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Nr. 243 — 1926
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa. und Haunetal »Zul-aer Kreisblatt
Kulda, Donnerstag, 21. Oktober
3. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Reichspräsident von Hindenburg hat sich zu einem zwei» tägigen Besuch nach Bremen begeben.
* Die Veranstaltung einer internationalen Presseausstellung in flöht unter dem Protektorat des Reichspräsidenten v. Hindenburg wurde für das Jahr 1928 beschlossen.
* Die vorläufige Feststellung der Volksabstimmung in Nor» wegen für oder gegen das Alkoholverbot hat ergeben, daß die Gegner des Verbots ungefähr 100 000 Stimmen mehr ausgebracht haben als die Befürworter. Man rechnet niit der baldigen Aushebung des bestehenden Verbots.
* Eine Gesellschaft von 15 Banditen raubte in Chikago für 100 000 Pfund Sterling Platin und Diamanten durch gewaltsamen Überfall aus eine Fabrik.
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Britische Keichskonserenz.
Das Britische Weltreich ist ganz eigenartig aufgebaut; es gibt über seinen Zusammenhalt in der Hauptsache nur ein Gewohnheitsrecht, kaum eine gesetzliche Bestimmung. Besonders das Verhältnis des Mutterlandes zu den sog. „Dominions", also zu Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland, in gewisser Bc- Ziehung auch zu Indien, ist außerordentlich elastisch, mehr auf Verbindungen gleicher Abstammung, gemeinsamen Blutes gegründet. Persönliche Beziehungen treten hinzu, durch die Weltreise des englischen Thronfolgers belebt und gefördert. Stolz fühlen sie sich alle rings um den Erdball als Engländer, als Mitglieder des „greater Britain", des „größeren Britanniens", wie vor 25 Jahren der Einberufer der ersten Reichskonftrenz, Chamberlain, der Vater des jetzigen Außenministers, feststellen konnte. Der Weltkrieg hat hierfür auch vieles getan.
Trotzdem wird es auf der soeben in London eröffneten Reichskonferenz nicht an Schwierigkeiten fehlen, weil die Selbstündigkeitsgelüste der Dominions — nicht zuletzt wegen ihrer starken militärischen Hilfeleistungen im Weltkrieg — immer stärker anwachsen. Das gilt für Kanada, ganz besonders aber für die Südafrikanische MMS^M».M>M.t Premierminister Hertzog erschienen ist. Es ist: nur ein äußeres Zeichen einer stark drängenden Entwicklung, wenn nian in Südafrika sich eine eigene Flagge schaffen will; aber nicht angenehm vermerkt wurde in London, daß die Annäherung zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten eine immer größere geworden ist, daß Kanada nicht bloß dasBestehen eines 100- jährigen Friedens mit den Vereinigten Staaten zusammen feierte, sondern sogar einen eigenen Gesandten nach Washington entsandte. Dafür ist aber A u st r a l i e n desto loyaler; sitzt diesem fernsten Dominion doch der Japaner auf dem Nacken. Der Versuch der Dominions, aus die englische Politik, auf Locarno und die dort vereinbarten außenpolitischen Verpflichtungen Englands einen Einfluß auszuüben, ist ebenso gescheitert wie die Absicht, in Genf eine größere Rolle zu spielen. Bei den riesigen Ausmaßen dieses Weltreiches, das die Erde umspannt, ist es aber nur durch die Elastizität des vereinigenden Bandes bisher möglich gewesen, die kontinental- europäische Politik des Mutterlandes mühsam mit den Interessen der ferngelegenen Länder auszubalancieren.
Der englische Ministerpräsident Baldwin hat begreiflicherweise in seiner Eröffnungsrede sofort die Frage der Außenpolitik des „greater Britain" im Anschluß an die Locarnoabmachungen zum Hauptgegenstand der Debatte erhoben. Weltwirtschaftliche Angelegenheiten wie die des soeben veröffentlichten internationalen Wirtschafts- m a n i s e st e s kommen hinzu; denn bekanntlich treffen die dort gemachten Vorwürfe einer zoll- und tarifpolitischen Bevorzugung künstlich geförderter Industrien besonders für das Verhältnis Englands zu seinen Kolonien zu. Die Aufnahme des Manifestes, das freilich in der Hauptsache ein kontinental-europäisches Ziel hat, ist ja zurückhaltend; aber schließlich ist's doch gerade England gewesen, von dem die Anregung zu der ganzen Aktion ausgegangen ist.
