Iul-aer Anzeiger
Erscheint seöen Werktag. Bezugspreis: monat» lich 2 Mark. Bei Lieferungsbehinüerungen durch „höhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Vahnsxerre usw. erwachsen dem Bezieher keine Einsprüche. Verlag Friedrich Ehrenklau, Fulda, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsoev- legev. Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Nr. 16000
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a. unö Haunetal-Zul-aer Kreisblatt NeSaktion unS Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 ♦ Zernsprech-flnschluß Nr.-S- Nachdruck »« mit * versehen»« Rrtif»! nur mit Quellenangabe »Zuldaer gingetgtr'geftattwt.
Mzeigenpreis: Für Behörden, Genossenschaf- ten,Banken usw. beträgt die ttleinzetle OJOÜtt, für auswärtige Auftraggeber 0.25 M.,für dl» Reklamezekle 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk., Beklamezelle 0.60 Mark ♦ Bel Rechnungsstet, hing hat Zahlung innerhalb S Tagen zu erfolgen ♦ Tag- und Platzvorschriften unverbindlich.
Nr. 13 — 1929
Fulda, Mittwoch, 16. Januar
6. Jahrgang
Der Thronwechsel in Afghanistan.
Afghanistans neuer Herrscher.
Aman Ulla Hs Abd «nkung.
Die Rachrichlt« von der Abdankung Aman USahs, die zunächst nur «mS englischer Quelle kmne« werden jetzt auch von afghanischer Seite dwckt bestätigt. Der afghanische Gesandte in Berlin stattete dem Reichèaußenminrstcr ^r Stresemann am Dienstag einen Besuch ab, um ihm im Auftrage seiner Regierung von der Abdankung des Könige Aman Ullah zugunsten seines älteren Bruders Gärdar Enajat Ullab in Kenntnis zu setzen. Der Gesandte gab dem Reichsaußenminister Kenntnis von einem Tele- gramm des afghanischen Außenministeriums, das felgen» den Wortlaut hat:
Um sein Bürgerkrieg in Afghanistan, der durch bedauerliche Unklarheit entstanden war, ein Ende M bereiten. Hat seine Majestät König Aman Mab frei. nHHH und auf eigenen Wunsch sein Amt als König von Afghanistan niedergelegt und seinen älteren Bruder, Sördar Enasat «Sah, als Herrscher in Vorschlag ge» bracht. Das afghanische Volk und die maßgebenden Regierungsstellen sowie n e hohe Geistlichkeit und der afohanlschr Adel haben diesen Borschlag angenommen und Gcinr Majestät Enajat Ullah als König von Afghanistan anerkannt. Setzen Sie die deutsche Regierung davon in Kenntnis und versichern Sic. daß die Bs- ziehungrn Afghanistans mit den befreundeten Mächte« die gleichen bleiben werden "
In unterrichteten Kreisen Berlins wird derneueKönig als ein ,or>schrittlicher Mann bezeichnet, der für Deutschland starke Sympathien habe Er habe sich währen» r.er Regterungszei, Aman Ullahs zwar sehr zurücNlalten müssen au* seiner Freundschaft für Deutschland aber nie ein .Oehl gemacht Er erfreue sich. so wird weiter erklärt. in -Kstchemiftan sewobt d»c SvmpaMe« ■ der ..KEtchkew als auch aer Berr,stamme Man könne dam» rechnen, daß Ruhe und Ordnung in Afghanistan nun bald wrederhergestellt sein werden. Der neue »Bitte werde natürlich die Rekormen
Aman Ullahs nicht so schnell sortsetzcn können. Über die Familie be 3 Königs wird bekannt, daß Enajat Ullah dreizehn Kinder hat, deren ältestes 17 Jahre ist Einige Kinder besuchen die deutsche Schule in Kabul Al4 er im Jahre 1922 von Aman Ullah begnadigt wurde, nachdem er drei Jahre im Ge- sängnis verbracht hatte, hat er sich mit Aman Ullah wieder au8» llesöhnr. Er hat Aman Ullah seitdem bei allen möglichen Ge- regenheiten begleitet. Bezeichnend ist die Tatsache, daß Aman Ullah seinen Bruder setzt als Nachiolger vorgeschlagen hat.
Aman Ullab auf Ser Flucht.
Die Deutschen in Kabul.
