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Hl. 80 1927

Fulda, Dienstag, 5. April

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4. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* In der albanischen Frage scheint jetzt eine Verständigung tcvorzusteheu.

* Der Entwurf des Arbeitszeituotgesctzes wurde vom Plenum des Reichstages dem Sozialpolitischen Ausschuß über­wiesen.

* Auf der Zeche Eugelsburg bei Wattenscheid verunglückten fünf Bergleute tödlich.

* Im Rheinischen Provinziallandlag protestierte der Ober- präsident der Rheinprovinz dagegen, daß im besetzten Gebiet noch immer 75 000 Mann Besatzung ständen.

Aeue Pläne zum Wohnungsbau.

Zu den Plänen, mit Hilfe amerikanischer Kapitalkräfte an verschiedenen Stellen im Deutschen Reiche Wohnungs­bauten auszuführen, wird uns hon besonderer Seite ge­schrieben:

Gewiß geschieht es nicht um unsererschönen Augen" willen, wenn eine amerikanische Kapitalistengruppe es übernehmen will, uns in unserer Wohnungsnot zu Hilfe zu kommen und zunächst in B e r l i n, aber wenn man dort mit dem Magistrat zum Abschluß kommt «uch an der Ruhr, im sächsischen I n d u st r i e - gebiet und ah anderen Plätzen dringendster Wohnungs­not den Bau zahlreicher Wohnungen zu finanzieren. Zu­erst wollen die Amerikaner auf dem Berlin-Schöneberger Südgelände 14 000 Wohnungen errichten lassen, von denen ein Viertel Zweizimmerwohnungen, weitere 25 % Dreizimmer-, die nächsten 25 % Vierzimmer- und der Rest Fünfzimmerwohnungen sein sollen. Die Stadt Ber­lin ist von dem Augenblick an, an dem die Wohnhäuser fertig sind, der Träger des Risikos, weil sich die Ameri­kaner die Sache so denken, daß sie die Wohnungen der Stadt Berlin vermieten, diese also eine bestimmte, vorher genau vereinbarte Miete für jede Wohnung zahlt und nun selbst weitervermietet. Nach einer Reihe von Jahren, in denen sich das hineingesteckte amerikanische Kapital ver- wird die Stadt dann Eigentümerin

Berlin braucht, wie mehrfach berechnet ist, zurzeit mindestens 180 000 neue Wohnungen und plant für 1927/28 die Errichtung von 27 000; freilich ist durchaus unstcher, ob das Geld hierfür vorhanden ist. Im ganzen Reich ist der Wohnungsbedarf mit rund einer Million wohl nicht zu hoch beziffert. Die Bautätigkeit in der jetzt beginnenden Saison läßt sich aber sehr schlecht an, da ebensowohl die Preise für Baumaterialien als auch die Lohne nicht unerheblich gestiegen sind. Wenn also die Amerikaner mit einer festen Kostensumme für die Her­stellung der Häuser rechnen, so können sie sich damit viel­leicht ganz gehörig verspekulieren; aber das wäre ihre eigene Sache. Bei der dringenden, vielfach geradezu un- erträglichen Wohnungsnot erschiene eine Unterstützung durch ausländisches Kapital vielleicht tragbar, wenn die Bedingungen, unter denen es uns zur Verfügung ge­stellt wird, keine Halsabschneiderei bedeuten. Jeder An­stoß, den die Bautätigkeit in Deutschland erfährt, ist schon deswegen zu begrüßen, weil die Bauindustrie eine be­sonders vielseitige Abnehmerin von Erzeugnissen zahl­reicher anderer Industriezweige ist.

