Lulöaer Anzeiger
erschemt federt Werktag. Bezugspreis: monatlich 2 Mark. Bei Lieferungsdehmöerungen durch höhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Vahnsperre usw. erwachsen öem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Friedrich Ehrenklau, §ulüa, Mtgiie- des Vereins Deutscher Zeitimgsver» lyer. Postscheckkonto: Kranksurt a. M. Nr.^00-
Taeblatt für Rhön unö Vogelsberg ZulS» unö Haunetal ♦ Zulöaer Kreisblatt Reöaktt und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 ❖ Zernfprech-sinschluß Nr. 989 NachürSer mit * versehenen Artikel nur mit Quellenangabe „§ulSaer Anzeiger'gestattet.
Jingeigenpreis: Zur Behörden, Genossenschaften,Banken usw. beträgt die Kleinzeile 0.30 H7L, für auswärtige Auftraggeber 0.25 Mk., für die Reklamezeile 0.90 Nlk. u. alle anderen 015 Mk., Reklamezeile 0.60 Mark ❖ Bei Rechnungsstel- lung hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfolgen ❖ Tag- und Platzvorschristen unverbmölich.
Sir. 285 — 1927
Fulda, Dienstag 6. Dezember
4. Jahrgang
KleinerZeitung für eilige Lese».
k Die 48. Tagung des Völkerbundrates hat in Genf be- MMen. Ihr voraus gingen zahlreiche Besprechungen der I Lenden Persönlichkeiten
; # Fn Gens herrscht Die Auffassung, daß die Streitigkeiten Mn-Litauen unter Einwirkung der Mächte zu einem fried- »n Ausgleich geführt werden.
Das überraschendste Ereignis der eröffneten Genfer M'rbnndratstagung war eine persönliche Aussprache zwischen knt russischen Volkskommissar Litwinow und Dem englischen 'Außenminister Chamberlain.
des Bölkerbundrates.
(Eiserner Kampf.
I Schon toieber droht die Gefahr eines gewaltige« ‘ Rampfes im deutschen Wirtschaftsleben, eines Kaulpfes, r im ober weit größere Kreise umfassen, viel weitere Wellen »schlagen würde als der glücklicherweise ziemlich rasch be- 1 Imdete Streik im Braunkohlenbergbau. Diesmal ist es : «die deutsche Großeiseninduftrie, in der es gewaltig gärt:
»Sie Arbeitgeberschaft hat die Forderungen ihrer Arbeiter - »nach vollständiger Durchführung des Achtstundenarbeits- riages imb nach Lohnerhöhungen mit einem Schreiben be- leiitwortet, das eine Stillegung der Werke der eiscnschasfen- hen Industrie für den 1. Januar und damit die Entlassung ' 15011 rund 250 000 Arbeitern vorsiebt.
Dr. Iakob Wilhelm Reichert,
ir l- ch ce rz a. >i, in
Geschäftsführer des Vereins 'Deutscher Eisen- und Stahl» industrieller in Berlin. Dr. Reichert ist Mitglied ves Reichstages n«* gehört Der Dentschnationalen Volks
Partei an.
et er :r, je
11t im !Ct rd icr tet i^ en o« bc-
lOit g^ eil scn Die en CP ach oß" tafl der en. ten als
btt- en« ’itit ic* >r ü ine gc' lese ns" hk«
Der Kampf um die Dauer der Arbeitszeit in der Eisenindustrie ist durchaus nicht neueren Datums, sondern währt eigentlich schon seit dem Dezember 1923, als die wirtschaftliche Not der Währungsstabilisierung zu einer Arbeitszeitverlängerung zwecks Produktionser-- Wung und Kosienvermindcrung zioang. Davon ist dber inzwischen fdfou wieder vieles abgebaut worden. Die Arbeitgeber verweisen dabei auf die Zustände im Aus- wb, besonders in Frankreich, Belgien und England, wo detrüchtlich längere Arbeitszeiten zugelassen sind. 9tuu fdsteht bekanntlich eine R 0 h st a h l g e m e i n s ch a f t 'die r n a t i 0 n a l e n Charakters, die sich freilich dllr auf Europa beschränkt und auch hiernicht einmal alle ^senerzeügenden Länder umfaßt. Deutschland müsse also >s seiner Eisenindustrie hinsichtlich ihrer Produktions- "iten, bei denen natürlich Lohn und Arbeitszeit eine swße Rolle spielen, sehr darauf achten, nicht schlechter da- Wehen als die anderen Mitglieder der Rohstahlgemein- Haft und die Außenseiter. Das sei aber schon angebahnt mich die am 1. Januar fällige vollständige Durchführung
