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sik. 91 — 1927
Fulda, Mittwoch, 20. April
4. Zahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser.
I * Set Finsterwalde verunglückte ein mit einer Hoch- ».^gesellschaft besetztes Auto, nur die Braut blieb dabei un- Mletzt.
I * In Moskau wurde der diesjährige allrussische Räte^ Milgreß eröffnet, nachdem eine zweijährige Pause vorange- Litgen war.
I * Die Lage auf dem Balkan hat sich von neuem zugespitzt. v * Das ägyptische Kabinett ist zurückgelrcten infolge des Widerspruchs des Parlaments gegen bisher gcheimgehaltene englisch-ägyptische Vertragsverhandlungen.
Wochenende.
X Von einem volkswirtschaftlichen Mitarbeiter wird uns zu der in letzter Zeit so viel besprochenen Wochenendfrage, die jetzt erneut anläßlich der Berliner Wochenendausstel-» lung die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, geschrieben:
Das englische „Weekend" ist gleichsam der Ausdruck eines Volkes, das es sich leisten kann, die Arbeitszeit der Woche zu verküzen, weil es verstanden hat, die anderen Völker für sich arbeiten zu lassen. Denn nicht etwa eine Errungenschaft jüngster Zeit ist es, daß der Engländer am Sonnabend mittag Geschäft und Werkstatt
schließt, um bis in die Morgenstunden des Montags hinein aus der Stadt hinauszuziehen, sondern dieser Brauch
stammt schon aus der Vorkriegszeit. Andere Völker, andere Sitten. Am Sonntag erlischt schon aus religiösen
Münden in England das gesamte geschäftliche Leben, ist kein Laden geöffnet, steht die Uhr der geschäftlichen Betätigung völlig still. Anders ist es in D e u t s ch l a n d immer gewesen, und damit fehlen manche Voraussetzungen, die das englische Weekend verständlich machen. Gewiß hat es seine sozialpolitischen, volksgesundheitlichen Vorzüge, wenn eine fast 48stündige Arbeilsruhe Erholung und neue Kraft schaffen, aber der Engländer ist glücklicher dran als etwa der Deutsche. Die klimatischen Vorzüge, die leichte Erreichbarkeit der See verschaffen dem Engländer s bequem die Gelegenheit, eine wirkliche Erholung sich zu. k gönnen, während dem Deutschen dies Monate hindurch [ aus anderen^ klimatischen Verhältnissen heraus unmög-
Dieselben sozialpolitischen und gesundheitlichen Gründe, die in England wirksam sind, mögen auch bei uns s für das „Wochenende" sprechen. Aber wir sind kein Volk, ; das die anderen Völker für sich arbeiten lassen kann, son- I dern wir müssen für die anderen Völker arbeiten. Wenn Mir daher ein Wochenende einrichten wollen, so kann es nur geschehen dadurch, daß wir die dadurch versäumte Arbeitszeit wieder einholen müssen. Man spricht so viel von einem schematischen Achtstundenarbeitstag; besser wäre es — wenn man überhaupt einen Maßstab anlegen i will —, von einer 48stündigen Arbeitswoche zu sprechen. ; Andere Einwürfe berechtigter Art bestehen aber gerade in Deutschland darin, daß manche Erwerbszweige nicht , einmal diesen Maßstab vertragen. In der Landwirt- schaft macht die Notwendigkeit, die Ernte hereinzu- ‘ bringen, nicht einmal halt vor der Sonntagsruhe. Und gerade in den kleinen Städten ist der Widerstand gegen ein völliges Stillegeu der geschäftlichen Betätigung - am Sonntag besonders stark. Gewiß hat man sich in den Großstädten baran gewöhnt, daß ein früherer Ladenschluß gesetzlich duychgeführt wurde: aber manche Existenz hat schwer darunter gelitten. Für den Großstädter aber ist > vielleicht das „Wochenende" wünschensroerter als für den Kleinstädter. Die lange ArbeitSrube über den Sonntag I hinaus und nicht bloß am Sonntag mag vieles für sich h haben. Bedingung dabei ist aber, daß sie wirklich im ■ Interesse der Volksgesundheit auSgenutzt wird, daß also I alles bereitgestellt wird an VerkehrSvrttteln, um den ■ Städter hinäuszuführen in die freie Nâr. Dann würde I auch das Land Vorteile davon haben — lcbau in geschäft- I Beziehung —, die eine notwendig andersgeartete ■ Verteilung der Arbeitszeit entschuldigen Bunten.
