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Zul-aer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg Iulöa- unö Haunetal »Zulöaer Kreisblatt

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Nr. 14 1927

Fulda, Dienstag, 18. Januar

4. Jahrgang

Kleine Zeitung für elüge Leser.

* Der geschäftsführende Reichskanzler, Dr. Marx, hat im Laufe des Montags mit verschiedenen Parteiführern, so auch mit Dr. Strefemann, über die Regierungsbildung verhandelt, ohne daß es zu bestimmten Beschlüssen kam.

* Vom Reichsgericht wurde die Revision gegen das Todes­urteil gegen die beiden Leiferder Eisenbahnattentäter ver­worfen.

* Der von den Amerikanern unterstützte konservative Präsi­dent von Nikaragua, Diaz, hat an den Führer der Liberalen ein Friedensangebot gerichtet.

* In Kapstadt kam es beim Besuch derEmden" zu einem unangenehmen Zwischenfall, der glücklicherweise bald seine befriedigende Aufklärung fand.

Moralische Abrüstung."

Frankreich macht uns einen Vorwurf daraus, daß wir richtmoralisch abrüsten". Auch P 0 i n e a r 6 warf es mië vor, als er die französischen Truppen in das Ruhr- zebiet einrücken ließ. Und soeben erklärte eine Front- lämpfervereinigung in Paris, die eine große Tagung ab­zehalten hat, Frankreich könne nicht auf die materiellen Friedensgarantien aus dem Versailler Vertrag verzichten, solange in Deutschlandd i e A b r ü st u n g d e r G e i st e r aicht durch die Durchführung eingegangener Verpflichtun­zen eine bewiesene Tatsache fei". Deutscherseits wird man natürlich sofort erwidern, daß wir die Verpflichtungen, Die wir eingegangen sind, nicht bloß restlos erfüllt haben, sondern daß man darüber hinaus uns Leistungen auf- rrlegt und von uns erpreßt, die weit über die Verpflich­tungen des Versailler Vertrages hinausgehen.

A b r ü st u n g der G e i st e r." Auch in Deutsch­land gibt es Kreise, die diese Abrüstung predigen und den Andersdenkenden einen Vorwurf daraus machen, daß sie

nichtabrüsten" wollen. Darüber hinaus gibt es sogar Leute, die es geradezu Frankreich empfehlen, an der Be­setzung des Rheinlandes, an den Bestimmungen des Ver- moralisch abgerustet habe. Der Führer der Demokratischen Partei in Deutschland, Dr. Koch, hat demgegenüber auf dem internationalen Kongreß der Demokratischen Partei in Karlsruhe, an dem auch Franzosen teilnahmen, das außerordentlich charakteristische Wort geprägt, das er den Franzosen zurief:Schickt statt 60 000 Offiziere und Sol­daten 60 000 Studenten nach Deutschland; diese werden Eroberungen machen, die fester und dauerhafter Natur sind."

Gewiß ist das Gefühl dafür, daß die Scheidung der Geister durch die Grenzen des Volkstums, durch die Grenzen überhaupt nicht mehr so schroff und so unüber­brückbar sein kann, wie das früher der Fall gewesen ist, nicht mehr Alleingut einiger Weniger, sondern der Aufeinanderprall der Nationen im Weltkrieg hat als das gegenteilige Empfinden erzeugt, daß es trotz aller Be­rechtigung nationalen Daseins und Lebens doch Inter­essen gibt, die über die nationale Begrenztheit hinaus­ragen. Diese allgemeinen Interessen sind nicht nur wirt­schaftlicher, sondern auch ideeller Natur. Die Idee einer Befriedung ist an und für sich zu billigen, sofern sie davon ausgeht, daß das erste das Eigenleben der Nationen ist. Was für weite Kreise die Friedensbe­strebungen erschwert hat, ist der Umstand, daß man eben das Eigenleben der Nation zurückstellen will hinter der Verwirkichung der allgemeinen Idee des Friedensaus­gleiches. Für das natürliche Empfinden eines jeden Deutschen ist es eben unerträglich, daß aus dem Boden des Deutschen Reiches fremde Mächte60 000 Offiziere und Soldaten" stehen haben, und in diesem Emp­finden sind sich alle Deutschen gleich von rechts bis links. Außerdem haben alle Deutschen die Empfindung und die Gewißheit, daß Deutschland so weitgehend, wie cs in seiner Kraft stand, die Verpflichtungen erfüllt hat, die es übernahm, und daß es darum ein völlig unberech­tigter Vorwurf ist, von uns einemoralische Abrüstung" zu verlangen, obwohl wir den praktischen Beweis seit Jahren dafür geführt haben, daß wir eineRevanche" nicht beabsichtigen. , ,

