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Nr. 108 1927

Fulda, Dienstag, 10. Mai

4. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Der Stahlhelmtag in Berlin (8. Neichsfrontsoldatentag) wurde abgeschloffen mit einem Besuch Potsdams und seiner historischen Stätten.

* Zwei französische Flieger sind am Sonntag bei Paris zum Fluge nach Newyork gestartet und am Montag über Neuschottland gesichtet worden.

* Canberra, die neue Hauptstadt Australiens, wurde unter Teilnahme des englischen Königssohnes Herzogs von Bork feierlich cingewcihl._____________________

Ord Reben.

Das Reichsparlament beginnt nach der Osterpause wieder seine Arbeit, wichtige Angelegenheiten stehen zur Beratung. Gerade in diesem Augen­blick gewinnen einige Reden poli­tischer Führer, die am Sonntag an verschiedenen Stellen gehalten wur­den, besondere Bedeutung. Von einer unterrichteten Persönlichkeit des in­nenpolitischen Lebens wird uns dazu geschrieben:

Der Wiederzusammentritt des Reichstages hat vielleicht das Signal dafür gegeben, daß führende Männer der Regierungsparteien sich über unsere politische Lage äußerten. Dabei sind Erklärungen über das Verhältnis der Regierungsparteien zueinander durchaus nicht ver­mieden worden. Besonders ist es Dr. Stresemann ge­wesen, der in Oeynhausen auf dem Vertretertag der Deutschen Volkspartei als Außenminister Versuche von ausländischen Presseorganen zurückwies, die deutsche Außenpolitik des Kabinetts Marx als durchaus nicht von dem Willen aller Regierungsparteien getragen zu be­zeichnen. Stresemann erklärte mit deutlicher Bezugnahme auf Kundgebungen in Deutschland, die insbesondere an die Tradition der alten Armee anknüpfen, daß diese Tem­peramentausbrüche durchaus nicht den Gang der deutschen Außenpolitik in eine andere Richtung abdrehen könnten und im übrigen im Hinblick auf die ganze bedrängte Lage Deutschlands verständlich seien. Das Ausland könnte da­für sorgen, daß der Grund für diese Tèmpcramentaus- brüche beseitigt würde. Auch in der Frage eines O st * l 0 carn 0 verweist Dr. Stresemann auf die bekannten Richtlinien, auf die sich ja die Regierungsparteien vor Schaffung der Koalition geeinigt haben.

Es ist also nicht so sehr die Außenpolitik selbst, die " Dr. Stresemann zum eigentlichen Kern seiner Rede machte, sondern es ist das Verhältnis der deutschen Regierungs­parteien zueinander, das ja selbstverständlich Gegenstand von Sprengversuchen der Opposition ist, das aber doch fester erscheint, als diese Opposition und das Ausland wohl denken. Demgemäß ging in einer R 0 st 0 ck e r Rede der Führer der größten Koalitionspartei, nämlich Graf Westarp, breiter auf die Innenpolitik ein. Wenn die Koalitionspolitik selbstverständlich auch immer eine Kompromißpolitik bleiben müsse, so habe die jetzige Koali­tion ihren scharf antisozial demokratischen Kurs deswegen einschlagen müssen, weil sie von der Sozialdemo­kratie selbst dazu gezwungen worden fei. Als Beispiel hiezu führte er die Politik der Preußenregierung in der Frage des Finanzausgleichs an. Es fei der preußi­schen Regierung die Möglichkeit gegeben, mit Hilfe ihrer Stimme im Reichsrat sehr leicht Mehrheitsbeschlüsse des Reichstages unwirksam zu machen, weil zahlreiche Mit- alieder diese Reichsrats von den einzelnen sozialistischen Länderregierungen in ihrer Haltung bestimmt werden. Auch in der I u st i z und in der inneren Verwaltung ist der Einfluß der Reichsregierung ein geringer, kann auch durch die Maßnahmen politisch anders gerichteter Länder­regierungen leicht unwirksam gemacht werden. Die Worte, die dann der deutschnationale Führer gegen die Sozial­demokratie richtete, gingen nicht an der Tatsache vorbei, daß das Zentrum im Reiche mit der Rechten, in Preußen "der mit der Linken zusammengehe; das verbreite Un­klarheit auch über die Art, wie im nächsten ^ahre der große Wahlkampf bei der Reichstags- Neuwahl geführt werden solle. Überhaupt stelle sich in den Ländern immer mehr heraus, daß eine Verbindung der Mitte mit der Linken fast eine Unmöglichkeit darstelle. Schließlich faßte Graf Westarp seine Ausführungen in ^ne Kampfansage gegen die Sozialdemokratie zusammen, lvofür er auch bisher widerstrebende Parteien zu gewinnen hofft. Dabei müsse von den Deutschnationalen als der stärksten Koalitionspartei immer das in den Vordergrund Sestellt werden, was alles einige.