Schon lange ist es aber auch das Ziel dieser Außenglieder Englands, in London eine stärkere Vertretung ihrer Interessen zu haben; dahinstrebende Versuche, wie beispielsweise der Vorschlag, ein gewisses Wahlrecht zum Unterhaus zu erhalten, sind bisher gescheitert, haben auch keine Aussicht auf Erfolg. Indien, das größte Kronland, hat eine solche Vertretung wenigstens im Kabinett. Aber gerade die auf einen ganzen Monat berechnete Aussprache dieser Reichskonferenz soll zweifellos Mittel und Wege finden, einen Ausgleich herbeizuführen, aber, wie seit hundert Jahren, nicht durch Beschlüsse und Mehrheits- entschcidungen, sondern in Form freier Vereinbarungen.
Ostgrenzenpakt und Thoiry.
Ein deutsches Dementi.
In Warschau hat die Meldung großes Aufsehen er» jwgt, daß Dr. Stresemann in Paris einen Garantiepakt, ähnlich dem Locarnovertrag, zwischen Deutschland, Frankreich, Polen und der Tschechoslowakei vorgeschlagen habe. Diese sensationelle Nachricht, die von einigen Warschauer Blättern als Pariser Meldung aufgemacht wurde, ist, wie Don zuständiger deutscher Seite versichert wird, völlig aus der Lu ft gegriffen.
Auch gegenüber den in der ausländischen Presse ausgetauchten Gerüchten, daß die deutsche Regierung die Absicht habe, zur Durchführung des Programms von Thoiry die Einberufung einer internationalen Finanzkonferenz vorzuschlagen, wird von zuständiger Seite festgestellt, daß -diese Gerüchte jeder Begründung entbehren.
Das neue österreichische Kabinett.
Dr. Geipels Minisierlifie.
Die prodeutsche Politik Qst erreichs.
Der an Prälat Dr. Seipel ergangene Ruf zur Bildung eines neuen Ministeriums ist von ihm sofort in die Tat umgesetzt worden. Dr. Seipel wird dem Nationalrat folgende Ministerliste vorlegen:
Bundeskanzler und Außeres: Dr. Seipel;
Vizekanzler und Juftizminister: Dr. Dinghofer (Großdeutsch), an Stelle des bisherigen Ministers Dr. Waber;
Finanzen: Dr. Kienböck (Christlichsozial);
Unterricht: Dr. Schmitz (Christlichsozial);
Handel: Dr. Schürff (Grotzdeutsch);
Ackerbau: Thaler (Christlichsozia!);
Hecreswcscn: Vaugoin (Christlichsozial);
Soziale Verwaltung: Dr. Resch (Christlichsozial).
Der Ministerbesuch in Doom.
Eine holländische Erklärung.
Die in Amsterdam erscheinende holländische Zeitung Mlgemcen Haudelsblad" betont in einem offenbar aus imtlid)cu Informationen beruhenden Artikel, von feiten »er niederländischen Regierung werde die kürzlich ab« gegebene Erklärung vollkommen «usr.chterhaürn, daß von ihrer Abreise des früheren Kaisers Line Rede fei. Der jüngste Besuch des Ministers Ikj Innern in Doorn fei einer der gewöhnlichen m o n a i l i ch c n Besuche gewesen und stehe in keiner Vcrdindung mit einer möglichen Wreife beä. âahcr^ Es fei aber such unrichtig, daß die niederländische Regierung in dieser Frage gegenüber den Großmächten Verpflichtungen ein« gegangen sei.
Zu den in der deutschen Presse geäußerten Vermutungen, die englische Regierung habe in bezug auf die etwaige Rückkehr des ehemaligen Kaisers auf offiziösem Wege im Haag Erkundigungen einziehen wollen, vernimmt der „Telegraaf" von zuständiger Seite, daß die englische Gesandtschaft im Haag keinerlei derartige Schritte unternommen und auch diesbezüglich keinerlei Instruktionen von der englischen Regierung erhalten habe.
Ein höherer niederländischer Grenzbeamter antwortete aus die Frage eines Pressevertreters, was er tun würde, wenn der Exkaiser plötzlich die niederländische Grenze überschreiten wollte: „Ich werde ihn passieren lassen, wenn er sich legitimieren kann Ich habe nicht das Recht, ihn anders als jeden anderen Ausländer zu behandeln."
