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Nr. 3031927

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Fulda, Mittwoch, 28. Dezember

4. Jahrgang

Kleine Zeitung für eilige Leser

r * Der Deutsche Bcamienbund wendet sich in einer Kund­gebung an die Öffentlichkeit, in der er sich mit der kürzlichen Veröffentlichung der deutschen Wirtschaftsverbände bzw. der Verwaltungs- und Vcrfassungsrefonn auseinandcrsetzi.

* Der Senat von Bremen kündet umfangreiche Einschrän­kungen bei der öffentlichen Verwaltungstätigkeil an.

* In Nizza ist der frühere russische Außenminister Ssasonow verstorben, der seit 1910 die Außenpolitik Rußlands leitete und dem man einen großen Teil der Verantwortlichkeit für den Ausbruch des Krieges von 1914 zuschrcibl.

* Die Ozeanfliegerin Miß Grayson ist verschollen. Das Flug­zeugwrack ist noch nickn gefunden worden.

Sechs schwere Jahres

Der ehemalige russische Minister für auswärtige Angelegenheiten, Sergej Dimi- triewitsch Ssasonow, ist in Nizza, wo er sich seit einigen Tagen aufhielt, plötzlich einem Herzschlag erlegen. Ssäso- now, der ein Alter von 67 Jahren' erreicht hat, war als Nachfolger Iswolskis von 1910 bis zu seinem Rücktritt im Jahre 1916 Leiter des russischen Ministeriums des Äußern. Seit der Russischen Revolution lebte er meist in Frankreich.

Noch stehen wir all dem Geschehen, das zum Weltkrieg führte, viel zu nahe, brennen die Wunden, die er uns schlug, noch allzusehr, als daß wir vergessen könnten, daß Männer es waren, die die Geschichte machen, und wir diesen Männern vergeben könnten, auf deren Schultern weltgeschichtlich die Verantwortung für all das Furchtbare

liegt. Und zwei Männer sind es, deren Namen verknüpft bleiben mit dem unmittelbaren Ausbruch des Krieges, zwei Männer, die mit fast spielerischer, aber um so frevel­hafterer Hand die Lawine zum Rollen brachten. Ssuchom- linow ist es gewesen, der russische .Kriegsminister, und Ssasonow, Rußlands Außenminister im Jahre des Un­heils 1914.

Beide sprach hier schon das Weltgericht? star­ben fern der Heimat. Ssuchomlinow hatte in Deutschland eine Heimstätte gefunden, einsam und in Not ist er gestorben. Jetzt ist auch der andere vor einen höheren Richter gerufen worden; aus Nizza kam die Kunde von feinem Tode. Ebenso wie Ssuchomlinow hat er versucht, in Erinnerungen seine Taten zu erklären, kaum zu recht­fertigen.Sechs schwere Jahre" nennt er dieses Buch, weil er von 1910 bis 1916 die russische Außen­politik lenk t e.

Lenkte? Gewiß, denn derSelbstherrscher aller Reußen", Nikolaus II., war ja ein viel zu schwacher Mann, als daß er die Zügel drinnen und draußen in den weichen Händen hätte halten können. Oder war Ssasonow nur Werkzeug von Stärkeren? Des Panslawismus, hinter und in dem die Großfürstenpartei, vor allein der russische Bot­schafter in Paris, Iswolski, gestanden hat? Jst's wirklich einVerdienst" des jetzt Verstorbenen, daß die große Krise nicht schon 1912 zum Ausbruch kam, als der Balkan- krieg wie ein Fanal aufbrannte? Kaum, denn man war noch nichtfertig" in Rußland. Das war man erst zwei Jahre später, wie der Kollege Ssasonows, der Kriegs- wlnister, es im April 1914 verkündete. Unter Iswolski bat er sich die außenpolitischen Sporen ver- dient und dieser Mann blieb ihm Herr und Meister. Vielleicht mag Ssasonow gewußt und erkannt haben, wo- hlll der Strom trieb, aber er war zu schwach, dagegen zu schwimmen, ihn abzulenken, selbst wenn er es gewollt hatte. Aber er ist es gewesenin seinenErinnerungen" Imubcrt er diese dramatische Szene, der den Zaren zum Zliegsentschluß bestimmte. Er ganz allein. Er war es, > er den Befehl des Zaren, die russische Armee zu mobili- . l leren und das war der Kriegsentschluß, das wußten leide, dem Generalstab zu übermitteln hatte, weil die VenfralmäcW eine Kapitulation forderten, dieRußland oem Zaren niemals verzeihen" werde. Er hat dem Zaren me allgemeine Mobilmachung empfohlen als einzigen 'iuvweg, als cs tatsächlich aber noch eine ganze Reih- von anderen Wegen gab, die Katastrophe.zu vermeiden.

