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Nr. 21 1927

Fulda, Mittwoch, 26. Januar

4. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die Verhandlungen über die Regierungsbildung haben weitere Fortschritte gemacht.

* In den Tagen vom 3. bis 11. Februar wird die neue Reichsanleihe im Betrage von 500 Millionen Reichsmark zu einem Kurse von 92 % aufgelegt.

* Der im Berliner Untersuchungsgefängnis an Grippe er­krankte Iwan Kutisker ist wegen bestehender Lebensgefahr aus der Haft entlassen worden.

* Wegen der Ausweisung von vier Deutschen aus Ostober- schlcsicn soll der deutsche Gesandte in Warschau diplomatische Schritte bei der polnischen Regierung unternehmen.

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Vorsicht!

Von einem finanztechnischen Mitarbeiter wird uns geschrieben:

Die Börse in den maßgebenden Hauptstädten ist zur­zeit von einer nachgerade etwas unheimlich anmutenden Hoffnungsfreudigkeit beseelt, welche die Aktienkurse immer höher und höher treibt. Es fehlt dabei nicht an Warnun­gen; aber das Publikum achtet nicht darauf, glaubt viel­mehr trotz einiger leichten Rückschläge an eine Fort­setzung der Hausse und hält derart fest an seinem Effekten- besitz, daß Materialmangel an der Börse schon eine ganz gewöhnliche Erscheinung ist. Neuausgaben von Aktien, die auf den Markt kommen, sind im Handumdrehen untergebracht, und ein Papier, dasJunge kriegt", erlebt heftigste Kurssteigerungen. Mehr denn je ist die Börse ein fruchtbarer Boden für alle möglichen Gerüchte; bald sollen sich Vorgänge wirtschaftlich bedeutungsvoller Art auf dem Gebiet der Schwerindustrie abspielen, bald mun­kelt man von neuen Verbindungen inländischer Unter­nehmungen mit ausländischen Konzernen, bald geben Ge­schäfte der Banken Stoff zu neuen Haussen. Wer dabei wirklich gewinnt, ist die Spekulation, die gewissen­haft alle paar Tage die erzielten Gewinne hereinnimmt, um dann ihr Interesse einem anderen, bisher etwas ver­nachlässigten Gebiet zuzuwenden, während das Privat- pMiftuu in sehr beschränktem Maße diesen Manövern nachfolgt.

Es kann aber über Nacht alles ganz anders aus­sehen ! Die Kurse haben eine derartige Höhe erreicht, daß sie vielfach über den inneren Wert der Aktien hinaus- gegangen sind. Gewiß gäbe die derzeitige wirtschaftliche LaFe dazu keine unmittelbare Veranlassung und dem innenpolitischen Wirrsal steht die Börse außerordentlich interesselos gegenüber, besonders, da es sich dabei in der Hauptsache um Dinge handelt, die mit der Wirtschaft wenig zu tun haben. Die Herabsetzung des Diskonts der Reichsbank ist fast ohne jeden Einfluß geblieben; das hat sich am deutlichsten Mitte des Monats gezeigt, wo das Geld genau so flüssig war wie bisher. Der Strom namentlich des ausländischen Geldes konnte auch des­wegen nicht eingedämmt werden, weil aucy London dem deutschen Vorgehen folgt.

Vielleicht hat die Börsenhausse eine wirtschaftliche Entwicklung vorweggenommen, die erst in ihren An­fängen steht oder höchstens die Hälfte des Weges zurück­gelegt hat. Man glaubt aber an der Börse, daß die all­mähliche Durchrationalisierung der deutschen Wirtschaft ihre Früchte trägt. Die größten Kredithindernisse hierfür sind im allgemeinen überwunden und es bedeutet selbst inmitten des rosenroten Optimismus eine Sensation, als bekannt wurde, daß die neue große Reichsanleihe von 500 Millionen zu einem Zinsfuß von nur 5 % er­folgen soll. Damit wären wir wieder gu Kreditbedin­gungen allerdings vorerst nur bei öffentlichen An­leihen gekommen, die sich ungefähr mit denen der Vorkriegszeit zu decken beginnen.

Gerade aber die Übersteigerung der Aktienkurse kann über Nacht zu einem radikalen Umschwung führen, trotz aller Sensationen und Anstöße von außen her, die für eine Fortsetzung der Hausse sprechen. Das Börsenpubli­kum ist im allgemeinen allzu vergeßlich: schon mehrfach haben wir gänzlich unmotivierte, aber sehr gründliche Änderungen in der Börsenlage erfahren, die rein speku­lativen Ursprungs sind. Die Hereinnahme des Ge­winnes lockt eben allzusehr und dann folgt die großeBe­reinigung" auf Kosten des Privatpublikums.

