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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulba- und Haunetal »Zulöaer Kreisblatt
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Nr. 26 — 1927
Fulda, Dienstag, 1. Februar
4. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Das Ncichskabinett genehmigte auf Grund der Vorschläge Dr. Stresemanns und Dr. Geßlers die Instruktionen für den in Paris weilenden General von Pawelsz, auf deren Grundlage die Verhandlungen über die Restpunkte ihren Abschluß finden.
* Mit dem 31. Januar endigte Lie Tätigkeit der Interalliierten Militärkontrollkommiffion in Deutschland, ebenso werden die Hecresfricdens- und die Marinefriedenskom- Mission aufgelöst.
* In Sommerfeld wurde das Ehepaar Tschentke bei einem Einbruch von den Räubern erdrosselt.
* Bei einem Zusammenstoß zwischen politisch feindlichen Gruppen ht bchattendorf im Burgenland wurden zwei Personen getötet und vierzehn Verivlmdet.
Neue Velasimig für Deutschland.
Am Montag war die Berliner Börse verstimmt; der Grund hierfür war der ungünstige Ausklang des Prozesses, der vor dem Haager Auslegungsschieds- geriet für den Dawes-Plan zwischen Deutschland und den Ententemächten geführt worden ist. Alle die Entschädigungen also, die das Deutsche Reich an die R e i ch s - angehörigen wegen der Einbehaltung, Liquidierung oder Übertragung deutscher Rechte in den ehemals feindlichen Ländern zu zahlen hat, werden nicht in jene Leistungen eingerechnet, die Deutschland auf Grund des Dawes-Planes der Entente zahlen muß. Das Gericht begründet seinen Spruch in der Hauptsache damit, daß die Einnahmen des Generalagenten für die Reparationszahlungen für genau festgelegte Zwecke verwendet werden müssen, Barüberweisungen, Zahlungen für Sachlieferungen und solche aus Grund der ReparationsrückzaHlungen. Die Entschädigung für deutsche Staatsangehörige gehöre nicht hierzu; aber Deutschland ist aus Grund des Aer- sailler Vertrages zu dieser Entschädigungszahlung unbedingt verpflichtet.
Das Schiedsgericht im Haag hat sich also nicht davon überzeugen wollen, daß eine Vollen! schädig ung aller jener Deutschen im feindlichen Auslande, denen man das Eigentum genommen, die man enteignet hat, auch dann noch, als Waffenstillstand und Friede längst abgeschlossen waren, eine neue gewaltige Belastung des so mühsam ausgeglichenen dentstchen ReichshSushalts bedeutet. Wie hoch sie ist, läßt sich nur unter den größten Schwierigkeiten feststellsn, da man in der Hauptsache auf die Angaben der Geschädig-- ten alleirr angewiesen ist. Man spricht von acht bis neun Milliarden. Daß sich die Ablehnung einer entsprechenden Verrechnung aus die deutschen Reparationsleistungen an der Börse verstimmend auswirkte, erklärt sich vor allem dadurch, daß ein großer Teil dieser Summe in börsengängigen Effekten und Werten angelegt worden wäre, wenn eine Zahlung erfolgt wäre. Außerdem drücken neue Verpflichtungen des Reiches natürlich vor allem auf die Kurse der schon recht zahlreich gewordenen deutschen Reichsanleihen und schließlich werden die Kriegsverlnste mancher Aktiengesellschaften von der Haager Entscheidung, betroffen. Somit sind recht große Hoffnungen enttäuscht worden. Die Frage der Freigabe des deutschen Gigen- tums in A m è r i k a ist burd) diese Entscheidung nicht berührt worden, weil dieses Land den Versailler Vertrag ja überhaupt nicht unterschrieben hat und auch aus den Dawes-Verpflichtrmgen Deutschlands nur eine Verhältnis- mäßig sehr kleine Summe als Restbetrag der Befetzungs- kosten erhält.
