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Nr. 179 —1927
Fulda, Mittwoch, 3. August
4. Jahrgang
Der Fehlschlag von Genf.
Reue Rüstungen in Aussicht.
England will keine Einschränkung.
Die mit so vielen schönen Worten ins Leben gerufene Genfer Konferenz zur angeblichen Beschränkung der S e e r ü st u n g e n nimmt einen kläglichen Ausgang. Die Verhandlungen zwischen England, den Vereinigten Staaten unb Japan haben auch nicht das geringste tatsächliche Resultat gebracht — man wird nach Hause gehen mit dem allerseits gefaßten stillen Vorsatz, nun erst recht neue schwimmende Festungen zu bauen.
Niemand zweifelt mehr daran, daß die Genfer Abrüstungskonferenz vollständig gescheitert ist. Zwar gibt das Generalsekretariat der Marinekonferenz offiziell bekannt, daß die Vollsitzung der Konferenz aus Donnerstag, den 4. August, festgesetzt worden ist, aber diese Bekanntgabe wird eben als amtliches Eingeständnis der Erfolglosigkeit angesehen. Japan, das die Vermittlerrolle zwischen den widerstreitenden Interessen Amerikas und Englands spielen sollte, erklärte, eine Vermittlung sei unmöglich gewesen. Und wie der „Chicago Tribune" aus Genf gemeldet wird, soll der Vorsitzende der amerikanischen Delegation der Dreimächteseeabrüstungskonferenz unmittelbar aus Washington die Weisung erhalten haben, sich von dieser Konferenz unverzüglich zurückzuziehen.
Wie ferner aus Newyork berichtet wird, habe der amerikanische Präsident Coolidge mittlerweile erklären lassen, daß er eine Vertagung der Seeabrüstungskonferenz auf unbestimmte Zeit einem offenen Zusammenbruch der Konferenz in der Plenarsitzung am Donnerstag vorziehen würde, und hatte entsprechende Anweisungen nach Genf gehen lassen. Die britische Botschaft in Washington dementiert die Nachricht, daß England beabsichtige, noch mit anderes Mal neue Vorschläge zur Beilegung der bestehenden Schwierigkeiten zu machen. Wenn nicht im letzten Augenblick etwas Unerwartetes eintritt, so hat man unter diesen Umständen den bestimmten Eindruck, daß die Vollsitzung am Donnerstag die letzte sein wird.
’ Amerikanische Kritik an England.
In einem viel beachteten Artikel weist die „Washington Post" darauf hin, daß Großbritannien, bevor es begonnen habe, feine Kriegsschuld an Amerika zu tilgen, da- mit angefangen habe, die stärkste Flotte der Welt zu bauen, und fährt fort: Wenn Genf nichts weiter getan hat, dann hat es doch wenigstens Großbritannien gezeigt, wo es Geld sparen konnte, nämlich, indem es unnötige Kreuzer beseitigen und Neubauten einstellen würde. Amerikaner, die für die Annullierung der Kriegsschulden waren, können sich mit dem Gedanken trösten, daß Großbritanniens Schuldenzahlungen an Amerika immerhin die Vergrößerung seiner Kriegsflotte nicht stören.
Es ist unbekannt, ob der Besuch, den der britische Botschafter Howard dem Staatssekretär Kellogg abstattete mit diesem Artikel in Zusammenhang steht.
i Lloyd George redet wieder.
Der „große Mann" Englands aus dem Kriege, der so trefflich für fortschrittliche Ideen zu schwärmen weiß und ruhigen Herzens den Vertrag von Versailles mitzu- schaffen sich bemühte, sagte in einer Rede zu Cambridge, daß es die größte Katastrophe für die Welt bedeuten würde, wenn der Fehlschlag der Genfer Konferenz zu einem Schiffbauwettbewerb zwischen den beiden größten Nationen der Welt führen würde. Im Augenblick lasse sich noch kaum übersehen, was geschehen würde, wenn es nicht gelänge, sich mit den Vereinigten Staaten über ein Schikf- ; bayprogramm zu einigen. Er hoffe jedoch aufrichtig, daß es nicht zu einer Rivalität kommen werde, die M einer k Entfremdung der beiden größten Nationen führen'würde. ' Von Amerika und England hänge der Frieden der Welt ab.
