Zul-aer /lnzeiger
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Nr. 169 —1927
Fulda, Freitag, 22. Juli
4. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Der ReichSbauernbund Österreichs erklärt in einem Auf- -ruf daß er im Wiederholungsfälle der Unruhen bereit ist, Hab und Gut mit allen Mitteln zu schützen.
* In Rumänien hat nach der feierlichen Eidesleistung des Negenüchaftsratcs der Sohn des Prinzen Carol als König Michael I. den Thron bestiegen.
" Chinesische Seeräuber überfielen einen norwegischen Dampfer und raubten 20 000 Dollar.
j FrMkreichs Kindemoi.
Wir Deutschen haben immer mit einem leicht spöttischen Lächeln auf die französischen Bemühungen Herab- gesehen, die schwindende Volkskraft dieses Landes durch allerlei Mittel und Mittelchen zu stärken. Es war ja auch bedenklich, daß sich dort seit 1870 die Bevölkerung nicht oder nur ganz unwesentlich vermehrte, ■ während Deutschlands Volkszahl wuchs und immer weiter wuchs, 1914 schon fast doppelt, soviel zählte als Frankreich. Wir lächelten über das Mittel der Prämiierung K zahlreichen Kindernachwuchses, ohne leider zu ahnen, daß I auch wir einmal in die gleiche Verlegenheit kommen könnten.
'Der Krieg hat ja furchtbar aufgeräumt r nter Frankreichs Jugend: verhältnismäßig wohl noch mehr als Deutschland hat dieses Land gelitten, das immer wieder Hekatomben seiner Söhne geopfert hat, so daß einem seiner Armeeführer der Beiname „Blut- säufer" gegeben wurde. Gewiß ist durch die Eroberung Elsaß-Lothringens dieser Verlust zahlenmäßig ausgeglichen worden, aber nicht trat in Frankreich ein, was auch nach früheren Kriegen und in allen anderen Ländern vor sich ging: ein .Hinaufschwellen der jährlichen Geburtenziffer, sozusagen eine verstärkte Reaktion der Polkskraft gegen die vorhergehenden schweren Verluste. Stärker noch af-' früher macht sich die französische Sinnesart geltend, M recht schnell und in ausreichendem Maße soviel Geld zu L^ucrdieneu, um eiß Lt.qMiuxH MmnczKHjcin zu
W führen. Und allzu viele Kinder „stören" dabei, verzögern den Übergang in dieses Rentuerdascin. Das französische M Zweikindershstem eirtspringt privategöistischen Gründen, i keineswegs wirtschaftlicher Rot.
Zu den bisher angewandten teils finanziellen, teils sonstigen Mitteln, in Frankreich den Nachwuchs zu begünstigen, hat man jetzt neue in Vorschlag gebracht. Man braucht ja Soldaten für den riesenhaften „Vertcidiguugs"plan vom Meer bis Belfort, den man schaffen will. In allzu starkem Kontrast zu den gewaltigen militärischen Anstrengungen, die Frankreich macht, um seine Hegemonie in Europa auf- rechtzuerhalten, steht die schwindende Volkskraft. Und — die ttolouialsoldatcn sollen doch schließlich nicht alles allein leisten! Da hat man, um Ehchindernisse zu beseitigen, mehrere Gesetzesbestimmungen abgeschafft, wonach die Eheschließung Minderjähriger an die eiter« liche Zustimmung geknüpft war. Und die „Rationale Vereinigung für die französische Volksvermehrung" propagiert eifrigst die Schaffung eines — Kinder st imm- *echts. Allerdings soll dies derartig ausgcübt werden, daß die Stimmen der Kinder denen der Eltern zuzu- rcchnen sind und von diesen abgegeben werden sollen. Denn, so argumentiert man, der neue Mobilisierungs- Plan für den Kriegsfall erfasse ja auch die Kinder bis weit
■ unter dem stimmfähigen Alter und Kriegsdienst ziehe Stimmrecht nach sich, ein Satz, der ja auch in Deutschland während des Weltkrieges vielfach ausgestellt wurde.
