Zul-aer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal »Zulüaer Kreisblatt
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Nr. 34 — 1927
Fulda, Donnerstag, 10. Februar
4. Jahrgang
Steine Zeitung für eilig? Leser
* Reichsminister Dr. Stresemann hat aus seiner UrlaubZ- rcisc in San Remo Aufenthalt genommen.
* Im Reichstag soll am Freitag die Interpellation wegen der Angriffe auf den Neichsinnenminister V. Keudcll behandelt werden.
* Im Freistaat Sachsen droht infolge von Differenzen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern die Aussperrung sämtlicher sächsischer Metallarbeiter.
* Bei den Kämpfen in Portugal haben die Rcgicrungs- truppcn den Revolutionären die Stadt Oporto entrissen.
Mahnung an Polen.
Die deutsche Regierung hat von sich aus in ausfallend scharfer Form auf die Unmöglichkeit hingewiesen, die darin liegt, daß wir Deutsche seit langen, langen Monaten mit Polen in Handelsvertragsverhandlungen stehen, dieses Land aber fortfährt, leitende deutsche Beamte aus dcm ostoberschlesischen Industriegebiet auszuweisen. Angeblich, weil sie R e i ch s d e u t s ch e seien und ihre Stellen für polnische Staatsangehörige frei gemacht werden sollen. Und noch ein gut Teil unglaubwürdiger klingt, wenn die Berliner polnische Gesandtschaft sagt, die Ausweisungen der Deutschen lägen gar nicht im Sinne der Warschauer Regierung, sie erfolgten allein auf Veranlassung der ostoberschlesischen I n d u st r i e, die das alles mit dem dortigen neuen Woiwoden vereinbart habe. Trotzdem betrachte man die Aufrechterhaltung der Ausweisungen jetzt als Prestigefrage, da die dorische Regierung die Rück- gängigmachung fordere.
Auch ein Grund! Bei den viele Monate schon währenden Handelsvertragsverhandlungen dreht sich der .Kampf nicht etwa um zolltarifarische Punkte, sondern, wie auch die deutsche Regierungserklärung hervorhebt, weit mehr noch um die Frage des N i e d e r l a s s u n g s- rechtes deutscher Handels- und Gewerbetreibender in Polen. Wenn diese Leute einfach eines schönen Tages aus Polen wieder hinausbefördert werden können, so ist das ein ganz unmöglicher Zustand, dem von vornherein — ^" â^gel durch vertragsmäßige Abmachungen vorgeschoben werden muß. Gerade nach den Erfahrungen, die wir in zahllosen Fällen durch die Ausweisungen — und sticht bloß aus Ostoberschlcsicn! — erlebt haben. Sehr scharf sagt die deutsche Erklärung: „Es widerspricht 1 e ch-t s e w p f i n d e n, wenn Ausweisungen,
die die Betroffenen jeder Existenz berauben, ohne gesetz- liQ-en Grund und lediglich ans nationalistischen Rücksichten erfolgen "
Die neuesten Fälle — so betont gleichfalls die deutsche Negtermzg — bedeuten nur ein Glied in der langen Kette anderer Falle, Man will eben mit allen Mitteln deutsche Unternehmungen in Polen vernichten und wir wissen ja auch allzu genau, daß an dieser Vernichtungspolitik allerhand sonstige Ausländer beteiligt sind, die in der polnischen Industrie einen immer größeren Einfluß gewinnen. Daher spricht die Regierungserklärung von einer „ernsten Krisis", in der sich die deutsch-polnischen Handels- vertragsvcrhandlungen befinden, weil auf ihnen alle diese * Schikanen, Ausweisungen, die Ablehnung jedes Entgegenkommens allzu stark lasten. Die Verhandlungen stehen auf dem toten Punkt und das ganz besonders in der Frage des Niederlassungsrechts Deutscher in Polen, lind „man kann das Verhalten der polnischen Behörden überhaupt kaum anders deuten, als daß man polnischerseits die Niederlassungsverhandlungeu nicht mehr ernst nimmt". Irgendwelche deutschen Vorstellungen nützen gar nichts.