1 „ Man braucht durchaus nicht Freund d»d unbedingten I Erlangens großer Gewerkschaftskreise 511 sein, um über I Wochenende nachzudenken. In vielen Berufszweigen I W schon jetzt eine verkürzte Arbeitszeit am Sonnabend geführt worden. Wer die Flucht des Engländers am i Wochenende an die Seeküste kennt, der wird freilich als ^eujscher mit Neid auf diese Gewohnheit blicken, die sich '" England durchgesetzt hat. Aber England hat wirischaft- M ein einheitlicheres Gesicht als Deutschland. Außerdem ehen wir Deutsche vor viel stärkeren wirtschaftlichen Not- wendigkeiten. als England. Aus diesen Gründen wäre
Uniformierung in Gestalt eines „zwangsmäßigen Wochenendes" volkswirtschaftlich bei uns kaum tragbar. ■ Wt verschieden liegen die Verhältnisse in den großen und ben kleinen Städten, vom flachen Lande ganz abgesehen. Mu groß sind die Verpflichtungen, die wir nach dem Aege haben übernehmen müssen, um leben zu dürfen. ; {~.lr haben keine Zeit, ein Reutnervolk zu sein. Solange " 'm harten Kampf um unser Dasein stehen, auf «uferen Schüttern die schweren Lasten liegen, wird das ä aus Kultur- und Gesundheitsgründen eine längere Holungspänse einzuführen, wohl in der Hauptsache ein I' H°"" Traum bleiben.
^anktionsanörohungen gegen China.
Eine neue Regierung in Nanking. rci^''^estminster Gazette" will wissen, das, die über- tc'Tn8 einer neuen Fünfmâchtenote an tue Kanton- bij ÄO unmittelbar bevorsteht, in der erklärt wird, dass luerS* wenn ihre Forderungen nicht prompt erfüllt ; ocn, Sanktionen zur Anwendung brinaem D»e Note
Neue Zuspitzung auf dem Balkan.
Aufleben des Konflikts
Mischen Serbien und Wien.
Besorgnisse in England und Frankreich.
Der italienisch-serbische Konflikt, der nach Ernennung einer Untersuchungskommission für den Balkan, an der bekanntlich auch Deutschland teilnimmt, allgemein als beigelegt galt, lebt von neuem wieder aus. Die Sprache der führenden politischen Presse beider Länder schlägt wieder einen scharfen Ton an und auch die plötzliche Umbildung des jugoslawischen Kabinetts, in dem jetzt drei Generale als Minister sitzen, ist auf die Zuspitzung der Lage auf dem Balkan zurückzuführen. In Jugoslawien ist man, wie das „Echo de Paris" zu melden weiss, darüber erbost, dass Mussolini es bisher abgelehnt hat, mit Belgrad in einen direkten Gedankenaustausch über die Sicherung des Friedens auf dem Balkan zu treten. Nach dem „Echo de Paris" läuft die Taktik Mussolinis darauf hinaus, den Konflikt mit Südslawicn direkt in Verhandlungen über London zu lösen, um vor allen Dingen Südslawicn soweit wie nur irgend möglich davon feruzuhalten.
Die neugeschaffene Lage wird auch in Frankreich und England, diè ebenfalls Teilnehmer der Untersuchungs- kommission sind, für sehr ernst betrachtet. Der „Petit
verfolgt den Zweck, die Möglichkeit, Tschen und seine Sowjetberater zur Rechenschaft zu ziehen, offen zu lassen, ohne jedoch den gemästigten Elementen in der nationaüstl- schen Bewegung vor den Kopf zu stossen.
Wie der Sonderkorrespondent der „Information aus Peking meldet, hat die Regierung in Peking in Beantwortung einer Protestnote der Sowjets es a b gelehnt, die Forderungen betreffend Befreiung der Gefangenen und Zurückgabe der bei der Haussuchung in der russischen Botschaft, deren Personal aHereist sei, beschlag- nahmtcn Dokumente zu erfüllen.
„Times" berichtet aus Schanghai: Eine von ^schang- kaischek einberufene Kuomintaugkonserenz verkündete in öffentlicher Sitzung die formelle Errichtung einer neuen Regierung in Nanking. An die verschiedenen Organisationen und an die Schanghaier Gilden und an die Handelskammer ist die Aufforderung ergangen, zur Feier der Einsetzung der Negierung eine Versammlung abzuhalten. . _
Wie Reuter aus Kanton meldet, wurden bei Kämpfen mit Kommunisten in Kanton ungefähr 100 Kommunisten getötet und 1500 verhaftet. Es wurde viel Munition erbeutet. In der Stadt herrscht gegenwärtig Ruhe. Auch in Schanghai wurde die kommunistische Agitation durch Truppen unterdrückt.