Achtstundenarbeitstages und darum will die Arbeit- ^brrschaft diesen Zeitpunkt weiter hinausgeschoben ”'W, weil die dadurch notwendig werdende U m st e l -
v 0 m Zweischichten- zum Drei schich- "ns hft e m noch längst nicht durchgeführt werden konnte, ^ mehr hierfür noch längere Zeit nötig sei. Ebenso /mt man sich dagegen, daß obendrein noch beträchtliche ^hnerhöhungen erfolgen sollen. Von Arbeitgeberseite ad übrigens eine Überlegung ins Feld geführt, die man r Die Volkswirtschaft als erfreulich bezeichnen muß: die !«', « âung der Arbeitszeit verlangt, da es sich fast überall J ^triebe handelt, die fortdauernd arbeiten, wo also ue Betriebsunterbrechung aus technischen Gründen nicht mT.^i, nun natürlich die Einstellung neuer Arbeiter ^me — sind nicht zu haben oder doch nur in so ge- u3? ZUhl, daß diese längst nicht ausreicht. Die eisen-
Industrie ist nämlich erfreulicherweise so gut Iyz„âsugt, daß dort gelernte Arbeiter, die erwerbslos Fraa» ? ^ut ^Èe gar nicht vorhanden sind. Die weitere sollen - t ^"^ die Arbeiter, die neu eingestellt werden feetta» »^auW Wohnungen in aller Eile bereitgestellt lcid^^""En, ist auch ein Einwand, beu man ja kini "'^ so ohne weiteres von der Hand weisen Mcnm^ J'1' bie befahr einer derart großen Werks- W Ä l™ angedroht ist, doch nicht ganz so drin- ""ru'deu!«?L.^^n Posaunenstöße hüben lute drüben es "lau s Jedenfalls ist Ulan in Bankkreisen, lvo
InW Nnen E.guten Miecher« hat, zu- ^ider? •' "s'^' daß schließlich doch iroch durch
m l g e s N a ch g e b e ic eine Eiiügung erzielt
Hohe Politik in Genf.
Die litauische Frage.
Montag früh kurz nach 11 Uhr trat der Völkerbundrat unter den, Bsrsrtr des MtresttHen Botschafters in Paris, Tscheng Loh, zunächst in einer nichtöffentlichen Sitzung zu seiner 48. Tagung zusammen. Nach der Regelung einer Reihe geschäftlicher Angelegentzriten bildete die p 0 l u i sch- litauische Streitfrage, über die der litauische Ministerpräsident Woldcumrars am Sonntag noch eine zweistündige Unterredung mit L c 1 w t n 0 w hatte, den Gegenstand der weiteren Aussprache. Aus nichtöffentlicher Sitzung verlautet, dH auf Chamberlains Antrag beschlossen wurde, Die Behandlung bx- ungarisch-rumänischen Optantenkon fliktss zu vertagen. Der ungarische Vertreter, Graf Appsnyt, habe seine Züsiinunung zur Vertagung erklärt. Im weiteren Verlauf der nichtöffentlichen Sitzung wurde der bisherige Direktor der Minderheiten- abtèilung des Völkerbundes, der Norweger C 0 l ba u, zum neuen Direktor der BbsWuttssäbteilung des Völkerbundes ernannt. ......
Der geschlossenen Sitzung folgte cin.c kurze öffentliche, bic avet ohne wesentliche Beschlüsse beendet wurde. Dienstag findet eine zweite öffentliche Sitzuirg statt. Der Nachmittag wurde von den Ratsmitgliedern zu Besprechungen benutzt. . Rcichsnußemninister Dr. Stresemann sah den polnischen Außenminister Zaleski und den litauischen Ministerpräsidenten W 0 i d e m a r a s bei sich und unterhielt sich mit ihnen über die geplante Regelung des polnisch-litauischen Streites.
Ruffisch-britische Annäherung.
L i t w i n 0 w bei C h a m b e rlai n.
l'eti Hauptgegenstand des Interesses bildete nm Montag die Nachricht von der für den Nachmittag vorgesehene.-, Unterredung des Sowjetvertreters. Litwinow mit dem englischen Außenminister Chamberlain. Die engüsche Delegation gab darüber folgende Mitteilung aus: „Auf Ersuchen des Herrn Litwinow wird Sir Austen Chamberlain den russischen Delegationsführer heute nachmittag empfangen." Die Überraschung über diese Ankündigung war groß, zumal man so etwas bis heute geradezu für unmöglich gehalten hatte. Auster Litwinow sind sämtliche Russen von Genf abgereist.
