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Zul-aer Anzeiger

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Fulda, Montag, 31. Oktober

4. Jahrgang

Mussolinis Vorstoß gegen Tanger

Italien will Marokko

Frankreich i n E n 1 r ü ft u n g.

Das

Die letzte Unternehmung des die italienischen 4.2)241 Entschlüsse beherrschenden Mannes, der Ellropa schon so manche Überraschung bereitet hat, stellt die Regierungen der großen Mächte vor eine neue Frage. Italien hat eine Flottendemonstration vor Tanger veranstaltet. Der Prinz von Udine erschien an der Spitze eines Kriegsmarine- geschwaders im Hafen von Tanger. Beim Eintreffen der Schiffe, des KreuzersBari" und der Torpedvbootszer- störerManin" undSauro", wurde der Prinz von dem italienischen Gesandten Bastianini, dem italienischen Kon-

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sul und der Kolonie empfangen. Später fand ein Diner mit dem gesamten Diplomatischen Korps, demMendub", Dem Stellvertreter des Sultans von Marokko, sowie den marokkanischen Behörden statt.

Mussolini hat angeblich zum Protest gegen die fran­zösisch-spanischen Tangerverhandlnngen und gegen das von Italien nicht anerkannte Tangerstatut zur Erhärtung »er italienischen Ansprüche in Marokko den Prinzen von lidine gesendet.

Prinz Ferdinand von Savoyen, Fürst von Udine, ist der Sohn des Herzogs von Genua. Seine Mutter war eine bayerische Prinzessin. Seine Schwester, Prinzessin Sona von Savoyen-Genua, heiratete 1921 den Prinzen Äonrad von Bayern, Sohn des Feldmarschalls Prisiz Leo­pold. Der Fürst von Udine ist Kapitän in der italienischen Marine und steht im 43. Lebensjahr.

Italienische Erklärungen.

Ein in Tanger tätiger italienischer Journalist über- Melte einigen großen Blättern des Auslandes, Äfonbcre der LondonerTimes", offenbar in direktem I ober in indirektem Auftrage der italienischen Regierung I ® längere Erklärung, in der es heißt:

Die Lage Italiens, dessen Bevölkerung jährlich um halbe Million zunimmt, erfordert die größe Aufmerk- ' ;M der italienischen Regie,ruW-bei Jdex Ände-rnng, I â die Küste des Mittelmeeres in irgendeiner Weise be- hifff, besonders dann, wenn eine solche Änderung sich un- ' mittelbar vor seinen Toren abspielt, luie das in Tanger der Fall ist. Die italienische Regierung hat daher den internationalen Zustand Tangers niemals anerkannt. Der Besuch einer italienischen Marinedivision soll eine Erinne- onig daran sein, daß Italien seine Politik der Nichtaner- leniutiig fortsetzt und k e ine Abmachung, die ohne seine Einwilligung zustande gekommen ist, anerkennen üürb. Eine Zusammenarbeit kann n u r auf Grund von llitterhaltüngen oder Konferenzen erfolgen, auf denen Ita­lien mit den anderen Mächten gleichberechtigt ist."

England schweigt, Frankreich in Erregung.

Während die englische n Zeitnngeü sich offenbar m einer nicht zufälligen Übereinstimmung zunächst von stner Kritik zurückhielten, gingen in Frankreich die Wogen der Erregung hoch, da man die italienische Künd­igung als direkt gegen die französischen Interessen ge= Wet auffaßte.

Im französischen Auswärtigen Amt blieb man zwar 'uhig, versuchte auch in gteicheln Sinne auf die Presse ein- Muirken, doch liest sich das peinliche Erstaunen nicht ganz ^heimlichen. Die Pariser Linkspresse erklärt, daß die Mienische Demonstration den gleichen Charakter habe wie sk'nerzcit der Tangerbesuch des Deutschen Kaisers.Diese "aüenischc Flottenkundgebung," sagt derPopulairè", eine der unfreundlichsten Handlungen gegen Frank­sch, die Mussolini bisher begangen hat. Sie soll dazu - 0'tncn, daraus aufmerksam 311 machen, daß Italien immer «°ch nicht mit dem internationalen Tangerstatut einver- mden ist." DerPetit Parisien" sagt, die italienischen t Nern in Tanger hätten einen eindeutig faschistischen Cha- gehabt. Nicht nur habe der Prinz von Udine die W'nfsrm eines Generals der italienischen Miliz getragen, Iwrit auch die meisten offiziellen Persönlichkeiten seien 131 «chwarzhemd erschienen.

f In Regierungskreisen betont man, baff; diese Kund- ungeu, die peinlich an gewisse Demonstrationen vor M Kriege erinnern,eigentlich gar keinen Sinn" haben.

