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Zulöaer /lnzeiger

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Nr. 279 1927

Fulda, Montag, 28. November

4. Jahrgang

Umsturz in Litauen?

Litauens Hilferuf nach Genf.

Die Regierung Woldemaras gestürzt.

Nach in Riga eingelaufenen noch nicht bestätigten Mel­dungen soll in Kowno die Regierung Woldemaras durch einen Militäraufstand gestürzt worden sein. Die mili- tiirischen Kräfte in der Provinz hatten vorher dem litaui­schen Ministerpräsidenten Woldemaras ein Ultimatum überreichen lassen, in welchem sein Rücktritt und die Schaffung einer grasten Koalition gefordert wurde. Außer­dem wurde der Rücktritt des Ministerpräsidenten verlangt. Woldemaras soll sich besonders gegen die letzte Bedingung gewehrt haben.

Ferner wird gemeldet, daß den litauischen Emigranten in Wilna, an deren Spitze Pletschkaitis steht, zwei Divi­sionen zur Verfügung stehen, um unter Umständen in Litauen einzurücken.

Wie aus Moskau berichtet wird, hat die Sowjet- regierung noch vor der Überreichung ihrer Mahnnote in Warschau auch bei der Regierung Litauens Vorstellungen erhoben, bei denen sie die Notwendigkeit betonte, alle Schritte zu vermeiden, die eine Verschärfung des den Frieden Osteuropas bedrohenden polnisch-litauischen Kon­flikts herbeiführen könnten.

In politischen Kreisen Londons hosst man, daß die polnische wie die litauische Negierung mit größter Zurück- baltung verfahren und daß sie sich aller provokatorischen Handlungen enthalten werden angesichts der Tatsache, daß der Streit in der kommenden Woche vor den Völkerbund- rat gebracht wird. Die Lage wird in London nicht für drohend gehalten, indessen ist man sich bewußt, daß sie es werden könnte.

M-ivere Bedrängnis Litauens

Die Zustände in dem einen Angriff Polens erwarten­de« Litauen sind äußerst gefahrdrohend. Der litauische ÄlHsterprâsidcnt, Wotdcmaras, hat ein ausführliches Schreibe» an den Generalsekretär des Völkerbundes in Genf gerichtet, worin er davon Mitteilung macht, daß die polnische Regierung einen erbitterten Prcssèfeldzug gegen die litauische Regierung entfesselt habe. Das Schreibe» dürfte als neues Material zur Unterstützung des litaui­schen Standpunktes für die bevorstehenden Verhquo- lUngen des Völkerbundrates über den polnisch-litauischen Streitfall auszufassen sein. Polen beabsichtigt, irr Wilna eine neue litauische Nebcnregiernng zu bilden. Die Auf­stellung dieser Regierung soll in wenigen Tagen voll-

Polnisch litauische Grenze

Nidel sei». Sie würde unter dem Schutz Polens stehe», hoffe, daß die Regierung Woldcmaras in Kowno

V1 selben Zeit zusammenbrechen würde, zu der die vo» iW# begünstigte neue litauische Regierung sich in Wilna It rcn wurde. Die englischen Gesandten in Kowno nrschnu haben diplomatische Vorstellungen bei den uigen Regierungen erhoben.

. Sie lebhaftesten Unterstützer der polnische» Plane Mr die vor dem Regime Woldemaras aus Litauen N-Mte« und gegen seine Machtstellung ankärnpfsndcn J Wlinqe in Wilna sein. Sie gehören hauptsächlich den suM?"eien an. Mit diesen soll auch Marschall Pil- bei seinem kürzlichen Besuch in Wilna bestimmte trortn, <'-'cn $ir Förderung einer Umsturzbewcguiig ge- 1 haben. Polen wolle dann bewaffnet eingreifelt.

Blutgeruch.

Berliner gebraucht gern eine recht drastische Dük?«^' "Da sitzt du nun da mit deinen Talenten!, , ^ensart paßt augenblicklich ganz ausgezeichnet aus und »;,^°lkerbund. Wenn es nämlich jetzt zwischen Polen iowenil^" uach Blut riecht, so ist der Völkerbund eben- ttschuldlos daran wie an der .Hilflosigkeit, mit der ^r Entwicklung dieses Streites gegenuhersteht.