Daß der „Frieden der Welt" nach britischer und anscheinend auch nach Llohd Georges Ansicht gleichbedeutend ist mit dem uneingeschränkten nutzbaren Machtbedürfnis Englands, erwähnte der Redner nicht.
Letzter Versuch Japans.
Die Führer der japanischen Delegation versuchen, die Genfer Konferenz noch im letzten Augenblick zu retten. Sie haben den Amerikanern und den Engländern neue Vorschläge und Anregungen unterbreitet Infolge dieses Schrittes finden ununterbrochen Verhandlungen zwischen den Japanern und Amerikanern einerseits und den Japanern und Engländern andererseits statt. Über den Inhalt der neuen Vorschläge wird vorläufig strengstes Stillschweigen gewahrt.
1 Ran traut einander nicht...
Wir haben es ja in den letzten Wochen oft genug zu «puren bekommen, mit welch emsigen Fleiße man daraus achtet, daß die deutsche Abrüstung bis zur letzten La- Htte und bis zum letzten Koppelschloß durchgeführt ist und durchgefuhrt bleibt. Um so stärker wirkt es, daß man in Genf sich über die Seeabrüstung wieder einMal nicht hat einigen können. Wochenlang haben England und die e r e i n i g t e n Staat en verhandelt, wochenlang gim R™ die Vorschläge, die Anregungen, die Vermittlungs- versuche bin und her, bis jetzt endlich Ja Pan, das dabei
in allererster Linie versuchte, einen Ausgleich herzustellen, dem englischen Delegierten erklären ließ, daß alle Vermittlungsversuche als gescheitert zu betrachten seien. Infolgedessen wird die Konferenz ergebnislos auseinandergehen.
Die Anregung zu dieser und den früheren, ebenso ergebnislos gebliebenen Abrüstungskonferenzen ging immer vom amerikanischen Präsidenten aus. Man muß das auch innenpolitisch betrachten, weil der amerikanische Präsident sehr gern in den Wahlkampf hineingegangen wäre mit dem Ruhm, das Wettrüsten der Welt gehemmt oder gar in eine rückläufige Bewegung versetzt zu haben. Natürlich hat dies nicht bloß einen moralischen, sondern vor allem einen finanziellen Hintergrund. Die Vereinigten Staaten als Gläubiger haben das größte Interesse daran, daß die ehemaligen Alliierten ihre in Amerika gemachten Schulden auch bezahlen. England ist dazu imstande, aber Frankreich, das ja die größte Armee unterhält, hat immer noch kein Übereinkommen mit Amerika zwecks Regelung und Tilgung seiner Schulden getroffen. Daß Japan größtes Interesse zum mindesten an einer Einschränkung der See- rüstung hat, ergibt sich schon aus der schwierigen finanziellen Lage, in der sich dieses Land befindet. Andererseits ist England immer noch das Weltreich mit dem ausgebreiteten Kolonialbesitz, hat also zahllose verwundbare Stellen, die besonders durch eine möglichst große Kreuzerflottille geschützt werden sollen.
Zwischen England, Amerika, Frankreich, Italien und Japan war der Rauminhalt für Großkampfschiffe beschränkt worden; ein Schiff sollte nicht mehr als 35 000 Tonnen Rauminhalt besitzen. Entscheidend war, daß für Kreuzer keine Baubeschränkung vorgesehen war oder vielmehr nur die eine, daß keine Kreuzer über 10 000 Tonnen gebaut werden sollten. Das hat England ausgenützt, indem es nun einfach eine große Anzahl kleiner Kreuzer baute. Darin hat es Amerika gegenüber einen ganz gewaltigen Vorsprung erlangt und die Vereinigten Staaten müßten ein großes Bauprogramm aufstellen, um zur See ebenso gerüstet zu sein ivie England.