Es mag uns gleichgültig sein, wie sich die Durch- lührung eines solchen Vorschlages politisch auswirken würde — hier interessiert nur, daß er doch zu allererst ans Gründen der Volksvermehrung gemacht wurde. An und für sich ist ja der Gedanke eines Familienstimmrechts wcoreiisch gar nicht so töricht und ist bei den Beratungen über ein Piuralwahlrecht auch in Deutschland vorgebracht Morden von jenen Kreisen, die in der Familie d i e -lel le des Staates erblicken. Aber ob sich die fran« 'onsche Elternschaft nun dadurch bewogen fühlen soll, für cur ."»steigen der Geburtenziffer zu sorgen, nur aus dem Grunde, um dann ein mehrfaches Stimmrecht zu erhalten, dar, man doch wohl etwas bezweifeln. Sehr viel realere -Bevorzugungen und Unterstützungen sind ergebnislos ver- ’unt Richt äußere Mittel, sondern nur eine innere Umstellung können hier etwas erreichen.
Die Genfer Geenbrüstungskonferen;.
Abbruch oder nicht?
3n England betont man, daß ein Abbruch der Ber-, wnbhmgen der Genfer SecabrUstungSkonferenz gar nicht s ,’;W komme. Im Gegenteil hätten die gegenseitigen . »ugcsiäudnisse zu einer Art Ausgleichsentwurf geführt, »er gegenwärtig von den Bereinigten Staaten geprüft werde. Der Grund der Zurückberufung der bruischen Vertreter sei, daß Baldwin die Einzelheiten dieses Kompromisses vor seiner Abreise nach Kanada zu erfahren' wünsche.
^n amerikanischen Blättern aber ist man nicht ganz o ‘^lf'pnigsvott gestimmt. Die Lage in Genf, deren Schwierigkeit durch die Abreise der britischen Delegation
^E, veranlaßt in Washington täglich lange ^brcchungen, die dem Ausgleich der Meinungsverschie- deuh-ucn innerhalb der einzelnen Ressorts dienen. Wah- ^ ad das Staatsdepartement eine Einigung mit England erstrebt, besteht das Marineamt auf der Freiheit in der rage des Kreuzertyps und der Kanoncnkalil»er inner- 4,011 ver Gesamltonnag«. Eine bestimmte Erklärung
Der rumänische Thronwechsel.
König Michael I. von Rvmönien.
Der letzte Wille König Ferdinands.
Der Thronwechsel in Rumänien hat sich nach allem, was man erfahren konnte, ruhig und reibungslos vollzogen. Bon der befürchteten carolistischen Bewegung ist nichts zu verspüren. Prinz Carol, der ehemalige Kronprinz, der in Paris lebt und, wie es scheint, dort auch zu verbleiben gedenkt, hat bisher einen ziemlich passiven Standpunkt eingenommen und keinerlei Neigung gezeigt, zu einem treibenden Faktor irgendeiner Bewegung zu werden. Ob aber andere in seinem Interesse etwas beginnen werden, kann man noch nicht wissen. Das Kabinett B r a t i a n u ist auch weiterhin Herr der Lage
Der junge König Michael I.
und eö herrscht im ganzen Lande Ruhe. Trotzdem befinden sich sämtliche (Garnisonen in Alarmbereitschaft.
Die Vereidigung der drei Mitglieder des Regentschaftsrates fand in Bukarest in feierlicher Weise vor der Nationalversammlung statt. Sämtliche Mitglieder des Abgeordnetenhauses und des Serras mamt in tiefer Trauer erschienen und eine zahlreiche Zuschauermenge wohnte auf den Galerien der Zeremonie bei. Das Diplomatische Korps war vollzählig erschienen.
wird erst nach der Rückkehr der britischen Delegation er» wartet. Einige Blätter raten, lieber abznbrechen als England nachzugeben, während andere für eine Verständigung eintreten. Schließlich muß uoch bemerkt werden, daß man auch in T o k i 0 nicht restlos zufrieden ist. Man stimmt zwar im allgemein»» dem vorläufigen englisch- japanischen Kompromiß zu, erachtet aber die vorgeschla- gcnc Gcsamtzisfcr noch immer als zu hoch.