Und schon jetzt erklärt die Berliner polnische Gesandtschaft, man werde die Einwanderung kleiner Gewerbetreibender, Handwerker und Arbeiter aus Deutschland nach Polen unbedingt verhindern, um „die Arbeits- loseuzahl nicht noch zu vermehren". Welchen Lärm hat Polen erhoben, welche Drohungen ausgestoßen, als die polnischen Arbeiterscharen für uns in der Zeit schwerster Arbeitslosigkeit eine drückende Last darstcllten, deren wir uns wenigstens zum Teil entledigen wollten! Wir sind nicht die Besiegten in dem deutsch-polnischen Handelskrieg, der jetzt schon zwei Jahre währt, und die unverhoffte Unterstützung, die der englische Bergarbeiterstreik der polnischen Wirtschaft schenkte, ist auch stark am Versiegen; aus Frankreich wandern jetzt die Scharen der polnischen Arbeiter zurück, die dort Lohn und Brot suchen mußten infolge des vom Zaun gebrochenen polnischen Zollkrieges mit Deutschland. Haben wir doch während des englischen Streiks einen großen Teil der polnischen Ausfuhrkohlen auf deutschen Bahnen sogar zu Vorzugstarif nach Stettin und Hamburg transportiert — und die Versteifung des polnischen Widerstandes ist die Antwort! -Die deutsche Regierungserklärung wird nun dem polnischen Übermut gerade wegen ihrer erfrischenden Deutlichkeit einen gehörigen Dämpfer aufsetzen.
*
D:e dLutsch-ypsnischen Handelsvertrags- Verhandlungen.
Bei einer Aussprache im polnischen Parlament über den Haushalt des Handels- und Jndustrieministeriums nahm auch Handelsminister Kwiatkowski zu längeren Ausführungen das Wort, wobei er auch auf die Frage des Abschlusses eines deutsch-polnischen Handelsvertrages zu sprechen kam. Der Minister gab der Meinung Ausdruck, daß der Zollkrieg die polnische Produktion nicht erschüttert hätte. Zu Beginn des Zollkrieges, so fuhr der Mini s er fort, haben wir die Reglemeittierung streng durchführen müssen. Da aber jetzt in Polen mehr gekauft wird als früher, so kann die Einfuhr gesteigert werden. Die polnische Situation ist klar: Wir nehmen keinen
Die Revolution in Portugal.
Lissabon in Aufruhr.
Entsendung englischer Kriegsschiffe nach Portugal.
Die Revolution in Portugal nimmt einen immer größeren Umfang an. Sie richtet sich vor allem gegen die vom General Carmona seit etwa einem halben Jahre errichtete Diktatur. Das Programm der Revolutionäre erstrebt Rückkehr zur Verfassung mit einigen Reformen des Wahlmodus und eine Stärkung der Stellung des Staatspräsidenten.
Angesichts der bestehenden streng durchgeführten Zensur ist cs außerordentlich schwierig, sich ein klares Bild über die Lage in Portugal zu machen. Aus von den Grenzstationen angegangenen Telegrammen scheint sich zu ergeben, daß die 8'egierung in Oporèo den Aufstand niedergeschlagen hat, wenn auch noch hier ?nb da in der Stadt kleine Gefechte zwischen Regiern ngstruppen und Rcvokttionüren stattsinden. Bei den Kämpfen sind bisher 200 Personen getötet worden.
Etwas schwieriger scheint die Lage für den Diktator in der Hauptstadt Lissabon zu sein, wo bk Rebellen rapide Fortschritte machen sollen. Die Aufständischen haben mehrere strategisch wichtigen Punkte in der Hauptstadt besetzt und ihre Stellungen befestigt. Sie sollen dauernd Zuzug aus der Zivilbevölkerung erhalten. Außerdem ist in Lissabon der Generalstreik ausgebrochen. Die englische Regierung hat angesichts der Lage sowohl nach Lissabon wie nach Oporto zum Schutze des Lebens und Eigentums der britischen Bürger Kriegsschiffe entsandt, und zwar wurden der Kreuzer „Comos" sowie die Zerstörer „Windsor" und „Westminster" aus Malta nach Portugal beordert. — Ein Vorschlag des Konsuls von Uruguay, einen Waffenstillstand eiptreten zu lassen, wurde von der Regierung zurückgewiesen.