Nun ist ja schon damit zu rechnen, daß die. Geld- flüssigkeit, dieser wichtigste Anstoß, sich mit dem beginnen­den Frühjahr doch wohl st a r k v e r m i n d e r n wird, weil erfahrungsgemäß dann erhebliche Anforderungen an den Geldmarkt aus wirtschaftlichen Gründen heran­treten. Kommt eine weitere Wirtschaftsbelebung im ganzen dazu, dann wird die Geldflüssigkeit sich noch mehr vermindern aber derartiges pflegt die Spekulation vorweg zunehmen. Es wäre bedauerlich, wenn dann das Privatpublikum zum Opfer fiele, das besser daran täte, gleichfalls feine Gewinne hereinzunehmen und sie in festverzinslichen Werten anzulegen. Das brächte nicht nur eine äußere Bereinigung der Börse, sondern würde auch die Aktienkurse auf ein innerlich berechtigteres Maß herunterdrücken.

Ein deutscher Protest in Polen.

Gegen d i e A u s w c i s u n g deutscher Beamter.

Das Auswärtige Amt in Berlin hat den deutschen Gesandten in Warschau angewiesen, bei der polnischen Regierung diplomatische Schritte wegen der vor eimgcn Tagen von Polen ungeordneten Auswelftmg von vier Beamten der oberschlesischen Kleinbahngesell, chaft zu er­heben. Der deutsche Vertreter soll darauf hmwelscn, vag die in Gang befindlichen Verhandlungen über den deutsch- pvlnischcn Handelsvertrag und über das Alederlafsungs-

Eine Svv-Millionen-Reichsanleihe.

Sie neue Reichsanleihe ausgelegt.

Die Gründe des Reichsfinanzministers.

Der geschäftsführende Reichsfinanzminister Dr. Rein­hold hat in Anbetracht der befriedigenden Lage des Geld­marktes beschlossen, einen Betrag von 500 Millionen Reichsmark 5 %iger deutscher Reichsanleihe zu begeben. Von diesem werden 300 Millionen Reichsmark von einem unter Führung der Reichsbank stehenden Konsortium von deutschen Banken und Bankfirnren übernommen, die rest­lichen 200 Millionen Reichsmark sind zum weitaus größten Teil bereits fest mit vorläufiger Sperrverpflichtung unter­gebracht. Die Anleihe ist bis 1934 untilgbar, von da ab erfolgt die Tilgung innerhalb 25 Jahren durch Aus­losung zum Nennwert. Die Zeichnung findet zum Kurse von 93 % in den Tagen vom 3.11. Februar statt.

Die neue Reichsanleihe ist die erste innerdeutsche Reichsanleihe seit der Stabilisierung der Währung. Reichsfinanzminister Dr. Reinhold gab Pressevertretern gegenüber eine Begründung dafür, warum das Reich gerade im jetzigen Augenblick diese Anleihe auf den Markt bringt. Dr. Reinhold weist darauf hin, daß die Gründe nicht etwa in einem plötzlich aufgetretenen unerwarteten Geldbedarf des Reiches liegen. Das Reich hat bekanntlich dem Reichsfinanzminister schon eine Anleiheermächtigung von 900 Millionen Mark gegeben. Eine weitere Anleihe- ermächtigung für den Betrag von 500 Millionen Mark

Dr. Marx' Verhandlungen.

Liberale Bedenken.

Die Verhandlungen des geschäftssührenden Reichs­kanzlers mit den deutschnationalen Unterhändlern sind am Dienstag fortgesetzt worden. Gegenstand der Be­sprechungen war einerseits der sachliche Inhalt des Negierungsprogramms der kommenden Regierung, und zwar auf Grund der inzwischen erfolgten Stellungnahme der deutschnationalen Reichstagsfraktion, andererseits die Frage der Ministerposten. Bei den sachlichen Erörterun­gen sind weitere Fortschritte erzielt worden, auch in der Frage der Ministerposten steht eine Einigung bevor. Wie es heißt, sollen von deutschnationaler Seite drei Ministe­rien in der neuen Reichsregierung gefordert werden, und zwar verlangen die Deutschnationalen das Ministerium des Innern, das Justizministerium und das Reichs- ernährungsministcrium.

