Einzelbild herunterladen
 

Zul-aer Anzeiger

erscheint jeden Werktag. Bezugspreis: monat­lich 2 Mark. Bei Lkeferungsbehinöerungen durch höhere Geroalten", Streik«, Mssperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Kriedrich Ehrenklau, KulSa, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsver­leger. Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Nr. -Idos-

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und Haunetal ^ulöaer Kreisblatt

Reöaktlon und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 Zernsprech^nfthluß Nr. 989

Nachöruck der mit * versehenen Artikel nur mit -tzrellenanAgbe »Zulöaer finzeigrr"eeflattet>

Anzeigenpreis: §üo Behörden, Genostenschaf­ten,Banken usw. beträgt die Kleinzeile 0.Z0Mk., für auswärtige Auftraggeber 0.25 Mk., für die Reklamezelle'0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk., Rekiamezeile 0.60 Mark < Bei Rechnungsstel­lung hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfol­gen: Tag- und Platz Vorschriften unverbindlich.

Kr. 184 1927

"EE?!?'!^'^^?!'-^'^^

Fulda, Samstag, 11. Juni

4. Jahrgang

ns

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die deutsche Delegation für die VölkerbundralZtagung in ' Vcnf ist bereits nach dem Tagungsort abgereist.

* Den Ozeanfliegern Chamberlin und Levine sowie dem amerikanischen Botschafter in Deutschland wurde die große s Ehrenplakette der Stadt Berlin verliehen.

* Der Reichsbankdiskont ist um 1 Prozent von 5 aus 6 Prozent erhöht worden.

* Das Kabinett Poincarö hat eine schwere Niederlage er­litten, da die Kammer das von ihm emgebrachte Zündholz- monovolgesetz ablehnte.

* Die Sowjetregierung hat in Moskau 20 politische Ge- F Weite erschießen lassen, die sie ,n der Urteilsbegründung als M'jetfeindlich bezeichnet.

Gowjetdämmeruns?

Trügerische Fricdensträume. Der russische Gegenangriff. FlammcyAcichcn im Sowjetparadies. Das Kriegsgespenst.

Cs krachen wieder allerhand Revolverschüsse durch die aushorchende Welt.

( Man kann nicht sagen, daß sie damit etwas unsanft aus trügerischen Friedensträumen gerissen worden wäre; trotz unausgesetzter Völkerbundtagungen und internatio­naler Konferenzen aller Art haben wir uns wohl noch nie­mals im ruhigen Besitz des Friedenszustandes so unsicher gefühlt wie seit Abschluß der vielseitigen, ganze dicke Bände füllenden Friedensverträge, mit denen die Sieger von 1918 der Hydra des Krieges für immer glaubten ihren scheusäligen Kopf zertreten zu haben. Ach nein, die Ermordung des österreichischen Thronfolger­paares hat wohl 1914 die Menschheit mit der vollen Wucht einer furchtbaren Überraschung getroffen, aber daß^die seither geschaffene Neuordnung von Europa die Gerster und die Seelen der Völker keinen Augenblick zur Ruhe lammen lassen würde, das ist den Staatsmännern, die die Verantwortung für sic zu tragen haben, hundert- und tausendfach vorausgesagt worden.

DMpiun ist wieder einmal ein diplomatischer Vertreter 'Scr russischen Sowjetrepublik durch M 0 r d e r h a n d ge- salleu. Die polnische Regierung, in deren Machtbereich die Untat geschehen ist, wird es um ihretwillen selbstverständ­lich zu keinem blutigen Konflikt mit dem großen Bruder im Osten kommen lassen; und die Russen, so sehr das Ver­brechen sie auch im ersten Augenblick wild hat auffahren lassen, werden sich doch wohlweislich hüten, aus ihm allzu veitgehende Folgerungen zu ziehen, da ihnen an Polen »icht gar zuviel, an England dagegen alles gelegen ist. Sie haben denn auch die Front ihres Gegenangriffs sofort mit grimmiger Entschlossenheit gegen London eingestellt, 1 lvo, wie sie wissen, ihr eigentlicher, ihr gefährlichster Feind zu suchen ist. Der Abbruch der Handels- und diploma-

i tischen Beziehungen zwischen beiden Ländern hat jetzt un- Izweifelhaft eine gefahrdrohende Verschärfung I erlitten und es kann schon sein, daß der eine oder der an­dere Teil sich bald auch gegen seinen Willen zu Handlun- M gegen den anderen genötigt sehen wird, die nichts Mehr und nichts weniger als offenen Kriegszu - st L n d bedeuten könnten. So temperamentlos der britische