Wie der amtliche englische Funkdienst meldet, hat sich Anian Ullah im Flugzeug nach Kandahar begeben, wo er von seiner Gattin Sura»« und seiner Mutter erwartet wird. Kandahar ist noch afghanisches Gebier und ungefähr hundert Meilen von her indisch afghanischem Grenze entfernt so daß sich, der König noch immer in persönlicher Gefahr befindet ES ist wahrscheinlich daß er versuchen wird, über die Grenze ^uweg in ein sicheres Asyl zu flüchten
Während der Kämpfe in Afghanistan waren alle Deutschen m der deutschen Gesandtschaft untergebracht Aus Beschluß der Deutschen Kolonie in Kabul sinh dann schließlich von den beut»
Frauen 21 aus eigenen Wunsch nach Indien durch Flug- A°"?,jiebrach! worden, während neun deutsche Frauen in Kabul verblieben sind und sich noch jetzt dort befinden. Sie sollen aber «uver Gefahr sein.
Die Verbannung.
Rim hat ihn das Schicksal doch vom Königsthron Afghanistans hinuntergestoßen, hat ihn zum Flüchtling vor ocin eigenen Volk gemacht, der sich nun in die Arme des darob freundlich lächelnden Engländers wirft. Das hat sich gewiß vor einem Jahr nicht träumen lassen, als er 111 London mit fürstlichen Ehren ausgenommen wurde, die ^'uglische Flotte den Königssalut schoß —, daß er nun zum zweitenmal, allerdings unfreiwillig, Gast der Engländer werden würde. Angeblich soll er dann nach Paris gcljcn, mefer Stadt, die allmählich zum Asyl der politisch Obdach- 'Dseil geworden ist. Mit ihm wohl auch die Königin. Das '^ger nicht geträumt habe«, als man ihn m den. Straßen Berlins an der Seite Hindenburgs sah und die Berliner
sich wieder einmal einen „richtiggehenden" König angucken konnten. Allerdings so ganz für „voll" nahmen sie diesen vorderasiatischen Herrscher denn doch nicht und — manche hohen Staatsmänner von damals werden jetzt die ihnen verliehene afghanische Herzogswürde in den hinterste« Kasten des Schreibtisches versenken.
Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen; so wird es auch Aman Ullah, dem Europareisenden von einst, jetzt gehen. Und ein anderes Sprichwort werden die Klugen von heute mit weisheitsvoll aufgehobenem Unterer zitier««: Blinder Eifer schadet nur!
- Afghanistans neuer König: Enajat Ullah.
Es ist ja auch richtig. War es — und ist es — in Europa bisweilen nicht ungefährlich, alte Zöpfe abzuschneiden, so wurde es in Afghanistan für den Konip lebensgefährlich, lebenden Parlamentsmitgliedern die Bärte abnehmen z« lassen. Andere Völker, andere Sitten!
Sein gänzlicher Rückzug vor dem Ansturm der reform- feindlichen Gegner bewies — trotz aller Siegesnachrichten — die Schwäche seiner Stellung unb konnte nichts mehr retten. Es war verfrüht, diesem Lande, das bis vor ein paar Jahrzehnten ein Europäer nur mit Erlaubnis deS Emirs betreten durfte, westeuropäische Gebräuche und —
Tritt Parker Gilbert zurück?
Englands Widerstand gegen Morgan.
AuS Washington wird als neueste Phase in der Entwicklung der Reparationsangelegenheiten gemeldet, man nehme dort an, die Wahl Morgans zu einem der Sachverständigen fei so gut wie vollständig auf Bemühungen Parker Gilberts zurückzuführen. Parker Gilbert werde nach dem Zustandekommen der Reparationskonfeyenz von seinem jetzigen Amt znrücktreten und ein Amt bei der Kirma Morgan u. Co. übernehmen.
Die Berufung Morgans zum amerikanischen Sachverständigen sei deshalb erfolgt, weil er als derjenige Reprä- fentant des amerikanischen Kapitals erscheine, der am stärksten in Europa interessiert sei.
Die amerikanische Auffassung.
Dem Reparationskomitee fallen nach Verlautbarungen aus Rewyork hauptsächlich folgende Aufgaben zu:
Bei der Sage des amerikanischen Geldmarktes kann doch zunächst nur ein kleinerer Teil der deutschen Dawes- Schuldverschreibungen auf den Markt geworfen werden. Man rechnet mit einer ersten Ausgabe von ungefähr 10(1 Millionen Dollar (420 Millionen Mark). Für Deutschland hält man dies wünschenswert, da Bindungen für die Zukunft bei erneuter Notwendigkeit zur Endregelung vermieden werden. Die Ausgabe dieser Anfangsanleihe sei voraussichtlich Ende 1929 möglich. 40 Prozent davon sollen in Amerika, je 30 Prozent in Frankreich und England aufgelegt werde«.