In volksparteilichen und liberalen Kreisen wird neuerdings der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß durch die neue Verbindung zwischen den Deutschnationalen und dem Zentrum eine antiliberale Einwirkung in der Schul- und Kirchenfrage zu befürchten sei. Der Vorstand der Liberalen Vereinigung hat eine Mitteilung veröffent­licht, in derdie Aufmerksamkeit aller liberalen Kreise auf diese dem freien deutschen Geistesleben drohende Gefahr hingelenkt wird und auf eine einheitliche Abwehrfront hingearbeitet werden soll".

Jur Regierungsbildung.

Die Besprechungen des Reichskanzlers und des Mini­sters Dr. Brauns mit den fünf Unterhändlern der Deutsch- nationalen wurden gegen 1 Uhr unterbrochen. Der Reichs­kanzler unterrichtete, wie das Nachrichtenbüro des VDZ. hört, sofort im Anschluß daran den Reichsaußenminister Dr. Stresemann über den Verlauf der Verhandlungen. Wie das W. T. B. hört, sind gestern vormittag die meisten Fragen des von Dr. Marx in Gemeinschaft mit Dr. Brauns und Dr. Stresemann ausgestellten Programms gründlich erörtert worden. Das Ergebnis wird in parlamentarischen Kreisen nicht ungünstig beurteilt. Zur Erörterung der nod) offenen Fragen, nämlich der Außenpolitik, der So­zial- und Wirtschaftspolitik, waren die deutschnationalen Unterhändler für mittags 3X Uhr nochmals zu Reichskanz­ler Dr. Marx eingeladen. Im Anschluß an diese Bespre­chung, die voraussichtlich eine Stunde dauern wird und voraussichtlich die letzte entscheidende Verhandlung mit den Deutschnationalen sein dürfte, beabsichtigt Dr. Marx, die Demokraten über das Ergebnis seiner Verhandlungen mit den Deutschnationalen zu unterrichten. Von der Stel­lungnahme der'Demokraten wird es abhängen, ob sie an einer gleichfalls für den Abend in Aussicht genommenen Besprechungen der künftigen Regierungsparteien teilnch- men werden. Ueber Personcnsragcn ist, wie von zustän­diger Stelle versichert wird, nicht verhandelt worden, weil noch nickst zu übersetzen ist, welche Parteien sich an der Re­gierungsbildung beteiligen, und wieviel Ministerposten auf die einzelnen Fraktionen entfallen werden. Jedenfalls

rca-t Durch das polnische Vorgehen außerordentlich gefährdet seien.

Dieser diplomatische Schritt Deutschlands ist unter­nommen worden, nachdem Vorstellungen des deutschen Generalkonsuls in Kattowitz bei dem polnischen Woi­woden völlig ergebnislos verlaufen sind. Der polnische Woiwode hat lediglich die Antwort erteilt, daß die aus­gewiesenen Deutschen, die übrigens schon mehrere Jahre in Ostoberschlesien tätig sind, der polnischen Verwaltung lästig gefallen seien.

soll folgen, eine Summe, die dem Bedarf des Reiches für 1927 entspricht. Da Industrie und Handel nach Ansicht des Ministers in künftiger Zeit große Anforderungen an den Geldmarkt stellen werden, war es wünschenswert, daß die Abschöpfung des Geldmarktes durch eine Reichs­anleihe nicht tropfenweise geschehe, sondern im jetzt günsti­gen Augenblick mit einem Schlag erfolge.

Dr. Reinhold wies weiter darauf hin, daß das Reich vom Auslande her vielfach Anerbietungen für die Auf­nahme einer Anleihe zu 7 % erhalten habe, daß das Reich aber solange wartete, bis es die jetzt günstigen Bedingun­gen aus dem heimischen Geldmarkt sand. Dem Reich und dem Steuerzahler sei damit viel Geld erspart worden. Minister Dr. Reinhold ist der Überzeugung, daß sowohl für die Landwirtschaft als auch für den Hausbau die bisherigen Wohnzinssâtze äußerst hindernd gewirkt haben. Deutschland brauche einen Zins­satz, der sich in einer Höhe bewegt, daß mit ihm wieder rationell gearbeitet werden könne. Deshalb sei bei der jetzt abgeschlossenen Anleihe ausschlaggebend der Zinssatz von 5 % gewesen. Dr. Reinhold glaubt, da­mit eine neue Grundlage für den künftigen allgemeinen Zinssatz geschaffen zu haben.