Dunkel, geheimnisvoll sind die Wege russischer Politik und russischer Politiker und unaufgeklärt ist mach immer, wodurch oder durch wen Ssasonow im Juli 1916 gestürzt . war ja alles gescheitert, die deutschen Truppen nn "^"^aen Rußland" und im Westen waren ?" Entente ebenso gescheitert wie der Konstantinopels dem bedräng nr Rußland ait Hilfe zu kommen. Hatte P ä s v u t i n lerne M im SW, wen er m. Afolon\ ®K

Begrenzung Ser SentsHen Rennrntinnen.

Revision des Dawes-Plans.

Was soll Deutschland zahlen?

Die kürzliche Rede des französischen Ministerprä­sidenten Poincars, in der er sich gegen die Anregung im Jahresbericht des Neparationsagenten P a r k e r Gilbert wandte, Deutschlands Zahlungen endlich auf eine bestimmte Höhe festzulegen, hat bedeutendes Aussehen in allen beteiligten Ländern hervorgerufen. PoincarS meinte, diese Höhe sei ja längst ausgesprochen, und zwar im Jahre 1921 mit 132 Milliarden.

Eine solche Ungeheuerlichkeit traute man selbst dem sonst an großer Rücksichtnahme kaum krankenden Herrn Poincars nicht zu, wenn er sich auch formell an die Be­schlüsse von 1921 gehalten hätte. Mittlerweile ist doch zu­viel, auch in finanzieller Hinsicht, vor sich gegangen. Die französische Presse erklärte denn auch alsbald, offenbar angeregt von ihrer Regierung, Poincarä habe bei seinen Darlegungen etwas ganz anderes gemeint, und zwar das: Wenn man in Amerika an eine Revision des Dawes- Plaues denke, so müßten die Vereinigten Staaten den Anfang machen.

Solle Deutschlands Schuld auf eine wesentlich niedri­gere Ziffer gesenkt werden als 1921, so hätte Amerika die- Pflicht, seine Forderungen an die europäischen Gläu­biger und Teilnehmer des Krieges, Frankreich, Italien, gewissermaßen auch England u. a., herunterzuschrauben. Denn.was aus Deutschland an Zahlungen fließe, nehme ÄUncrika wieder von seinen genannten Schuldnern nn- gekützt in Anspruch.

So klang die Sache schon anders und immerhin ließe sich über diese Form der Verminderung von Deutschlands Schuld diskutieren, wenn Poincarö lediglich beabsichtigt hätte, derart einen Druck auf Amerika auszuüben und an der unglaublichen Zahl von 132 Milliarden die Unerfüll­barkeit der Ansprüche der Vereinigten Staaten gegen Europa klarzulegen. Denn was Europa zahlen soll, fließe â.SUSâuMl<uw«â> LLL.«^r. vor. .PâcuâLSede wenn die französischen Auslegungen Glauben verdienen.

Die internationalen Auseinandersetzungen

Die Betrachtungen über die Revision des Dawes- Planes in Verbindung mit den Äußerungen Poincarös und Parker Gilberts bilden verständlicherweise zurzeit das Hauptthema der politischen Auslassungen der inter­nationalen Presse, in erster Linie natürlich in

für bentf^freimblidjer hielt? Der Gestürzte, dirrchaus Vertrauensmann der Entente, sollte als russischer Bot­schafter nach London gehen, aber es kam nicht mehr dazu. Die Revolution vertrieb ihn. Von Paris aus versuchte er »och, den Kampf der antibolschewistischen Heere zu unter­stützen. Auch dies scheiterte. Fast vergessen ist er jetzt ge­storben; nur die Kunde von seinem Tode läßt noch einmal die Erinnerung an all das Furchtbare erstehen, das sich an^ den Rainen dieses Mannes knüpft.

Joffes Brief an Trotzki.

Veröffentlichung in Paris.

