Zul-aer Anzeiger
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Fulda, Freitag, 3. Juni
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4. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser.
r » Neichspräsident von Hindenburg, der wieder in Berlin ein« Betroffen ist, hat der Nordmark für den ihm bereiteten Empfang seinen herzlichen Dank aussprechen lassen.
* Eine schwere Unwetterkatastrophe in Nordwestdeutschland, Holland und Belgien erforderte viele Menschenopfer. Der Sachschaden beträgt viele Millionen.
* Im Englischen Unterhaus erklärte Chamberlain, daß durch Ne ägyptischen Hccresvermehrungspläne die englischen Interessen in Ägypten stark in Mitleidenschaft gezogen würden.
Bleibe im Lande ... Auswanderung, Landflucht unb Siedelung. !
Die Meldung, daß Kanada bis auf weiteres Auswanderer nicht mehr hereinläßt, weil infolge der großen Nässe in der dortigen Landwirtschaft eine bedeutende Verminderung der Beschäftigungsmöglichkeilen eingetreten sei, trifft zwar vor allem die Kreise der ländlichen Auswanderer, darüber hinaus aber wird die Gefahr einer Mißernte in Kanada und ihre Rückwirkung auch auf das dortige allgemeine wirtschaftliche Leben nicht ausbleiben. Kanada ist ja gerade immer als das Dorado für unsere Auswanderer ans den Kreisen der Landwirtschaft bezeichnet worden, hat übrigens immer Gewicht darauf gelegt, in der Landwirtschaft erfahrene Kräfte aus Europa an sich heranzuziehen. Leider stellen in Deutschland gerade die Agrarprovinzen, namentlich die Grenzmark, Schleswig-Holstein und Hannover, die meisten Answanderungslustigen und stehen darin weit über dem preußischen Durchschnitt von 78 auf je 100 000 Einwohner.. Brandenburg hingegen stellt auf 100 000 Einwohner nur 56 Auswanderer und selbst Berlin bleibt immer noch hinter dem Reichsdurchschnitt zurück. Weitaus die niedrigste Zahl hat Oberschlesien.
Erfreulicherweise ist gegenüber dem Jahre 1923, als in Deutschland die Inflation herrschte und der Besitz eines Dollars oder eines Pfund Sterlings fast wie ein Traum erschien, die Auswanderung sehr erheblich zurückgegangen; damals wanderten noch über 115 000 Personen aus, wäh- m ^tnb im Jahre 1920 He Heimat vermeßen. Davon gingen 65 000 nach Übersee und von tönen nahmen die Vereinigten Staaten mehr als 80 Prozent, also rund 50 000 Auswanderer auf. Die Auswanderung nach Kanada ist nicht sehr erheblich, steht immer noch zu- rück gegen die nach Brasilien und Argentinien, wo deutsche Landwirte und Facharbeiter immer noch gute Aussichten haben. Wer freilich ohne einige finanzielle Mittel dorthin kommt. wird cs wohl schwerer haben, im Auslande sein Leben zu fristen, als in der Heimat, die er verlassen hat. Nur mit gewaltigem Fleiß, den unbedingte Gesundheit unterstützen muß, und auf einer wenn auch schmalen finanziellen Grundlage stehend ist ein Vorwärtskommen möglich. Immerhin ist die Auswanderung, wenn sie 1926 auch erheblich zurückgegangen ist, doch noch über dreimal so groß als im letzten Vor- kriegssahr.
Besonders bedenklich daran ist aber die A b w a n d e> r u n g von Landwirten. Und diese bedenkliche Er- stheinung wird noch ernster, wenn man erwägt, daß das Landvolk für die Lebenskraft unseres Gesamtvolkes vor entscheidender Bedeutung ist. Nur ein paar Zahlen: für die 15 Jahre von 1910 bis 1925 ergibt sich für das Land ein durchschnittlicher Geburtenüberschuß von mindestens 15 %, für die Städte aber nur ein solcher von 4 %; rind in Berlin ergab sich in dieser Zeit sogar eine natürliche A b n a h m e der Bevölkerung in Höhe von 1,3 %. Und in den Großstädten ist seitdem jener Hundertsatz noch gefallen, in Berlin die natürliche Abnahme gestiegen. In jenen 15 Jahren sind mindestens drei Millionen Menschen vom Lande in die Städte gewandert und das bedeutet dort eine B l u t a u f f r i s ch u n g, die bevölkerungspolitisch von entscheidender Bedeutung ist.
- So ist es um jeden Bauern, um jeden Landarbeite. - schade, der das Land verläßt, gleichgültig, ob er in bit Städte abwandert oder gar ins Ausland geht, wo er dock bei dem Mangel an einer deutschen Kolonie — nur fU!n Kulturdünger wird. Namentlich die 50 000, die nach Amerika auswandern, sind spätestens in der dritten Generation dem deutschen Volkstum verloren.