Obwohl im Laufe der Jahre beträchtliche Summen den Geschädigten gezahlt worden sind, waren die Gelder vielfach doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, verfielen außerdem zum großen Teil der neuen Vernichtung durch die Inflation. Es ist eine Unsumme von Bitterkeit entstanden, die noch vermehrt wurde durch manche Ungeschicklichkeit der für die Regelung der Frage in Betracht kommenden Behörden. Dabei sind die verschiedensten Vorschläge gemacht worden darüber, wie die Geschädigten wenigstens zu einem Teile ihres Geldes kommen können. Es besteht ferner gegenüber diesen Forderungen, die ja durch den Versailler Vertrag geschützt werden, der ständige Hinweis auf die Art, iv i e das Auf- Wertungsproblem geregelt worden ist. Auch hierbei haben die Jnflationsgeschädigten Risensummen eingebüßt, teilweise ihr Vermögen völlig verloren. Gerade diese weiten Kreise vermögen infolgedessen nicht einzusehen, warum es den geschädigten früheren Ausländsdeutschen besser gehen soll, obwohl es sich dabei freilich längst nicht um die gewaltigen Summen handelt, die durch das neue Aufwertungsrecht in Bewegung gesetzt bzw. getroffen worden sind. Man will nun jenen Vorschlägen gemäß zwar die Bestimmung des Versailler Vertrages im großen unb ganzen erfüllen, aber das Reich ist natürlich nicht in der Lage, hierbei mit Vollentschädigung und Barzahlung vorzugehen, sondern man wird vielleicht genau wie beim Auf- Wertuugsrecht den Geschädigten in irgendeiner Form Forderungen in die Hand geben, die Reichsschulden darstellen, die Reichsschuld also beträchtlich vermehren. So ist es verständlich, daß man hierüber an der Börse alles andere als entzückt war; doch wird die Haager SchicdScntschei- dung wohl eine schnellere Lösung der ganzen Fragen erzwingen.
HK Mchted vom Aei-svrDdeute«.
Berlin. Bei der Überreichung Ä-Z! Abberufungsschreibens des tschechoslowakischen Gesandten, Professor^ Nrofta, verzeichnete dieser in einer kurzen an den R^chspragdenten gerichteten Ansprache den g r o ß e n U M s W w u n g, der Verhältnis Deutschlands zum übrigen Europa in ben Icöt^ Jahren eingetreten ist. Desgleichen sprach er von ter sehr üünstlae u Entwicklung der BeZiebunaen ,>wn
Abzug her Militärkontrollkommission.
Die InteraWette Mütarkoatrolle beendet.
Elite „gefährliche Illusion"/ <.
Die Interalliierte Militärkontrollkommission hat ml! beut 31. Januar, wie vorgesehen, ihre Tätigkeit in Deutschland eingestellt. Dieser Schritt war in den letzten Genfer Vereinbarungen festgesetzt. Wahrscheinlich werden noch einzelne Mitglieder der Kommission als Privatpersonen in der Neichshnuptstad! bleiben. Gleichzeitig mit der MilitärkontrollkoMmission beendeten auch die sogenannte Heeressriedenskommisfivn und die Marinefmedenskom- mission ihre Tätigkeit. General von Pawelsz, der den Verkehr mit diesen Kommissionen zu leiten hatte, wird diese Funktionen noch einige Zeit beibehalten, um eventuelle Rückfragen der Alliierten bzw. ihrer einzelnen Botschafter sofort beantworten zu können. Eine Verpflichtung für die Beantwortung wird für Deutschland indessen nicht mehr bestehen.
Das Pariser „Journal" widmet der scheidenden Kontrollkommission einen Nachruf. Die Kommission sehe ihre Tätigkeit als beendet an, ohne indessen ihre Aufgabe erfüllt zu haben. Diese Aufgabe sei nicht nur eine schwierige, sondern eine unmögliche gewesen. Die Kontrollkommission habe feit der Nuhrkrisis aufgehört, nützliche Arbeit zu verrichten. Sie habe getan, was sie hätte tun können. Eine Verlängerung ihrer Tätigkeit würde jedoch nur dazu beigetragen haben, eine gefährliche Illusion weiter bestehen zu lassen.
scheu Deutschland und der Tschechoslowakei und 'gab Lem Reichspräsidenten die Versicherung, daß er in seinem neuen Wirkungsgebict im Prager Außenministerium nicht ablassen werde, für die Erhaltung und Stärkung des guten Verhältnisses beider Staaten tätig zu sein. Der Reichspräsident stellte in feiner Erwiderung fest, daß sich die Völker Europas immer- -deutlicher dessen bewußt werden, daß bei gegenseitigem Ver- -ständnis, durch Beseitigung unbegründeten Mißtrauens und Abschaffung aller unnötigen Schranken des Handels und Verkehrs dem europäischen Interesse und den Interessen der eigenen Volksgemeinschaft am betten aebient wird.
Die BerhaMunKM rer LâMânalerr.
