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Nr. 242 — 1926_____________
Fulda, Mittwoch, 20. Oktober
3. Jahrgang
Wiederherstellung des Welthandels.
Der Wortlaut des
Wirtschastsmanifestes.
.Handel ist kein Krieg."
Dienstag früh ist die angekündigte Denkschrift der Weltwirtschaft veröffentlicht worden. Sie hat folgenden Wortlaut:
„Wir wünschen als Geschäftsleute, die Aufmerksamkeit auf gewisse schwerwiegende und beunruhigende Zustande zu lenken, die, unserem Urteil nach, der Rückkehr zum allgemeinen Wohlstand im Wege stehen.
Man kann nicht ohne Bedenken mitansehen, in welchem Ausmaß Tarifbarrieren, Speziallizenzen und Verbote seit dem Kriege sich in den internationalen Handel einzuschieben und seinen natürlichen Ablauf zu behindern vermochten. In keiner Periode während der neueren Geschichte hat es der Handel notwendiger als heute gehabt, von solchen Einengungen frei zu sein, um den Handeltreibenden zu ermöglichen, sich den neuen und schwierigen Bedingungen anzupassen. Und zu keiner Zeit haben sich die Beschränkungen des freien Handels so gefährlich vermehrt, ohne daß man der daraus entstandene» ökonomischen Konsequenzen gewahr geworden wäre.
Der Zusammenbruch von großen politischen Gebictsein- Seiten in Europa war ein schwerer Schlag für den internationalen Handel. Innerhalb weiter Gebiete, deren Einwohner bis dahin ihre Produkte im freien Handel ausgetauscht hatten, wurden eine Anzahl neuer Grenzen errichtet, die durch Zollgesetze eifersüchtig gesperrt werden. Alte Märkte verschwanden. Rassengegensätze konnten Gemeinschaften auseinanderreißen, deren Interessen untrennbar miteinander verwoben waren. Eine nicht unähnliche Situation würde entstehen, wenn ein Staatenbund die Bande zerreißen wollte, die sie miteinander verknüpfen, und anfangen würde, oen gegenseitigen Handel zu hemmen und mit Strafen zu belegen, anstatt ihn zu fördern. Es kann kaum bezweifelt werden, daß unter diesen Umständen »er^Mohtftanv eines Dolchen Landes sich rapide vermindern würde.
Um diese neuen Grenzen in Europa zu kennzeichnen und zu verteidigen, wurden Lizenzen, Tarife und Verbote eingc- führt, deren Resultate sich für alle Beteiligten bereits als höchst nachteilig erwiesen haben. Der eine Staat verlor seine billige Nahrungsversorgung, der andere seine Belieferung mit billigen Waren, Industrien litten unter Kohlenmangel, Fabriken durch das Fehlen von Rohmaterialien.
Hinter den Zollmauern wurden, ohne wirkliche ökonomische Grundlagen zu haben, neue Lokalindustrien begründet, die infolge der Konkurrenz nur dadurch am Leben erhalten werden konnten, daß die Zollmauern noch höher wuchsen. Eisenbahn- tarise, die, von politischen Überlegungen beeinflußt, festgesetzt sind, machen Transitverkehr und Frachttransporte schwierig und teuer. Die Preise sind allgemein gestiegen und eine künstliche Teuerung ist hervorgerufen worden. Die Produktion als Ganzes genommen ist zurückgegangen, die Kredite haben sich verringert und der Geldumlauf hat abgenommen. Zu viele Staaten haben in Verfolgung verfehlter Ideen von nationalem Interesse ihren eigenen Wohlstand in Gefahr gebracht und die gemeinsamen Interessen der Welt außer acht gelassen, indem sie ihre kommerziellen Beziehungen aus die ökonomisch unsinnige Basts stellten, allen Handel als eine Form von Krieg zu betrachten.