Wie sehr sich augenblicklich die Dinge dort zugespitzt haben, mit welcher Schärfe man einander gegenübersteht, wird wohl am besten durch die Tatsache beleuchtet, daß der General Zeligowski, der nicht nWlir der polnischen Armee angehört, zum Woiwoden von Wilna ernannt werden soll. Dieser General war es ja, der durch einen überraschen­den militärischen Einfall Wilna der neuen Republik Litauen entrissen hat, und der Völkerbund wieder war es, der diesem Raub zustimmte und Wilna den Polen zusprach. Seitdem hat formell der Kriegs z u st a n d zwischen Polen und Litauen überhaupt «richt a n f g e h ö r t. Auf der einen Seite hat man vor kurzem in Kowno, der Hauptstadt Litauens, wieder einmal feierlichen Protest er­hoben gegen die Vergewaltigiing durch Polen, aus der anderen Seite griff die Warschauer Regierung zu schroff­sten Maßnahmen gegen die Litauer im Wilnagebiet, kurz, die Gewehre sind auseinander gerichtet und die Hand ist am Abzug.

Die Diplomatenarbeitest", wobei es sich aller- dings fragt, ob nicht diese Arbeit von dem üblichen Miß­erfolg begleitet ist. Dr. Stresemann, der deutsche Außen­minister, hat Gelegenheit genommen, in Berlin mit dem russischen Delegierten für die Genfer Abrüstungskonferenz eingehend Rücksprache zu nehmen. Die russische Note an Polen andererseits zeigt trotz ihrer angeblichen Zurück­haltung doch vor allem, daß Rußland aufs stärkste an der Entwicklung der. Dinge an seiner Westgrenze interessiert ist. Auch hier also, zwischen Polen und seinem östlichen Nachbarn, werden schon die Gew ehre h 0 ch g e u 0 m - in e m Man kaun es den Russen aber auch nicht verdenken, daß sie sich dagegen wehren, wenn Polen in irgendeiner Aurin das kleine Litauen überrennt. Deutschland natür­lich kgnn ebensowenig einem solchen Beginnen uninter­essiert zusehen, vielleicht sogar noch weniger als Rußland. Denn im Falle des Gelingens der polnischen Pläne w0bei e§ gleichgültig isst Litauens Selbsiändiakeit formell bestehenbleibt würde O st p r e u ßcn zu einer rings von polnischem Gebiet umschlossenen Insel werden. Wir wissen ja, haben cs ans vielfachen Äußerungen maß- gebender polnischer Staatsmänner entnehmen müssen, daß Polen über Litauen zur Ostsee v 0 r d r i n g e n will und daß dies aber nur den ersten Schritt bedeutet, um über das deutsche, bann so ganz isolierte Ostpreußen herzufallen.

Wenn der Völkerbund oder die dort maßgebenden Großmächte dagegen nicht einschreiten, so sieht es schlecht aus mit Litauen. Innere Zwistigkeiten, die rücksichtslos diktatorische Politik des Präsidenten Woldemaras hatten verursacht, daß er den Polen gegenüber jetzt fast hilflos dasteht. Und Polen ist nicht bloß Freund Frankreichs, es ist and) der eng lisch e Vorposten an der Weichsel gegenüber dem? bolschewistischen Rußland. Wir.Deutschen können am. wenigsten etwas machen, uns hupt es schließlich auch recht gleichgültig sein, w e r die Unterdrückungspolitik gegen die ,deutschen Memelländer betreibt; in diesen traurigen Ruhm teilen sich Pvlen und Litauen brüderlich. Abgesehen davon aber würde natür­lich die Uberrennung Litauens durch Polen für Deutsch­land einfach untragbar sein. Das würde freilich für den Völkerbund noch längst nicht Veranlassung genug sein, sich den polnischen Plänen irgendwie tatkräftig^entgegen- zuwerfen.

Nun wird ja freilich eineAktion" des Völkerbundes beabsichtigt, um so mehr, als S 0 w j e 1 r n ß l a u d n n b Litauen ein S ch u tz- und T r n tz b ü n d n i s nt i t- ei >rander abgeschlosseu haben, das die Mos­kauer Regierung zum Eingreifen zwingen müßte, wenn Polen gewaltsam gegen Litauen vorgeht. Solcher An­griff wäre übrigens noch ein besonderer Witz, weil Polen wie Litauen dem Völkerbund angehören, der ja immer und immer wieder das Recht und die Verhandlung an die Stelle der Gewalt zu setzen gepredigt hat. Aber es sind bisher nur Worte von Deutschland und von Ruß­land aus an die beiden Staaten gerichtet worden, die aufeinander löszugehe,« scheinen. Eine ganz andere Sache ist es aber, ob diese beiden auf die Worte hören werden ober vielmehr, ob Polen den Mahnungen Gehör schenken wird. Allzu verlockend für dieses Land ist doch die Ge­legenheit, alte Pläne in die Wirklichkeit nmzusetzcn, und dort im Osten hat man sich ja nie gescheut, zur Gewalt zu greifen, siehe übrigens auch den Angriff Litauens auf das Memelland unter Zustimmung der damaligen französischen Besatzung und der nachträgliche,: Sanktion durch den Völkerbund!, wenn cs sich lohnen sollte. Und nach Gens macht man dann nur eine lässige Be­wegung.'