Der Berliner Korrespondent der amerikanischen Hearstpresse, Karl von Wiegand, hatte eine Anfrage an das Haus Doorn telegraphiert, ob die Gerüchte über die Rückkehr begründet seien. Darauf ist das solgende Telegramm von Haus Doorn abgegangen:
Karvowieg, Berlin. Über ein Ereignis, das Seine Majestät der Kaiser dem Willen der Vorsehung anhcim- geftcUt haben, kann selbstverständlich keine Auskunft rr- teilt werden. Ruf allerhöchsten Befehl Graf von Schmettüw.
Der Exkaiser ist zurzeit allein in Doorn, seine Gemahlin weilt in Lahor in Schlesien. Der Kaiser sieht sehr gut aus und wird als sehr rüstig geschildert. Immer noch beschäftigt er sich täglich mit Holzarbeiten, um sich die von dem Arzt vorgeschriebene körperliche Arbeit durch Holzhacken und -fügen zu schaffen. Er unternimmt ferner ständig Spaziergänge im Park von Toorn, und zwar in Begleitung seines Adjutanten, von Jlsemann, der ständig in seiner Umgebung weilt.
Norwegen für den Alkohol.
Nach der Volksabstimmung.
Die Ergebnisse über die Volksabstimmung für eber gegen den Alkohol liegen nunmehr nahezu vollständig vor. Bisher sind 518 972 Stimmen gegen die Prohibition und 408 945 dafür gezählt worden. Es ergibt sich also bisher eine Mehrheit von mehr als 100 000 Stimmen gegen die Prohibition. In politischer Hinsicht bedeutet die Verwerfung des Branntweinvcrbots mit einer Mehr- heit von über 100 000 Stimmen eine Stärkung des bisherigen rechtsstehenden Kabinetts Lykke. Auf dem Programm der Konservativen hatte seit einer Reihe bou Jahren die Aufhebung des Verbots gestanden. Dre Partei hatte diese Aufhebung aus parlamentarischem Wege vornehmen wollen, war aber aus den Widerstand der Linksparteien gestoßen; diese haben die Abhaltung einer Volksabstimmung durchgesetzt.
Die Volksabstimmung hat nur beratenden E i n f l u ß, die endgültige Entscheidung hegt beim Parlament. Die Regierung wird dem Storthing, das erst im Januar wieder zusammentritt, eine Gesetzesvorlage über Aufhebung des Verbots vorlegen. Es wird also noch einige Zeit vergehen, ehe eine Änderung der Alkoholverhältnisse inl Sinne des Abstimmungsergebnlsies eintritt. Der Branntweinhandel soll fortan durch das Wem- monopol geschehen und nur Städte mit, über 4000 Ein- mobnern sollen den Branntweinhandel gestatten können, falls die Mehrheit der Stadtverwaltung dafür ist.
Dem Eintritt des Führers der Großdeutschen Partei und derzeitigen Präsidenten der Nationalversammlung, Dr. Dinghofer, in das Ministerium auf den Posten des Vizekanzlers wird in politischen Kreisen große Bedeutung beigelegt. Das neue Kabinett Seipel betont damit sehr scharf seine politische Stellung gegenüber Deutschland. Die prodeutsche Politik Österreichs soll also noch stärker betont werden als bisher, da Dr. Dinghofer bekanntlich uls der hervorragendste Führer des Anschluß gedankens gilt. Mit der Betrauung Dr. Diug- Hofers ist auch den Sozialdemokraten ein Angriffspunkt gegen das Kabinett genommen, da durch den Eintritt des Führers der Großdeutschen zum Ausdruck gebracht wird, daß der politische Einfluß Dr. Kienböcks, der wieder das Finanzportefeuille übernimmt, nicht mehr ausschlaggebend stst. Unterrichtsminister wurde Dr. Schmitz, der im letzten Kabinett Seipel das Ministerium für soziale Verwaltunc innehatte. Die übrigen Ressorts bleiben bei den alter Ministern aus dem Kabinett Ramek. An Stelle Dr. Ding- ,Hofers präsentiert die Großdeutsche Partei den feiner, zeitigen Vizekanzler, Dr. Waber, als Präsidenten bei Nationalversammlung.
600 000 Arbeitslose weniger.
Durchführung des ArbeitsbeschassungsprogrammS.