Aber so ganz bedenkenlos bleibt das amerikanische Angebot denn doch nicht. In ganz Deutschland sind Woh­nungen gebaut worden unter Kosten, die erheblich höher sind als diejenigen, die jetzt die Amerikaner in Aussicht nehmen. Hoffen sie doch, die Mietpreise so niedrig halten Zu können, daß diese nur 120 % der Friedens­mieten für gleichartige Wohnungen ausmachen. Das würde natürlich den Widerstand gegen eine weitere Her­aufsetzung der Mietpreise erheblich verstärken, also da- ourch die unter gänzlich anderen finanziellen Verhält- lebenden Hausbesitzer auf den Plan rufen. Aller- mugs kommt doch nur eine gegenüber dem Ge- 'Mbedarf recht geringe Zahl von Neubauten in Frage;

doch nach den Plänen des preußischen Wohlfahrts- Msteriums allein im Jahre 1927=28 rund 250 000 m Jungen gebaut werden. Ernster ist aber das andere

*%*, das gegen den amerikanischen Plan vorzubrin- gen foäte: die Häuser gehen nach Amortisierung des Hin- mngesteckten Kapitals in den Besitz der S t a d t B e r l i n wer. Ebenso würde es anderwärts sein, wo die Ameri- wner noch bauen würden, also die Bauten später in den der Gemeinden kommen. Die Kommunen haben ja wifach das Bestreben, Haus- und Grundbesitzer zu wer- M und dieöffentliche Hand" hat sich hierbei vielfach Jt" hgt. Finanziell lohnend ist das gewiß nicht, solange c Wohnungszwangswirtschaft besteht. Man denkt dabei ^manches verunglückte Experiment auf diesem Gebiete.

6uf die leichte Achsel sollte man das finanzielle w' ^ ^uch nicht nehmen, das den Gemeinden auferlegt < !A. wenn die Wohnungen beziehbar sind. Denn eine würge, wohl die wichtigste Frage bei der Wohnungsnot w die unbestrittene Tatsache, daß es zahlreiche leere Wohnungen gibt, aber diese leider so t c u c r sind, daß ein großer Teil des Einkommens für die Miete auf- âendet werden müßte. Gerade aus diesem Grunde hat

das Privatkapital den Wünschen des Baumarktes vegenuber recht zurückhaltend verhalten.

Wenn es also auch an schweren Bedenken gegen die L"'kanischen Vorschläge nicht fehlt, so ließe sich mög- a^-weise einmal ein kleines Experiment in genau fest- «Went Rahmen wagen. Das könnte der Anstoß zu der Mcn^ .""iwcrrdigcn allgemeinen Belebung des Bau-

Noch 75000 Mann Besatzungstruppen.

Hie Velaslung des Meinlandes.

Schlechte Wirtschaftslage der Rheinprovinz.

' Bei der Eröffnung des 73. Rheinischen Provinzial- landtages in Düsseldorf führte der Oberpräsident der Rheinprovinz, Dr. Fuchs, in seiner Ansprache u. a. aus: Entgegen unseren berechtigten Ansprüchen und entgegen den Erwägungen wirtschaftlicher und politischer Vernunft steht die fremde Besatzung noch immer mit 75 000 Mann auf deutschem Boden und mit der überwiegenden Zahl innerhalb unserer Provinz. Wir würdigen es, daß bei manchen Stellen der Besatzungsmächte der Wille vor­handen ist, das Besatzungsregime für die Bevölkerung erträglicher zu gestalten. Aber abgesehen davon, daß eine so unerhört starke Truppenbelegung zwangsläufig eine ungeheure Belastung mit sich bringt, ist schon die bloße Tatsache, daß sieben Jahre nach Eintritt des Frie­dens noch fremde Truppen in einem der ältesten Kultur­länder stehen, völlig unfaßbar und nie d e r - ziehend. So lebhaft wir auch die Befreiung ersehnen, 0 möchten wir doch eine vorzeitige Räumung nicht aus Kosten des Gesamtvaterlandes erstreben; wir möchten die Besetzungsfristen keinesfalls verkürzt wissen um den Preis wirtschaftlicher oder politischer Fesselung von unbegrenzter Dauer. Dabei setzen wir aber in die maßgebenden Stel­len von Reich und Land das feste Vertrauen, daß sie nach wie vor nachdrücklichst eintreten für die Erreichung der Rückwirkungen, die uns feierlichst zugesagt und bisher zur allzuwcnig in die Erscheinung getreten sind.

