Zulöaer Mnzeiger
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Nr. 150 — 1927
Fulda, Donnerstag, 30. Juni
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4. Jahrgang
Meine Zeitung für eilige Leser.
* Im Rechtsausschuß des Reichstages stimmte das Zentrum mit für die Verlängerung des Sperrgesetzes für Fürstenabfindung, so daß der Antrag der Regierung aus Aushebung des Gesetzes abgelchnt wurde.
* Der Mecklenburgische Landtag lehnte den vorgelegten Not- rtat ab. Es wurde Rücktritt der Regierung verlangt.
* Die Sonnensinsternis am 29. Juni früh konnte in Deutschland durchweg gut beobachtet werden.
* Der Flieger Byrd hat von Newyork aus den Flug nach Europa angetreten. In seiner Begleitung befinden sich drei Passagiere.______________________, ÖMssHKänBnnMiBiäHaBaaMiiitiim^^
Auf falschen Wegen.
In eine entsetzliche Untiefe läßt die Schüler- t r a g ö d i e blicken, die sich in Steglitz bei Berlin abgespielt hat. Die Abwesenheit der Eltern wird von den Kindern dazu benutzt, um Orgien zu feiern. Im Verein mit einem gleichwertigen" Schulkameraden wird die ganze Nacht hindurch ein Trinkgelage veranstaltet, bis sinnloseste Trunkenheit zur Mordtat treibt. Der Primaner zieht „seinen" Revolver und knallt los auf den jugendlichen „Liebhaber", den sich die Sechzehnjährige für die Nacht ins Haus lud. Widernatürliche Unzucht treibt die beiden jungen, noch nicht dem Knabenalter ganz entwachsenen Schüler zusammen — und das Ende sind die beiden Schüsse. Auch anderswo knallen sie und fordern aus parteipolitischem Haß das Leben Andersgesinnter. Fast täglich tauchen überall in Deutschlands Zeitungen die Nachrichten auf von schweren parteipolitischen Streitigkeiten, die fast immer zu Verwundungen führen, oft genug aber auch einen tödlichen Ausgang haben. Leider sind es immer wieder gerade die jugendlichen Elemente, die dabei im Vordergrund wirken. Schreitet die Polizei ein, so wird mich sie fast immer das Ziel wütendster Angriffe und muß sich dann mühsam genug der eigenen Haut wehren.
Halbe Kinder — früher pflegte man das bezeichnende Wort „Halbstarke" anzuwenden unrM Jugend, die ficy Aber die Rechte der Erwachsenen antttaßt! Ist das wirklich das kommende Geschlecht, auf dem unsere Zukunft beruht? Oder ist die Furcht, daß alle diese Vorkommnisse nicht etwa vereinzelte Erscheinungen, sondern Spiegelbild, Symptome sind, denn doch übertrieben? Man wünscht es im Innersten seines Herzens, man hofft es —, aber die zweite Frage taucht gleich daneben auf: Wo blieben die Eltern? Ist ihre Schuld nicht viel größer? Den Nachrichten zufolge sollen die Eltern des Mörders in der Primanermütze gewußt haben, wie es moralisch oder vielmehr unmoralisch um ihren Sohn stand; aber sie verschlossen die Augen gegen alles, ließen ihn ruhig gewähren. Und ist es denn dort, wo im mörderischen Streit der parteipolitisch Verhetzten Messer und Schlagring, Knüppel oder gar Revolver gezückt wird, eigentlich viel anders? Niemandem von uns Älteren, die wir durch die harte Schule des Lebens und zum großen Teil durch die noch härtere des Krieges gegangen sind, wird es eittfallcn, nun unbedingt den Lobredner der früheren Zeit abzugeben; aber leider ist an dem moralischen Verfall großer Teile des jetzt im halbflüggen Alter stehenden Geschlechts nichts wegzudeuteln.