Dieses Einigende bezeichnete ferner der Vorsitzende der Deutschen Volkspartei, Dr. Scholz, in einer Rede, ebenfalls in Oeynhausen gehalten wurde, als eine aus oen letzten Monaten entspringende erfreuliche Tatsache, be- lchränkte sich aber darauf, dies lediglich hinsichtlich unserer "üßenpolitischen Linie darzulcgen. Er sprach mit einer gewissen Zurückhaltung über unsere derzeitige außen- polttische Lage; stärkere internationale Interessen, wie sie um China und Albanien zusammenballen, haben die Msche Frage zurückgedrängt, um so mehr ist es unsere Flucht, unsererseits alles zu tun, um außenpolitisch wieder vorwärtszukommen, um immer wieder darauf hinzu- daß die Räumung des besetzten Gebietes Rhein nicht ein Entgegenkommen bedeutet, sondern wir ein Recht darauf haben. Selbstverständlich "urfe die Erfüllung der Verpflichtungen, die nach dieser Ästung hin die Alliierten uns gegenüber haben und auf wir energisch verweisen, nicht erkauft werden durch Geständnisse im O st e n. Hier berührt sich Dr. S ch 0 l z mit den Ausführungen Dr. Stresemanns und ge- «J; Sätzen aus einer Rede, die vor kurzem der deutsch- «nonale Iustizminister Hergt in Beutben machte; ge-

25060 Mm weniger Besamung gefordert

AM Verhandlungen mitNankreich.

Dr. Rieth wieder bei Briand.

Die deutsch-französischen Verhandlungen, die Mitte voriger Woche in der Frage der Rheinlandräumung ein- geleitet worden waren, sind fortgesetzt worden. Wie die französische Presse zu melden weiß, aber erst jetzt bekannt wird, bat der französische Außenminister Briand am Frei­tag abermals den deutschen Botschaftsrat Dr. Rieth empfangen; außerdem sind noch Besprechungen für die nächsten Tage vorgesehen. Die letzte Unterredung ist nach französischen Blättermeldungen der Initiative Briands zu­zuschreiben, der den Wunsch hatte, die Verhandlungen, die zwischen Deutschland und Frankreich über die verschieden­artigsten Probleme geführt worden sind, fortzusetzen.

Der oft als offiziöses Sprachrohr benutztePetit Varisien" weist über die letzte Unterredung noch nähere Angaben zu machen. Danach hat Dr. Rieth erklärt, daß eine Herabsetzung der Besatznngstruppen im Rhein­land u m 25 000 Mann den in Locarno gemachten Zu­sagen entsprechen würde. Wenn die Alliierten von sich ans diese Herabsetzung vornehmen würden, wäre das ein Beweis dafür, daß sie dem Geist der damals abgeschlosse­nen Verträge treu blieben. Französischerseits wendet man ein, daß man ja bereits eine sehr bedeutende Her­absetzung vorgenommen hat und daß die Umgrnvplerrmg der Einheiten in den großen Zentren die alliierte Besamung für die Bevölkerung der Koblenzer und Mainzer Zo--e bereits erleichtert hat. Nichtsdestowrniaer besteht, so sagt das Blatt weiter, die deutsche Regierung dar­