Daher kann keine Erholung in Europa cintreten, bis die Politiker in allen Ländern, den alten und den neuen, sich darüber klar geworden sind, daß Handel kein Krieg ist, sondern ein Austauschprozeß, und daß in Zeiten des Friedens unsere Nachbarn unsere Kunden sind, und daß ihr Wohlstand eine Vorbedingung für unser eigenes Wohlergehen ist. Wenn wir ihren Handel behindern, vermindern wir damit auch die Möglichkeit, ihre Schulden abzuzahlen und unsere Produkte zu laufen. Eingeschränkter Import bringt auch Beschränkung des Exportes mit sich, und keine Nation kann eS sich leisten, ihren Exporthandel zu verlieren. Da wir alle von der Einfuhr und Ausfuhr von Waren abhängig sind sowie von dem Prozeß des internationalen Güteraustausches, können wir nicht ohne schwerwiegende Bedenken eine Politik mitansehen, die die Verarmung Europas bedeutet.
Glücklicherweise sind Anzeichen vorhanden, daß endlich die öffentliche Meinung in allen Ländern zur Erkenntnis dieser drohenden Gefahren gekommen ist. Der Völkerbund und die Internationale Handelskammer sind am Werke, alle Formalitäten, Verbote und Einschränkungen auf ein Minimum 31t reduzieren, um die Unausgeglichenheit in diesen Zuständen, außer in den Zolltarifen, zu beseitigen und Passagier- und Güterverkehr zu erleichtern. Einflußreiche Persönlichkeiten in einigen Ländern setzen sich für völlige Aushebung der Zolltarife ein. Von anderen Seiten ist der Abschluß von langfristigen Handelsverträgen vorgeschlagen worden, die in jedem Falle eine Meistbegünstigungsklausel enthalten sollen. Einige Staaten haben in kürzlich abgeschlossenen Verträgen die Notwendigkeit anerkannt, den Handel von allen niederdrückenden Beengungen zu befreien. Und Erfahrung lehrt allmählich auch andere, daß das Niederreißen der ökono- mischen Hindernisse zwischen den einzelnen Nationen sich als sicherstes Heilmittel gegen das Stagnieren des Handels er- lvcist, das überall zu verspüren ist.
Bei den zugleich wertvollen politischen Resultaten, die sich aus einer solchen Politik ergeben würden, und die bösen Willen durch guten ersetzen würde und die Exklusivität der Völker in Zusau,menarbeit umwandeln, wollen wir uns nicht auf. halten. Aber wir wünschen unserer festen Überzeugung Ausdruck zu geben, daß die Wiedereinführung der Handelsfreiheit die beste Möglichkeit in sich birgt, Handel und Kredit in der weit wiedcrherzustellcn."
Unterzeichnet ist die Erklärung nach der Reihenfolge
von maßgebenden Vertretern Österreichs, Belgiens, der Tschechoslowakei, Dänemarks, Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Norwegens, Polens, Rumäniens, Großbritanniens, Hollands, Ungarns, Schwedens, der Schweiz und der V e r e i n i g 1 e n S1 a a t e n.
Französische und italienische Vorbehalte.
Die französischen Unterzeichner der Denkschrift haben einen Vorbehalt oder eigentlich eine Ergänzung angefügt, in der sie darauf hinweisen, daß als erstes Mitte! die Herstellung der Währung in den noch nicht stabilisierten Ländern in Frage komme. Die schlechte Währung Frankreichs liegt natürlich den Franzosen zunächst am Herzen, aber im übrigen ändert dieser Vorbehalt nichts an ihrer grundsätzlichen Zustimmung zu dem Weltmanifest.
Llnierze»chner des internationalen Wirtschastsaufrufes.
V 0n links nach rechts:
Obere Reihe: M. Francqui (Belgien), Kommerzienrat Dr.-Ing. ehrenh. Bosch (Deutschland), Lord Bradbury (England). Untere Reihe: J. P. Morgan (Amerika), L. Sergent (Frank, reich), Reichsbankpräsidcnt Dr. Schacht (Deutschland).
Italiens Vertreter erheben ebenfalls einen Vorbehalt, nach dem sie andere und klarere Form gewünscht, auch Kritik an den künstlichen Prämien und Auswanderungsbeschränkungen begrüßt hätten. Grundsätzliche Einwendungen haben auch die Italiener nicht.