! Außenminister seines Amtes zu walten Pflegt, so leiden- I schaftlich lieben es oft die Moskauer Gewalthaber sich vor der Welt zu gebärden, schon weil sie die Augen des ge- | hinten Proletariats auf sich gerichtet fühlen und vor I diesen nicht gut eine diplomatische Niederlage nach der I anderen auf sich nehmen können, ohne ihre ganze Macht- I Peilung auf das ernsteste gefährdet zu sehen. Sie haben V°hncdies Grund genug, mit einiger Besorgnis schon in die luchste Zukunft zu blicken.

I Denn ein Unglück kommt, das haben nun auch die rus- DAcn Machthaber Rykow und Stalin erfahren, selten 'Pein. Der Gesandtenmord in Warschau nun ja, auch m deutscher Gesandter (es war der Graf Mirbach)

y vor nicht gar zu langer Zeit einmal in Moskau er- ^rdet worden, und die damalige Sowjetregierung hat I heutigen polnischen Regierung für die Erledigung I i^er leider schon gar nicht mehr unerhörten R e ch t s - I [Jeb e l ein nichts weniger als nachahmenswertes Ber- I gegeben. Aber da sind an der weißrussischen Grenze I Paar hohe Polizeibeamte von einem angeblichen Pol- I Achen Spion oder von seinen Helfershelfern auf offener ^Astrgßc niedergeschossen worden und, was noch viel, W schlimmer ist, in der ehemaligen Hauptstadt des Lan- I sind sogar Bomben in eine kommunistische Arbeiter- I "Aammlung geschleudert worden, als hätte es im Zaren- IM überhaupt keine Revolution, keinen Sieg des Pro­tt ^MtS gegeben.

, . ks ist ein allzu billiges Verfahren, diese Flamme n- Dechen am Horizont des Sowjetpara- I °'cscs auf englische Brandstiftung zurückzuführen. Wir tt ^uern uns noch sehr gut der Zeiten, da die Proleta- tt Mm Parteien jedes Attentat auf einen Minister oder I Amgen hohen Würdenträger der bürgerlichen Gesellschaft Ieinen untrüglichen Beweis für die Verderblich- des Systems ausgaben, das notwendigerweise jAmnem Schoße derartige Gewalttaten entstehen ließe. I nicht einzusehen, warum nicht auch gegen den Prole- I ftBchen Russenstaat die gleiche Nutzanwendung gelten Es muß nicht nur etwas, es muß vieles faul I u im Gebälk dieses L e n i n g e b a u d e s , I LMt in dieser Weise mit Feuer und Schwert gegen I d^AiAschewismus angekämpft ivird. Besonders nach- I de Ach muß überdies die Tatsache stimmen, daß die Bom- iveni^^* bon Leningrad gerade mit ihrer Tat die nichts I tup^F als glorreiche Tradition aus zaristischer Zeit I ^u'A mnd wieder ausgenommen haben. Danach zu ur- ' muß allo die i-tziae.Sowietberrschaft ihren innen-

Moskau unter Schreckensherrschaft.

WsüZig MilMgea

in Md« vMsgen.

Der scharfen Erklärung der Sowjetregierung gegen England ist eine weitere Maßregel der russischen Ge­walthaber gefolgt, geeignet, das größte Aufsehen hervor- zurufm.

Das besondere Oberste Gericht der russischen Staats­polizei macht Mitteilung über die Verurteilung und so­fortige Erschießung von zwanzig Verhafteten, die seit längerer Zeit in den Gefängnissen saßen. Es handelt sich zumeist um ehemalige Offiziere der zaristischen Zeit, von der Denikin- und Wrangel-Armee und Anhängern der Großfürsten Cyrill oder Nikolai Nikolajewitsch. Die Verurteilung erfolgte wegen monarchistischer Anfftands- bewegung oder wegen Spionage. Die Todesurteile gegen die zum Teil seit langem, zum Teil in der letzten Zeit verhafteten Gegenrevolutionäre werden damit begründet, daß die monarchistischen Gruppen zu offenem Kampf gegen die Sowjetmacht, zu Terrorakten und Aufstands­versuchen übergegangen seien.