Verständige Väter klagen ja genug; die soziale Not macht die Jugend freilich — das muß zugegeben werden — häufig genug zu Frühreifen, die keck und alle Mahnungen verlachend nach den Früchten des Lebens greifen. Man weiß ja aber auch, daß das Wort „Wie die Mten sungen, so zwitscherten die Jungen" seine manchmal sehr verhängnisvolle Wahrheit noch längst nicht eingebüßt hat, leider zwitschert die Jugend heute viel öfter die schlechten Weisen der Alten nach. In jeder Volksversammlung kann man es ja erleben! Die Hauptkrakeeler sind fast immer mgendliche Elemente, denen es nur auf den Radau ankommt. Und die sich gewiß von ihren Eltern nicht mehr bändigen lassen, sondern sehr selbstbewußt auf den Geldbeutel schlagen, den ihnen ein früher Verdienst füllt.
Und ebenso fern liegt es dem Verständigen, der diese Dinge besorgten Auges sehen muß, nun etwa nur die so« genannten unteren sozialen Schichten als mit solchen Verfallserscheinungen behaftet erklären zu wollen. Vor kurzem wurde bei einer Revision der Schultaschen in einem Mädchenlyzeum festgestellt, daß.mehr als die Hälfte der Fünfzehn- bis Sechzehnjährigen Puder und Schminke, Spiegel und Lippenstift mit sich führte. Und man weiß auch nur allzu genau, daß gerade dieses Alter die besten Kunden für diese Artikel abgibt. Also auch in den „höheren" Schichten kriselt es; auch jene Sechzehnjährige, die sich den „Liebhaber" ins Haus bestellte, war Besucherin eines Lyzeums und mag dort vielleicht oft genug im Kreise Gleichgesinnter mit ihren „Erfahrungen" geprahlt haben.
Es ist allerhöchste Zeit, daß unsere Jugend etwas straffer an die Zügel genommen wird. Und das trotz alles Geschreies über „Freiheit" oder „Selbstbe- stimmungsrecht". Wehe dem Volke, das sich nicht seiner höchsten und letzten, seiner wichtigsten Pflichten gegen seine Jugend erinnert!
Stresemanns Aobelvortrag in Oslo.
Ein großes gesellschaftliches Ereignis.
Reichsaußenminister Dr. Stresemann hielt am Mittwoch in Oslo seinen Vortrag, zu dem er als Träger der Friedensnobelpreises vom Nobelkomitee eingeladen toot* den ist. .
Ueber Atlantik und Pazifik.
Wh müenvegs nach Paris.
Der Flug über die Ozeane.
Wochenlang waren die WetterverhSltniffe über dem Atlantischen Ozean so schlecht, daß der bekannte amerikanische Flieger Byrd, der als erster (vor Amundsen) den Nordpol überflogen hat und auch gern als erster den Atlantikflug unternommen hatte, nicht starten konnte und auf dem Flugplatz bei Newyork warte» mußte, während Lindbergh und Chamberlin derweilen Lorbeeren ernten konnten. Jetzt ist auch er mit seinem dreimotorigen Fokker« apparat „America" gestartet und wird vermutlich den südlichen Kurs (also nicht über Neufundland) nach Paris wählen. Wenn man auch einem dritten Sieger nicht die Beachtung wie einem ersten schenkt, so bietet der Byrdsche Flug doch viel Interessantes. Er hat drei F l u g g ä st e an Bord und bringt zahlreiche Briese nach Europa. Unter ihnen befindet sich auch ein Schreiben des New- yorker Bürgermeisters Walker an den Reichspräsidenten von Hindenburg. Byrd beabsichtigt, nur wenige Stunden in Paris zu bleiben und dann sofort den Rückflug nach Newyork anzutreten. Es ist möglich, daß er Chamberlin und Levine, die von der Schweiz aus nach Paris kommen wollen, dort treffen wird. Man zweifelt in Fachkreisen nicht, daß sein Unternehmen von Erfolg gekrönt sein wird, denn er kann mit seinen drei Motoren eine größere Fluggeschwindigkeit (140 Kilometer pro Stunde) als seine beiden Vorgänger erzielen, auch wird er jede sechste Minute auf Welle 690 ein Funkzeichen geben und stündlich ein Flugbullctèn aussenden. Die Deutsche Lufthansa ist in erhöhter Bereitschaft, falls Byrd versehentlich aus deutsches Gebiet kommen sollte.
