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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg» Zul-a- und Haunetal *Zulöaer Kreisblatt
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Nr. 9 — 1927
Fulda, Mittwoch, 12. Januar
4. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Die Verhandlungen über die Regierungsbildung dauern an.
* Der Reichsbankdiskont wurde von 6 auf 5 Prozent herabgesetzt.
* Eine Regierungsauslassung wendet sich gegen die Rede des polnischer: Außenministers.
Zur Rede des polnischen Außenministers Zaleski.
Die Rede, die der polnische Außenminister Zaleski am Montag in Warschau gehalten hat, gab dem W. T. B. Anlaß, in deutschen Regierungskreisen nachzufragen, aus welche Gründe und Absichten die zum Teil auffallenden Ausführungen dieser Rede zurückzuführen sein könnten. Bon maßgebender Seite wurde dem W. T. B. darauf folgendes geantwortet: Daß Herr Zaleski Polen in beweglichen Worten als das „pazifistische Land" und als den „traditionellen Hort des Friedens" in Europa gepriesen hat, ist eine Kennzeichnung der polnischen Politik, über die man ohne Kommentar hinweggehen kann. Don Interesse ist es dagegen, daß der polnische Außenminister eine Gelegenheit gesucht hat, um öffentlich gegen Deutschland in aller Form den Vorwurf eines Bruchs der Völkerbundssatzungen zu erheben. Derartige Beschuldigungen durch eine im Völkerbundsrat vertretene Macht sind in der Tat ein recht ungewöhnlicher Vorgang. Man sollte denken, daß der richtige Weg für eine solche schwerwiegende Anklage die Anrufung des zuständigen Völkerbundsorgans, nämlich des Völkerbundrats, gewesen wäre. Wenn etwa die Warschauer Rede der Auftakt zu Auseinandersetzungen in Genf sein sollte, so sehen wir dem gern entgegen. Herr Zaleski sagt, Deutschland habe den Artikel 10 der Satzung dadurch verletzt, daß es neuerdings eine „gewaltsame Propaganda- politik" treibe. Da der Artikel 10 bekanntlich die Achtung der Unversehrtheit, des
' Gegenstand hat, so kann hiermit nichts anderes gemeint sein, als daß sich Deutschland neuerdings zu aggressivem Vorgehen gegen Polen entschlossen habe und dieses Vorgehen durch eine entsprechende Propaganda vorbereite Nichts ist unsinniger als eine derartige Unterstellung. Der deutsche Stairdpunkt in der Frage der polnischen Westgrenzo ist seit Jahr und Tag bekannt und bedarf keiner Propaganda. Er ist von den verantwortlichen deutschen Staats- männern oft genug und unzweideutig festgelegt worden. Diese klare und unabänderliche Einstellung der deutschen Politik ist alles andere als eine Verletzung des Völker- bundpaktes. Es ist nicht der Sinn des Paktes, insbesondere nicht der Sinn der Artikels 10, die lebendige, den gemeinsamen Interessen der Völker entsprechende Entwicklung auf immer zum Stillstand zu bringen. Das ergibt sich, um nur eins zu sagen, schon aus Artikel 19 der Satzung, der es als Aufgabe des Völkerbundes hinstellt, auf Aenderung unanwendbar gewordener Verträge mrd solcher internationaler Verhältnisse hinzuwirken, deren Aufrechterhaltung den Weltfrieden gefahren könnten. Herr Zaleski vergißt nicht nur diesen Artikel 19; er läßt auch das ganze Vertragswert von Locarno unerwähnt, obwohl ihm sicherlich nicht unbekannt ist, in welchem Geiste die Verhandlungen über dieses Vertragswert geführt worden sind und welchen Inhalt es hat.