^uhe in Wien>^
Ein Aufruf der österreichischen Bauernschaft^^
' Sie Stimmung in Wien beruhigt sich weiter. DieWiener Polizetdirektion hat dem Stadtkommaudo zur Kenntnis gebracht, daß die Situation die weitere Gestellring von militärischdr Unterstützung entbehrlich macht. Der Polizeipräsident hat einen Tagesbefehl erlassen, worin er der Polizeibeamten gedenkt, die bei den Ereignissen vom 15. und 16. Juli den Tod gefunden haben oder verletzt worden sind. Die Bundesregierung habe ihm aus diesem Anlaß ihr Bedauern über die Opfer zum Ausdrrrck gebracht und der Wiener Polizei Dank und Anerkennung für ihr maßvolles und opferwilliges Verhalten ausgesprochen. Ungeachtet aller gegen die Sicherheitswache meist aus Verkennung des wahren Sachverhalts erhobenen Angriffe spreche er allen in diesen Tagen im Dienst gewesenen Polizeibcamten für ihre bewiesene Treue den Tank aus. In dem Tagesbefehl heißt es, daß vier Polizeibeamte den Tod fanden, 58 schwer, darunter einige lebensgefährlich, 202 noch unbestimmbaren Grades und 163 leicht verletzt wurden. -
Der Vorstand des Rcichsbauernbundcs Österreichs war in Wien zur Beratung über die letzten Ereignisse versammelt. Er nahm eine Enlschließung an, in welcher es u. a. heißt: Die letzten SchreckcnStagc haben deutlich bewiesen, daß die Frage Wien keine Wiener oder österreichische Frage allein, sondern ein internationales Problem geworden ist. Der ReichSbauern- bund weiß sich mit dem überwiegenden, besonnenen Teil der österreichischen Bauernschaft eins, daß nur Ruhe und Frieden ein Gedeihen der Wirtschaft crmüglidjen und Österreich aufrichten kann. Er ruft daher alle Bauern Österreichs auf, Ruhe und Besonnenheit zu bewahren. Sollten sich durch weitere Reitereien neuerdings Gefahren zeigen, dann mag die Regierung sicher sein, daß die österreichische Bauernschaft sich bereit hält, zusammen mit den Stchrrheitsorganen die friedliche Arbeit, H a - u n b G « t der Bürger und unsere Heimat mit allen Mitteln 311 schütze n. Die Vertraucusmänncr der Tiroler Bauernschaft hatten in einer Versammlung anläßlich der Ereignisse in Wien auch die Berlcqung der Bundes
„Es lebe der König!*
Unter atemloser Spannung und Stille der Versammlung verkündete der Präsident des Parlaments, daß der König nahe. Aller Augen maubten sich dem Eingang des Hauses zu, dnrch den der fünfjährige Knabe, der in schwerer Stunde Rumäniens Königsthron besteigt, ein- treten sollte.
Bon seiner Mutter, der ehcverlassencn Gattin des Prinzen Karel, geleitet, erschien König Michael I. und nahn: unter brausenden Hochrufen der Versammlung seinen Platz auf dem Thronsitzc ein. Hinter ihm schritten die drei Mitglieder des Regentschaftsrates, Prinz Nikolaus, der Patriarch Christes und der Präsident des Obersten Gerichtshofes, BudIdupa» sowie die Kam- mcrhcrreu m;b Hofdamen. Darauf begannen die Ver- cidigungszereinonien. Als erster küsste Prinz Nikolaus das Kreuz und bi? Bibel und leistete mit lauter Stimme den Gib der Treue zu König Michael und der Verfassung. Die anderen folgten. Als die Eidesleistung vorüber war, erhob sich der Seuatsprâfident und rief: „Es lebe der König Michael I.!", worauf der kleine König vertrat und die Versammlung militärisch grüßte. Tas Snnze Haus brach in endlose Hurrarufe aus. Die KöttiginwitweMa ria, die infolge des Todes ihres Gatten einen Nervenzusammenbruch erlitten hat, wohnte der Feierlichkeit nicht bei.