H Darum ist die viel zu langsam vorwärtsgebende Sècd- Mg, die Schaffung von Stellen für die jüngeren Bauern lohne und für Landarbeiter, eine nicht ernst genug zu neh- vtende Aufgabe. Leider wird aber darüber mehr geredet vls darin getan. Nicht etwa, daß es an Land fehlt, aber . ^er reizt die Stadt, vielfach auch das Ausland noch immer viel zu sehr zur Ab- und Auswanderung. Freilich ?fdeutet die Zahl der Hunderttausende von Arbeitslosen jv den Städten doch eine gewisse Warnung gegen I > ch t f e r 1 i g e Abwanderung dorthin, bedeutet die von uns obenerwähnte Meldung eine Mahnung, ins Blaue hinein nach Übersee zu gehen. Die 1200 putschen, die durchschnittlich jedes Jahr nach Kanada ab- -cwandert sind, unterlagen dabei einer sehr eifrig ge- en Auswanderungspropaganda; ob ihr Schicksal M ober gesichert ist, dürfte sehr zweifelhaft sein. Im fester cssè unseres Volkstums sollte daher weniger von ^^'Zung gesprochen als möglichst viel dafür getan
^mppenverstârkungZn für China.
, $cf0rgniffe der Pekinger Diplomaten. 9?!^! diplomatischen Kreisen Pekings ist man wegen der au^rlage der Nordtruppen um die Sicherheit der Stadt besorgt. Dieser Besorgnis hat auch der «usche Botschafter in PariS, Lord Crewe. m einer Unter-
Furchtbare Wirbelsturmkatastrophen.
AordwestdeuMland von
WHen Heimgesucht.
Zahlreiche Tote und Verletzte.
Eine Unwetterkatastrophe, wie man sie sonst nur in Afrika gewohnt ist, hat sich plötzlich in Nordwcstdeutsch- land ereignet und hat der Stadt Lingen sowie mehre- rèn umliegenden Dörfern schweren Schaden gebracht und das Leben vieler Menschen gekostet. Besonders wurde das nördliche Emsgebiet von dem Wirbelsturm heimgesucht. In Lingen selbst werden drei Tote und 25 Verletzte beklagt. Dreihundert Häuser sind allein in dieser Stadt durch den Sturm beschädigt worden. Ein auf der Straße
Wirkungen des Wirbelsturms in der Nähe V2N NcustettlN.
stehendes Auto wurde zehn Meter weit in das Schaufenster eines Geschäftshauses geschleudert. Die ganze Katastrophe spielte sich innerhalb zweier Minuten ab. Dreistöckige Häuser wurden einfach umgelegt: die Balken flogen nach Berichten von Augenzeugen durch die Gewalt des Sturmes wie Streichhölzer durch die Luft. Riesige alte Baume liegen entwurzelt über den Chauffeen. Der Sturm war mit einem furchtbaren, ohrenbetäubenden Getöse verbunden.
Ähnliche Szenen wie in Lingen spielten sich auch in Schcptsdorf und Esche ab. Dort sollen sämtliche achtzehn Bauernhöfe vom Erdboden verschwunden sein. In den Bauernschaften Auen und Holthaus bei Kloppenburg sind ferner 38 Häuser zerstört worden. Die ganze Gegend bis nach Bremen hin hat einen solchen Orkan seit Jahrzehnten nicht erlebt. In Delmenhorst waren die Eishagelstücke fast so groß wie Taubeneier und zerstörten die ganze Ernte. Während des Sturmes wurde es vorübergehend vollkommen finster, die Wolken boten in ihren wirbelnden Bewegungen ein unheimliches Bild.
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revung mit Briand Ausdruck gegeben. In englischen Rc- gierungskreifen scheint die Absicht zu bestehen, an die Großmächte heranzutreten, nm neue Truppen nach China zur Gewährleistung der Sicherheit ihrer Staatsangehörigen zu entsenden. England hat bereits das zweite britische Flugzeuggeschwader, bestehend aus 18 Flugzeugen mit 30 Offizieren und 200 Mannschaften, nach Schanghai gesandt, während Amerika etwa 2000 Marinesoldaten nach Tientsin kommandiert hat.
Nach einer Meldung der Havasagentur aus Peking soll der Rückzug der Nordtruppen jetzt in voller Ordnung vor sich gehen. Es ist möglich, daß infolge des Rückzuges der Mukdenarmee ein gewisser Stillstand in den Operationen crntreten wird, da die Südtruppen ein Gebiet zu besetzen hätten, das etwa halb so groß ist wie Frankreich. Die Südarmee ist über den unerwarteten Rückmarsch ihres Gegners überrascht und wagt nicht, ihm auf dem Fuß zu folgen.
Roch leine OMitowit in der Pfalz.
Eine Rede des bayerischen Ministerpräsidenten.
Im Bayerischen Landtag erklärte bei der allgemeinen Aussprache zum Haushalt des Außentnimsterimus Ministerpräsident Dr. Held, daß der Pfalz leider noch immer nicht die Freiheit wiedcrgcgebcn sei, die sie für ihre wirtschaftliche und siaatspolitische Entwicklung brauche. Man sei nach dem Vertrage von Locarno und Deutschlands Eintritt in den Völkerbund der festen Überzeugung gewesen, daß wenigstens eine fühlbare Erleichterung der Besetzung für die Pfalz und das Rheinland eintreten werde; aber bis heute seien die praktischen Konsequenzen aus dem Locarnovertrage noch nicht gezogen worden.