Die schlechte Währung Frankreichs liegt natürlich den Franzosen zunächst am Herzen, aber int übrigen ändert dieser Vorbehalt nichts an ihrer grundsätzlichen Zustimmung zu dem Weltmanifest.
*
Wie noch mitgeteilt wird, entstand der Gedanke, in iner Art Manifest zu gelegener Zeit an die Öffentlichkeit «eranzutreten, um die Wirtschaftslage klarzulegen, vor -twa sechs Monaten gelegentlich der Anwesenheit Dr. s ch a ch t s i n L 0 n d 0 n. Die Teilnehmer an der zu liefern Zweck abgehaltenen Besprechung hatten sich bereit -rklärt, die erforderlichen Unterschriften zu sammeln, was mch in Deutschland geschehen ist. Es ist eine private Angelegenheit, die aber dadurch nicht an Wert verliert. Von >cn Unterzeichnern bat niemand seine Unterschrift zurückgezogen. Daneben läuft eine Aktion der Internationalen Handelskammer. Deren nationale Unterausschüsse wur- jen ebenfalls angewiesen, sich mit den in dem Manifest »ufgeworfenen Fragen zu beschäftigen und darüber nach Laris Bericht zu erstatten. Der Bericht dieser Unteraus- ichüsse soll dem Zentralausschuß der Internationalen Handelskammer vorgelegt werden, und es ist anzunehmen, »aß auch dieser Bericht veröffentlicht wird.
Amerikanische Äußerungen zum Wirtschastsmanifest.
wib. New-York. (Eig. Funkmeldung.) Hier wird dem Wirtschaftsmanifest keine besondere Bedeutung beigemessen. Ein führender Bankier bezeichnet das Manifest als ein harmloses und von frommen Wünschen erfülltes Plaidoyer. John Mitchell, der mit zu den Unterzeichnern des Manifestes gehört, erklärte, die vielfältigen, dem Handel in Europa zur Zeit auferlegten Beschränkungen seien der gesamteuropäischen wirtschaftlichen Wohlfahrt äußerst schädlich und hätten schon vor langer Zeit beseitigt werden müssen. Wie behauptet wird, ist der Gedanke des Wirtschaftsmanifestes im vergangenen Frühjahr in britischen Bankierkreisen entstanden, und man habe amerikanische Geschäftsleute um ihre Unterschrift ersucht, mehr in der Absicht, dem Plaidoyer moralische Stoßkraft zu geben, als um die beteiligten Amerikaner auf ein scharf umrissenes Programm festzulegen.
RTeftteigefhmgffir eilsgeQf-r.
• Die Denkschrift der internationalen WirtschastSführer zur Wiederaufrichtung von Handel und KredU ist veröffentlicht worden.
• Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages ist für DienS- tag, 26. Oktober, zur Besprechung der internationalen Wirt- schastSsragen und der Militârk^ltrolle einberufen worden.
* Die britische RetchSkonferem, in der sämtliche Länder deS Britischen Reichs durch leitende Minister vertreten sind, ist eröffnet worden.
• Die VollSabstimmung in Norwegen für nnb gegen Alkoholverbot brachte überaus starke Zunahme der Gegner deS Alkoholverbots.
Umbildung des ReichSfinanzmimfieriumS
Beendigung der Reform.
Die Umbildung des ReichssinanzministeriumS ist ab- geschlossen. Der Reichsminister der Finanzen hat bem Reichspräsidenten die vorgeschriebene Anzeige erstattet. Das bei der Umbildung gesteckte Ziel, die Ge- schäfte des Ministeriums unter größtmöglichster Vereinfachung der Organisation bei sparsamster Ausnutzung Der Arbeitskräfte zusammenzufassen, ist voll erreicht worden. Die gesamte Fachleitung liegt nunmehr in den Händen eines Staatssekretärs; an Stelle Der früheren zehn selbständigen Abteilungen sind deren fünf getreten. Durch die Umbildung konnte die Zahl der Referate noch weiter eingeschränkt werden, als ursprünglich zu erwarten war. An Stelle der früheren 128 Referate sind nur mehr 79 vorhanden. Der Personalbestand des Ministeriums konnte um 60 Beamte vermindert werden.