Die Armee wurde auf König Michael vereidigt. 'Dem Prinzen Carol wurde von der Regierung mitgeteilt, daß der étaat fest entschlossen sei, den im Januar 1926 gefaßten Beschluß über die Thronfolge zu beachten. Bis znr Beisetzung des verstorbenen Königs, dessen Leichnam einbalsamiert wurde, wird das Parlament keine neuen Sitzungen luehr abhalten Dem Herkommen entsprechend, hatte Bratianu dem Regentschaftsrat das Rücktrittsgesuch des Kabinetts überreicht; es wurde jedoch nicht angenommen. .
TestamenLseföffrrung in Ginaia.
In Sinaia wurde in Gegenwart der Königin Maria und der königlichen FamUie das Testament König Ferdinands zusammen mit einem an dem Ministerpräsidenten gerichteten Brief veröffentlicht. In diesem Brief bekräftigt König Ferdinand von neuem seinen Wunsch, daß die verfassungsmäßige Regelung der Thronsolgefrage in vollem Umfange geachtet werde. Dieser Wunsch ist durch die Einsetzung des Rcgcntschaftsrates, die Eidesleistung und die Zustimmungserklärung aller Parteien erfüllt worden. Zum Begräbnis des Königs wird aus Deutschland Prinz Wilhelm von Hohen- zollern, der Bruder König Ferdinands, erwartet
regierung in eine andere Stadt grsorverr, um oic Unabhängigkeit der Regierung zu sicher«.
Wie die „Reue Prcie Presse" erfährt, wird gegen bett hier verhafteten kommunistischen preußischen L^andtags- abgeorbneten Pieck ein strafrechtliches Untersuchungs- Verfahren eingeleiict werden, da er verdächtig ist. an ber Agitation zur Veranstaltung neuer Unruhen teilgcnom- men au haben.
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Die sozialdemokratische „Volkszeitung" in Firnsbruck meldet, daß auf den sozialdemokratischen Tiroler Land- tagsabgcordnetcn Brunner in Buch bei Schwaben mehrere Gewehrschüsse abgegeben seien. D:e Täter seien bereits verhaftet worden.
Cm norwegischer Dampfer überfallen.'
Chinesische Piraten rauben 20 000 D 0 llar.z
Der norwegische Dampfer „Solviken", ber am 19.1 b. MtS. Hongkong mit dem Ziele Saigon verlassen hatte, wurde von Seeräubern, die sich nnter die Passagiere vou Hongkong gcnrischt hatten, überfallen. Sie überrumpelte« die Offiziere und verwundeten den Kapitän Rickard Gcntoft schwer. Der zweite Offizier Johnson r a n g m i t zwei Seeräubern, wurde jedoch überwältigt und erschossen. Der Führer der Bande, bet fließend englisch sprach, gab d:u ersten Offizier den Befehl, nach der PiaS- bucht zu steuern, wobei er drohte, alle weißen Offiziere zu töten, wenn seinen Anweisungen nicht Folge geleistet werde. Zwei Schaluppen legten längs des Schisses an und übernahmen zwei Kästen mit Goldbarren im Werte von 20 000 Dollar und das Passagiergepäck.
Den eingeborenen Schiffsagenten, sechs chinesische- Passagiere und einen Knaben führten sie mit fort. Darauf ergriffen die Seeräuber mit Hilfe von zwei Schiffsdootcn die Flucht. Bei ihrem Fortgang erklärten sie: Ihr könnt hen anderen sagen, daß sie uns ihre Flugzeuge schiüeu- aber sie werden uns nicht sinden.
poliiische irrrnKschau. veutscheg ZRetcb
Abschluß des deutsch belgischen Notenwechsels. M " . r
Der Notenwechsel mit Delgien wegen oer Senalsrede des belgischen Kriegsministers b e B r 0 q u v i 1 l c ist von Deutschland geschlossen worden. Belgien hatte feine Vorwürfe wegen vertragswidriger Zustände bet der Reichs- ivepr mirberhnit, ohne auf die Widerlegung in der vorher