.Anfang an sei beabsichtigt gewesen, die italienische Merung bei der endgültigen Regelung der Verhältnisse "äusser zu beteiligen. Die französisch-spanischen Ver- ^idlungen seien im Einverständnis mit Rom als erster üüt gedacht gewesen.

*

Mussolinis faschistische Botschaft.

d»^°s^ offizielle Mitteilungsblatt der Faschistischen Partei bin: die folgende Botschaft Mussolinis anläßlich des

^7 Jahrestages der faschistischen Revolution. Es heißt hös'»"L sünftemnal kehrt der Tag wieder, der unsere Herzen ÄVJ^aflen läßt, der unsere Hoffnungen entflammt und "ufere unfähigen Feinde demütigt. Keine Worte, $Ä Taten, um ihn zu feiern! Eisenbahnen, Straßen, bet nc' ^sstntlichc Gebäude und Anlagen, Wohnungen zeigen W 15CU Welt, wie der Faschismus Italien umformt und btief n!ltc Macht aus allen Gebieten vermehrt. Dieser Rück- ^dii ^""scre zähe Arbeit wäre unvollständig ohne Er- ^aruinA eurer bewaffneten Legionen, die eine feierliche rt sur jeden bedeuten, der die Tollkühnheit besitzen »Düstren Marsch ausznhaltcn. Neue größere An- ^im»^.Seil warten aus uns. Aber das faschistische I krau weicht vor Hindernissen nicht zurück. Es tritt an sie I kerben1» überwindet sie. Die Tatsachen des sechsten Jqbrcs I »cwcisen. Die Werkzeuge der Revolution ^u her«

|M unsere Kräsie zu vcrviüliältiân, die Geister im

Mussolini empfängt die Huldigung feiner Generale bei der Übernahme des Oberkommandos über die Faschistenmiliz.

Kleine Zeitung für eilige £efcr-_

* Im Bildungsausschuß des Reichstages blieb gegenüber den Erklärungen des Reichsinnenmiiüstcrs von Keudell, der ReichsschulgesetzcMwurf sei nicht verfassungsändernd, der Ver­treter der preußischen Regierung bei der gegenteiligen Auf-^ fassung. '

* Die stärkste der französischen Parteien, die Radikalen, sprach sich auf ihrem Parteitag für deutsch-französische An­näherung aus.

* Im Kanal herrschte ein schwerer Sturm, der mehrere Schiffe in Seenot brachte.

* Italien hat eine Flottenkuttdgebung vor Tanger veran­staltet, um seinen Ansprüchen in Marokko Nachdruck zu geben.

alle Schlachten zu rüsten, das ist immer noch die Aust gäbe der Führer und der Untergebenen. Hoch die Fahnen und die Gewehre für das faschistische Italien! Der Ruf unseres Glaubens, unseres Sieges muß heute über alle Hori- z 0 ri t e hinausdringcn, damit er laut und in weiter Ferne ver­nommen wird. . *

Italienische Deutschenhetze in Südtirol.

In Bozrn wurden die Sekretariate der beiden deutschen Abgeordneten im römischen Parlament, Dr. Tinzl ynd Baron Sternbach, auf Anordnung der Prä­fektur geschlossen. Die Sekretariate dürfen an keiner an­deren Stelle wieder eröffnet werden. Dadurch ist den Abgeordneten jede politische Tätigkeit unmöglich gemacht und die deutsche Bevölkerung kann mit ihnen zur Ver­tretung ihrer Interessen nicht mehr in Fühlung treten.