Handelsvertrag an, bei dem nicht der Grundsatz des Gleichgewichts der Zugeständnifle und unsere grundsätzlichen Forderungen berücksichtigt werden, da sich ja sonst unsere Handels- und Finanzlage schlechter darstellen >roürde als jetzt in der Ära des Zollkrieges. Wir sind bereit, jederzeit den Zollkrieg zu beendigen, niemals aber werden wir uns zu einer Waffenstreckung verstehen.
Keuö§!?-Debâ am Freitag»
Die Regierungsparteien für den RèrchsinnenmNister.
Die kommunistische Interpellation über die Angelegenheit des Reichsministers des Innern, Dr. von Keu- dell, und das kommunistische Mißtrauensvotum gegen diese". Minister soll nach einem Beschluß des Ältestenrats des Reichstages am Freitag zur Debatte gestellt werden, vorausgesetzt, daß Reichskanzler Dr. Marx dann in der Lage sein wird, die Interpellation zu beantworten.
Dr. Marx hat sich inzwischen eingehend mit dem ihm unterbreiteten Material über die fraglichen Vorgänge beschäftigt. Dieses Material soll noch ergänzt und nach allen Richtungen hin gesichtet werden. Im Anschluß an die Erklärung des Reichskanzlers soll eine Aussprache über die ganze Angelegenheit stattfinden. In den Kreisen der Regierungsparteien ist man bereits so weit über das Ergebnis der Aktenprüfung unterrichtet, daß kein Zweifel dem negativen Ausgang der Untersuchung mehr geäußert wird.
Der preußische Ministerpräsident Braun läßt durch den Amtlichen Preußischen Pressedienst erklären, daß die in der Öffentlichkeit aufgetauchte Nachricht, wonach das preußische Staatsministerium dem Reichstagsabgeoro- neten Dr. Landsberg für seine Rede über den Reichsminister Dr. von Keudell Material geliefert habe, nicht den Tatsachen entspricht. Das Ministerium habe im Gegenteil dem Abgeordneten nicht das geringste Material zur Verfügung gestellt.
Die Münchener CiNWohnerwetzr nor dem Femeausschnh.
Berlin. Der Feme-Untersuchungsausschuß des Reichstages schloß seine Verhandlungen über den Komplex der Fälle „Münchener Einwohnerwehr" ab. Der sozialdemokratische Berichterstatter Dr. Levi fommt zu dem Schluß, daß die untersuchten Fälle auf eine einheitliche, organisierte, mit der Wirt- schaftsstellc der Landesleitung der bayerischen Einwohnerwehren verbundene Personengruppe zurückzuführen seien. In einem Falle, nämlich bei der Ermordung des Studenten Bauer durch Mitglieder des Blücherbundes, bezeichnet er die Tat ausdrücklich als Fenretal. Im übrigen habe sich nicht feststclleu lassen, daß der Blücherbund Femeorganisationen als ständige Einrichtungen gebildet oder geduldet hat. Im Falle der Ermordung des Abgeordneten Gareis habe sich der Täter und der Kreis, aus dem heraus die Tat begangen wurde, nicht feststclicn lassen Der deutsch- nationale Berichterstatter Dr. Schäfer schlägt dem Ausschuß vor, angesichts der in den einzelnen Fällen ergangenen Urteile und nach dem Grundsatz, daß er nicht berufen sei, in die Rechtspflege einzugreifen, keine anderen tatsächlichen Feststellungen zu treffen, als sie in den gerichtlichen Entscheidungen bor^ liegen. Abgesehen hiervon hat aber auch die Beweisaufnahme vor dem Ausschuß selbst eine weitere Aufklärung hinsichtlich der Tat und der Täter, als wie sie durch die gerichtliche»; Untersuchungen erfolgt und in den genannten gerichtlichen Entscheidungen mebergelcgt ist, uicht erbracht.
