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§ul-aer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- unö Haunetal -Zulöaer Kreisblatt

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Nr. 38 1929

Fulda, Donnerstag, 14. Februar

6. Jahrgang

=*1

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Zwischen dem Reichspräsidenten von Hindenburg und dem Papste Pius XI. sand ein herzlicher Telegrammwechsel statt.

* Sämtliche politischen Parteien des Saargebietes mit Aus­nahme der Kommunisten erlassen einen Ausrus, dem von der französischen Regierung propagierten französischen Unterricht in den Schulen fernzubleiben,

.* Der Abgeordnete Uli-, Führer des Deutschen BoltS- bundeè in Kattowitz, wurde von den polnischen Behörden ver­haftet,

* Bei Wien ereignete sich ein schwerer Zugzusammenstotz, bei den- drei Reisende schwer und 32 leicht verletzt wurden.

Der ösztvUKgene Mensch.

Was wird aus dem Menschen, diesem angeblich f» gewaltigen Beherrscher der Rarur, wenn diese Natur lachend die ihr angelegten Fesseln sprengt und sich fröhlich aus­tobt! Ein Nichts wird aus ihm, der gestern noch so triumphierte über aste Kräfte des Erdballs, ein Flüchtling s wird er, der zitternd und bibbernd einen Verzweiflungs- kampf gegen die Kälte führt. Soll man ein wenig GoethesFaust" variieren?Nach Wärme drängt, an Wärme hängt doch alles, ach, wir Armen!"

Was wird aus all unserer Zivilisation, wenn die Wasserleitung einfriert! Was aus unserer Kultur, wenn das gleiche im Gasrohr vor sich geht und der häusliche Herd zur Eisplatte wird! Von der Brause über der Bade­wanne melancholisch ein langer Eiszapfen herunterhängt! Ja, dann zeigt sich der Mensch immer mehr, wie er wirklich ist, dann sinkt sozusagen iede^falsche Scham und man legt lein Gewicht mehr aus äußereSchönheit und Gestalt". In diesem Kampf verliert man die letzten Hemmungr« und selbst einKavalier" trägt Ohrenschützer. Aber das Lachen darüber wird zur Grimasse, wenn die Kälte erbarmungslos in Ohren, Fingern und Zehen zwickt.

Jahr um Jahr hatten wir in Deutschland verhältnis­mäßig milde Winter gehabt und schon fing man an, dar« J über zu diskutieren, woher daS eigentlich käme, daß diese r ^«^W o-r sWyer-fs strengen Jahreszeit anschuinrn» zur angenehmen Gewohnheit der Natur wurde. Die Dis­kussion ist überflüssig geworden; denn was der Winter in den letzten Jahren versäumte, hat er doppelt und d r e i s a ch w i e d e r n a ch g e h 0 l t. Der Nordpol scheint ein ganzes Stück nach Süden verrutscht zu sein und wir i würden uns in Deutschland gar nicht übermäßig wundern, wenn am Himmel plötzlich ein Nordlicht aufbauchen würde. Die Eskimos sind uns beneidenswerte Menschen geworden, iveil sie zum Kampf gegen die Kälte so viel besser ausgerüstet sind als wir armen Mitteleuropkier.

Welchen Schaden die Kältewellen angerichtet hahrn und noch anrichten, läßt sich jetzt noch gar nicht übersehm; aber selbst die dicke Schneedecke vermag nicht mehr zu ver­hindern, daß die verheerende Kälte immer tiefer in den Boden dringt. Immer sorgenvoller wird das Gesicht des Landmanns, sorgenvoller aber auch L das Gesicht des Geschäftsinhabers, des Kauf­manns, des Gewerbetreibenden; denn lang­samer, viel langsamer erfolgt jetzt der Ablauf deS Wirt­schaftsgetriebes. Handel und Wandel sind arg inS Stock-n geraten und Tausende und aber Tausende stößt oie Kälte in die Arbeitslosigkeit hinaus. Man spürt eS, wie sehr das Wirtschaftsleben auch fetzt noch auf Gedeih und Verderb verknüpft ist mit der Natur und daß es stocken muß, wenn die Natur ein Halt! ihm zuruft. Durch die Winternacht rast der D-Zug da hebt der in einen mzmantei gehüllte Tod die Hand und unter seinem Schlag zersplittert das Menschrnwerk. überall bekommt »er stolze Mantel Risse, in den die Menschheit sich hüllt Bändigerin" der Naturkräfte. Bis diese aufspringen, »mmefletschcnd wie bissige Hunde, und die Hülle herunter- i wSen. Und sich die Natur wieder auf den angestammten, wr vorgeblich geraubten Herrscherthron setzt, vor dem -er, Kensch die Knie zitternd beugen muß. -

Abgeordneter ttlch verhaftet.

