Zul-aer Anzeiger
Erscheint jeden Werktag. Bezugspreis: monatlich 2 Mark. Bei Lèeferungsbehènöerungen durch F)öhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Kriebrich Chrenklau, Iulüa, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsver- kegrr. Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Ue.16009
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Iulöa- und Haunetal-Zulöaer Kreisblatt Reöaktkon und Geschäftsstelle: Mühlenftraße 1 ❖ §ernsprech-f!nsch!uß Nr. 989 Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mit chuettennngabe »ZulSaer Anzeiger"gcgottet.
Anzeigenpreis: §ür Vehörüen, Genossenschaften,Banken usw. beträgt üieKleinzeile 0.30 HiL, für auswärtige Auftraggeber 0.25 Mk.» für die Reklamezeile 0.90 Nk. u. alle anderen 0.15 Mk., Reklamezelle 0.60 Mark ❖ Bei Rechnungsftel- lung hat Zahlung innerhalb 8 «Lagen zu erfolgen •:• Tag- und Plahvorfthr-sten unverbindlich.
Str. 139 — 1327
IHM
Fulda, Dienstag, 7. Juni
4. Zahrgang
«ss^seMWHss*^^
Thamberlins EuropMug.
WM «Stirnfalte ton lewf.
Nachdem ungezählte Meldungen bald über den Verzicht, bald wieder über die feste Absicht des amerikanischen Fliegers Chamberlin für den Flug nach Europa belichtet hatten, wurde dem Hin und Her ein Ende gemacht mit dem Einlaufen der Nachricht vom Abflug. Aus Rewyork wurde Sonnabend, 4. Juni, gekabelt:
Clarence Chamberlin startete Sonnabend früh 6.04 Uhr Newyorker Zeit (11.04 Uhr mitteleuropäische Zeit) zum Fluge nach Europa ton Curtiß Field bei Newyork mit dem Flugzeug „Columbia". Levèue, der Generaldirektor der Gesellschaft, die die „Columbia" gebaut hat, begleitet Chamberlin auf seinem Fluge nach Europa. Levine trägt die Finanzierung und die geschäftliche Verantwortuna für das Unternehmen. Beim zweiten Anlauf
tluöftrede Newvork— Berlin
Der amerikanische Flieger Chamberlin, gelang der Start. Das Flugzeug rollte schnell an, wurve dann in eine Staubwolke cingehüllt und erreichte einige Bäume, um bald darauf dahinter zu verschwinden, während laute Hochrufe ertönten.
Wie erinnerlich, sollte die „Columbia" seinerzeit für den Flug Newvork—Paris starten, ehe Lindbergh ihr zu- vorkam. Die Mannschaft der „Columbia" hat auf ihrem Flugzeug auf einer geschlossenen Rundstrecke als Vorbereitung für den Transozeanflug im Mai einen Dauerflug unternommen, bei der sie mit einer Flugdauer von 51 Stunden 12 Minuten einen neuen Rekord aufgestellt hatte. Die Wetteraussichten waren beim Abflug nicht un- ! festig. Über der Neufundlandbank lag allerdings in der ^acht noch eine schwere Nebelschicht, deren Verschwinden »der für heute nachmittag erwartet wird. Über dem öst-> $en Atlantik, also dem letzten Flugdrittel, war das Wetter gut. Der Pilot machte einen äußerst zuversicht- uchen Eindruck. Wiederholt scherzte er mit seiner Gattin, sie das Flugzeug besichtigten. Chamberlin stieg vor bem Abflug in die Maschine, um noch einmal selbst alles Zu überprüfen. Dann gab er das Zeichen zur Abfahrt.
Das 3ÜL
. Zwar wurde allgemein angenommen, daß Chamberlin 'u Berlin landen werde, doch hat er selbst wie seine Vertreter vor der Abreise keinerlei feste Angaben in dieser Ziehung gemacht. Chamberlin antwortete auf eine freite Frage nach dem Ziel feines Fluges nur, daß er fei: Rekordflug nach Europa zu unternehmen beabsich- M. Doch hat Chamberlins Vater erklärt, daß sein Sohn Mn als Ziel des Fluges Berlin genannt habe. Es wurde berechnet, daß Chamberlin Montag früh 3 Uhr Jetliner Zeit aus dem Tempelhofer Feld in Berlin tand-n könnte.