Berlin. Vor dem Zusammentritt der deutschnationalen Reichstagsfraktion, die sich mit der Frage der Besetzung des Neichsinucnnünistcriums und des Justizministeriums be- Mastigen sollte, nachdem gegen die Person des Abg. Graes als Justizminister vom Zentrum und von der Deutschen Volks. Partei Bedenken erhoben worden waren, begab sich eine deutsch- nationale Verhandlungskommissission zu einer Besprechung zum Reichskanzler. Im Anschluß daran wurde die Vcrhcurd- lungskommission vom Reichspräsidenten «' m p ‘ a n^ «eit. Wegen dieser Empfänge konnte die deutschnoncuale Reichstagsfraktion erst mit großer Verspätung ihre Beratungen beginnen, in denen zunächst die Verhaudlungskornmissiou Bericht erstattete.
Sitzung der deutschuationalen RcichLtagIfraltion.
Berlin. Der Vorstand der deutschnationalen Reichs- tagsfraktion ist ant Montag unter dem Vorsitz des Abg. Grafen Westarp zusanunengetretcn, um die Fraktioussttzung vorzube- reiten. Es handelt sich bekanntlich um die Besetzung bet beiden den Deutschnationalen noch zustehenden Reichs- Ministerien des Innern und der Justiz.
Fsuwahlsn in Thüringen.
Das bisherige amtliche Ergebnis.
In Thüringen haben am Sonntag Neuwahlen zum Thüringischen Landtag stattgesunden. Für die Wahlen waren neun Listen ausgestellt. Die Deutschnationalen, die Deutsche Volkspartei, der Landbund und das Zentrum batten sich zu einer Einheitsliste zusammengetarl. Die Demokraten, die bei den letzten Landtagswahlen auf der Einheitsliste der bürgerlichen Parteien vertreten waren, marschierten bei der letzten Wahl mit einer eigenen Liste.
Die Wahlen haben nach den letzten amtlichen Veröffentlichungen folgendes Ergebnis zu verzeichnen: 1. Einheitsliste 270 526 Stimmen, 19 Mandate (31): 2. Sozialdemokraten 253 753 Stimmen, 18 Mandate (17); 3. Kommunisten 113 470 Stimmen, 8 Mandate (12): 4. Kommunistische Arbeitsgemeinschaft 3880 Stimmen, sein Mandat (—); 5. Nationalsozialistische Arbeiterpartei 27 918 Stimmen, 2 Mandaèe (3); 6. deutsch-völkische Freiheitsbewe gung 9147 Stimmen, 1 Mandat (4); 7. Demokraten 25 126 Stimmen, 2 Mandate (4); 8. Wirtschaftspaktei 75500 Stimmen, 5 Mandate (—); 9. Aufwertrmgspartci 22 156 Stimmen, 1 Mandat (—).
Die Gesamtzahl der abgegebenen gültigen Stimmen betrug 801476 gegen 882 954 im Jahre 1924. Die Wahlbeteiligung war rund 80 %.
Wie das amtliche Wahlergebnis zeigt, haben die in der Einheitsliste zusammengeschlossenen Parteien, ebenso die Demokraten, zahlreiche Mandate verloren, während die Wirtschastspartci, ivie überall bei den letzten Wahlen in den Ländern und Gemeinden, einen großen Stimmenzuwachs zu verzeichnen hat. Die bisher in Thüringen am Ruder gewesene Rechtsregierung hat nach dem jetzigen Wahlausfall keine Mehrheit mehr hinter sich. Angesichts der neuen Kräfteverteilung wird es aber überhaupt 4ehr schwer sein, eine neue aktionsfähige Regierung zu bilden, die über eine parlamentarische Mehrheit verfügt.
Erste Sitzung des neuen Reichslabinetts.
Schluß der Pariser Entwaffnungsverhandlungen.
Mit den Pariser Verhandlungen über die Frage der Ostfestungen beschäftigte sich am Montag die neue Reichs- regèerung in ihrer ersten Kabinettsberatung. Die neu ernannten Minister, die die Geschäfte noch nicht übernommen hatten, so auch die neuen beutf(^nationalen Minister, nahmen an der Sitzung nicht teil. Zur Entscheidung stand in dem Ministerrat die endgültige Regelung der Vermrtt- lungsvorschläge des Generals von Pawelsz, die in Paris zwischen der Botschafterkonferenz und den deutschen Unterhändlern bei gemeinsamen Beratungen vereinbart worden sind. Wie verlautet, hat das Reichskabinett den Pariser Vereinbarungen über die Ostsestungssrage zu- gestimmt und seinen Beschluss sofort nach Paris telegraphisch weitergeleitet. Die schnelle Beschlussfassung war notwendig, da die Verhandlungen am 31. Januar oerab- redungsgemäss beendet sein mussten.