Rußlands auswärtige Lage.
Rykows Bericht auf dem Rätekongreß.
Aus dem Rätekongress in Moskau gab der Vorsitzende des Rates der Bundesvolkskommissare, Rykow, einen Bericht über die auswärtige Lage der Russischen Sowjetunion. Von besonderem Interesse waren hierbei die Äusserungen Rykows über die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland. Rykow betonte hierbei, dass Deutschland sich nicht zu feindlichen Aktionen gegen Russland ausnutzen lassen werde. Die Gewährung eines 300-Millionen-Kredits von feiten Deutschlands an die Sowjetunion beweise, dass die Freundschaftspolitik, die von beiden Regierungen nach Rapallo durchgeführt wurde, sich auf dem Gebiete wirtschaftlicher und kultureller Beziehungen vollkommen bewährt habe.
In seinen weiteren Ausführungen kam Rykow auch auf das Verhältnis Rußlands zum Völkerbund zu sprechen. Er führte hierzu u. a. folgendes aus: In der ganzen Zeit seines Bestehens war der Völkerbund lediglich ein Werkzeug zur Festigung der Herrschaft gewisser Staaten über andere. Die Versuche, dieJllusionzuver- breiten, daß der Völkerbund ein Werkzeug des Friedens sei, wird insbesondere durch die Ereignisse dèr letzten Tage, wo der Völkerbund sich jeden Eingreifens in die Lage in China enthielt, widerlegt. Die Sowjetunion unterstützkjedc wahrhaft pazifistische Bewegung, bezweifelt jedoch, daß vom Völkerbund einberufene Abrüstungskonferenzen wirklich auf den Frieden hinzielen. Der Sinn der in Genf einberufenen Konferenzen gipfelt darin, die militärische Gewalt der zurzeit herrschenden Mächte zu wahren. Die Sowjetunion ist bereit, gänzlich abzurüsten, falls alle Mächte dies tun.
Zu den Ereignissen in China bemerkte Rykow: Die Zustimmung der Mächte zum überfall auf die Sowjetbot- schast in Peking bedeutet einen Versuch, die Sowjetunion zum Krieg gegen China h e r a u s z u s 0 r d e r n. Die Sowjetregierung wird auf diese Provokation nicht eingehen. Die chinesische nationale Freiheitsbewegung entwickelt sich im Zeichen der Sympathie für die Sowjetunion und dies veranlasst die Imperialisten zu Angriffen gegen die Sowjetunion. Hätte es sich darum gehandelt, dass die Sowjetregierung sich für ihre Politik in China zu verantworten hat, so hätte sie sich lediglich vor China, dessen souveräne Rechte die Sowjetunion längst anerkannt hat, nnd nicht vor irgendeiner anderen Macht zu verantworten.
Parisien" betont, daß der Horizont des Balkans s i c$ aufs neue verdüstere. Die Regierung in Rom scheine zu den schlimmsten Eventualitäten bereit zu sein.; Die Großmächte müßten in dem Konflikt intervenieren, dessen Ernst man sich nicht verhehlen könne. Der „Matin" ruft laut nach einer Intervention des Völkerbundes.
Die Londoner „Times" unternimmt, scheinbar vo» der englischen Regierung inspiriert, einen heftigen Vorstoss gegen Mussolini. Das Blatt betont hierbei, Italiens Weigerung, mit Jugoslawien zu verhandeln, werde nicht nur in Belgrad und Paris, sondern noch mehr in England mit schwerer Enttäuschung ausgenommen werden, zumal die englische Regierung den Eindruck gehabt habe. Mussolini habe die englischen Vermittlungsvorschläge zu einer gütlichen Regelung des Konslkts angenommen.
Die „Times" schließt ihren Artikel mit folgender Warnung: „Direkte Verhandlungen zwischen den beiden Ländern sind vorzuziehen. Aber wenn die italienische Regierung in ihrer bisherigen Politik verharrt, werden andere Mittel gefunden werden müssen, um den. Konflikt aus der Welt zu schaffen. Man muß die Hoffnung; hegen, daß Mussolini, der Realpolitiker, begreifen möge, daß die Aufrechterhaltung seiner bisherigen unbeugsamen; Stellungnahme nicht zu jener Klärung der Lage zwischen Jtalien' llnd Südslawicn beiträgt, die jetzt zum Ziele der italienischen Politik erklärt wurde und die im allgemeine« Interesse Europas dringend gefordert werden muß."