Währenddessen sind die amerikanischen Marineoffiziere Maitland und Hegenberger, ebenfalls mit einem dreimotorigen Fokker, auf dem Stillen Ozean unterwegs nach Hawai und auf halber Strecke bereits gesicht e i worden. Sie werden von dort gus nach kurzem Aufenthalt nach San Franzisko zurückleh^n. Der Pilot Smith, der gleichzeitig mit ihnen dieselbe Lustreise unternehmen wollte, mußte bald zurückkehren, da einer seiner Motoren versagte und er so nicht bis ans Ziel gekommen wäre.
Trotzdem jetzt geradezu schon ein Hochbetrieb über den Weltmeeren herrscht, ist es immer noch nicht gelungen, eine Spur von den beiden ersten Fliegern, die den Atlantik überqueren wollten, zu finden. Nach wie vor werden Nungesser und Coli gesucht, aber alle Meldungen über sie sind wieder dementiert worden.
Byrds Ausrüstung.
Die' „America", Byrds Flugzeug, besitzt drei luftgekühlte je 200 PS. starke Wright-Motoren. Die Flügel haben eine Spannweite von 71 Fuß. Das Gewicht des Apparates beträgt 14 500 Pfund, der Haupttank faßt über
Die große Halle der Osloer Universität war bis auf den letzten Platz gefüllt. Unter den Zuhörern waren der Storthingpräsident Dr. Hambros, Storthingvizepräsident âovinckel, Staatsminister Lykke mit den meisten Mitgliedern seines Kabinetts, der deutsche, englische, französische, amerikanische, schwedische, sinnische und dänische Gesandte, der kommandierende General und kommandierende Admiral, der Vorsitzende der Osloer Stadtbe- börde. der Bürgermeister von Oslo, der Präsident der
Außenminister Dr. Stresemann mit dem deutschen Gesandten Dr. Rhomberg.
Nobelkomitees und Rektor der Universität, Stâng, Professor Frithjof Nansen, die Spitzen der deutschen Kolonie und viele andere. Präzise um zwei Uhr kam der König mit Gefolge. .
Der Präsident des Nobelkomitees begrüßte Dr. Stresemann. Er unterstrich, daß Stresemann gewiß gefühlt hätte, daß sich nicht nur das Robelkomitee, sondern die ganze Stadt für seinen Besuch und seinen Vortrag interessierte, Dann begann Dr. Stresemann seinen Vortrag. ^^
3600 Liter Benzin. Die Gesamtbetriebsstoffmenge beläuft sich auf über 6000 Liter und reicht für eine Flugdauer von 50 Stunden. Da Chamberlin bis Eisleben nur 51 Stunden brauchte, wird dieser Vorrat für die Strecke Newyork^ Paris mehr als hinreichend sein.
Polar- und Ozeanüberflieger Byrd.
Statt und Proviant der Atlantilsiieger.
Newyork. Die Auszeichnung, als erster blinder Passagier auf einem Transozeanfluge mitgeflogen zu sein, muß erst noch erworben werden, denn Kinkade, von dem man annahm, er sei als blinder Passagier mit Byrd mitgeflogen, wurde später auf dem festen Boden entdeckt. Di*- Motoren der „America" wurden fast eine halbe Stunde lang erwärmst bann tnatieriüi sie mit großem Geröse los. Zuletzt wurde der Proviant an Bord genommen; er besteht aus vier gebratenen jungen Hühnern, vier Quart heißen Kaffees, einer Menge belegter Brote und fünf Gallonen Trintwasser sowie den eisernen Portionen, die für mindestens 30 Tage reichen.