überhaupt,Revanche" ist ein französisches Wort. Rache" hat dem Deutschen immer ferngelegen und wird ihm immer fernliegen. Und wenn die Franzosen von Revanche sprechen, so mag daran erinnert sein, daß dieses Wort im politischen Leben alsRevanche pour Sadowa" auftauchte, also Rache für das Geschehen von König- grätz, das die Franzosen gar nichts anging. Erinnert werden mag auch daran, daß die Revanche für den Aus­gang des Krieges 1870 eine französische Ehrenpflicht war, daß Jahr um Jahr die Statuen des Elsaß und Lothrin­gens umkränzt wurden, solange, bis diese Gebiete wieder zu Frankreich gehörten.

Vielleicht könnten wir vergessen, was während des Krieges geschah, weil Krieg mar. Aber wohl erst die Nächste Generation wird vergessen können, was die En­tente, Frankreich insbesondere, uns n a ch dem Kriege auf die Schultern legte. Es ist nicht leicht, zu vergessen, daß unter der Blockade während des Waffenstillstandes etwa 800 000 Deutsche des Hungertodes starben; cs ist nicht leicht, darüber hinwegzusehen,' daß auf deutschem Boden fremde Truppen stehen, und es ist untragbar für uns, daß diese fremden Truppen mit deutschen Leben ungestraft spielen dürfen. Solange ist an einemora­lische A b r ü st u n g" nicht zu denken, als der Deutsche vom Bürgersteig heruntertreten muß, wenn er einem fran­zösischen Offizier begegnet. . . .

Wir wissen, daß die Zeit borbet ist, da ©eutfcblanb in eigener Kraft und in eigener Rüstung seinen Platz in der Welt behauptete; wir wissen, daß alle Lander rings um

Dr. Marx

Aussprache des Reichskanzlers mit Parteiführern.

Eine Rede des Grafen Westarp.

Der geschäftsführende Reichskanzler Dr. Marx hat die Verhandlungen zur Bildung einer Regierung aufgenom­men. Zunächst wird er versuchen, gemäß einem Beschluß der Zentrumssraktion des Reichstages eine Regierung der Mitte zu bilden. Dr. Marx empfing im Laufe des Montags den Vorsitzenden der Fraktion der Deutschen Volkspartei, Dr. Scholz, um sich von ihm über die Hal­tung der Deutschen Volkspartei zu einem Kabinett der Mitte unterrichten zu lassen. Weiterhin hatte Dr. Marr Besprechungen mit den demokratischen Führern Dr. Koch und Erkelenz. Eine Aussprache zwischen Dr. Marx und den Fraktionsführern der Deutschnationalen und der Sozialdemokraten soll erst dann stattfinden, wenn dem geschäftsführenden Reichskanzler die Ansichten der Deut­schen Volkspartei über die Regierungsbildung zur Kennt­nis gebracht worden sind. Eine besondere Rolle bei der Aussprache soll auch die Person des Reichswchrministers spielen.