Ein neuerPaniher"sprung

Man wäre fast verflicht zu glauben, daß sich ,in der Geschichte alles wiederholt. Vor 16 Jahren wurde die Welt aufgeregt durch den deutschenPauther"spruug von Agadir, der den damaligen englischen Ministerpräsidenten Lloyd George zu Kriegsdrohungen gegen Deutschland ver­anlaßte. Der deutsche Reichskanzler Bethmann-Hollweg glaubte allerdings die im Reichstag geäußerten Befürch­tungen dadurch abbiegen zu können, daß er erklärte, Eng­landführe nur das Schwert im Munde", werde sich aber hüten, loszuschlagen. Und man denkt noch weiter zurück, erinnert sich an die unglückselige Konferenz von Algeciras, als Italien, um ein Wort Bülows zu ge­brauchen, eineExtratour tanzte". Deutschland iss jetzt aus der Marokkofrage ausgeschiedeu, weil der Versailler _ . Ischied. Marokko ist inzwischen

Vertrag Deutschland ausschied. Marokko ist inzwischen von Frankreich und Spanien erobert worden und hat den letzten Rest von Selbständigkeit verloren. Jetzt aber ist es wieder zum M i t t e l pu n k t e i n e s a l l g e m e i n e n europäischen Konfliktes geworden, weil Ita­lien seine Ansprüche änmeldet.

Im Pariser Vertrag hatten sich Frankreich und Spanien über die Austeilung Marokkos verstän­digt, aber eben nur Frankreich und Spanien. Italien als Mittelmeermacht hält jetzt die Stunde für gekommen, ein Wort dabei mitsprechen zu sollen. M a ch t p 0 l i t i f d} gesehen, will es dafür sorgen, daß im Mittelmeer ohne sein Zutun nichts zu geschehen hat. Wieder schweift die Erinnerung zurück; in Tunis hat Frankreich zugegriffen, kurze Zeit, ehe Italien seine Hand auf dieses Land legen wollte, das nur eine geringe Strecke von der Südspitze Italiens' entfernt liegt. Damit schloß sich das nordafrika­nische Frankreich; denn an dem.später erworbenen Tri­polis hat Italien keine r'eäne Freude gehabt.

Aber nicht nur machtpolitksch ist das Vorgehen Italiens zu bewerten, sondern es wird in der amtlichen italienischen Erklärung auch. auf das b c v ö l k e r n n g s'- politische Problem hingewiesen. Mit einem Bein stebt Italien an den Küsten Kleinasiens und hat die Inseln, die es 1911 dort erobert hat, noch immer nicht preis- gegeben. Man weiß, daß es auch seine Augen gerichtet hat auf Syrien, alles, um seinem Überschuß an Be­völkerung Raum zu geben. Ebenso aber wie in iunk' der Franzose sitzt, sitzt er auch in Syrien. Festen H- hat er auch gefaßt in Marokko.Italiens Lage als der aus­gesprochensten Mittelmeermacht mit einer Bevölkerung, die jährlich um eine halbe Million zunimmt, erfordert seitens der italienischen Regierung die sorgfältigste Beachtnng aller Veränderungen, die sich an einem Bor dev Inttel- meeres, wie es Tanger ist, vollziehen würden.

In diesem Satz der Erklärung wird ausdrücklich ver­wiesen auf die bevölkerungspolitischen Gründe, die bei dem italienischen Vorgehen mit spielen. Aber vielleicht ist dunes Vorgehen doch nur indirekt bevölkerungspolitisch zu ver­stehen. Gerüchte 'vollen wissen, daß man biete Geste in

Marokko nur getan hat, um Syrien dafür einzuyanrein. Schon vor längerer Zeit hatte Italien seine Ansprüche auf Marokko angemeldet und Mussolini hat damals eine Ver­einbarung mit Spanien durchgefetzt. Diese Aktion schien: aber zu verpuffen und in Marokko blieb es bei der fran­zösisch-spanischen Herrschaft. So hat man das italienische' Vorgehen, die Flottendemonstration vor Tanger, doch als eine weit besser vorbereitete Aktion anzusehen, als es der deutschePanther"sprung von 1911 gewesen ist. Aber wie damals erscheint es auch heute nicht ausgeschlossen, daß Marokko und die dortigen italienischen Interessen zum Ausia uschobjekt politischer Art werden. Uns Deut­schen hat der damaligePanther"sprung die Vermehrung unseres jetzt verlorenen Kolonialbesitzes eingetragen; auch Italien wird jetzt diese wirklichen oder angemaßlen Ansprüche in Marokko èm Handel wieder hingeben wollen.