Empfänge beim Reichspräsidenten.
Geschenke für Hindenburg.
Reichspräsident von Hindenburg hat eine Abordnung der Stadtverwaltung von Rewyork empfangen, bte vo> einigen Tagen in Deutschland ein getroffen ist, «m den Stapellauf des neuesten Dampfers der Hamburg Amerika-Linie beizuwohnen und ihn auf den Namer „Newyork" zu taufen. Der Abordnung, die von dem Vor. sitzenden des Direktoriums der Hamburg-Amerika-Linie Dr. Cuno, geführt wurde, gehören u. a. an die Gattir des durch die bevorstehenden Wahlen in Amerika zuruck gehaltenen Bürgermeisters von Newyork, James Walker der Mitarbeiter des Bürgermeisters Eduard L. Stanto, und der Polizeichef, James P. Sinnett.
Der Reichspräsident empfing wieder den deutsche« Boffchafter in Paris, Dr. von Hoesch, ferner den kubanr- schen Polizeiinspektor Major Medina, der rhm ein« seidene kubanische Fahne, ein Geschenk des Präsidenten der Republik Kuba, überreichte. Ferner empfing der Reichspräsident im Beisein des Leiters der Lust, abteilung des Verkehrsministeriums, Ministerralrai Brandenburg, und des Direktors Wronsky von der Deutschen Lufthansa die vom Pekingflug zurückgekehrte Expedi- tion der Deutschen Lufthansa. Der Expeditronslerter, Dr. Knauß, überreichte einen ihm vom Panschenlama, dem Oberhaupt des Lamaismus, als Geschenk für den Reichspräsidenten mitgegebenen geweihten Schal.
Der lrebenswurdlge Grandseigneur.
Frau Walker über Hindenburg.
Frau WaNer, die Gattin des Newyorker Oberbürger. Meisters, hat in einem Interview, das sie der „New York Times" gegeben hat, ihren Empfang durch Hindenburg in begeisterten Tönen geschildert. Sie rühmt Hindenburg als einen liebenswürdigen Grandseigneur vo« genialer Einfachheit des Auftretens und ausgesprochenem Sinn für Humor. Beim Empfange hätten, wie sie erzählt,. Stühle gefehlt, worauf Hindenburg lächelnd gesagt habe» die Damen und die alten Herren möchten Platz neh- men, die übrigen stehenbleiben. Daraufhin waren di- amerikanischen Herren stehengeblieben, der Feldmarschau selbst aber auch. Besonders hat es Frau Walker der ihr ungewohnte Brauch des Handkusses angetan? „Coolidge würde das wahrscheinlich kaum tun, aber es ist ein entzückender Brauch!" Nichts von soldatischer Steifheit, die sie „vielleicht" erwartet hätte, hätte sie gefunden, sondern, wie sie sich begeistert ausdrückt, „einen gantz genialen, menschlichen, entzückenden Gentleman".
politische Rundschau.
Deutsches Neick.
Das Ausführungsgesctz zu Artikel 48.
Artikel 48 der Reichsverfassung gibt dem Reichspräsidenten zur Abwendung drohender Gefahren besondere Machtvollkommenheiten, die indessen in der Verfassuug bisher nur allgemein umrissen sind. In der Offentlichkelt ist jetzt der angebliche Entwurf eines Reichsgejetzes zur Ausführung des Artikels 48 der Reichsverfafsung vor öffcntlicht worden. Demgegenüber 'st festzu,ttllen, da^ " im eigentlichen Sinn ntcit Vorarbeiten dieser Materie gediehen, daß zwischen Dm ^Besprechungen und Ver^ Um für diese Besprechungen einen Anhalt zu twanen, ip vom Reichsministerium S innern ein Refereuteneutwuri zur Verfügung gesie - worden. Bon dem Ergebnis der Besprechungen itonoMi
ein derartiger Gesetzentwurf besteht. Die gesetzgeberischen sind gegenwärtig nur soweit beteiligten Reichsniinisterien Handlungen eingeleitet sind.