Nach einer anderen Mitteilung sagte Chamberlin, ” wurde sich bemühen, mit der „Columbia" die Küste von Irland zu erreichen und, wenn möglich, nach Berlin wctterzuflicgen, um dadurch den Flug Lindberghs
Paris zu überbieten. Wie die „Evening World Zetdete, soll der deutsche Botschafter in Washington, e i h c r r von M a l tz a n , in einer Erklärung fentberlin guten Erfolg für seinen Deutschlandflug ^wünscht haben. Chamberlin könne versichert sein, daß Berlin genau so ausgenommen werde wie seinerzett •fet in Amerika. Chamberlin trug eine Botschaft der
National Aeronautic Association of the USA. an den Deutschen Aeroklub mit sich. Der Tert der Botschaft lautete: „Aeronautic Association of the USA. sendet Grüße an den Aeroklub Deutschlands. Möge diese Botschaft durch Clarence Chamberlin weiter der Welt die Brauchbarkeit und Nützlichkeit des modernen Lustwesens vor-Augen führen, das dazu bestimmt ist, den Wünschen des- Welthandels auf Zeitersparnis zu begegnen."
Vorbereiirmgen m Berlin.
Magistrat und Stadtverordnete beschlossen schon bei Eintreffen der Abflugnachricht, sich gegebenenfalls auf das Tempelhofer Feld zu begeben und den Amerikaner offiziell zu begrüßen. Die amerikanifche Botschaft in Berlin machte sich ebenfalls empfangsbereit. Die deutsche Marineleitung wies sämtliche Schiffe der Kriegsmarine an, dem amerikanischen Flieger iede nur denkbare Unterstützung angedeihen zu lassen. Den
gleichen Befehl erhielt das deutsche Geschwader, das sich zurzeit in den spanischen Gewässern befindet. Die Marine- Küstenfunkstationen bekamen Anweisung, nach dem Flieger Ausschau zu halten und auf seine Funksignale zu achten. Die Berliner Polizeibehörden trafen ebenso alle notwendig erscheinenden Maßnahmen.
Ausrüstung Chamberlins und seines Flugzeuges.
Das Flugzeug „Columbia" enthielt beim Aufstieg einen großen Tank mit 390 Gallonen Benzin, außerdem sind auf den Tragflächen fünf kleinere Behälter montiert, die weitere 65 Gallonen fassen. Um den Haupttan? Herum wurde ein zusammenlegbares Gummiboot mit Rudern, Leuchtpistolen und Sègnallichtern, die automatisch brennen, wenn sie auf das Wasser fallen, angebracht, außerdem Blitzlicht mit zwei Ersatzbatterien, Sicherheitszünd- Hölzer und drei eiserne Rationen sowie zwei Behälter mit Wasser und eine Funksendestation.
Frau Chamberlin besorgte die nötigen Butterbrote, die die Flieger während der Reise ernähren sollen. Die Flieger nahmen zehn Butterbrote und Hühnerfleisch mit, dazu zwei Flaschen Hühnerbouillon, eine Flasche Kaffee und sechs Apfelsinen.
Aus kleineren Orten Long Islands kamen im Lauft des Sonnabendmorgens Nachrichten, daß Chamberlins Flugzeug in mittlerer Höhe schnell fliegend bei schönem Wetter gesichtet wurde.
NoiscmduRgen ChsmSerMs.
Bei Eisleben und Kottbus.
Am Morgen des zweiten Pfingsttages lief in Berlin, das vor Erwartung fieberte» die Nachricht ein, daß der Ozeanslieger Chamberlin um 5 Uhr morgens bei dem Dorfe Helfta bei Eisleben, Provinz Sachsen, eine Not- landung vorgenommen habe. Ein bald eingetroffeneS Flugzeug der Deutschen Lufthansa fam ihm zu Hilfe und flog nach Halle, um neuen Betriebsstoff für Chamberlin, dessen Maschine unbeschädigt war, zu holen. Nach Ausfüllung des herbeigeholten Benzins sollte sofort die Weiter- fahrt nach Berlin «»getreten wersen.