Der Ncichslagsausschuß für Soziale Angelegenheiten beschäftigte sich mit der Erwerbsloscnfürsorge. Reichsarbcitsminister Dr. Brauns leitete die Verhandlungen mit einem Bericht über den gegenwärtigen Stand »er Arbcitslosensrage und die Fürsorgemaßnahmen der Regierung ein. Er führte aus, daß die Zahl der unterstützten Erwerbslosen gegen daS Frühjahr um rund 500 000 zurückgegangen sei und daß diese Entwicklung Inhalte. Dieser Rückgang sei aus die wirtschaftliche Ent- Didlung zurückzusühreu. Das Arbeitsbeschassungspro- jramm der Reichsregierung sei in seinem überwiegen- »cn Teil in der Durchführung begriffen.
Die Maßnahmen der produktiven Erwerbslosenfür- jorge kämen ganz überwiegend den langfristigen Arbeitslosen zugute. Tie einfache Verlängerung »er Unterstützung, wie sie vielfach gefordert werde, würde ille Vorteile beseitigen, die eine Arbeitsfürsorge gegen« über der Unterstützung besitze. Die Reichsregierung hätte (ich deshalb zu dieser Verlängerung bisher nicht entschließen können, habe sich auch ohne die Genehmigung »es Reichstages dazu nicht für befugt gehalten. Der Arbeitsfürsorge für die langfristig Arbeitslosen sei es zu sanken, daß die Zahlen der Ausgesteuerten noch immer derhältnismäßig gering seien. Die Reichsregierung sei gern bereit, gemeinsam mit dem Sozialpolitischen Ausschuß und mit den Regierungen der Länder zu prüfen, was iveiier geschehen könne, um die große Not unter den Arbeitslosen zu lindern.
Politische NunSschau.
Deutsches Mich.
Bayern und der Finanzausgleich.
Die bayerische Regierung hat durch ein Schreiben des Ministerpräsidenten dem Landtage mitgeteilt, daß der neue Staatshaushalt für 1927 im Landtage vorerst nicht vorgelegt werden kann, weil die Verhandlungen über einen Finanzausgleich kaum vor Ende dieses Jahres zum endgültigen Abschluß kommen können. Die Regierung würde es begrüßen, wenn im Landtag eine Aussprache über die Frage des Finanzausgleiches gepflogen und dabei eine Entschließung gefaßt würde, daß der Landtag von den Finanzausgleichsverhandlungen eine Regelung erwartet, die Bayern sein finanzielles Eigen- leben gewährleistet.
Finanzministerbrsprechung in München.
Reichsbankpräsident Dr. Schacht ist in München eingetroffen, um dem bayerischen Finanzminister einen Besuch abzustatten. Bei dieser Gelegenheit sind auch der sächsische Finanzminister, Geheimrat Dr. Behne, der Württembergische Finanzminister, Dr. Dehlinger, und der badische Finanzminister, Dr. Köhler, in München anwesend. Zwischen diesen Herren hat eine z w a n g lose Aus spräche über die diese Länder betreffenden B ankund Kreditfragen stattgefunden. Über das jetzt in der Öffentlichkeit bekanntgewordenc W i r t s ch a f t s - m a n i f e st gab Dr. Schacht seiner Meinung dahin Ausdruck, daß diese Kundgebung in ihrer Bedeutung unmöglich unterschätzt werden könne. Selbstverständlich drückten die Unterzeichner dieses Manifestes, welchem Lande immer sie auch angehören mögen, nur ihre persönliche Überzeugung aus. Daß die Regierung dieses ober jenes Landes'sich mit den Unterzeichnern nicht zu identlfi zieren wünscht, sei eine Selbstverständlichkeit. Aber des wegen verliere dieses Manifest nichts von seinem Wert.
Aus Zu- und Auslano.
Berlin. Der ReichSpräkii
den deutschen Ge- vrtrag.
sandten in Warschau, ^- u^,^--, a-- -- —
Berlin. Reichspräsident von H > n de nb urg hat sich nach Bremen begeben. Er wird am Freitag wieder Hu.s Berlin zurückkehren.
Essen Der preußische Finanzminister, Dr. Hopker Akcbofs ist hier eingetroffen. Er betuchte den R u h r s > e d> lungsverband und ließ sich dorr Vortrag über die Ar- beiten des Verbandes halten.