Wir glauben, daß die Erkenntnis der Berechtigung des deutschen Standpunktes in der Weltöffentlichkeit schon zu weit fortgeschritten ist, als daß Herr Zaleski hoffen könnte, daran durch seine kühnen und oft genug widerlegten Behauptungen von dem urpolnischen Charakter der Grenzgebiete und von ihrer Unentbehrlichkeit für Polen etwas zu ändern. Alle diese Dinge sind so klar und bekannt, daß es wirklich nahe liegt, nach den besonderen Motiven zu suchen, die den polnischen Außenminister veranlaßt haben, jetzt in geradezu sensationeller Weise die östliche Grenzfrage aufzuwerfen und dabei der deutschen Außenpolitik eine Wendung zu aggressiven Absichten und Maßnahmen vorzuwerfen. Vielleicht ist er dem Gedankengange der Presse seines Landes gefolgt, die letzthin die Verhandlungen Deutschlands mir der Botschaftcrkonferenz über die Dftfefhingen in durch- sichtiger Absicht benutzt hat, um die strittigen Arbeiten an diesen Festungen als eine militärische Bedrohung Polens hinzustellen Vielleicht hat er auch gehofft, Wasser auf die Mühle gewisser Politiker in Frankreich zu leiten, die in letzter Zeit den Gedanken einer baldigen Räumung des Rheinlandes mit dein Hinweis auf die angebliche Gefährdung Polens bekämpft haben. Vielleicht liegen der Rede aber darüber hinaus bestimmte politische Tendenzen hinsichtlich Litauens zugrunde, worauf namentlich die Zurückweisung des angeblichen Planes hindeutet,den Korridor gegen Litauen und Memel auszutauschen. Was es mit diesem Plan für eine Bewandtnis hat, und wer ihn nach Ansicht Des Herrn Zaleski betreibt, ist der deutschen Regierung sticht bekannt, da sie ihrerseits von dem Plan nur durch Ausländische Presseäußerungen gehört hat. Wenn mit derartigen Aeußerungen etwa der Versuch gemacht werden sollte, Mißtrauen zwischen Deutschland und Litauen zu säen, so muß das auf das bestimmteste zurückgewiesen werden.
Alles in allem ist leider zu befürchten, daß solche Auslassungen, zu denen die Haltung Deutschlands keinerlei Anlaß gegeben hat, nicht, wie Herr Zaleski sagt, zur Beruhigung der europäischen Lage dienen, sondern im Gegenteil dazu führen, die Besorgnisse über die unklaren Verhältnisse in Osteuropa noch zu verstärken. Daß derartige Besorgnisse bestehen, ist eine notorische Tatsache. Deutschland hat nur
sich immer ungeklärte Luge der Krise.
Zur Regierungsbildung.
Berlin, 11. Jan. RLichswirtschaftsminister Dr. Curtius hat heute nachmittag die Besprechungen mit den Parteiführern aus dem Reichstagsgebäude nach dem Reichswirt- schaftsininisterium verlegt. Er empfing zunächst, wie das Nachrichtenbüro des Vereins Deutscher Zeitungsoerleger hört, um 4 Uhr den Abg. v. GuLrard vom Zentrum und machte ihm von seinen bisherigen Verhandlungen Mitteilung. v. GuLrard nahm die Mitteilungen entgegen und erklärte, daß er sie dem Franktionsvorstand des Zentrums heute abend unterbreiten werde, daß aber eine endgültige Entscheidung erst von der Zentrumsfrakäon getroffen werden könne, die zu Mittwoch abend einberufen worden sei.
Um 5 Uhr empfing Dr. Curtius den sozialdemokratischen Abg. Müller-Franken und unterrichtete ihn geich- falls über die bisherigen Verhandlungen.
Wie das Nachrichtenbüro Les Vereins Deuffcher Zei- Lungsverleger weiter hört, soll im Laufe Les Nachmittags noch eine gemeinsame Besprechung des Reichswirtschaftsministers Dr. Curtius mit den Abg. v. GuLrard und Graf Westarp im Beisein Les Reichsaußenministers Dr. Stresemann stattgefunden haben. Doch ist über diese Besprechungen zurzeit nodj nichts bekannt.
Berlin, 11. Ian. (W. B.) Ueber die heutigen Verhandlungen in der Frage der Regierungsbildung erhält das Nachrichtenbüro des Vereins Deutscher Zeitungsverleger vom Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius folgenden Bericht:
„Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius besprach im Verlaufe des heutigen Abends die politische Lage und seine Pläne zur Regierungsbildung mit den Vertretern der Fraktionen der Bayrischen Volkspartei, der Demokraten, der Wirtschaftlichen Vereinigung, der Deutschnationalen Volkspartsi und des Zentrums und unterrichtete am Nachmittag den Abg. Müller-Franken als Vertreter der Sozialdemokratischen Partei. Die Besprechungen trugen durchweg vorbereitenden Charakter."