Deutschenhetze in Ostoberschlesien.

Der Geschäftsführer des Deutsche« Volksbundes kn Kattowitz, Abgeordneter U l i tz, ist am Mittwoch von der Polizei verhaftet worden. Die Gründe, die zu seiner Verhaftung führten, dürften in der Erklärung, die der Woiwode derPolska Zachoduia" anläßlich der Auflösung des Schlesischen Sejms gegeben hat, zu suchen sein.

Bekanntlich hatte der Schlesische Sejm seinerzeit den Antrag des Staatsanwalts aus Auslieferung des Ab­geordneten Ulitz, der beschuldigt wird, Militärdienst- pflichtigen zur Flucht verhalfen zu haben, abgelehnt. Nachdem nun der Schlesische Sejm aufgelöst und das Mandat erloschen ist, bat man dem Staatsanwalt die so­fortige Verhaftung des Abgeordneten Ulitz aufgetragen, wo auch nach kaum 24 Stunden nach Schluß des Schle­ichen Sejms durchgefübrt worden ist. Die Auflösung des Ostoberschlesischen Sejms erfolgte auf Antrag des Kabinetts, da seine fünfjährige Amtsdauer bereits über» dritten war. In der Anflösungsbogründung sagt der Woiwode, der Ostoberschlesische Sejm "hätte keine nützliche Arbeit mehr geleistet, so u. a. nicht einmal den Abgeord­neten Ulitz nusgeliefert. Korfanty hat vor kurzem er» start, daß der erste Beamte der Woiwodschaft vor de« Staatsanwalt gehöre.

*

Beschwerde beim Völkerbund wegen Ulitz' Verhaftung.

-LautBerliner Tageblatt haben die Frau des ver- Mieten Volksbundführers Ulitz und der deutsche Volks- und in Oberschiesten telegraphisch Beschwerde beim Völker- Unb in Genf eingereicht.

Prüfung der deutschen Steuerlast.

Oie pariser Verhandlungen.

Eindrucksvolle Darlegungen Schachts.

Im Fortgang der Beratungen der Pariser Repara­tionskonferenz kamen die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland zur ausgedehnten Behandlung und der deutsche Vertreter Dr, S ch a ch t gab eine eingehende Dar­stellung. Obwohl keinerlei Mitteilungen an die Lffent- lichkeit gegeben werden, ist doch soviel bckanntgenwrven, daß Dr. Schacht ein wesentlich anderes, der Wirklichkeit näher kommendes Bild entwarf, als eS der optimistische Bericht deS Reparationsagenten Parker GUbert vor einiger Zeit bot.

Dr. Schacht sprach ausführlich über die Entwicklung der deutschen Verhältnisse feit Inkrafttreten des DaweS- Planes, schilderte dessen Folgen und Wirkungen und ging insbesondere auf die Frage ein, ob die regelmäßigen Dawes-Zahlungen aus deutschen Ersparnissen oder aus Ausländsanleihen beglichen wurden. Auch die Fehler im Dawes-Plan und die falschen Voraussetzungen, die sich später nicht erfüllten, wurden von Dr. Schacht be­rührt. Diese Ausführungen Dr. Schachts haben einen tiefen Eindruck nicht zuletzt bei den Amerikanern hinterlassen und wurden von den verschiedensten Seiten als eine ausgezeichnete übersichtliche Darstellung be­zeichnet.

Nur die Wirklichkeit.^

Das Pariser BlattMatin" hat erfahren, daß Dr. Schacht am Schluß seiner Ausführungen gesagt habe, daß nach seiner Unstcyt die Sanierung nicht in der hypo­thetisch festgesetzten Zeit habe erreicht werden können. Man müsse sich vor dem Schein hüten und dürfe nur dir Wirklichkeit berücksichtigen. Dr. Schacht habe es sich angelegen sein lassen, zu beweisen, daß die Sach­verständigen den Lebensstandard des deutschen Volkes fehlerhaft beurteilen, wenn sie sich nur auf die Statistiken oder gar nur auf bie Eindrücke berufen, die sie in gewissen begünstigten Verkehrszentren sammeln können. Berlin und einige andere große deutsche Städte seien nicht ganz Deutschland. In Wirklichkeit lebe das deutsche Volk weniger gut als früher, seine Steuerlasten seien schwerer ab» vor dem Kriege. _

Steuer und Realeinkommen.