Abreise des amerikanischen Gesandten aus Lissabon.
Nach einer Washingtoner Meldung des „New Uork Herald" ist im Staatsdepartement die Nachricht eingegangen, daß der amerikanische Gesandte in Portugal die Gesandtschaft in Lissabon verlassen habe.
>:rte zu den Unruhen in Portugal. .
Verweisung der Chènafrage
vor den Völkerbund?
Große Arbeiterkundgebung in Südchina.
Der Berichterstatter der „Daily News" für auswärtige Angelegenheiten schreibt, von einer Seite, welche die Mitteilung als so gut wie zweifellos erscheinen lasse, erfahre er, die britische Regierung werde möglicherweise, ja sogar wahrscheinlich, bald bekanntgcben, daß sie in Dent Streit mit China von der Völkerbundorganisation Gebrauch machen werde, sobald sich die Gelegenheit dazu bieten sollte.
Einer aus Hankau cingetroffenen Meldung der „Times" zufolge wurde in Liukiamiao unweit Han kau eine Arbeiterkundgebung veranstaltet, an der 80 000 Ar- beiterdelegictte teilnahmen. Es waren fünf Rednertribünen errichtet. An der Haupttribüne hingen Photographien von Suntjalsen, Karl Marx, Lenin und den von der Nordregierung im Februar 1923 Hingerichteten Aufständischen. Die Versammlung begann damit, daß der Führer die Anwesenden aufforderte, sich dreimal vor den Photographien zum Zeichen der Huldigung zu verneigen. Hierauf sprach er der Versammlung vierzehn Leitsätze vor, die die Versammelten wiederholten. Die Leitsätze enthielten u. a. eine Lobpreisung der Verstorbenen, eine Verurteilung der „Imperialisten", die Forderung einer Aufrechterhaltung der Vorrechte der Arbeiter und das Verlangen nach Zusammenarbeit mit S 0 w j c t r it js land.
Dr. Giresemann in Gan Remo.
E i n „fal scher Strcsc m a n n" in Niz z a.
Trotzdem der deutsche Reichsaußemninister gewünscht hatte, daß der Ort seines Erholungsaufenthalts geheim- gehalten Werben sollte, wird jetzt bekannt, daß er am Mittwoch in San Remo angekommen ist. Zu seinem Empfang waren bet deutsche Botschafter in Rom, Freiherr von Neurath, und der deutsche Konsul in San Remo, Geibel, auf dem Bahnhof erschienen. Dr. Stresemann wurde nach seiner Ankunft von einer größeren Menge begrüßt. .
Aus Nizza wird die Ankunft eines „falschen Stresemann" berichtet, eines Bankiers Braun aus Berlin, der genau so aussehen soll wie der Reichsminister. Das ^Journal" erzählt, daß Herr Braun von Reportern um Interviews gebeten worden sei und daß er trotz seiner Erklärung, es liege eine Verwechslung vor, von manchen Leuten noch immer für den inkognito reisenden Minister des Äußern gehalten wirb.
Massensterben unter dem Vieh im Glbe- HoKVasssrUbiet.
Lüneburg. Nach der Hochwasserkatastrophe im vergangenen Sommer bricht über die Bevölkerung der betroffenen Gebiete an der Elbe und Fecycl im Kreise Dannenberg ein n c u c 5 Unheil herein. Unter dem Vieh, das bei beut herrschenden Futtermangel mit verrottetem Gras und fauligem Wasser vielfach L e b c r c g c l b r u l in sich ausgenommen hat, breitet sich ein Masscnstcrbe n aus. In kurzer Zeit gingen zahlreiche Tiere ein. Die schwer geschädigten Landwirte sind be- i droht von neuem Hochwasser und damit der Vernichtung der Wintersaaten. Sie erlassen dringende Rufe nach! Hilfe. i