Wie die Eisleber Zeitung alsbald berichten konntci erfolgte die Notlandung morgens ungefähr um 6 Uhr bei BischofSrode in der Nähe von Eisleben, unb zwar wegen Benzinmangels. Außerdem war ein kleiner Defekt an der AnlasserSatteric entstanden. Nachdem durch ein Fahrzeug der Deutschen Lufthansa Benzin hcrbeigehott und aufge- füHt war, auch der Defekt beseitigt war, erfolgte um % 10 Uhr der Neuansstieg und unter Begleitung von mehreren Lufthansafliegern begann die Weiterfahrt nach Berlirr.
VropLtterSruch.
Eine zweite Notlandung mußte Chamberlin nach einiger Zeit in der Nähe von Kottbus, bei Klinge, ans sumpfiger» Gelände vornehmen. Die Ursache war diesmal ein Propellerbruch. Durch diesen Unfall wurde es fraglich, ob Charrrberlirr noch am gleichen Tage in die Lage versetzt werden konnte, nach Berlin zu gelangen. Klinge ist eine Bahnstation aus der Strecke Kottbus—Forst (N.L.), 15 Kilometer non Kottbus entfernt.
LhamöeNmS rrnierbrschene Fabri.
Beide Pfingsttage wurden von den hochgespannter Erwartungen auf die Ankunft des amerikauifchen Flieger« Chamberlin und durch die Vorbereitungen auf feinen Empfang aus gefüllt. Am ersten Feiertage kamen gelegentliche Meldungen, daß man das Flugzeug da und dort gesehen haben wollte, obwohl nichts Bestimmtes gefag? werden konnte. Am späten Abend des ersten Pfingsttages sollte die „Columbia" etwa 500 Kilometer von der
STitfie Irlands gesehen worden fein, um Mitternacht lief eine Meldung ein, Irland sei überflogen und der Kur-- richte sich nach dem Kanal. ;
Da die Ankunft in Berlin für die Morgenstunden an - dem Tempelhofer Felde angesagt war, wurden große Vorbereitungen getroffen. Das ganze Feld war abgesperrk, durch eine Postenkette von Schutzleuten umstellt, Oberbürgermeister Vötz war besonders aus seinem Urlaub nach Berlin zurückgekehrt, um Chamberlin zu empfangen Schon am ersten Pfingsttage abends hatten sich Menschen angesammelt, die die ganze Nacht durchharrten. Morgens war die Menge etwa aus 100 000 angewachsen, die den Flugplatz in weitem Bogen umschlossen.
Die Erregung stieg aufs Höchste, als eine Nachricht bekannt wurde, daß der Flieger bei D 0 r Lm u n d un. 4 Uhr nachts gesehen worden wäre. Das ganze Geschwader der Lufthansa stieg auf, um ihm entgegenzufliegen. Doch Stunden vergingen ohne Resultat und allmählich machte sich ziemliche Enttäuschung bemerkbar Die Flugzeuge der Lufthansa kehrten vom Dortmundfluge zurück, von Chamberlin hatten sie nichts entdeckt. Ständig kreisten sie in den Lüften, aber die irrende Menge auf dem Tempelhofer Felde begann gegen 10 Uhr abzuwandern.
Das Deutschem im Auslands.
(Von einem besonderen Mitarbeiter.)
Goslar, die tausendjährige ehemalige Freie Reichsstadt am Harz, ist dieses Jahr der Treffpunkt der Jugend- truppe des Vereins für das Deutschtum im A u s l a n d e. In 13 S 0 n d e r z ü g e n trafen schon im Laufe des letzten Freitags 17 000 Teilnehmer aus dem ganzen Reiche, aus Österreich und Deutschböhmeir, aus dem Baltenlande und aus allen Gebieten der Grenzländer ein, alle mit ihren Fahnen und Abzeichen und eine große Anzahl mit großen Schülerkapellen. De: fröhliche. Geist der Jugend beherrschte die Stimmunc dieser echtdeutschen Pfingsttagung, und zwischen der jugendlichen Vertretern der verschiedensten deutscher Stämme wurden Freundschaftsbande und Bündnisse zm gemeinsamen Arbeit geschlossen, die für das Leben halten werden.
