe der Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten, auch als Steuerzahler, eingereiht seien.
Dr. Höpker-Aschofs kam in dieser Rede auch auf die Koalitionsverhandlungen in Preußen zu sprechen und meinte, die ganze politische Entwicklung dränge dahin, daß die Volkspartei in Preußen in die Große Koalition eintrete. Preußen stehe vor Fragen, die schwer ohne die Volkspartei zu entscheiden seien. Eine nroße Auiaabe bleibe noch tu bemältiaen das sei die Weiterentwt^lung unserer Wirtschaft. vseringe Anzeichen eines langsamen Wiederaufstiegs seien wohl schon jetzt vorhanden. Die preußische Regierung habe damit begonnen, mit Mitteln aus einer Anleihe zur Linderung der Erwerbslosigkeit beantragen und Leben in die Wirtschaft zu bringen.
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Die Künselenz in Doom.
Berlin Ein Berliner Spätabendblatt will misten, daß die holländische Regierung dem ehemaligen Kaiser durch den holländischen Innenminister mitteilen ließ, daß sie aus bekannten Gründen nicht ihre Zustimmung dazu erteilen könnte, wenn der Kaiser die Absicht hätte, seinen Aufenthalt außerhalb Hollands zu verlegen, da sie ja gewisterinaßen seinerzeit gegenüber den Ententemächten die Verpflichutng "übernommen habe, daß Wilhelm ll. Holland nicht mehr verloste.
finiettoetfung Dvtzkis und S-nowjews.
Sieg der Moskauer Zentrale.
Der Konflikt, der in der Kommunistischen Partei Rußlands seit einiger Zcit bestand und der vor allem von ben Oppositionsführern Trotzki und Sinowjew durch den Versuch von FraktionSbildungen gegen das Zentralkomitee der Partei geschürt wurde, ist jetzt beigelegt worden. Sinowjew, Trotzki, Kamenew und die anderen Führer der Opposition in Sowictrußland haben sich v o r -
Sinowjew. Trotzki.
bchaltlos nnterw orfcn, sie sind nach Kanossa gegangen, weil sich in den letzten Wochen heransgestellt hat, daß sie ein Generalstab ohne Armee warcm Der Versuch Sinowjews und Trotzkis in Moskan und Sinowjews in Leningrad, zu den Arbeitern in die Betriebe zu gehen und dort Anhänger zu sammeln, ist vollkommen gescheitert.
Das Zentralkomitee der Partei gibt in einer amtliche» Veröffentlichung die Beilegung des Konfliktes bekannt. Aus dieser Veröffentlichung ergibt sich, daß die Erklärung der Oppositionsführer ein völliges Rachgeben gegenüber sämtlichen Forderungen des Zentralkomitees barftettt, denn das Zentralkomitee hatte in einem am 11. Oktober gestellten Ultimatum gefordert, daß die Opposition die Schädlichkeit und Statutenwidrigkeit ihres Vorgehens anerkennen und offiziell von der kommunistischen Gruppe in Deutschland, Krisch, Maslow, Fischer, Urbans, und von. den verschiedenen russischen Radikalistengruppen abrückew solle,