' Wie man in Genf vermutet, mochte Chaiuberlain gegenüber der erstarkenden Arbeiterpartei in England beii gebier d'e's Atwruchs mit Rußland wieder gutinachen. Rützländ aber habe wirtschaftliche und allgemeine Gründe dafür, mit England wieder auf annehmbaren Boden zu treten'. . *
Litwinow und Chamberlain.
Über die Zusammenkunft zwischen dem russischen Volkskommissar Litwinow und dem englischen Staatssekretär des Äußern, Chamberlain, wurde von englischer Seite folgendes Kommunique ausgegeben:
„Nachdem Herr Litwinow Sir Austen Chamberlain um eine Besprechung gebeten hatte, fand im Hotel „Beau Rivage" eine Zusammenkunft zwischen beiden Ministern statt. Die Nntèrredüng gab Gelegenheit zu einem freimütigen Meinungsaustausch über die Be
Ziehungen zwischen den Regierungen von Sowjetrutzlano und Grosibritannien. Indessen zeigte es sich nicht als möglich, während des Verlaufs dieser Besprechung zu irgendeiner Grundlage für eine Vereinbarung zu gelangen."
Litwinow erklärte auf eine Frage der Journalisten kurz, daß er „nichts Interessantes" sagen könne.
Der Gonniag der Besprechungen.
Nachdem im Laufe des Sonntags fast alle bedeuten-» den Persönlichkeiten in Genf angelangt waren, beganw sozusagen die große hochpolitische Aussprache durch gegen« [eilige Besuche.
Der deutsche Reichsaußenminister Dr. Stresemanw erschien um 5 Uhr bei Briand. Man besprach die Vor-- fontmniffe seit bem letzten Beisammensein der beiden Minister im September. Auch die Tagung der Vorbereitenden Abrüstungskomnussion sowie der polnisch-litauische Streitfall wurden besprochen, doch ging man nicht aus die Einzelheiten ein.
Nachdem Dr. Stresemann in das Hotel Metropol zurückgekehrt war, erschien der russische Volkskommistar. Litwinow bei ihm und verweilte etwa eine Stunde. In der Aussprache wurden hauptsächlich der polnisch- litauische Streitfall und die Teilnahme der Sowjetregierung an den Abrüstungsarbeitcn betzattdelt.
Weitere Unterredungen saude« statt zwischen L i H-- w iu 0 w und B r fand, dem Polen Zaleski und bent Italiener Scial 0 ja , zwischen W 0 l d e m a r as und« Litwinow, zwischen Zaleski und Briand.
Wie bekannt wird, ist zwischen Briand und Litwinow in der Unterredung der Gedanke von Sicherheitsverträgeu zwischen der Sotojetregierung und den einzelnen westlichen Nachbarstaaten eingehend erörtert worden. Es sollen in der Unterhaltung besonders die Schwierigkeiten eröriert worden sein, die dem Abschluß eines Nicktangriftspaktes zwischen Rußland und Rumänien gegen über stehen,
polen—Litauen.
Nach den Besprechungen über die Regelung der polnisch-litauischen Frage verstärkt sich der Eindruck, daß derew Regelung, b. h. hauptsächlich die Aufhebung des für bett ganzen europäischen Osten feit Jahren äußerst bedrohlichen Kriegszustandes zwischen Litauen und Polen und die Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen, nun noch des formellen Abschlusses bedarf.
Wenn auch mit einem Vorbehalt Litauens in bezug auf seine Ansprüche auf das W i I n a g e bi e t gerechnet werden muß, so wird in Genfer polittschen Kreisen doch die Auffassung vertreten, daß der Aufnahme der normalen Beziehungen zwischen Polen und Litauen entscheidende Bedeutung für die Beruhigung der Ostlage zukommt, und man gibt sich der Hoffüung hin, daß die volle Wiederherstellung der diptomatifchen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Polen und Litauen daraus resultieren wird. Die juristische Formulierung der geplanten Lösung wird bic Aufgabe eines Fünscrkomitces sein, in dem England, Frankreich, Italien und Japan durch ihre juristischelr Berater vertreten sein werden. Deutschland, bessern Haltung in dieser Streitfrage und dessen Interesse an der Wahrung der Souveränität Litauens bekannt sind, ist bereit, in diesem Ausschuß mitzuwirken. ,.