Zur wirtschaftlichen Frage erklärte der Ober- Präsident: Die berechtigten Klagen, daß die besetzten Ge­biete ihre während des schweren Existenzkampfes verlore­nen innerdeutschen Absatzgebiete nicht wieder erlangen können, wollen nicht verstummen. Demgegenüber dürfen wir von dem von der Besetzung und sonstigen unmittel- 'iaren Einwirkungen unserer ehemaligen Gegner verschont gebliebenen Deutschland erwarten, daß es für unsere Lage ausreichendes Verständnis zeigt. Vor allem haben wir auch Anlaß, darauf hinzuweisen, daß wir kein unsicheres Ausland sind, von dem man sich vorsichtig fernhält. Unsere ausgezeichneten Kurorte und herrlichen Sommer­frischen sollten die deutschen Reisenden zum mindesten gerade so anziehen wie die ausländischen Bäder. Deutlich

Stresemann über die Konkordatssrage.

Für Staatshoheit in der Schulpolitik.

Auf einer Kulturtagung der Deutschen Volkspartei nahm Reichsaußenminister Dr. Stresemann das Wort, um sich über einige kulturpolitische Fragen zu äußern. Er glaube, daß die große Bedeutung dieser Frage auf dem inneren Gebiet deutschen Geisteslebens liege. Nach dem Vorgang in Bayern heiße sie nicht mehr:Reichs­konkordat oder nicht", sondernReichskonkordat oder Landeskonkordat ?" und müsse leidenschaftslos behandelt werden. Die Parteiarbeit müßte jetzt ganz bewußt auf die Frage des Konkordats hingelenkt werden. Er sei der Überzeugung, daß der Einfluß der Volks- partei in diesen Fragen weit über ihre Grenzen hinaus­gehe. Die Volkspartei werde durch ihre Stellung be­stimmen können, was andere große Parteien in diesen Fragen tun. Diese Fragen seien so bedeutend, daß auch ein Parteitag der Deutschen Volkspartei sich mit ihnen befassen müsse.

In einer Entschließung bekennt sich der Reichs­schulausschuß der Deutschen Volkspartei aufs neue zu dem Gedanken der Staatshoheit auf dem Gebiete der Schul­politik. Mit diesem Gedanken, so wird in der Entschlie­ßung weiter betont, ist der Abschluß eines Konkordats mit der katholischen Kirche, das auf das Schulgebiet über­greift, unvereinbar. Der amtliche Einfluß der Kirche auf den Religionsunterricht muß in eine Form gebracht wer­den, wodurch die letzte Entscheidung über Zahl der Reli- gionsstundcu, Lehrplan, Lehrbücher und dergleichen dem Staate verbleibt. Insbesondere darf dieser Einfluß der Kirche aus den Religionsunterricht nicht zu einer Kontrolle der Rcligionslehrcr übersteigert werden.

Der Widerhall der Stresemannrede.

Berlin, 4. April. Einige Abendblätter veröffentlichen einen offiziösen Kommentar der Deutschen Volkspartei, in dem gesagt wird, Dr. Stresemanns Ausführungen feien in der Presse z. T. dahin verstanden worden, als ob er eine verstärkte Aktivität der Partei in der Frage des Konkor­dats gefordert hätte. Tatsächlich habe der Außenminister ganz allgemein ausgeführt, daß es sein Wunsch sei, daß die kulturpolitischen Fragen in ihrer Gesamtheit mehr in den Mittelpunkt der politischen Arbeit der Parteien gestellt wer­den möchten.

Von den Abendblättern wendet sich dieGermania" scharf gegen die Ausführungen Dr. Stresemanns. Sie bezeichnet sie als ein politisches Manöver, das schwer mit der Koalitionsfreundschaft der Deutschen Volkspartei mit den Dcutschnationalen in Einklang zu bringen sei. Der Vorstand der Zentrumsfraktion des Reichstages werde sich heute nachmittag mit der Stresemannrede beschäftigen.

Der demokratische Zeitungsdienst hat den Vorsitzenden der Demokratischen Partei, Dr. Koch, über die Ausführun­gen Dr. Stresemanns befragt. Dr. Koch erklärt, daß er hoch erfreut sei über die entschiedene Stellungnahme Dr.

prägt sich im Verhältnis zu den übrigen Reichsteilen die besonders schlechte wirtschaftliche Lage der Provinz aus iu der Verfassung des rheinischen Ärbeitsmarktes. Die Rheinprovinz hat über 226 000 Hauptunterstützungsemp- iänger in der Erwerbslosen- und Krisenunterstützung, oemnach 38 Erwerbslose auf das Tausend der Einwohner­zahl gegen nur 33,2 im Reichsdurchschnitt.