Wie weiter bekannt wird, sind die mit vorläufiger Sperrfrist untergebrachten 200 Millionen der Anleihe von der Reichsbahn und der Reichspost übernommen worden. Ob später auch dieser Teil der Anleihe auf den offenen I Markt gebracht werden wird, steht noch nicht fest.

rechnet man in politischen Kreisen aber damit, daß die ! Verhandlungen über die Bildung eine Regierungsmehrheit I noch heute zu Ende geführt werden können, wenn auch ! die Aufstellung einer endgültigen Ministerlistc noch nicht ; erfolgen kann.

: Wie das W. T. B. weiter erfährt, begann die für gestern nachmittag angesetztc Besprechung über die Regierungs­bildung um 5 Uhr im Auswärtigen Amt. Dr. Strese­mann empfing die Verhandlungskommiffion der deutsch­nationalen Fraktion, um mit ihr die außenpolitischen Pro­grammpunkte zu besprechen, die in den bisherigen Verhand­lungen noch nicht geklärt worden sind. Sozialpolitische und andere Fragen der Regierungspolitik stehen, entgegen den Informationen der Berliner Abendpreffe, bei dieser Besprechung nicht zur Erörterung.

Die außenpolitischen Besprechungen dauerten etwa 2% Stunde. Sie führten, wie das VDZ-Büro hört, noch nicht zu einem endgültigen Abschluß, werden vielmehr im Rah­men der Gesamtbesprechung über das Regierungspro­gramm fortgesetzt werden.

Im Laufe des Spätabends fand noch eine Besprechung beim Reichskanzler Dr. Marx statt, an der Dr. Strese­mann und die deutschnationale Verhandlungskommiffion teilnahm. Die für gestern abend beabsichtigte gemeinsame Besprechung aller für die Regierungsbildung in Frage kommenden Parteien bei Dr. Marx wurden voläufig ver­schoben.

Die vom Reichskanzler Dr. Marx für ein Regierungs­programm ausgearbeiteten Richtlinien wurden im Laufe des Nachmittags den für die neue Koalition in Betracht kommenden Fraktionen unterbreitet, die ihrerseits end­gültige Stellung dazu zu nehmen haben. Die endgültige Fassung soll am Mittwoch vormittag um 11 Uhr den De­mokraten vorgelegt werden. Die demokratische Reichstags­fraktion vertagte daher ihre für Dienstag abend angesetzte Fraktionssitzung auf Mittwoch vormittag 11 Uhr. Die Fraktion wird ihre endgültige Stellungnahme zur Regie­rungsbildung von der Fassung dieser Richtlinien abhän­gig machen. Soweit das VDZ-Büro aus demokratischen Kreisen hört, dürfte kaum Aussicht sein, daß die demokra­tische Fraktion sich an der neuen Regierung beteiligt. Der deutschnationalen Fachkommission für die sozialen Fragen gehörten auch die Abg. Lambach und v. Goldacker an. Der Aeltestenrat des Reichstags ist zu einer neuen Sitzung auf Mittwoch nachmittag 2 Uhr einberufen worden. Voraus­sichtlich wird in dieser Sitzung festgesetzt werden können, wann die Regierungserklärung des neuen Kabinetts vor dem Reichstage abgegeben werden soll. Die deutschnatio­nale Reichstagsfraktion hielt am Dienstag abend keine Sitzung ab. Sie versammelt sich erst wieder am Mittwoch vormittag.

Wenn auch offizielle Verhandlungen über den Eintritt dcutschnatinaler Minister in das Kabinett noch nicht statt­gefunden haben, so werden die Personenfragen in den Wandelgängen des Reichstages schon lebhaft erörtert. Man erwartet, wie das Nachrichten-Büro des VDZ erfährt, in parlamentarischen Kreisen, daß den Deutschnationalen drei bis vier Ministerposten. angeboten werden und zwar das Amt des Vizekanzlers (Sprechministers), das des Innen­ministers, das des Landwirtfchafts- und des Justizmini- stcrs oder des Ministers für die besetzten Gebiete. Als Kandidaten werden u. a. genannt: Wallraf für die Dice- kanzlerschaft, v. Lindeiner für das Innenministerium, Thomsen oder v. Goldacker für das Landwirtschaftsmini- sterium. Wallraf kommt unter Umständen auch für das Justizministerium in Betracht.