Während die festlich geschmückten Straßen der malerischen alten Stadt von dem tausendstimmigen Gesang der Jugend widerhallten, begannen die Arbeitssitzungen Mü einer Frauentagung, die von Exzellenz von Hin tz e als Vorsitzendem des V. d. A. eröffnete und auf der das schöne Wort geprägt wurde: „Die Hand, welche die Wiege bewegt, beherrscht die Welt". Frau Klara Mende aus Berlin sprach über „Schicksalsfragen des Grenz- und Auslandsdeutschtums", Frau Eschker- Temesvar über die Arbeit der deutschen Frauen im Banat, eine andere Dame über „Studienfahrten auslandsdeutscher junger Mädchen". Es schloß sich eine große deutsche S t u d e nt e n t a g u n g an, die namentlich durch die Teilnahme zahlreicher H 0 ch - schüler aus d em Baltenlande ausgezeichnet war. An den Reichspräsidenten von Hindenburg wurde ein Huldigungstelegramm abgesandt, in dem zum Ausdruck kam, daß die Ausländsdeutschen stolz darauf sind, einem 100-Millionen-Volke anzugehören. — Die Mitgliederzahl des Verbandes beträgt heute zwei Millionen und ist ständig im Wachsen.
Heimaipreffe.
Der vor einigen Tagen beendete Kongreß des Reichsverbandes der Deutschen Presse hat in Breslau stattgefunden und das hat seine besondere Bedeutung: die bedrohte Grenzmark im Osten sollte sehen, “ daß die „Siebente Großmacht" sich der politischen Aufgaben bewußt ist, die in dem einen Wort „Grenz- m ark" umschlossen sind. Aber darüber hinaus kam es gerade auf einer Tagung in diesen Gebieten so recht einmal wieder zum Bewußtsein, was die Heimatpresse bedeutet. Sie ist das stärkste Band, das den bewußten Menschen mit dem Boden verbindet, auf dem er erwachsen ist. Alles andere, Freunde, Familie, Haus und Hof und was damit zusammenhängt, — all dieses erzeugt zwar ein dunkles, kaum bewußtes Zusammengehörigkeitsgefühl mit der Heimat, mit dem engeren oder dem weiteren Kreis, in dem sich der einzelne befindet. Aber zu vollem Bewußtsein erwächst dieses dunkle Gefühl erst dann, wenn er in seiner Zeitung, die aus bem gleichen Kreise stammt, nun einen Überblick über die Heiniatwelt erhält, mag sie auch im Hinblick auf die große Welt klein erscheinen.
Viele, die hinauszogen in andere Länder, die hin- auswanderten über See, die in fremden Völkern untertauchten, haben doch das eine getan, um das Band nicht ganz abreißen zu lassen, das sie mit der Heimat verbindet. Sie haben, nach wie vor ihre Heimatzeitung sich nach- schicken lassen in die fernen Lande, und wenn sie dann gelesen haben von den kleinen, vielleicht für das große Vaterland unwichtigen Nachrichten aus der Heimatstadt, aus den anderen Orten und Kreisen, die ihnen so wohlbekannt waren, so erstand in ihnen wieder das Bild der Heimat. Da tauchten vor ihrem Auge die Freunde, die Verwandten und die Bekannten wieder auf, und es versank für ein paar Augenblicke die Umgebung, das fremde Land, — sie Ware n wieder daheim. Auch dann, wenn sie nicht so weit hinausgezogcn, wenn sie nur in die Großstadt gegangen waren, — auch sie versank. Und aus der Steinwüste gingen die Gedanken zurück in den Heimatort, über dessen große und kleine Sorgen und Freuden die Heimatpresse berichtete.
~ Hat so die Heimatpresse die Aufgabe, die fernen Söhne der engsten Heimat nicht ganz verlorengehen zu lassen^ so schlingt sich in ihrem Wirkungskreis selbst