Wie das V. D. Z.-Büro weiter hört, hat an den Besprechungen im Reichswirtschaftsministerium Außenmininister Dr. Stresemann nicht teilgenommen.
Um 6 Uhr trat der FraktionsvorstanL des Zentrunrs zu einer Besprechung zusammen.
Der Fraktionsvorstand des Zentrums zur Regierungsbildung.
Berlin, 11. Jan. (VDZ) Der Vorstand der Zentrumsfraktion des Reichstags hielt am Dienstag abend eine fast dreieinhalbstündige Sitzung ab,, an der auch der Reichskanzler Dr. Marx teilnahm. Ueber das Ergebnis wurde in der zehnten Abendstunde folgende Mitteilung ausgegeben: Der Vorstand der Zentrumsfraktion ist sich darüber einig, daß der vorgeschlagenen Kabinettsbildung schwere außen- und innenpolitische Bedenken entgegenstehen. Einen Beschluß zu fassen war der Vorstand nicht in der Lage, bevor er die Fraktion gehört hat.
Zum Beschluß des Zentrumsvorstandes.
Dieser Beschluß des Vorstandes der Zentrumsfrak- tion findet in parlamentarischen Kreisen große Beachtung. Man beurteilt im allgemeinen dahin, daß dadurch ein Festlegung nach irgendeiner Seite hin nicht erfolgt ist, daß vielmehr die Unterstreichung innen- und außenpolitischer Bedenken nur der bisherigen Haltung der Parteipresse entspricht und dabei alle Möglichkeiten
Las eine Interesse, die ruhige und friedliche Entwicklung in den osteuropäischen Ländern nicht gestört zu sehen. Es wird deshalb die Vorgänge in diesen Ländern in voller Ruhe, aber mit ernster Aufmerksamkeit verfolgen.
Die ZeuiralWschuWMg der ReichMnk.
Berlin, 11. Jan. (Wolff.) In der heutigen Zcntral- ausschußsitzung der Reichsbank gab der Präsident den Beschluß des Reichsbankdirektoriums bekannt, den Zinssirtz für den Wechseldiskont von 6 auf 5 Prozent zu ermäßigen, während der Lonibardzinsfuß auf 7 Prozent belassen bleibt In der ersten Januarwoche sind die Rückflüsse an die Reichsbank sehr erheblich gewesen, obgleich die Beanspruchung der Reichsbank am Jahresultrmo bei weitem nicht so sehr wie im November durch kurzfristige Lombards sondern durch Diskontierungen von Wechseln erfolgte, ^deren Verfallzeit zum weitaus größten Teil über den 7. Januar hinauslief. Gleichzeitig haben sich die Zinssätze am offenen Geldmarkt, die während eines großen Teils des Dezembers eine gewisse Versteifung aufwiesen, in verhältnismäßig raschem Tempo gesenkt. Das Reichsbankdireto- rium.glaubt deshalb, die seit längerer Zeit erörterte und im Rahmen der ganzen Zinssenkungspolitik der Reichsbank liegende D i s k 0 n t H 0 r a b s e tz u n g nunmehr vornehmen zu können. Mit dem Satz von 5 Prozent wird ein Niveau erreicht. Las auch vom Standpunkt der <frie- denszeit gesehen, als sein verhältnismäßig normales an
offen gehalten werden. In parlamentarischen Kreisen glaubt man Grund zu der Annahme zu haben, daß das Zentrum am Mittwoch vor seiner entscheidenden Frak- tionssitzung Besprechungen mit den Sozialdemokraten und mit den Deutschnationalen herbeiführen wird, um festzustellen, ob und in wieweit eine Annäherung zwischen dem Zentrum und einer der beiden Flügelparteien möglich ist. In Zentrumskreisen hofft man, daß die Fraktion morgen abend nach diesen Besprechungen bei ihrem Zusammentritt bereits eine gewisse Klarheit über die parlamentarischen Möglichkeiten haben wird.
Die Berliner Morgenblätter zur Regierungskrise.