Denn man traut einander nicht und der Geist des Mißtrauens, hat auch. jW^Mtzer in ^Hjöjü. -Man hat in Washington sehr bald erkannt, daß bei Durchführung eines englischen Kompromißvorschlages gerade das Gegenteil der ursprünglichen Absicht erreicht wird, nämlich nicht die Abrüstung, sondern die Notwendigkeit für Amerika, den englischen Vorsprung im Bau von Kreuzern wieder einzuholen, also eine sehr ausgedehnte Aufrüstung stattznfinden hätte. Und bezeichnenderweise gibt es in England keine einzige Partei, die sich nicht hinter den ablehnenden Standpunkt der Regierung stellt; man nimmt deswegen auch kaltblütig den Vorwurf auf sich, die Frage der Abrüstung wieder einmal auf die lange Bank geschoben zu haben, ehe man darin einwilligt, die englische Seerüstung nicht so vollständig zu machen und zu erhalten, als die Weltinteressen Englands dies in den Augen aller Engländer zu verlangen scheinen. Es ist mehr als ein zufälliges Zusammentreffen, daß gerade jetzt, da die Konferenz in Genf dem Ende entgegengeht, über London die großen Flugzeugmanöver veranstaltet tourben, die angeblich bewiesen, daß die Hauptstadt des englischen Reiches und damit England selbst nicht im entferntesten gegen einen feindlichen Angriff gesichert sei.
Das Wettrüsten wird also in vielleicht noch verschärfter Form fortgesetzt werden. Nur wissen wir aus den Erfahrungen bei Ausbruch des Weltkrieges, daß das Sprichwort: „Wenn du den Frieden haben willst, so rüste dich zum Kriege!" an Wahrheit recht viel eingebüßt hat. Langsam wächst der englischen Weltmacht als Konkurrent die gewaltige Wirtschaftsmacht der Vereinigten Staaten heran und die Konfliktsstoffe häufen sich. Gerade in b0H letzten Tagen kam in der Ölfrage ein solcher Zwist wieder besonders kraß zum Ausbruch und selbst kleine Ursachen haben in der Politik der Geschichte häufig unerwartet große Wirkungen ausgelöst.
Schon wirft man sich gegenseitig übelwollen und Mißtrauen vor. Und ausgerechnet eine englische liberale Zeitung ist es, die von italienischen Absichten spricht, an strategisch wichtigen Stellen des Mittel- meeres Flottenstationen zu errichten; erwähnt wird dabei auch eine solche auf einer der türkischen Klein- asienküste vorgelagerten Insel, wo sich die Italiener schon 1911 festgesetzt haben. So verdämmert wieder der Traum der Abrüstung und wir Deutsche, die man zwangsweise abgerüstet hat, stehen allein im Kreise schwer bewaffneter Staaten, die hinter ihre Forderungen jederzeit die Gewalt zu setzen vermögen.
Die neue Meichsamnestie.
Jni Reichsjuftizministerium wird ein A m » e st re- gesetzentwurf sertiggestellt, der dem Reichstag in seiner Septembertagung zur Erledigung vorgelegt werden soll. Auf Grund des neuen Gesetzes soll eine große Zahl politischer Gefangener, darunter auch solche, die zu langjährige» Zuchthausstrafen verurteilt worden sind, begnadigt werden.
Der Reichstag hatte am 3. Juli einen Antrag angenommen, in dem der Reichsregierung der Erlaß einer Amnestie anläßlich des 80. Geburtstages des Reichspräsidenten nahegelegt wird. Da bem Reichspräsidenten das Begnadigungsrecht nur gegenüber den vom Reichsgericht Verurteilten zusteht, das Begnadigungsrecht im übrigen aber den Landesregierungen Vorbehalten ist, wird zur einheitlichen Durchführung einer größeren Begnadigungsaktion immer der Erlaß eines Reiâisaesetzes notwendia.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Anläßlich des 80. Geburtstages des Reichspräsidenten soll eine Reichsamnestie erlassen werden.