Die (Stellung Deutschlands.

. In W a r s ch a u hat die Zusammenkunft zwischen Dr. Stresemann und dem russischen Vö1kcrbn«:o- delegierten Litwinow Unruhe hervorgerufen. Die Zeitungen behaupten, cs hätten Abmachungen zwischen beiden zu dem Konflikt mit Litauen ftaitgefunden. Auch ein Berliner Blatt glaubte andeuten zu müssen, Deutsch­land Wetbc Vermittlung des Völkerbundes in dem Streit beantragen, der Minister rat habe sich mit der Sache schon befaßt.

Bon zuständigrr Seite erfährt man zu diesen Ge­rüchten, daß sich die letzte Kabinettssitznug lediglich mit innenpolitischen Fragen befaßt hat und daß der Reichs- «nßcnmm'sièr Dr.' 'Stresemann an der Sitzung öfter?

Meine Zeitung für eMge LeseL

* Der amerikanische Botschafter Schurniair in Berlin! äußerte sich sehr günstig über die innere Lage TeutschlanvA und seine finanzielle Erstarkung.

* Abermals hat der litauische Ministerpräsident WoldemaraS sich an den Völkerbund gewandt angesichts der drohendem Verwickelungen mit Polen.

* Gerüchte über ein bevorstehendes Eingreifen DeutschlandM Stelle als erfunden bezeichnet.

Haupt nicht teilnähnl. Auch ein direktes deutsches Vor­gehen zur Lösung des litauisch-polnischen Konfliktes ist weder erfolgt noch beabsichtigt.

Selbstverständlich hat Deutschland als unmittelbarer: Nachbar von Litauen und-von Polen ein ernstes Interesse daran, daß sich der litauisch-polnische Fall nicht noch weiten zu spitzt und schließlich zu kriegerischen Verwicklungen zwischen beiden Staaten führt. Von der russischen Note an Polen hat der Reichsaußenministe: in der Besprechung mit Litwinow Kenntnis genommen. Die amtliche Mit­teilung über die Besprechung zwischen Stresemann unt» Litwinow dürfte dahin zu verstehen sein, daß Deutschland^ wohl ein lebhaftes Interesse an den in der russischen Note bezeichneten Gesichispunkten hat, aber nicht beabsichtigt, aus Anlaß der in der russischen Note angeführten Gerüchts über ein Vorgehen Polens gegen Litauen Maßnahmen J® ergreifen. '

Die Aufgaben der Landwirtschaft.

Der Rèichsniinistcr für Ernährung und Landwirtschaft Schiele sprach vor dem laiihnurtfdjafUiWcii Ausschuß im Rahmen des Kieler Parteitages der Leuischnatlönalèn VolkS- par.ti und führte dabei ü. a folgendes aus:

^ic Röte und Ausgaben der Landwirtschaft sind nicht Sorgen eines einzelnen Berufsstandes, sondern des ganzen Volkes Sie gehören zu den drängendsten Sorgen unserer Nationalwirtschaft. Sind doch in der Landwirtschaft 30,5 % der erwerbstätigen Bevölkerung Deutschlands beschäftigt gegen 41,4 % in bet Industrie Unverhältnismäßig größer noch stellt sich der Wertanteil der Landwirtschaft an der deutschen Ge­samtproduktion: er hält den: Werte der Irrdustrieproduktron die Wage. 'Am dient gewaltigen Agrarprosukiiou im eigenen Machtbereich beruhen über vier Fünftel der bentfeben industriellen Produktion. Deshalb hat die deutsche Landwirt­schaft das Recht, für ihre Nöte die Aufmerksamkeit des ganzen Volkes zu fordern. Es geh!

um die Basis der deutschen Volkswirtschaft.