Die Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei ist am Montag in Gegenwart des Parteiführers Dr. Strese­mann zu einer Sitzung zusammengetreten, um über die politische Lage zu beraten. In dieser Sitzung berichtete auch Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius über seine Verhandlungen zur Herbeiführung einer Regierungs- loalition der bürgerlichen Parteien. Der Vorstand sprach Dr. Curtius einmütig Dank und Anerkennung für seine Bemühungen aus und billigte die von ihm unternomme­nen Schritte. Er bedauerte, daß diese Verhandlungen vorzeitig zum Scheitern gebracht worden sind. Der Vor­stand sah in Errvariung «M$«( UWer Vorschläge des Reichskanzlers Dr. Marx Dou erneuten Beschlüssen zur Lage ab.

Große Beachtung hat in politisch-parlamentarischen Kreisen eine Rede des Grafen Westarp gefunden, die der Führer der Deutschnationalen Volkspartei auf der 8. Reicksanaesielltentaauna der Partei hielt. Die De"Cck-

uns stärker gerüstet sind als wir. Darüber hinaus wün­schen wir, daß das unerbittliche Ringen des Weltkrieges sich nicht wiederholen möge, und wir erstreben eineRache" nicht aber w i r sind es nicht, die Frankreich bedrohen oder bedrohen wollen, und wenn man von uns eine moralische Abrüstung" verlangt, so soll man die Voraus­setzungen schaffen, unter denen eine solche Abrüstung überhaupt nur möglich ist.

General Heye in Breslau. w

Der Chef der Heeresleitung, General Heye, besuchte die Stadt Breslau und besichtigte die schlesischen Regi­

menter. Unser Bild zeigt General Heye nach der An­sprache an die schlesischen Kriegsteilnehmer.

Zahlen aus dem Reichsfinanzmmistenum

P e r s 0 n a l st a n d und Kriegsbeschädigte.

Der Reichsfinanzminister hat dem Reichstag eine Übersicht über den P e r s 0 n a l st a n d vom 1. Okto­ber 1926 übersandt. Danach ist vom 1. April bis 30. Sep­tember 1926 1. bei den Hoheitsverwaltungen eine Per­sonalverminderung von 1173 Beamten, dagegen eine Per- sonalvermchrung von 827 Angestellten und 6159 Arbeitern, 2. bei der Deutschen Meichspost einschließlich der Reichs- druckerei eine Personalvermeyrung von 2484 Beamten und eine Personalverminderung von 2924 Angestellten und 1083 Arbeitern eingetreten.

verhandelt.

nationalen, so sagte Graf Westarp, wollten vor allen Din- geu der Jugend und der Elternschaft den chrrstluyen Cha­rakter der Schule und Erziehung sichern. Man dürfe nickt vergessen, daß die Zeit des Kaiserreichs eine Zeit des A u f st i e g s und des Glückes gewesen sei, und man müsse danach streben, wieder zu einer Staats- formzukommen,dieallenationalenKräfte zusammenschließe und nach innen und nach außen zu vertreten verstehe. Die deutschnationale Forderung auf Befreiung Deutschlands von fremder Herrschaft müsse immer wieder erhoben werden, wenn der Weg dazu viel­leicht auch noch lang sei. Denn das Vaterland und seine Freiheit seien das Allerheiligste auf Erden.

Nach längerer Debatte fand eine Entschließung einstimmige Annahme, in der der deutschnationalen Reichstagsfraktion der Dank für die Maßnahmen, die zum Sturz der Minderheitsregierung geführt hätten, ausge­sprochen wird. Die Reichsangestelltentagung erwarte von der Reichstagsfraktion, daß sie sich jedem Versuch, erneut eine Minderheitsregierung ins Leben zu rufen, widersetze und jede Regierung, die sich nicht auf eine feste Mehrheit mit Einschluß der Deutfchnattonalen stütze, mit allen barlamentarncben Mitteln bekämpfe.

Jur Regierungskrise.