Die Sowjetregierung macht also ihre Ankündigung in den Auslassungen über England wahr, nunmehr in der rücksichtslosesten Weise die Bekämpfung der sowjet­feindlichen Kräfte zu beginnen. Die erste sichtbare Folge der Ermordung des Gesandten Wojkow in Warschau ist die Aufrichtung der Schreckensherrschaft in Moskau, die Rückkehr zu den Gepflogenheiten des Jahres 1918.

Unter den Erschossenen finden sich folgende Namen: F ü r st P a u l Dolgorukow; F ü r st Metsch- t s ch e r s k i; I e w r i n 0 w , früherer zaristischer Konsul; Skalski; Süss al in, Oberst der Wrangel-Armee; Pawlowitsch, früherer Chef der Kiewer Kampf­wehrZweiköpfiger Adler"; Mitkulin, früherer Kammerherr und Mitglied des Reichsrats. Dann eine Reihe früherer Offiziere. Fürst Dolgorukow war ein bekanntes Mitglied der Kadettenpartei, Fürst Metsch- tscherski ein Minister des letzten Zaren.

Ist die Möglichkeit gegeben, daß die russische Regie­rung auf dem jetzt eingef^lagerten Wege weitergeht, so eröffnen sich die trübsten Aussichten aus die zukünftige internationale Politik Europas, zumal sich die Spitze der jetzigen Entwicklung offensichtlich gegen London richtet, das gleichfalls die offene Befehdung Rußlands zum Prinzip erhoben hat.

«KXB

russischen Gegnern schon ebenso unerträglich erscheinen, wie seinerzeit die Zarentyrannei von den heutigen Sowjet- gläubigen empfunden worden ist. Das eröffnet trübe Aussichten in die nächste Entwicklung der russischen Ver­hältnisse. Wenn die Sowjetregierung etwa genötigt sein sollte, sich abermals durch ein Meer von Blut in ihrer Machtstellung zu behaupten, so können die außenpolitischen und mit ihnen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sie umdrängen, über kurz oder laug vollends über ihr zu- sammenschlagen.

Das Gespenst des Krieges geht durch Eu­ropa," meinte dieser Tage eines der maßgebenden Mos­kauer Blätter. Mit noch mehr Recht hätte es sagen können: Das Gespenst einer jähen innenpolitischen Ka- tastrophe geht durch den Kreml!" ^^ Dr. Sy.

Meise derdenWenDelegation nach Genf

Sitzung des Reichskabinetts.

Die deutsche Delegation für die Genfer Ratstagung des Völkerbundes hat Berlin verlassen und wird im Laufe des Sonntags in der Konferenzstadt eintreffen. Der Leiter der deutschen Abordnung, Reichsaußenminister Dr. Stresemann, wird seine Fahrt nach Genf in Frankfurt am Main unterbrechen, wo er an der Einweihung der dor­tigen Musikausstellung teilnehmen wird.

Vor der Abreise der deutschen Delegation beschäftigte sich das Reichskabinett in einer längeren Sitzung mit der Völkerbundratstagung. In diesem Kabinettsrat sind die Reichsminister dahin übereingekommen, daß Deutsch­land sich gegen etwaige polnische und litauische Bestre- bungen die Beschwerden Danzigs -md des Memellandes in dieser Ratstagung nicht zur Beratung stellen zu lassen, mit aller Entschiedenheit wenden wird. Ferner soll tm Reichskabiuett nochmals der feste Wille kundgcgebcn worden sein, eine neue Militärkontrolle in Deutschland und im Zusammenhang damit eine Kontrolle der zer­störten Ostfestungen nicht znzutassen. Der deutschen Delegation sind von der Reichsrcgienmg kerne bindenden Richtlinien für die kounnenden Verhandlungen mttge- aeben worden, jedoch soll sich die deutsche Delegation mit dem Reichskabinett in engster Fühlung halten, so daß die eigentliche Entscheidung nicht in Genf, sondern in Beran s^Ww' Zweiter bekannt wird, wird Dr. Stresemann in der Junitagung des Bölkerbundrats noch nicht den offv liessen Schritt zur Erreichung der vollitandlgeu Rhcrn- kandräumung, den er im März in Genf ana-kündigt hatte, unternehmen. Dagegen ist cs sicher, daß über c re O er- bet § cin I ä nbbcfc $ itna bet» handelt werden wird, die ja auch von ben Besatzungs- Mächten bereits zugesagt worden st.

England und die russischen Vorwürfe.