Die Lage der Sowjetunion in China ist dank der An-, erkennung der Souveränitätsrechte Chinas fester und ungefährdeter als die Lage jeglichen anderen Landes, un»- geachtet der organisierten Provokation von feiten ber Pekinger Polizei und der Truppen Tschangtsolins.
potriische Rundschau.
Deutsches Reich. '
Anfragen an den preussischen Ministerpräsidenten.
Die Deutschnationale Volkspartei des Preußischen Landtags hatte Beschwerde geführt über eine Rede des» preußischen Ministerpräsidenten Braun, die dieser aut- 24. Februar d. I. in der Berliner Universität gehaltew hatte. Im Hauptausschuß des Landtages hatte der Mi-x nisterpräsident erklärt, er habe in der betreffenden Versammlung nicht amtlich gesprochen, sondern als sozialdemokratischer Politiker vor sozialdemokratischen Studenten. In einer Anfrage verweist nun di« Deutschnationale Volkspartei auf einen Erlaß des preußische» Kultusministers vom 14. Februar 1927 über baâ Recht der freien Meinungsäußerung und der politischen: Betätigung der Beamten. Darin heißt es: „Das Amt umfaßt die Gesamtpersönlichkeit des Beamten. Er ist niemals nur Privatmann: in allen seinen Handlungen auch außerhalb des Dienstes muß er sich dessen bewußt sein, dast das Amt ihn bindet, stets — auch in der Ausübung seiner staatsbürgerlichen Rechte — diejenige Mäßigung unb vorsichtige Zurückhaltung sich aufzuerlegen, die durch seine Stellung als „Diener der Gesamtheit" durch das Ansehen seines Amtes bedingt ist und jede Mißdeutung seiner Handlung, jeden begründeten Zweifel an der Zuverlässigkeit in der Ausübung der ihm übertragenen ^lmtâgetoalt ausschließt. Die deutschnationale Fraktion fragt nun an, ob diese Pflichten der Beamten nur für die Nachgeordneten Beamten und Lehrer gelten oder auch für. Minister und Ministerpräsidenten.
Neue Inspektionsreise des preussischen Innenministers.
Der preußische Innenminister Grzesinski trat in Begleitung des Ministerialrats Dr. Rathenau eine Besuchs- reife nach der Provinz Grenzmark P 0 s e n - W e st -> Preußen an. Der Besuch ist als Fortsetzung der früheren Reisen in die Grenzprovinzen gedacht. Am Sonnabend wird der Minister die Grenzkreise der Provinz Brandenburg, Schwicbus, Landsberg usw., besuchen. Für die erste Hälfte des Monats Mai ist eine Reise nach Ostpreußen vorgesehen, an die sich wahr-, scheinlich ein Besuch in Pommern anschließen wird.
Ein einziges deutsches Volk.
Im Rahmen eines großen Sportfestes auf der Hohenk Warte in Wien sprach der Reichstagsabgeordnete Hermann Müller über die Auschlußfragc. Müller führte hierbei ausv Wir treten hier als Deutsche auf österreichischem Bodew zusammen, da wir infolge des Machtspruches der Sieger, durch Grenzen getrennt sind. Dieser Zwang kann oben unseren inneren Zusammenhang nicht berühren. Wiv kennen auch Grenzen, die nicht trennen. In diesem Sinne kennen wir auch keine Brüdervölker in Österreich und int Deutschland nebeneinander, sondern nur ein einziges deutsches Volk. Ich kann versichern, daß im Reich all« Parteien von rechts bis links in der Anschlußfrage einigt sind. Der österreichische Nationalrat Deutsch erklärte, viels Tausende Teilnehmer seien nicht nur des sportlichen Ereignisses wegen gekommen, sondern, um für dem Herzenswunsch der übergroßen Mehrheit des österreichischen Volkes für den Anschluß an Deutschland zw demonstrieren. Dr. Deutsch sagte: Kürzlich hat Italien! mit Ungarn einen Pakt geschlossen, der eine groß« Gefahr für uns bedeutet. Wenn ein Habsburger dew ungarischen Thron besteigt, so ist auch in Österreich dia Republik bedroht. Dann aber ist die sofortige Proklamierung des Anschlusses die einzig mögliche Rettung jj