ogsgaisisKsamiiisinnaaaEm

rad^ diese sind ja von der Opposition als Ausdrück ge­wisser Meinungsverschiedenheiten im Kabinett bezeichnet worden. Auch handelspolitisch sind wir nach der Ansicht von Dr. Scholz nicht recht vorwärtsgekammen, Ya Ver­träge gerade mit unseren beiden Nachbarn im Westen und Offen noch nicht, zum Abschluß gelangt sind. Rach, einer Darlegung des Verhältnisses der Deutschen Volkspartei zu einer Reihe innenwirtschaftlicher und innenpolitischer Fra­gen, wobei er immer wieder die Notwendigkeit des Kom­promißcharakters der Innenpolitik betonte, stellte er zum Schluß noch einmal die Gemeinsamkeit der außenpolitischen Richtung fest, die durch das Bekenntnis der Deutschnatio­nalen zu ihr ebenso bewiesen werde wie die innenpolitische Gemeinsamkeit durchHas Bekenntnis dieser Partei zur Verfassung. Und Dr. Scholz schloß mit der Versiche­rung, daß die Deutsche Volspartei im jetzigen Reichs­kabinett, dem regierungspolitischen Ausdruck dieser Ge­meinsamkeit, weiter mitarbeiten wolle.

So durchklingt diese drei Reden nicht nur ein einheit­licher Ton, sondern es kommt in allen dreien auch der feste Wille der Parteien zum Ausdruck, auf absehbare Zukunft hinaus an der jetzigen Einheit festzuhalten.

Der Reichspräsident in Wilhelmshaven.

B e, s u ch der M a r i tt e a N l a g e N.

Reichspräsident von Hindenburg ist in Begleitung des Staatssekretärs Dr. Meißner, des oldenburgischen Ministerpräsidenten von Fènüh, des Oberpräsidenten Noske, des oldenburgischen Staatsrats Ahlhorn und des Majors von Hindenburg, an.) Oldenburg kommend, am Montag in Wilhelmshaven ein^etroffen. Auf dem Bahn­hof erfolgte ein Empfang durch den Reichswehrminister Dr. Geßler, den Chef der Marineleitung, Admiral Zenker, den Stationschef. Vizeadmiral Bauer. den Festunas-

. HindenOMg bei den Oldenburger Kindern.

kommandanten sowie die Oberbürgermeister von Wil­helmshaven und Rüstringen. Vor dem Bahnhofsgebäude war eine Ehrenkompagnie ausgestellt, deren Front der Reichspräsident, der Marschalluniform trug, abschritt. Hieraus fuhr der Reichspräsident, von der Bevölkerung herzlichst begrüßt, zur nahen Evangelischen Gar - nisontirche, durch die ein kurzer Rundgang unter­nommen wurde. Die Stadt ist festlich geschmückt.

auf, und hierfür ist der neue Besuch Dr. Rieths der Beweis, daß die von ihr gewünschte Herabsetzung durchgeführt werde. Die deutsche Regierung verheimlicht jedoch nicht, dast sie ihre Forderungen nicht immer darauf beschränken werde und dast die Forderung nach voll­kommener Räumung des Rheinlandes gestellt werden würde, sobald Deutschland nach Ausführung der letzten Entwaffnungsklauseln sich für berechtigt halten werde, sich auf Artikel 431 des Versailler Vertrages zu berufen.

Die Enttäuschung von Locarno.

Auf dem Parteitag des rheinischen Zentrums in Köln sprach der Vorsitzende der Reichstagsfraktion, Geheimrat von Guorard, über das Zentrum in der neuen Reichs­regierung. Die an Locarno und Genf geknüpften Wünsche seien stark enttäuscht worden. Auf die völlige Räumung und die baldige Rückkehr des Saar­landes zu Deutschland hätten wir ein gutes Recht. Das Saarland werde wirtschaftlich verelenden, wenn es bis 1935 von uns getrennt bleibe. Wir können unmöglich die ungeheuerliche Grenzziehung im Osten abermals garantieren und uns der Möglichkeit berauben, auf friedlichem Wege eine Änderung herbeizuführen. Wir erwarten von der Reichsregierung, daß sie in der^Räu- mungsfrage entsprechend handelt. Neben demFiasko von Locarno" steht das Fiasko der Abrüstungskonferenz. Wir wünschen auch die Erörterung des Dawes-Planes und der Neparationsfrage. Die Verlängerung des Repubtikschutzgesetzes bezeichnete der Redner als die dringlichste Arbeit nach Wiederzusammentritt des Reichs- raaes. Er lebe im übrigen keine Krisenluft.