Selbstverständlich ist Paris entrüstet. Paris ist immer entrüstet, wenn man an seine marokkanischen Interessen rührt. Auch das kennen wir Deutschen aus Erfahrung und die Firma M a n n e s m a n n ist noch heute K i n d e r s ch r e ck in Frankreich. Es hat un­sagbare Opfer eigenen Geldes und fremden Blutes ge­kostet, um Marokko zu erobern, und um so stärker ist in Frankreich die Erregung, daß ein anderes Land jetzt die. Beute, die so mühsam erjagt war, streitig machen will. Sogar ein linksstehendes Blatt schreibt über die^ italie­nische Flottenkundgebung, sie sei eine der unfreund­lichsten Handlungen gegen Frankreich, die Mussolini bisher begangen habe. Das Verhältnis zwischen den beidenlateinischen Schwestern" ist ja überhaupt ein sehr schlechtes geworden, trotz Waffenbrüderschaft während des Weltkrieges. Die Schüsse, die man über die Grenze wechselt, sind ein äußeres Zeichen dafür.

Und der dritte, der sich dabei die Hände reiben wird, ist England. Es gönnt Frankreich jede Schwierigkeit, die diesem Lande im politischen Mittel­meerkreis erwächst. Es hat einst seine marokkanischen Interessen aufgegeben, um Frankreich aus Ägypten hin­auszubugsieren. Jetzt wird Frankreich vielleicht nur gegen die Hingabe Syriens die italienischen Schiffe vor Tanger entfernen können. Wobei wir Deutschen auf die Völkerbundakte verweisen können, die es verbietet, die Völker wie Schachfiguren zu behandeln.

Die Lage in Rumänien.

wtb. London, 31. Oktober.Westminster Gazette" meldet aus Bukarest, während der letzten 36 Stunden habe die Lage in Rumänien, wenigstens nach außen hin, eine vollständige Aende­rung erfahren Der Geist der Revolution, der das Land in den letzten Wochen erfüllt habe, und sich zu einem Bürgerkrieg zu entwickeln drohte, habe wenigstens zeitweilig einem Geist dès Kompromisses Platz gemacht. Man sei der Ansicht, daß die finanzielle Entschädigung des Prinzen Carol erhöht wer­den wird. ..

Der Miergang derMafalda".

Noch i in m e . w i d e r s p r e ch e u d e M e l d u n g e n.

Die vielfach sich widersprechenden Berichte der Augen­zeugen und andere Personen erlauben noch kein klares Bild der Vorgänge beim Untergang des SchiffesMa­falda", ebensowenig eine Klarstellung der Verlustziffer. Nach den letzten Schätzungen sind 315 Personen u in s Lebe n g e k 0 m m e n. Einige überlebende er­klären, daß das Schiff von einer Explosion auseinander- geriffen worden sei, während andere behaupten, die Mafalda" sei, als das Wasser infolge des Schrauben- wellenbruchs hereinströmtc, nach vier bis fünf Stunden ohne Explosion gesunken. Verschiedene Passagiere er­klären, sie hätten keine Haifische gesehen. Wieder andere erzählen, das; der Kapitän des Schiffes Selbstmord be­gangen habe. Alle Augenzeugen stimmen im Lob des Heldenmutes überein, den die Besatzung der zur Rettung herbeigeeilten Schiffe an den Tag legte. Viele Matrosen derAlhena" sprangen ins Meer, um die unter den Trümmern ringenden, hilferufenden Schiffbrüchigen unter eigener Lebensgefahr zu retten.

Die Schreckensnacht spiegelt sich in den Gesichts­zügen vieler Geretteter wieder. Mehrere Frauen wurden Dor Kummer über den Verlust ihrer Kinder und Ehe­männer w a h n s i n n i g. Einige Passagiere haben nach ihrer Aussage mehrere Stunden schwimmend oder an Trümmerstücken sich festhaltend verbringen müssen, ehe sie gerettet werden konnten. Ein Mann, der seine Frau und sechs Kinder verlor, erzählte, daß ihm ein Kind von einem Haifisch aus den Armen entrissen wurde. Eine Frau erzählte ein ähnliches Erlebnis. Die Überlebenden behaupten, daß dieMafalda" kurz vor der Katastrophe mit großer Geschwindigkeit gefahren sei, um den infolge mehrfachen Maschincndcfckts unterwegs erlittenen Zeit- verlustt einzuholen.