Bei den Pariser Besprechungen haben, wie es heißt, beide Parteien in ihren ursprünglichen Forderungen nachgegeben. Wie das „Echo de Paris" zu melden weiß, haben die deutschen Unterhändler bezüglich der Befestigung von Küstrin und Glogau den Forderungen der Alliierten nachgegeben, ihre Forderungen bezüglich der Königsberger Anlagen aber ausrechterhalten. Es ist wohl damit zu rechnen, daß nach Abschluß der Pariser Verhandlungen eine amtliche Mitteilung über ihr Ergebnis erfolgen wird. Aus B r ü s s e I erfährt man, daß die aus London zurückgekehrtcn belgischen Minister sich mit den Engländern über die deutsche Entwaffnung unterhalten haben.
Amerüamschs Sondersiener für deMfche Sisenprodnste.
„Antidumping ° Z ö l I c.*
• Nach einer Meldung der „Associated Preß" werden von jetzt ab außer den bisher in Straft gewesenen Sonder- zuschlägen auf deutsche Stahl- und Walzwerkprodukte besondere Abgaben auf aus Deutschland nach den Vereinigten Staaten eingeführte Roheisenerzeugnisse erhoben werden. Staatssekretär Mellon setzte gleichzeitig mit bem Erlaß der neuen Abgabenverordnung die im vergangenen Sommer veröffentlichte Verordnung über die Erhebung von Sonderzuschlägen auf deutsche Eisen- und Stahlprodukte außer Kraft.
Die Arbeitervereinigung von Mexiko hat eine Massenversammlung gegen den amerikanischen Imperialismus abgehalten und die Arbeiter der Vereinigten Staaten und der anderen Länder anfgesordert, vereint gegen das i m p e r i a l i st i s ch e Programm der Vereinigten Staaten in Lateinamerika zu protestieren.
Englands Ingestü'ndniffe an China.
Protestaktionen gegen die Trnppenentsendung.
Das vom englischen Außenminister Chamberlain angekündigte Entgegenkommen Englands gegenüber China besteht in einer Reihe weitgehender Zugeständnisse, die sich folgenbermafjen zusammenfasssn lassen:
1. England erkennt die modernen chinesischen Geri ch t s h ö s e als zuständige Gerichte an, sofern ein Engländer Kläger ist.
2. In den englischen Gerichtshöfen in China wird England das chinesische Zivil -und Handelsrecht zur Anwendung bringen.
3. England âkcunt die chinesische Zollern- h e it an, unter der Voraussetzung, dass englische Staatsbürger nicht schlechter behandelt werden als die anderer Länder.
4. England wird über die zukünftige Gestaltung jeder Konzession einzeln verhandeln. Entweder soll die Verwaltung der Konzeffronen mit der der angrenzenden chinesischen Gebiete vereinigt werden oder aber eS sollen andere Möglichkeiten ausfindig gemacht werden, um den Chiuescu die Verwaltung der Konzessionen zu verschaffen. Zugleich aber verlangt England, dass seine Staatsbürger in bett Verwaltungen irgendwie vertreten sind.
In zahlreichen Arbeiierversammlungen wurde gegen die Entsendung englischer Truppen nach China protestiert. Nach der „Times" haben die englischen Kommunisten sich während der letzten Tage bemüht, die Dockarbeiter zu veranlassen, die Entsendung von Truppen nach dem Fernen Osten durch „direkte Aktionen" zu verhindern. Es sei auch der Versuch gemacht worden, kommunistische Propagandaflugblätter unter die Truppen zu verteilen.
Ein Dampfer von chinesischen Piraten geplündert.
Chinesische Piraten, die am 27. Januar als Passagiere des Dampfers „Seangbee" reiften, griffen plötzlich die Schiffsmannschaft an und trieben sie unter borge» Halten e m Revolver in die Salons. Darauf durchsuchten sie die Kabinen der Offiziere und Passagiere und raubten Waffen und Munition. Alsdann zwangen sie einen der Offiziere, das Schiff nach der Biasbucht, dem bekannten Schlupfwinkel der Piraten, zu steuern, wo sie am 31. Januar ankamen. Sie nahmen fünf chinesische Passagiere 1. Klasse als Geiseln mit und flohen mit der Beute, unter der sich 6ielb und Juwelen im Werte von schätzunasweise 10 000 Dollar befanden.