* Im Dorfe Liedolsheim bei Karlsruhe brach infolge Blitzschlags eine Feuersbrunst aus, die einen großen Teil des Ortes in Asche legte.
* Die Seeabrüstungskonferenz in Gens wird als ergebnislos angesehen, obwohl Japan noch im letzten Augenblick Vermittlungsversuche machen soll.
* Mussolini erklärte im italienischen Ministerrat, daß Italien sich nach wie vor einem Anschluß Österreichs an Deutschland widersetzen würde.
Rumäniens Thronanwärter Carol.
Prinz Carol von Rumänien, der älteste Sohn des verstorbenen Königs Ferdinand, hat jetzt seine Verzichtleistung auf die Krone zurückgezogen und.seinen Thronanspruch erneuert. Unser Bild zeigt den Prinzen in rumänischer Jägeruniform. Aus Rumänien verlautet aus
offiziellen Regierungskreisen, -daß dort die Thronfolgefrage als endgültig gelöst betrackstet wird und niemand daran denke, einen Appell an den Prinzen zu richten. Was in diesem Augenblick diè rumänische Öffentlichkeit beschäftige, seien die Fragen, die Mit der endgültigen Konsolidierung des Landes in jeder Beziehung zusammenhängen.
Die beuMfranzösiWkll Wirtstzasts- Verhandlungen.
O p t i m i st i s ch e Auffassung in Frankreich.
Bis vor kurzem hatte die Pariser Presse die Schuld an dem schleppenden Verlauf der deutsch-französischen Wirtschaftsverhandlungen Deutschland in die Schuhe zu schieben gesucht und täglich fast das Gespenst des Abbruches der Verhandlungen an die Wand gemalt. Nun aber melden die Pariser Blätter, daß sich eine A n - g le i ch u n g zwischen den beiderseitigen Auffassungen anbahne, und daß auch der Handelsminister Ä 0 k a n 0 w s ki sich über den Verlauf der Wirt-- schastsverhandlungen optimistisch geäußert habe.
Das „Journal" glaubt sogar mitteilen zu können, das? durch gegeneitige Zugeständnisse der beiden Delegationen die Unterzeichnung des Handelsprovisoriums unmittelbar bevorstehe, und daß die Geltungsdauer des Abkommens bis zum 31. Dezember dieses Jahres festgesetzt werben werde.
Festz »stehen scheint, daß man auch auf der Seite der deutschen Delegation der Auffassung ist, daß zum Ende dieser Woche eine Entscheidung herbeigeführt werden wird.
Mussolini über die AnWußfrage.
Italien setzt die Steuern herab.
Mussolini wies im letzten italienischen Ministerrat
L ^^ ’ $ cms dem Gebiet der internationalen P olitik in den letzten Wochen nichts ereignet habe, woran .^tarier: besonders interessiert gewesen wäre.
di- V ornä ng e , n Wien angehe, so habe die rtaliemsche Regierung nie daran gedacht, sich in die inneren Angelegenheiten der Österreichischen Republik elnzunlischen. Anläßlich der Wiener Revolte seien aber wieder die alten Thesen von der Donauföderation und von der Bereinigung mit Deutschland aufge-
2 f^f. klar, daß keine dieser Lösungen mit den Frieden».'vertragen vereinbar sei, und das? vor allem der Anschlup die politische Karte Europas verschieben würde. Italien ändere daher seine Haltung nicht.
Im weiteren Verlauf des Ministerrates wurde ein Gesetzentwurf über Herabsetzung der Steuern angenom-' men. Der Betrag der Herabsetzungen soll 1 135 000 000 Are erreichen. Herabgesetzt werden vor allem auch die P 0 st - u n b Eisenbahngebühren.
Zur Aindenburg-Spende.
Deutsche! Erfüllt Eure Pflicht, liebt Euer Vaterland wie unser treuer Hindenburg!
Geheimrat D uis b e r g.