Raginot gegen Räumung des Rheinlandes

Im Verlaufe einer öffentlichen Versammlung der Patriotenliga in Bar-le-Duc hat der ehemalige Kriegs­minister Maginot das Wort ergriffen und sich gegen die Räumung des linken Rheinufers vor Ablauf der durch den Versailler Friedensvertrag festgesetzten Fristen aus­gesprochen, da eine derartige Räumung ein wahres V e r b r e ch sm gegen das Vaterland und ein Verbrechen gegen Polen wäre. Er sei nicht Gegner der deutsch-fran­zösischen Annäherung, wenn auch das Wort Annähe­rung in seinen Ohren schlecht klinge. Aber wenn diese Annäherung mit der Aufhebung der französischen Be­setzung des linken Rheinufers bezahlt werden müßte, dann sei er für Beibehaltung der französischen Truppen am Rhein.

Amerika und der Weltkrieg.

Anläßlich des zehnten Jahrestages des Eintritts Amerikas in den Weltkrieg hat die NewyorkerWorld" führende Männer der ganzen Welt um ihre Ansicht über Die Bedeutung dieses Schrittes gebeten. Von deutschen Persönlichkeiten äußerte General Ludendorff: Das amerikanische Volk ist nicht in den Krieg eingetreten, sondern durch Wilson auf Befehl der Juden, Freimaurer und Jesuiten mittels einer Lügenpropaganda auf den Leim gelockt und wie Vieh zur Schlachtbank ge­trieben worden. Mackenfen erklärt: Amerikas Ein­tritt entschied die Niederlage Deutschlands und schädigte, dadurch ganz Europa. Der Friede ist jetzt nicht mehr ge­sichert als früher. Amerika hat zur Sicherung des Frie­dens weniger beigetragen als zur Besiegung Deutsch­lands. Der ehemalige Deutsche Kaiser antwortete durch den Admiral von Rebeur mit dem altenglischen Sprichwort: Narren eilen dorthin, wo Engel fürchten, hinzugehen.

Stresemanns, und er werde darüber die kleine Polemik ver­gessen, die der Außenminister bei dieser Gelegenheit gegen die demokratische Partei geführt habe. Die Demokratische Partei habe niemals einen Zweifel daran gelassen, daß sie weder durch ein Reichskonkordat noch durch ein preußisches Konkordat auch nur die geringsten Rechte des Staates auf die Schule zugunsten der Kirche freigeben werde.

Nach demB. T." heißt es, man fürchte int Zentrum, daß die Haltung der Deutschen Volkspartei zu Schwierig­keiten bei den interfraktionellen Besprechungen über das Reichsschulgesetz führen werde. Bei den Deutschnationalen würden nach dem gleichen Blatte gewisse Ausführungen Dr. Stresemanns als eine Drohung aufgefaßt.

König Ferdinands Krankenlager.

Staatsstreichpläne des Ministerpräsidenten.

Die Nachrichten, die aus Bukarest vom Krankenlager des Königs Ferdinand kommen, sind sehr widersprechend. Während einige Meldungen davon wissen wollen, daß der Krankheitszustand des Königs zu direkten Besorg­nissen keinen Anlaß bietet, wissen andere Nachrichten dar­

über zu berichten, daß der Zustand des Königs sehr ernst ist und daß mit seinem Ableben täglich gerechnet wer­den muß.

Der PariserMatin" läßt sich aus Bukarest melden, daß Ministerpräsident General Averescu in Rumänien einen Staatsstreich vorbereite. Der General habe eine ganze Reihe von Maßnahmen durchgeführt, die in allen politischen Kreisen in Rumänien Argwohn her- vorgerufen hätten. Nach demMatin" glaubt in Buka­rest niemand daran, daß der im Jahre 1926 nach der Thronentsagung des Prinzen Karol eingesetzte Regent­schaftsrat im Falle des Todes des Königs die Regierung übernehmen könne.