Ein amerikanisches Riesenluftschiff.
Einen neuen Rekord wollen die Amerikaner mit einem Luftschiff, das jetzt gebaut wird und dreicinhalbmal so groß sein soll wie der „Z. R. UI“, nun bald aufstellen. War es für dieses deutsche Luftschiff schon leicht möglich, den Flug über den Atlantik zu unternehmen, so wird dreser neue Lustriese vermutlich einen ununterbrochenen Flug rund um die Welt ausführen können. Ein Plan, den Dr. Rabannes Schwenzler aus Strelitz in Deutschland den Ame- rikanern für ein Riesenluftschiff eingereicht hatte, wurde an dritter Stelle lobend hervorgehoben.
Die Mede Dr. Stresemanns.
In der Rede in der Aula der Universität in Oslo wieS Dr. Stresemann darauf hin, daß der Gedanke des Stifters des Friedensnobelpreises der war, den von ihm selbst mit dem genialen Erfinderblick entfesselten Naturkräften die Macht deS Menschengeistes cntgegenzusetzcn. Die deutsche Friedenspolitik wäre nicht möglich gewesen, wenn sie nicht einem tiefen Sehnen der deutschen Volksseele entsprochen hätte. Dem deutschen Volke ist cs nach dem militärischen Zusammenbruch nicht leicht gemacht worden, die nationale Idee in diesem Sinne zu vertreten und auf dem Wege zum Frieden mitfühlend zu sein.
Dr. Stresemann ging sodann auf die einzelnen politische« Phasen ein, die dem militärischen Zusammenbruch folgten, erinnerte an den Ruhreinbruch, den Dawesplan, um sich dann längere Zeit mit der Konferenz von Locarno zu be« schäftigcn. Er betonte hierbei, daß cs eine Unwahrheit wäre, zu sagen, daß diese Politik freudiger und herzlicher Zustimmung begegnet wäre. Dr. Stresemann kam dann auf die Völkerbundtagung zu sprechen, in der Deutschland in den Völkerbund ausgenommen wurde, und erinnerte an die Rede Briands, in der dieser darauf hinwies, daß die Zeit der Kanonen vorbei sein müsse und daß über diesem Jahrhundert die Worte stehen müßten, daß die beiden großen Völker, Deutsche und Franzosen, die soviel Lorbeeren im Krieg auf den Schlachtfeldern errungen hätten, ihre Zukunft nunmehr nur den großen idealen Zielen der Menschheit widmen sollten.
Heute könne gesagt werden, daß in dem Willen nach Frieden und Verständigung die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes sich einig sei. Wenn ein Volk, dessen soziale Umschichtung so gewaltig war, des Bolschewismus Herr geworden ist, so zeigt dies den Sieg des Realpolitischen über das Imaginäre und über den Illusionismus.
Alle Parteien arbeiten heute im neuen Deutschland mist denn schließlich hat über alle Verschiedenheit der Anschauung doch der Gedanke gesiegt, daß alle Hände notwendig wären zum Aufbau. Die Söhne und Enkel werden nur denen die Palme der Anerkennung reichen, die in dieser Ehrenzeit nicht beseite standen, sondern mit Hand anlegten, um das zusam« «umgebrochene Haus wieder aufzubauen. Der Minister gedachte in diesem Zusammenhänge in ehrenden Worten des Reichspräsidenten.
Dr. Stresemann bedankte sich schließlich für die Ehre, dke ihm durch die Verleihung des Friedensnobelpreises zuteilgeworden ist und schloß seine Ausführungen mit folgenden Worten: Wir bekennen uns zu dem Geschlecht, das aus dem Dunkel ins Helle strebt. — Nach Beendigung seines Vortrages erntete der Minister anhaltenden stürmischen Beifall. Der König drückte Dr. Stresemann die Hand.