Der Ministerpräsident wies bann darauf hin, daß die Verhältnisse in der Pfalz in den letzten Zeiten eine Entwicklung genommen hätten, die befürchten lasse, daß wieder Dinge eintreten, wie sie in den letzten Jahren zu beklagen gewesen seien. Die gegenwärtigen Zustände seien unerträglich und sie könnten nur beseitigt werden durch die Zurückziehung oder mindestens doch starke Verminderung der Besatzung. Auch die Wirtschaft in der Pfalz leide nach wie vor unter den Befatzungsvcrhältnissen, aber die Pfälzer Bevölkerung könne überzeugt sein, daß Bayern
Aber auch in anderen Gegenden Deutschlands kam es nach der langen Schwüle zu Unwetterkatastrophen. So werden aus Friedland in Mecklenburg schwere Gewitter gemeldet, die die Getreide- und Obsternte fast völlig ver- rrichtet haben. Drei Feldarbeiterinnen wurden dort vom Blitz erschlagen. In Strasburg in der Uckermark wurde ebenfalls eine Frau vom Blitz getroffen.
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Gèurmverheerungen in Holland.
Noch schlimmer als in den heimgesuchten deutschen Ortschaften wütete der Tornado in der benachbarten Holländischen Gegend. Hier wurden die Städte Reede und Hamksbcrgcn von einer ungeheuren Windhose fast völlig rerstört. Der Schaden wird out 25 bis 30 Millionen
dulden d-zfffert. Auf der Eisenbahnstrecke von Reede nach Haacksbergen wurden Eisenbahnwaggons durch die lpewalt des Orkans aus den Schienen geworfen. Sâmt- lrwc Telephon- und Telegraphenverbindungen im östlichen Gelderuland sind unterbrochen worden, so daß die Rettungsmannschaften teilweise erst verspätet gerade an den Orten cintresfen konnten, die am meisten in Mitleiden- schäft gezogen worden sind.
In ganz Holland und Belgien sind zahlreiche Unfälle durch dre Unwetterkatastrophe eingetreten: die Zahl der J ß t® ” und Verletzten ist hier noch nicht genau bekannt, soll aber außerordentlich hoch sein.
Es handelte sich bei dem Unwetter nach den ersten Berichten der Wetterstationen um zwei Windhosen, von denen namentlich die zweite eine Breite von 500 .'.'ieter hatte. Sie zog sich dann in östlicher Richtung über .nordwestdeutschland hin. Die Länge der Windhose wird mehrere hundert Meter gewesen sein, ihre Geschwindigkeit war 10 groß, daß sich die Menschen bei ihrem Herannaheu Nirgends mehr in die Keller retten konnten.
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alles tun werde, was zur Linderung ihrer Not getan werden könne.
Der Minister kam sodann auf die Auseinandersetzung über finanzwirtschaftliche Fragen zu sprechen und betonte in diesem Zusammenhang, daß cs sich hierbei um das entscheidende Problem handele, ob Deutschland in Zu- kunft ein Einheitsstaat werden oder ein Bundesstaat bleiben soll.
Chamherlä über öen Korrfliki miS As^ypien.
Hoffnung auf Verständigung.
Im Englischen Unterhause gab der Staatssekretär des Auswärtigen, Chamberlain, eine Erklärung über den englisch-ägyptischen Konflikt ab. Es fei, sagte cr, schon seit längerer Zeit das Ziel gewisser Politiker Ägyp- tens, die derzeitige Kopfstärke des Heeres zu vergrößern und cs in eine politische Waffe zu verwandeln, die einer Polltischen Partei, nämlich der Wafd-Partei, zur Ver- sügung stände. Durch derartige Pläne würden die Interessen der britischen Regierung unmittelbar berührt werden, denn zu Englands lebenswichtigen Interessen gehört die Verteidigung des Suezkanals, und zu seinen Verpflichtungen gehöre der Schutz der Ausländer in Ägypten. Es könne daher nicht zugelasien werden, daß die Aufgabe Englands durch die Anwesenheit einer bewaffneten Macht, die unter Umständen eine feindselige Haltung entnehmen könnte, erschwert werde. Die Entsendung von Kriegsschiffen habe England deshalb beschlossen, weil es angenommen habe, daß ihre Anwesenheit auf die aufrührerischen Elemente in Ägypten eine hemmende Wirkung ausüben werde.
Aus einem an die „Times* gerichteten Bericht aus Kairo erfährt man, daß die ägyptische Preffe das ägyptische Kabinett aufforbere, alle britischen Forderungen abzu- lehnen, da Großbritannien kein Recht zur Einmischung habe. Es beständen aber trotzdem Anzeichen, daß ein Teil der Kammer, wenn auch nicht der bedingltngslosen Annahme der englischen Note, so doch dem Angebot eines Kompromisses zuzuneigen beginne.