Nach einer Autofahrt, bei der die Kaiser-Wilhelm- Brücke, die Einfahrten 1, 2 und 3, die SchiffsliegepkäHe im Nordhofen und die Marinewerft berührt wurden, besuchte der Reichspräsident die Kaserne am Mühlenweg, wo die Marineteile des Standortes einschließlich der Besatzungen der oxjsanwessLNd^zl Schiffe und Fahrzeuge der Reichs- marine, die herangezogenen auswärtigen Truppenteile des Statiensbefehlsbereichs und Krieger- und Marinevereine Paradeaufstellung genommen hotten. Der Reichspräsident schritt dir Front ob und nahm den Vorbeimarsch entgegen. Sodann begab sich der Reichspräsident zum Ehren- f r i e d h 0 s, wo ein Kronz niedergelegt wurde. Nach kurzem Besuch beim Stationschef wurde dem Reichspräsi­denten im Offiziersheim eine größere Anzahl höherer Offiziere und Morinebeamten vorgestellt, woran sich ein Frühstück anschloß. Darauf begab sich der Reichspräsident im Sonderzug über Oldenburg zu einem privaten Besuch nach Leer und Loga. Er gedenkt am Mittwoch morgen wieder in Berlin einzutreffen.

*

Ein interessanter Vorgang ist noch von Hindenburgs Besuch in Oldenburg nachzutragen. Als sich die 1. Kom­pagnie der ehemaligen 91er zum Vorbeimarsch in Zug­kolonne geordnet und General von Hohnhorst sich an die Spitze gesetzt hatten, ging Hindenburg der Kompagnie ent­gegen und machte unter den Klängen des Königgrätzer Marsches den Parademarsch mit.

Eröffnung des australischen Parlaments.

Canberra, Australiens neue Hauptstadt.

Der Herzog von Bork eröffnete im Namen des Königs von England unter großen Feierlichkeiten das australische Parlament in der neuen Hauptstadt Australiens, Canberra. Fn einer Rede wies er auf die Bedeutung dieser Parla- mentseröffunng hin. Er erklärte, das Britische Reich sei ein System von Nationen, von denen jede frei ihr eigenes individuelles Leben gestalte, sie alle aber seien durch die Treue gegenüber ihrer Krone zu einer Einheit verbunden und wirkten in allen Fragen des gemeinsamen Wohls zu­sammen. Es sei vielleicht besonders angebracht, daß man die Geburt der neuen Hauptstadt feiere gerade nach Schluß einer Reichskonferenz, die den Beginn eines neuen Kapi­tels in der Geschichte des Britischen Reiches bedeute.

Daß eine Landeshauptstadt sozusagen aus dem Nichts geschaffen wird, geschieht hier nicht zum erstenmal in der Staatengeschichtc. Man braucht nur an einen Fall aus der jüngsten Vergangenheit zu erinnern: auch Angora, der politische Mittelpunkt der neuen Türkei, wurde gewisser­maßen aus dem Boden gestampft und von einem kleinen, elenden, fast unbekannten Nest, das es gewesen ist, plötzlich znm Range einer Reichshanvjstadt erhoben, obwohl in Konstantinopel, dem alten Byzanz, eine von zahllosen historischen Erinnerungen umwobene Hauptstadt vor­banden war. Bei Canberra, der neuen Bundes­hauptstadt Australiens, liegt die Sache noch ganz anders: es war bisher überhaupt noch nicht vor­handen und muß für den Zweck, den es er­füllen soll, erst ganz neu gebaut werden. Vorläufig ist von dieser Zukunftsstadt, die in reizvoller Gegend, aber fernab von jedem Verkehr gelegen ist, nicht viel mehr vor­handen als das jetzt eröffnete Parlamentsgebäude nebst einigen dazugehörigen Wohnhäusern, aber man hegt die Hoffnung, daß einst der Tag kommen wird, au dem sie sich neben anderen modernen Städten der Welt wird seben lassen können. Bleibt noch die Frage, warum man keine der bereits vorhandenen großen australischen Städte, Sydney, Melbourne usw., zur Bundeshauptstadt gemacht bat. Diese Frage ist leicht beantwortet: es bestehen, wie überall. Eifersüchteleien zwischen den einzelnen Landes-