Gleich mit der Todesnachricht des früheren Sowjet­führers Joffe, des früheren Botschafters in Berlin, der sich beim Ausschluß Trotzkis aus der Kommunistischen Partei Rußlands erschoß, wurde bekannt, daß Joffe vor seinem Tode einen Brief an Trotzki geschrieben habe. Der Brief soll nicht an seine Adresse gelangt, sondern von der Sowjetpolizei beschlagnahmt worden sein. Trotzdem wird fein angeblicher Inhalt jetzt in P a r i s veröffentlicht.

In dem Brief erklärt Joffe, wegen seiner Krancheit und hauptsächlich wegen seiner Kaltstellung aus dem Leben scheiden zu wollen. Die Wühlarbeit gegen die Opposition, der auch er angehörte, sei so weit gegangen, daß ihm ärztliche Hilfe und Medikamente auf Staatskosten ver- weigert worden seien. Er selbst habe nicht die nötigen Mittel, um sich zur Pflege ins Ausland zu begeben. "Er zöge cs daher vor, aus dem Leben zn scheiden. Sein Tod sei als P r 0 t e st zu betrachten . Zum Schluß wirft Joffe Trotzki vor, zu oft im Interesse einer Verständigung einem Kompromiß zugcstimmt zu haben, obwohl èr, Trotzki, immer Recht gehabt habe, was selbst Lenin zugegeben habe. Er, Joffe, sei überzeugt, daß Trotzki erneut zur Macht ge­langen werde.

Professor HortzsH über deuèsSe Politik.

Keine Kriegsgefahr im Oste^.

Der bekannte deutschnationale Reichsiagsabgeordnete Prosesior Dr. Hoetzsch sagte in einer Unterhaltung mit ben Vertretern einiger P a r i s e r Blätter, daß die Politik des Reiches durch seinen Eintritt in den Völkerbund ent­schieden worden ist. Wenn man in Frankreich dem for* mellen Verzicht Deutschlands auf Elsaß-Lothringen nicht glauben wolle, so sei dies nur ein Vorwand für die Auf­rechterhaltung der Besetzung. Die ftanzösischc Regierung habe ihr Versprechen eines teilweisen Rückzuges der Truppen nicht cingehalten. Wenn man Deutschlands be­nötige, so spreche man von der G l e i ch b crcchtigung aber wenn Deutschland sein Recht fordere, so bestehe ein Unterschied. Niemand in Deutschland wünsche ein Osk- locarnö. Der mjt Polen abgeschlossene Schiedsgerichts vertrag genüge vollkommen. Die Beziehungen zwischen

Frankreich.

Oeuvre" schreibt: Der Zahlungsplan von 1921 ist u n - ausführbar; dennoch erklärt Poincard, er bleibe bestehen. Rechtlich gewiß, de facto nein Wenn der Ministerpräsident sich auf diesen Standpunkt stellt, so allem Anschein nach einzig und allein deshalb, weil er weiß, daß jede neue Festsetzung der deutschen Schuld nur eine Ermäßigung sein könnte, und daß er Deutschland keine neuen Abschläge zu bewilligen gedenkt, wenn nicht die Alliierten (Amerika! Frankreich gleichfalls solche gewährten. Der Schlüssel liegt in den Händen Amerika? Quotidien" erklärt: Juristisch änderten die Zahlungsmodi« litäten nicht den Betrag, aus den man sich festgelegt habe: prak­tisch aber werde man ihn unmöglich aufrechterhalten können. Frankreich sei in der Tat bereit, von seinen Gläubiger­ansprüchen an Deutschland all das abzustreichen, was die Ver­einigten Staaten und England an ihren Ansprüchen gegenüber Frankreich Nachlassen würden, weiter jedoch könne man nicht gehen.Volontö" schreibt: Die Ziffer der deutschen Schuld bleibe also 132 Milliarden Goldmark. Das sei für jeden, der nachdenke, eine derartige Absurdität und eine der­artige Ungeheuerlichkeit, daß man sie unmöglich betonen könne, ohne gleichzeitig den wesentlich theoretischen Charakter einer derartigen Lösung hervorzuheben. Der Betrag der deutschen Schuld erreiche nicht mehr 132 Milliarden Goldmark, sonder» höchstens 40 Milliarden.

England.