Der amtliche englische Funkdienst meldet: Die phan­tastischen Behauptungen einer britischen . Mitwisserschaft bei den Terroristcnverschwörungen, die in dem verössent- lichten Sowjeikommuniquö enthalten sind, haben hier Heiterkeit erweckt und das Dokument wird in den Zeitun­gen mit entsprechenden Überschriften in vollem Wortlaut gegeben. Der unsinnige Charakter bei Mitteilung geht aus der Stelle genügend hervor, in der erklärt wird, daß die Hand Großbritanniens bei dem Warschauer Mord deutlich erkannt werden lann. Während die Zeitungen das Kommunique für zu lächerlich halten, um die Auf­merksamkeit ihrer Leitartikler in Anspruch zu nehmen, drücken sie ihren natürlichen Widerwillen gegen den politischen Mord deutlich aus.

*

Die polnische Antwort.

Der polnische Gesandte in Moskau hat der russischen Regierung die polnische Antwort auf die jüngste Note des russischen Außcnkommissariats überreicht. Die Note weist in höflicher Weise die russischen Vorwürse zurück, nach denen Polen an dem Morde des russischen Gesandten mit­verantwortlich gemacht wird. Ein Zusammenhang zwischen den Vorfällen in China und dem Mord in Warschau, den die russische Note konstruiert, könne bei ge­nauester Prüfung des Sachverhalts nicht erblickt werden, ebenso sei auch die russische Anklage, die Polen unge­nügende Sicherheitsmaßnahmen für den Gesandten vor­wirft, nicht zutreffend, da Polen dem Gesandten einen be­sonderen Schutz zur Verfügung gestellt hat, der von dem Gesandten jedoch z u r ü ck g e w i c s e n worden sei. Zahl­reiche Dienflfahrten des Gesandten innerhalb Polens seien stets ohne Benachrichtigung der Sicherheitsbehörden er­folgt und auch von der Durchreise des Londoner russischen Geschäftsträgers Rosengolz seien die Behörden nicht un­terrichtet worden. Jedenfalls sei es auch falsch, wenn in der russischen Note der Emvfindung Ausdruck gegeben werde, Polen lasse der russischen Emigration einen be­sonderen Schutz angedeihen. Polen wahre lediglich das Asylrecht und werde keine gegen Rußland gerichtete Aktion innerhalb des Polnischen Staates zulassen. Falls die Familie des ermordeten Gesandten Entschädi­gungsansprüche stellen würde, sei Polen bereit, eventuelle Forderungen zu prüfen und jede Genuatuung zu verschaffen.

>»!

Die Überführung der Leiche des ermordeten russischen Gesandten Wojkow von Warschau nach Moskau ist unter entsprechender Beteiligung der polnischen Behörden und der abgesandten Sowjetvertreter mittlerweile erfolat

K«iaaAnBfe4MLgEaBMBaBaa»»G»iM^ ........ w

Englisch-derrifche Mfischastsverhanölungen.

Der englische Verkehrsminister Ashlev und der Führer des, englischen Jndustriellenverbandes, P. E.

H a n tt o n , weilen gegenwärtig zu Besuch beim Direktot *er Deutschen Bank, Oskar Wassermann. Es handelt sick»- -um die Fortsetzung der Verhandlungen zwischen eng­lischen und deutschen Wirtschaftsführeru.

Die Emordung des

M'erWlsbeMns Mpp.

Die Motive des Schröter.

Der Mörder des anhallische» Rittergutsbesitzers Klepp und seiner beiden Söhne, der 36jährigc Schröter, der die Kleppsche Familie bei einer Kutschfahrt erschoß, hatte sich die Tat schon seit längerer Zeit vorgenommen. Sein Vater hatte sein Rittergut an Klepp vor dem Kriege ver­kauft und als Gegenleistung hauptsächlich Hypotheken er­halten, deren Aufwertung der Familie Schröter nicht ge­nügte. Der Bruder des Mörders besitzt noch heute ein Gut, das in der Nachbarschaft der Klrppschen Besitzungen liegt wud) er wurde von der Polizei berbaftet und vernommen, M jedoch an der Tat vollkommen unschuldig. Schröter haC» sich nach der Ermordung Klepps selbst erschießen wollen, brachte sich aber nur eine leichte Kopfwunde bei. Er macht einen etwas wirren Eindruck. Der Polizei gelang es nur mit Mühe, den Täter der Lynchjustiz der Bauern zu ent­ziehen.

---------