A«f Anregung des Vorsitzenden der Konferenz trat mem ««ch Schachts Rede in die Aussprache ein Es er­wies sich als nicht ganz einfach, die Frage der Wirkungs­weise deS DaweS-PlaneS auf Deutschland zum Ausganas-

reesrammNrchjt! Siadenburg-popst.

Der RcichSSräüdcm hat an den Papst bei der Wieder­kehr feine» KrönungStsgcS nachstehendes Telegramm ge- ttHM:Euer Heiligkeit bitte ich, zum Kröiiungsfcste meine aufrichtigste« und wärmsten Glückwünsche entgegen- zrinehme«. von HtndenSnrg, Deutscher Reichspräsident." Ter Zirpst hat darauf wir folgt geantwortet:Sw. Ex- zellenz gütiges Gedenken und inn gften Glückwünsche er- N'kder« ivir dankbarst mit dc« herzlichsten Skgen5ivünschcn ftr Ihre fersen und daS gesamte Deutsche Volk. PiuS 9 XL

Am KrönungStage ^e« Papstes Pius Kl. gab der apostolische Nuntius Pacelli in Berlin ein Essen, an dem teilnahmen: Per Reichspräsident mit Staatssekretär Me^tzn-r nn^ Oberstleutnant v. Hmden- burg. Reichskanzler Müller mit Staatssekretär Pünder, der preußische Ministerpräsident Dr Braun mit Staatssekretär Dr. Weismann, der preußische Kultusminister Dr. B e ck e r mit Staatssekretär Lammers sowie zahlreiche bei der Reichsregierung be­glaubigte Botschafter und Gesandte.

Zu dem Abkommen zwischen dem Vatikan und der italienischen Regierung haben sowohl der Reichspräsident als auch die Neichsrcgieruna den ualienifchen Bot,chafti.r in Berlin sowie den päpstlichen Nuntius gebeten, die Glückwünsche der Regierung und des Reichspräsidenten na» Nom zu übermitteln. Gleichzeitig sind Herr v. Bergen und Freiherr v. Ncurach beauftragt worden, in Rom selbst ähnliche Schritte zu tun. $

Das Abkommei! zwischen der italienischen Regierung und dem VatUan wird sich für England wahrscheinlich durch die Entsendung eines päpstlichen diplomatiichen Vertreters an den Londoner Hof auswirken.

General Booth nochmals seines Amtes enthoben.

wtb. London. 14. Febr. Der oberste Rat der Heils­armee entschied, daß General Booth unfähig sei, sein Amt weiter auszuüben und beschloß, den General seines Amtes zu entheben. Zu seinem Nachfolger wurde General- stabschef Higgins ernannt.

Die Wahl Higgins zum General der Heilsarmee.

wtb. London, 14. Febr. Durch die kurz vor Mitternacht erfolgte Wahl des Kommissars Higgins zum General der Heilsarmee ist die Herrschaft derBooth-Dynastie" zu Ende gekommen. Der neue General, der 64 Jahre alt ist, hat der Hcilsaa-mee seit 1882 angehört. Seit 10 Jahren war er der Ha«ptmitarbeiter des abgesetzten Generals Bram­well Booth. Wie sich Booth zu der Entscheidung stellen wird, ist noch nicht bekannt, ebenso wenig was aus dem im Gange befindlichen gerichtlichen Verfahren werden wird.

punkt der Sachverstândigenverhand'ungen zu wählew Es kam ein Beschluß zustande, mit der Bchandlung folgender zwei Fragen zu begnnen: Tie Steuerlasten Deutschlands im vergleich zu denen der Eiitentestaatcn und das Realeinkommen der Arbeiter und d>». durch dieses Einkommen bedingte Kaufkraft. Auch ver­schiedene andere Einzelfragen sind in Aussicht genommen, ohne daß jedoch bisher eine Einigkeit über sie erzielt wurde.

Die Verhandlungen des SachverstLndigen-Ausschusses.