Zu Poincarös Antwort auf die Anregungen des General­agenten Parker Gilbert führt derDaily Telegraph" aus, in streng rechtlichem Sinne sei Poincares Auffassung, daß die Gesamtsumme von 132 Milliarden Goldmark noch Gültig­keit habe, zweifellos richtig; aber er glaube selbst schwerlich an die praktische Möglichkeit der Überweisung derartig hoher Geld­summen. Eine endgültige Herabsetzung der deutschen Gesamt- -ntlchädigung würde in Frankreich allerdings sogar von einem mehr nach links orientierten Kabinett nur gegen eine Revision der Kriegsschuldenregelung mit England und Amerika zuge­geben werden.

Italien.

DerPo Polo d'Jtalia" beschäftigt sich im Anschluß an die Erklärung Poincarös mit der Frage einer Revision des wawes-PlanB- Er behauptet, daß eine Revision nur mit Zu« stunmung aller Alliierten erfolgen könne. Das Blatt erkennt aber andererseits an, daß in der öffentlichen Meinuna Italiens eine Verminderung der Reparationen keinen Schwie­rigkeiten begegnen würde, vorausgesetzt, daß Italien da­durch keine größeren Lasten zu tragen hätte Solange aber die Amerikaner bei ihrer Auffassung verharrten, daß die Alliierten, England, Frankreich und Italien, ihre Schuld bis zum letzten Heller bezahlen müßten, sonnten die Deutschen ihre Hoffnung au, Verminderung der Reparationsschuld »ich: verwirklicht sehen.

Deutschland und Polen hätten sich seit der Wieder- aufnahme der deutsch-polnischen Wirtschaftsverhandlungen gebessert. Rußland nähere sich immer mehr dem Völkerbund und beteilige sich bereits wirksam an feinen Beralungen Eine Kriegsgefahr drohe nicht im Osten, viel mehr in der Spannung zwischen Frankreich und Italien. Hier wäre ein Locarno sehr wünschenswert.

politische Rundschau.

Deuffches Reich.

Verordnung des Reichspräsidenten über Amtstitel.

Zu dem Inkrafttreten des Besoldungsgesetzes be­stimmt der Reichspräsident in einer Verordnung, daß Reichsbeamte, deren bisherige Amtsbezeichnung in dem. neuen Besoldungsgesetz nicht vorgesehen ist, ihre bisherige Amtsbezeichnung in und außer Dienst weiterführen dürfen. In Zweifelsfällen entscheidet die oberste Reichsbehörde im Einvernehmen mit dem Reichsinnenminister.

Verwaltungsreform in Bremen.

Der Bremer Senat hat eine ziemlich umfangreiche Verwaltungsreform beschlossen. Die Senatssitze sollen von 14 auf 10, die Zahl der Bürgerschaftsvertreter von 120 auf 80 vermindert werden. Ferner sollen 16 Behörden und Deputationen künftig fortfallen, in denen bisher 87 Abgeordnete vertreten waren. Diese Reform stellt zugleich die innere Deckung der Mehrausgaben dar, die Bremen für_ die vom Senat zugleich vorgelegte Besoldungs- erhöhung zu leisten hat. Die Verwaltungsreform soll nach ihrer Annahme durch die Bürgerschaft am 1. April 1928, die Verminderung des Senats schon im Laufe der jetzigen politischen Verhandlungen über seine Neubildung erreicht werden. Die Verminderung der Bürgerschaftssitze wird erst bei der nächsten Neuwahl, in drei Jahren, durchgeführt werden können.

Frankreich.

X Die Autonomiftenjagd im Elsaß. Die Furcht vor den elsässischen Selbständigkeitsbestrebungen hat die französi­schen Behörden zu keinem vollen Genuß der Weihnachts­ruhe kommen lassen. Schon am Vorabend des Festes wurden in den Departements Oberrhein, Niederrhein und Mosel die verfügbaren Polizeikräfte mobil gemacht, um etwa 60 Haussuchungen in Mülhausen, Kolmar, Straß bürg und Metz vorzuirchmcu. Ferner wurden zahlreiche Zeitungsgebäude durchsucht. Außerdem wurden auch in kommunistischen Kreisen Haussuchungen vorgenommen. In Mülhausen im Elsaß ist das Gerücht verbreitet, daß der bekannte Autonomist Abbö Faßhauer und seine Schwägerin verhaftet worden seien. Die dieser Tage vor genommenen Haussuchungen sollen ergeben haben, daß 95' Prozent der Gelder der Autonomistenbewegung aus dem Ausland gekommen seien. Tie Vereinigung zur na­tionalen Verteidigung ber Elsässer und Lothringer hat dem Ministerpräsidenten Poincarö eine Denkschrift über-