Berlin, 17. Jan. (VDZ.) Der erste Tag der Ver­handlungen, die Dr. Marx über die Bildung der Regierung geführt hat, hat nur insofern eine Klärung gebracht, als die Deutsche Volkspartei die Beteiligung an der Großen Koalition ablehnt. In den ersten Besprechungen des Diens­tags wird Dr. Marx schon feststellen, wie sich die beiden Flügelparteien zu einem Kabinett der reinen Mitte stel­len. Nach der bisherigen Haltung der Deutschnationalen wird, wie das Nachrichtenbüro des VDZ erfährt, mit Si- teUsit damit gerechnet, daß Graf Westarp die Tolerie­rung eines Kabinetts der Mitte ablehnen wird. Auf der anderen Seite wird Dr. Marx den Führer der Sozialde­mokraten, Hermann Müller, um Bekanntgabe seiner Be­dingungen für die Unterstützung eines Kabinetts der Mit­te bitten. Von dieser Antwort werden die weiteren Schrit­te des Herrn Dr. Marx abhängen.

Der Reichsfinanzminister hat dem Reichstag ferner eine Denkschrift der Beratungsstelle für Äus - landskrevite für die Zeit ihrer Tätigkeit vom 1. Januar 1925 bis zum 30. September 1926 zugehen lassen. Die Denkschrift gibt einen Überblick über die zur Einschränkung der öffentlichen Ausländsanleihen ge­troffenen Vorkehrungen und über die Tätigkeit der Be­ratungsstelle.

Der Reichsarbeitsminister schließlich hat dem Reichs­tag eine Übersicht über die Ergebnisse der Z ä b l u n g der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und sonstigen Versorgungsbcrechtiglen vom Oktober 1926 übersandt. Diese Zählung ergab 736 867 Beschädigte und 55 276 Kapitulanten, zusammen also 792 143 Versorgungs- berechtigte. Eine Zählung im Oftober 1924 ergab 720 931 Beschädigte und 50 422 Kapitulanten, zusammen 771 358 Versorgungsberechtigte. Nach der Übersicht hat bie Z*hl der Rentenanträge zugenommen.

Friedensangebot des Präsidenten Dâaz.

C 0 sta ri ca a ls Vermittler?

Der konservative Präsident von Nikaragua, Diaz, hat durch Vermittlung der Washingtoner Gesandtschaft von Nikaragua einen Friedensvorschlag an die Liberalen ge­richtet. Diaz schlägt vor, daß während des Restes seiner Amtszeit Vertreter der Liberalen in seine Regierung ein treten und daß im Jahre 1928 unter amerikanischer Aufsicht Neuwahlen stattfinden. In dem Versöhnungsvorschlag hebt Diaz weiter hervor, die Vereinigten Staaten hätten den Frieden in Nikaragua durch ihren Schutz gegen die dunklen Absichten der radi­kalen Regierung Calles gesichert und dem Lande die Sch reckendesBolschewismus und der religiösen Verfolgung erspart. Das amerikanische Kapital habe für Nikaragua Großes geleistet. Weiter bietet Diaz in der Erklärung die sofortige Wahl liberaler Kongreßkandi­daten in den liberalen Departements an und spricht die Hoffnung aus, daß Nikaragua nach der Verständigung zwischen den Liberalen und den Konservativen eine größere amerikanische Anleihe für Straßen- und Eisen­bahnbauten erhalten werde.

Das Staatsdepartement in Washington gab zu ver­stehen, daß es eine Vermittlung C0 staricas zwischen Sacasa und Diaz begrüßen würde, ohne jedoch zu bestätigen oder zu verneinen, daß es dem Gesandten in Nikaragua, Eberhardt, die Instruktion erteilt habe, Diaz die Annahme der Vermittlung Costaricas zu emp­fehlen. Dev ehemalige Staatssekretär Hughes trat in einer Rede vor dem amerikanischen Zeitungsverlegerverein für den Frieden der Vereinigten Staaten mit ihren Nach­barn ein.

Alle in Mexiko tätigen amerikanischen Erdölgesell­schaften beabsichtigen, Prozesse gegen die mexikanische Re­gierung anzustrengen, falls Calles seine Absicht, alle seit Beginn dieses Jahres erteilten Bohrgenehmigungen zu­rückzuziehen, ausführt. Wie aus Mexiko berichtet wird, bat das Handelsministerium bisher noch keine derartigem Genehmigungen zurückgezogen.