werben wiDd. An und für sich dauern näiMich die Verhandlungen der Arbeitgeber und -uehmcr schon einige Zeit und es war Aussicht auf eine solche Einigmig vorhanden. Selbstverständlich wird auch das Arbeits- m i H i ste r i u m e i n g reife n; denn abgesehen davon, daß alles darangesetzt merbeu muß, die Arbeitslosigkeit von Hmrderttaüsenden von Arbeitern zu verhindern, eine schwere Schädigung des deutschen Wirtschaftslebens beizeiten abzubiegèu, weiß man nicht, welche noch viel größere wirtschaftliche Folgen die Stillegung der Elsenbetriebe namentlich auf die eisenverarbeitende, also vor allem die Maschinen- und Elektroindustrie, haben kann. Wir wissen ja welch' schwere Wunden solche Riesenkämpfe beiden Setten zu schlagen pflegen, und so wird man es sich doch wohl noch genau überlegen, ehe man zu den letzten Mitteln greift. *
Zu der drohenden Stillegung in der Großeisen- industrie wird bekannt, daß, auch zahlreiche weiterverarbeitende Industriebetriebe des rheinisch - westfälischen Jndustriebezirks aus freien Stücke« ebenfalls Sttll- lequiigsanzeigen bei den zuständigen Regierungspräsidenten zu«, 1. Januar 1928 erstattet haben. Der Gnmd liegt auch hier in den großen Forderungen der Gewerkschaften. Eine Verwirklichung dieser Forderungen, so wird von diesen Betrieben behauptet, würde, den Betrieben ein wirtschaftliches Weiterarbeiten nicht mehr gestatten.
Große Hüttenkouzerne haben bereits die ausländischen Erzlieseranten auf Grund der bestehenden Vertragsbestimmungen ersucht, die Erzvcrschiffungcn im laufeuDcu Monat Dezember, soweit noch jetzt möglich, tunlichst citv zuschrättken und ab 1. Januar 1928 ganz einzustetten.
*
Die Gewerkschaften zur SteltegungSaktion.
Der Christliche Metallarbeiterverband bat wegen Der aü- gedroluen Betriebsstillegung durch Die Grotzeiseuindustrie sollendes Schreiben an den Reichsarbeitsminister gerichtet: „Sehr geehrter Herr Minister! Das Schreiben des Herrn Generaldirektors Dr. Pönsgen vom 2. Dezember 1927, worin Ihnen an*
gezeigt wird, daß bic deutsche Großeisettindustrie zum 1. Januar 1928 ihre Betriebe stillcgcu wird, hat die Stellung des Christlichen Metallarbciterverbandcs in der nordwestlichen Gruppe unberührt gelassen. Wir halten uns daher für verpflichtet. Ihnen mitzuteilen, daß die Forderungen des Christlichen Mclall- arbeitcrverbandcs klar erkennen lassen, daß es falsch ist, wenn die Industrie behauptet, die Gewerkschaften verlangten Die Durchführung des schematischen 2lchtstundeniages für die gesamte eisenschaffende und eisenverarbeitende Industrie, vollen Lohnausgleich usw. Unser Standpunkt zu den gesamten Streitfragen ist in dem Vorbereitungsausschuß klar bargclcgt worden. Wir müssen Einspruch erheben gegen die Darstellung, deren sich die deutsche Großeiseninduftrie in ihrer Zuschrift vom 2. Dezember bedient Die Androhung der Betriebsstillegung ist erfolgt, bevor die eigentlichen Ver- handlungcn- begonnen haben und bevor die Auswirkungen unserer Vorschläge ausreichend geprüft worden sind. Wir bitten Sie daher, das letztere veranlassen zu wollen."
Die Gewerkschaften werden in den nächsten Tagen in gemeinsamer Sitzung zu der Androhung der ^Arbeitgeber der Eisen- und Stahlindustrie, am 1. Januar die Betriebe still- zulcgeu, Stellung nehmen. Die Gewerkschaften werben voraussichtlich in einer Eingabe an Die zuständigen Stellen für den Fall, daß Die Arbeitgeber ihre Ankündigung ausfuhren, die Nationalisierung der in Frage kommenden Werke fordern.
Am die BesoldungsvsrLage.
f Erledigung n och vor Weihnachten. x
Der Haushqltsausschuß des Reichstages trat «ach mehrtägiger Pause wieder zusammen, um die zweite Lesung der Besoldungsvorlage vorzunehmen. Man trat zunächst in die Beratung der Frage der Ministerialzulagen, ein. Angenommen wurde ein sozialdemokratischer Antrag, ivonach eine Erhöhung der Ministerialzulagen über den Stand bom 1. April 1927 hinaus weder beim Inkrafttreten des Besoldungsgesetzes noch durch den nächstem Haushaltsplan erfolaen darf.