Aus England verlautet, die Benennung Morgans werde in dortigen Regierungskreisen nicht besonders angenehm empfunden und man wünsche' jetzt noch in letzter Stunde eine Änderung in den amerikanischen Entschlüssen.
Avseinanderseßllngen zum AeWetat
Kabinett und Reichstags'ausschutz
DaS wiedererwachende parlamentarische Leben zeigt sich besonders in den beginnenden Beratungen über den Voranschlag für den NeichshauShalisaiischlag für das Jahr 1929. Unter dein Borsitz des Reichskanzlers wurde in einer Mintstcrbcsprechung die Generaldebatte über den Reichshaus- a und hie voraeschlagencn Deckungsgesetze <Steuerpläne) zu c geführt unb dann die Einzelberatung begonnen.
Der dculschnationale Abgeordnete Westarp verbreitete sich tm Haushallsausschuß über den Nachtrag' tat für 1928 und den damit in Zusammenhang stehenden Personal- hauShalt des Reiches für 1929 Graf Westarp meinte, es müsse zunächst einmal tlargcftedt werden, wie sich die Regierung und die Regierungsparteien Sie weitere Behandlung des Haupthaushaltes dächten, insbesondere, ob der Finanz- minister wirklich noch die Berabschiedunv des Haushaltes und der Stcuergcsetze zum 1 April für möglich halte. Es sei eine starke Zumutung, die schon lange hinausgezogenen Beschlüsse zur Durchführung der Bcsoldungsordnung ohne klaren Überblick über die Hanshaltsverhältnisse deS nächsten Jahres fassen zu sollen. Der Redner fraatc. ob man cs für möglich
Mrßvâuche aufzupfropfen. " Steigeisen rüstete, durch Vas türkischen Staatspräfidenten Kemal gleichartiges Vorgehen gewarnt, die islamitische Geistlichkeit gegen den König. Der hatte auch noch obendrein die Unvorstchtigkeir begangen, von seinem Volke zu verlangen, daß es die Kosten der Reformen, der wirtschaftlichen Ausschließung usw. tragen sollte. Da kam die Revolte, denn auch in Afghanistan hört in Geldsachen die Gemütlichkeit ans. Dieses Land, das länger dem Europäertum verschlossen war als selbst Japan, lehnte es ab, mit sich experimentieren zu lassen. Der heilige Krieg wurde unter den halbwilden Stämmen gepredigt gegen den König und dort dieser Ausruf zum Kampf gegen den Verräter am Islam und seinen uralten Gebräuchen noch zart unterstrichen durch den Hinweis auf die Beute, die man wohl in Kabul machen würde. Auch dies ist des Landes dort der Brauch.
Aman Ullahs Vater ist durch Mörderhand gefallen unb ein ähnliches Schicksal drohte wohl auch dem jetzt mit Mühe und Rot Entkommenen, der seinerseits wieder den zur Thronfolge berechtigten, übrigens durchaus england- freundlichen Bruder kurzerhand beiseitegestoßen batte. Und dies ist ja im Orient weiter nichts Ungewöhnliches. Auch diesmal ging der Thronwechsel recht schnell vor sich: schon hat ihn z. B. der afghanische Gesandte in Berlin dem deutschen Außenminister offiziell mitgeteilt. Run werden wohl viele Reformen, die der entflohene König eingeführt hatte, wieder rückgängig gemacht werden, aber doch nicht alles. Ein völliges Zurücksinken in das Einst gibt es selbst für Afghanistan nicht mehr in einer Zeit, da quer über dieses Land hinweg der Flugverkehr nach Indien geht. Der neue König mag sich seinen persischen Nachbarn zum Vorbild nehmen, der übrigens auch durch eine Revolution auf den „Pfauenthron" der persischen Schach-in- Schachs gekommen ist; dort trug man mit sorgsam-vorsichtiger Hand den Reformnotwendigkeiten Rechnung, die selbst vor asiatischen Toren nicht haltmachen.