wtb. Paris, 14. Febr. Ueber die gestrigen Beratungen des Rexarationssachverständigen-Ausichusses berichtet Matin", Dr. Schacht habe daran erinnert, daß die Han­delsbilanz Deutschlands ein Defizit in Höhe von 1 Mil­liarde aufweise. Damit die Dawes-Annuitäten bezahlt werden könnten, fei ein größerer Ueberichutz in der Han­delsbilanz notwendig. Andererseits müßten auch bei den Einfuhr- und Ausfuhrziffern die ^Reparationslieferungen in Berücksichtigung gezogen werden. Dr. Schacht habe außerdem die nach seiner Ansicht zu optimistischen Schluß­folgerungen Parker Cilberts hinsichtlich der budgetären Einnahmen aus den 5 rerpfänteten Einnahmequellen (Zoll, Tabak, Bier, Alkohol und Zucker) erörtert. Schließ­lich haben Dr. Schacht und seine Kollegen über die Lage der deutschen Industrie gesprochen. Die Diskussion wird heute fortgesetzt werden.Echote Paris" erklärt, wahr­scheinlich werde die Prüfung dieser allgemeinen Fragen die ganze Woche in Anspruch nehmen. Trotz hier um­laufender tendentiöser Gerüchte bleibe der Eindruck von dem Verlauf der Verhandlungen gut.Chicago Tribune" erklärt: Die Verhandlungen gingen dreimal so schnell vor­an, als man vorher angenommen hatte, und werden, wenn dieses Tempo beibehalten würde, schon in einem Monat zu Ende sein, statt in zwei oder drei Monaten, wie man geglaubt hat.

Propaganda Louis Dubois' bei den Mitgliedern des Sachverständigen-Ausschusses.

wtb. Paris, 14. Febr. Der ehemalige Vorsitzende dec Reparationskommisscon, Abgeordneter Louis Dubois, sucht offenbar bei den Sachverständigen des Repa­rations-Ausschusses für seine Gedanken Propaganda zu machen. Er hat lautArenir" gestern jedem Delegier­ten ein Exemplar eines von ihm verfaßten, soeben er­schienenen Buches überreichen lassen, das sich auf die fran­zösischen Schuldenal kommen mit den Vereinigten Staaten und England und auf den Dawes-Plan bezieht.

Zurückweisung von Angriffen auf die Deutsch- Amerikaner im Einwanderungs-Ausschuß.

wtb. Washington, 13. Febr. Das Mitglied des Reprä­sentantenhauses Mc. Cormick, der ebenfalls vor dem Ein­wanderungs-Ausschuß des Senats erschien, wies die An­griffe eines Vertreters derAmerican Legion" gegen die Deutschamerikaner wegen ihrer angeblichen Weigerung, im Weltkrieg auf Amerikas Seite zu kämpfen, scharf zurück, und erklärte, baß die einzelnen Mitglieder derAmerican Legion" nicht gegen die deutsche Einwanderung seien und daß die neuen Quoten eine Ungerechtigkeit gegen das deutsche Element in den Vereinigten Staaten darstellen. Mc. Cormick fügte hinzu, über % aller deutschstämmigen Einwanderer sei gerade wegen ihrer Abstammung von den Armeebehörden zurückgewiesen worden und der Rest habe aus den gleichen Gründen wie die übrigen Ameri­kaner, wegen Heirat, körperlicher Untauglichkeit oder aus anderen Gründen nicht am Kriege gegen Deutschland teilzunehmen brauchen.

Herabsetzung der deutsche» Eiuwauderung in Amerika.

wtb. Washington, 13. Febr. Der Einwanderungsaus­schutz des Senats lehnte den Antrag, das Inkrafttreten der Urspruchsklausel um ein weiteres Jahr zu verschieben, ab. Hierdurch wird vom 1. Juli ab die deutsche Einwan­derung von 51227 auf 24908 jährlich herabgesetzt, der bri­tische Anteil dagegen erhöht.

Vorstoß der Saardeuischen.

Gegen den srauzösischen Sprachunterricht.

Seit der Besetzung des Saargebieteâ haben die Fran­zosen die Fiktion aufrcchteryalten, es bandele sich um ein zweisprachiges Gebiet, in dem mindestens 100 000 franzö- fifete un.. französisch sprechende Einwohner vorbanven seien, obwohl es sich natürlich um ein rein deutsches Land handelt. Mit allen Kräften sucht man von Paris aus die unrichtige Behauptung zu stützen und hat jüngst erst eine Aufforderung erlassen zur Teilnahme der Kinder an dem auch in den Volksschulen eingeführten französischen Sprachunterricht.

Demgegenüber erlassen jetzt sämtliche politischen Parteien des Saarqebictes mit Ausnahme der Kommu- nisten einen Ausruf an die Bevölkerung, in dem diese auf» gefordert wird bis zur endgültigen Rückkehr des Saar- aëvietes zum teutschen Vaterland den französischen Schulen und auch jedem freigestellten französischen Unter­richt fernznblcibcn.Der unter anderen Umständen be­rechtigte Ansprnch jedes gut begabten Schulkindes auf das Erlerne,! einer fremden Sprache muß und kann im Saar- gebiet ohne Bedenken bis zu unserer Rückkehr ins Vater­land znrücktreten vor unseren großen politischen Zielen."