Es ist erfreulich, daß man den Existenzkampf der Landwirt­schaft immer mehr als ein Ringen für unser Vaterland und unsere Freiheit würdigt Nichts läßt deutlicher den Ernst der Lage erkennen als die aus fein wissenschaftlicher Basis ent­standenen Ergebnfsic des Engueleausschusscs. Danach waren von mehr als -2700 untersuchten deutschen Betrieben aller Art in den Kahren 1924 25 und 1925/26 46 Prozent Verlustbetriebe, in C/tcWien sogar 52 Prozent, in OstpieNßen über 75 Pro­zent und, wenn man nur die Betriebe mit geringen Böden befrachtet, über 89 Prozent Infolge dieser Entwicklung erreicht

die Verschuldung der Landwirtschaft

mit der erschreckenden Summe von 12,5 Milliarden Mark mehr als vier 'Fünftel der Vorkriegsvcrschnldnng. Ihr besonders ernstes Gesicht erhält sie durch die Kurzfristigkeit der perso­nellen Schulden und die ungeheure Ainsenlast, die mit etwa 859 Millionen Mark jährlich annähernd 40 Mark je Hektar landwirtschaftlicher DhWilädic ergibt und außer jedem Por- bältitis zu den heute möglichen Bctricbsergcbiiissen steht, also zwangsläufig zu immer weiterer Verschuldung führt. Da­durch ergibt sich als drängendste Aufgabe die Crbnung dieser Verschiildnng, die in den verflossenen Notjahren augcwackfeu ist. Es gilt, die schwebende SebuIb zu konsolidieren, und zwar zu tragbaren Zinssätzen, die in angemessenem Verhältnis zu dem erreichbaren Maß der landwirtschaftlichen Rentabilität stehen. Die zweite große Ausgabe ist

eine gesunde Handelspolitik, die dieDisparität des Zollniveaus für landwirtschaftliche Produkte und für Judustricwaren beseitigt. Solange fast überall in der Welt die Erhöhung der Zollmauern fort- schreitet, können Wir als schtuerbelasteter Sdiulbnerftaat nicht andere Wege einseblagen. Zölle sind dazu da, der Prodük- tionSfraft unserer Ration die notwendige Sicherheit zu geben. Unsere Handelspolitik kann nur durch unsere eigenen Inter­essen bestimmt werden. Reben der Ordnung der Kreditver« hältnisse und einer gesunden Handelspolitik besteht die dritte große Ausgabe in der

energischen Selbsthilfe der Landwirtschaft; sie muß durch Vertiefung der Ackerkrume und gesteigerte Wirt- fchaftsenergic aus dem deutschen Boden das- letzte heraus« holen, was herauszuholen ist. Die bevorstehende Zinsver­billigung für etwa 200 Millionen Mark Meli oratiouskapitalien gestattet die beschleuirigte Durchführung umfangreicher landes- kultureller Vorhaben. Dem M o l k e r c i w c f e n werden zur Verbesserung der Organisation und der Technik in ähnlicher Weise verbilligte Kredite zugefühn werden Auch auf allen anderen Gebieten gilt es. den Forderungen einer modernen yctricbSfübrung, der Rationalisierung und Standardisiern»» das größte Äugenmerk zhjuweudö«. Durch solche Maßnahmen fraftvollcr Selbsthilfe erwirbt die Landwirtschaft den mora­lischen Anspruch auf Hilfe durch die Gesamtheit dort, Wo ihre eigene Kraft versagte Den

Kamps gegen das Eigentum bat, auch das sozialdemokratische Agrarprogranim, das hier in diesem Jahre beschlossen ist wenn auch in verschleierter Fong, auf seine Fahne geschrieben. Wenn in diesem Programm den ländlichen Massen, die cs ködern soll, die Erhaltung des bäuer­lichen Eigeutuins jugefidjert wird, gleichzeitig aber eine voll­ständige Zwangswirtschaft durch die Organe der Gesellschaft, d. b. durch die politische Macht der Konsumenten, gefordert wird, so bleibt vom Eigentum nichts übrig als ein leeres Schema. Dieses Schema wird seinen Bauern locken. Eine Landtvirlschaft, die nicht aus freiem Eigentum und freier Nutzung dieses Eigentums beruht, muß verkümmern. Im Eigentum liegen die Wurzeln aller Bodenständigkeit, allen Fgmilicnsinus, aller .Etaacstreue. Der Erhaltung dieser .höchsten sittlichen Werte güt "-. "Vhta^u bei deutsche» Land-

Wirtschaft,