In ein Jahr drängt sich König Aman Ullahs Glück und Ende zusammen. Mit dem Schleier der Königin Suraya sank figürlich auch der Stern des Afghanenherrschers. Er hat im Königspalast von Kabul all die zahllosen Geschenke zurücklasscn müssen, die ihm die Euroxarcisc eintrug. Hoffentlich hat er sich wenigstens genug Brillanten mitgenommen, damit ihm das Brot im Exil nicht allzu bitter wird. Die lachenden Erben aber sind die Engländer und vergebens mag Aman Ullah nach Hilfe aus dem benachbarten Sowjetrußland ausgeschaut haben. Mit ihm hat auch Moskau eine Niederlage er» litten und das „Glacis von Indien" ist wieder breitet geworden, denn England wird nicht zögern, auch wirtsch«P- lich die Erbschaft anzutrete».
Meine Zeitung für eilige Leser
* Nach Meldungen aus Newvork beabsichtigt Parker Silbers, nach der Ernennung Morgans sein bisheriges Amt als Reparationsagem niederzulegen und in die F,rma Morgan einzutreten.
* Der Reichstag wird aller Voraussicht nach zum 24. Januar einberufen werden.
* Die Berufungsverhandlungen gegen die Magdeburg« Richler Landgerichtsdirektor Hoffmann und Landgericht-rat Kölling haben vor dem Großen Disziplinarsenal deS Remotes» -erichts erneut begonnen.
* Infolge Undichtwerdens von Rohrleitungen ereigneten sich in verschiedenen Orten schwere «rplostoneu und Vergiftungen.
* Aman Ullahs Abdankung wird offiziell bestätigt. Sein Nachfolger ist sein um vier Jahre ältere Bruder Enajat Ullah.
11 alte, daß die Fraktionen, deren" Mitglieder das Kabinett bildeten, es ablehnen, fid) hinter die Vorschläge ihres eigenen Kabinetts zu stellen Run ständen die Reparationsver- Handlungen unmittelbar bevor und die Lage sei durch den Bericht des ReparationSaaenten, der in seiner gesamte» Beurteilung und in den meisten Einzelfragen dringend der Widerlegung bedürfe, verschärft. Der ReparationSagent habe in seiner finanziellen Kritik an der Finanzgebarung mit 86» sonderem Nachdruck auf die steigenden Ausgaben für Besoldung und Pensionen bingewiefen Dieser Hinweis müsse alS° bald entkräftet werben. Darüber hinaus könne mit einer Stellungnahme zu dem Bericht unb zu den ReparationSver- Handlungen nicht bis zu den allgemeinen HauShaltsberaMugeil gewartet werden.
ReichSfinanzminister Dr. Hilferding
teilte mit. der Haushalt für 1929 werde in den nächsten Tagen vom Reichskabinett verabschiedet werden und dann dem Reichsrat zugehen. Bevor der Haushalt nicht vom Kabinett verabschiedet sei, könne er Einzelheiten nicht mitteilen Infolgedessen halte er eS für praktisch, eine allgemeine Aussprache über den Hanshalt für 1929 hier nicht zu entfachen, fonberti sich auf den Nachtragshaushalt tu beschränken. Verantwortlich für den Hanshall sei nach der Verfassung die ReichSregterung, nicht aber einzelne Parteien ober Fraktionen Den Zeitpunkt, zu dem die Reparationsfrage zu behandeln fei, müsse sich die Reichsreqiertlng angesschls des Ernstes dieser Frage Vorbehalten Im weiteren Verlauf der Sitzung wurde ein deutschnationaler Antrag eine allgemeine finanzpolitische AtlSsprache mit der Aussprache über den NachtragshauShalt zu verbinden, a b g eIehnt
Parteien und Steuervorlagen.
Da zu erwarten ist, daß der Reichstag am 24. Januar Zusammentritt, wird in den Parteien schon lebhaft für bie kommende Kampagne mobil gemacht Das Hauptinteresse richtet sich u. a auf die neuen Steuervorlagen im Betrage von 500 Millionen Mark. Für Freilag dieser Woche ist die Z e n t r u m s f r a k l i 0 n telegraphisch zu einer Sitzung ein» berufen worden Die Fraktion wird sich mit den Fragen beschäftigen, mit denen sich am 20 Januar der Parteivorstand beS Zentrums besaß«, bet Wahl des geschäftsführenden Vorstandes und des stellvertretenden Vorsitzenden Daneben wird man über die Steuerpläne beraten. Auch die Sozialdemokraten haben ihre Fraktion éinberufen. und zwar auf Montag und Dienstag der nächsten Woche Sie werben sich in erster Linie mit Budgetfragen, vor allem mit dem Rach^ tragSetat besassen, ferner mit der allaemeinen Laar, -