Die durch den gestrigen Beschluß des Vorstandes der Zentrumsfraktion geschaffene Situation wird von den Blättern verschieden beurteilt. Die „Tägl. Rundschau" erklärt, daß das Ergebnis des gestrigen Tages die Erwartung zulasse, daß die Verhandlungen auf der Grundlage des von Dr. Curtius entworfenen Programms in Gang kommen werden. Die Parteien seien durch die Besprechungen des gestrigen Tages einander näher gekommen. Viel verspricht sich das genannte Blatt von der auf heute anberaumten gemeinschaftlichen Aussprache zwischen dem Zentrum u. den Deutschnationalen im Beisein des Reichswirtschaftsministers Dr. Curtius, bei welcher Gelegenheit das Zentrum bestimmte Forderungen vorbringen werde, deren Formulierung bereits gestern von dem Frakionsoorstande des Zentrums vorgenommen worden sei.
Anderer Ansicht ist die „Germania". Die Auffassung ^des Zentrums geht dem Berliner Zentrumsorgan zufolge nach wiè vor dahin, daß die Lösung der Schwierigkeiten am besten durch ein Zusammenarbeiten der Parteien von der Deutschen Volkspartei bis zu den Sozialdemokraten erreicht würde.
Das „B. T." hält es kaum mehr für zweifelhaft, daß bei den heutigen Beratungen der Gesamtfraktion der Zentrumspartei der Fraktionsvorstand sich für die Ablehnung jeden Anschlusses nach rechts mit aller Entschiedenheit einsctzen werde.
Die Besprechungen des Dr. Curtius.
Berlin, 11. Ian. Wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, haben die Beprechungen, die Dr. Curtius heute mit den Fraktionsvorständen geführt hat, sich ausschließlich mit Len grundsätzlichen Fragen und den sachlichen Aufgaben einer künftigen Regierungspolitik beschäftigt. Personelle Fragen Ler Besetzung einzelner Ministerien sind naturgemäß noch nicht berührt worden. Im Verlaufe des morgigen Mittwochs wird Dr. Curtius voraussichtlich die Gewerkschaftsführer empfangen, um sich über ihre Wünsche und Ansichten zu informieren. Eine gleiche Besprechung ist mit den Vertretern der Spitzenverbände der Wirtschaft vorgesehen. Im Reichstag rechnet man damit, daß inzwischen das Zentrum, dessen Fraktionsvorstand die Beratungen der morgigen Fraktionssitzung vorbereitet, zu einer Klärung seines Standpunktes gelangen wird. Alsdann dürfte Dr. Curtius eine direkte Aussprache zwischen Zentrum und Deuschnationalen herbeisühren, um den Versuch zu machen, eine Annäherung der Anschauungen dieser beiden großen Fraktionen herbeizufllhren. Die Nachricht, daß eine solche gemeinsame Besprechung und zwar im Beisein von Dr Stresemann heute nachmittag bereits stattgefunden habe, trifft nicht zu.
gesehen werden muß. Die weitere Entwicklung innerhalb der deutschen Wirtschaft wird lehren, ob wir dieses Niveau bereits jetzt als ein für längere Zeit gesichertes ansehcn können, oder ob die Verhältnisse schon früher wieder zu einer Wiederheraufsetzung zwingen werden. Die Herab- setzüng des Diskonts auf 5 Prozent wird, wie wir anneh- men, die Anziehungskraft des deutschen Marktes für ausländische Gelder kurzfristigen Charakters herabmindern. Wir werden damit noch mehr als bisher auf die Notwendigkeit heimischer Kapitalbildung und zweckmäßiger heimischer Kapitalnutzung verwiesen. Wir erwarten, daß die private Kreditgewährung der von uns vorgenommcncn Zinsherabsetzung in vollem Umfange folgen wird. Eine Herabsetzung des Lombardzinssußes haben wir nicht vor- genommen. Maßgebend für diese Entscheidung war insbesondere der Umstand, daß die erhebliche und dazu noch sehr stoßweise eintretende Inanspruchnahme der Reichsbank in Lombards an den Stichtagen des Zahlungsverkehrs, wie sie in den letzten Monaten zu beobachten war, weder im Sinne der Notendeckungsvorschriften des Bankgesetzes, noch im Sinne der Privatbanken liegt.
Nb sächsischer Mimsleuräside«!.
Dresden, 11. Jan. In der Nachmittagssitzung des Landtages wurde der bisherige Ministerpräsident Held mit 49 Stimmen wieder gewühlt. Der sozialdemokratische Kandidat Fleißner erhielt 45 Stimmen.