Zul-aer Anzeiger
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Nr. 87 — 1929
Fulda, Montag, 15. April
6. Jahrgang
M IenWist her
Ich keine Schuldziffer in Paris.
Keine Angabe von Zahlen.
Entgegen allen mehr oder minder phantastischen Angaben über die Höhe der Forderungen, welche die Entente- staaten an Deutschland zur Regelung der Kriegsschulden- fragm formuliert hätten, hat die mit großer Spannung erwartete Sonnabendsitzung der Pariser Reparations- konfcrenz noch keinerlei positive Aufklärung gebracht. Der offizielle Bericht über die Sitzung lautet:
Die Vollsitzung der Reparationskonferenz am Sonn- aScnd dauerte von 11.30 bis 12.40 Uhr französischer Zeit. Seitens der vier Hauptglüubigerdelegationcn wurde, wie angekündigt, das Memorandum dem Sachverständigen- ansschuß als solchem und nicht etwa der deutschen Delegation übergeben. Das Dokument soll als Beitrag zur Erleichterung und Klärung der Diskussion über die Ziffern dienen. Das Memorandum, das als Vorschlag zu denken ist, nicht aber als ein Beschluß der Hauptgläubiger, wurde in der Sitzung zur Verlesung gebracht. Die nächste Vollsitzung findet am Montag voo- mittag 11 Uhr statt. Sie wird darüber zu entscheiden haben, ob eine Veröffentlichung des Textes des Memoran- dums erfolgen soll oder nicht. Eine Diskussion über den Inhalt des Dokuments fand nicht statt, jedoch eine Besprechung über die Opportunität der Veröffentlichung. Über die Ziffern ist amtlich nichts mitgeteilt worden.
Die Tatsache, daß der amerikanische Vorsitzende der Reparationskonferenz, Owen Uoung, das Memorandum der vier hauptreparationsberechtigten Länder entgegen« genommen hat, ist nicht in dem Sinne auszulegen, daß er sich selbst mit diesem Memorandum identifiziert. Er hat auch in keiner Weise dazu Stellung genommen.
*
Oie französische Stimmungsmache.
Im Laufe der Besprechung des Presseausschuffes bei der Reparationskonferenz, der aus je einem Mitglied der sieben vertretenen Delegationen besteht und der nach Schluß der Vollsitzung zufammengetreten ist, wurde wiederum, wie vor acht Tagen, Beschwerde über das Verhalten eines Teiles der französischen Presse geführt. Deutscherseits ist darauf hingewiesen worden, daß die Pressekampagne der letzten Tage den Charakter der Reparationskonferenz dadurch entwertet hat, daß man von Parteien, die einander gegenüberstehen, gesprochen hat, während in Wirklichkeit eine Konferenz tagt, die ein die Allgemeinheit interessierendes Problem ohne Rücksicht auf Poltische Fragen zu lösen hat. Die Arbeit der Sachverständigen ist begründet aus ihrer Kenutnts von den finanziellen und den wirtschaftlichen Zusammenhängen in der Welt und ihrer Verbindung mit dem Reparations- Problem.
Die Ausgabe der Sachverständigen besteht darin, in oriindlicher gemeinsamer Untersuchung zu erforschen, wieviel Deutschland im Rahmen seiner Leistungssähig- kert bezahlen darf, ohne aus dem Rahmen der Weltwirt» styast auszuschciden, und was die reparationsbcrechtigten Zinder an Zahlungen und Leistungen im normalen Wirt- schkiftsaustausch erhalten können.
Vor der Entscheidung.
n, Acht Tage haben in Paris die Delegierten Englands, Frankreichs, Italiens. und Belgiens gebraucht, um sich über die Höhe der Jahreszahlungen zu einigen, die man Deutschland auferlegen will. Nun ist die Denkschrift, in der diese Forderungen genau aufgestellt sind, den Kommis- sionâmitgliedern überreicht worden, nicht etwa den deutschen Vertretern allein, und die Unterschrift Owen Voungs vzw. Morgans, der amerikanischen Delegierten, fehlen ebenso wie die der japanischen. Die Vertreter der vier Mächte wollen damit zu erkennen geben, daß die von ihnen gemachten Vorschläge eigentlich nur eine V e r h a n d - ^'ngsbasis darstellen sollen, aber — die geschlossene Mont den Deutschen gegenüber ist da. Und das ist eine âtsache, die von größerer Bedeutung ist als jenes taktische -Panöver, so sehr, daß sie die deutschen Vertreter in Wirk- uchkeit letzten Endes vor ein einfaches „Ja" oder „Nein" stellen muß.
In der Sonnabendsitzung ist merkwürdigerweise be^ lassen worden, die Denkschrift der vier Mächte zunächst Uicht zu veröffentlichen, damit auch die offizielle Unter« Achtung der Völker über die genaue Höhe und die Dauer ver Deutschland aufzuerlegenden Jahreszahlung noch auf« 3 Weben. Zweierlei kann aber schon jetzt als ganz sweifcllos bezeichnet werden: die Zahlen, auf die sich jene wer Mächte geeinigt haben, sind um ein Bedeuten- cs höher als jene, die in den letzten Tagen von der nMzösischcn Presse mitgeteilt wurden; des weiteren ist me feste Verknüpfung der alliierten Schulden an Amerika Miet'?1 künftigen deutschen Zahlungsverpflichtungen her-
Man hat folgendermaßen gerechnet: einmal zahlt L^'nchland — bis 1987 — genau soviel, wie jene alliierten schulden betragen. Das wären ab 1930 jährlich 873 » steigend bis 1706 Millionen. Dann kämen v âillionen für Verzinsung und Tilgung der deutschen von 1924, die bis zum 15. Oktober iöhii.» ^' U'w schließlich noch eine zusätzliche Jahres- vn gleichbleibender Höhe; man hat darunter die Uchen „Kosten der Wiederherstellung" zu verstehen. Gri--a , alliierten Mächte bis hinunter zu Portugal oder harnt ani> hat hierfür eine bestimmte Summe ge«
' I — und man war dabei durchaus nicht zurück
haltend! — und so kam eine Gesamtsumme heraus, die Deutschland nun durch Jahreszahlungen in entsprechender Hohe bis 1966, also in 37 Jahren, verzinsen und tilgen soll. Es heißt, daß diese zusätzlichen Jahreszahlungen an« geblrch 700 Millionen betragen sollen; das würden, in eine Kapitalsumme umgercchnet, etwa 12 Milliarden Gegenwartswert darstellen. Diese Summe soll aber „kommerzialisiert" werden und für sie wird, den bisherigen Beschlüssen der Konferenz gemäß, auch der Transserschutz Wegfällen.
Schon diese immer noch sehr optimistisch angesetzten Zahlen — angeblich sollen sie bedeutend höher sein — beweisen, daß die Höhe der bisher uns auferlegten Jahreszahlungen in kurzer Zeit von ihnen nicht bloß wieder erreicht, sondern sogar überschritten werden. Zweck der Konferenz aber war: Festsetzung der deutschen Zahlungen unter Berücksichtigung der deutschen Leistungsfähigkeit. In eine Untersuchung dieser Leistungsfähigkeit ist die Konferenz aber gar nicht eingetreten. Wozu dann unabhängige „Sachverständige"? Das konnten Regie- rungsbeauftragte auch machen und die Amerikaner sich ihre Reise nach Paris sparen! Was man bisher von Vorschlägen auf der Pariser Konferenz produzierte und beschloß, war immer nur eine „R e v i si o n" des Dawes-Planes zuungunsten Deutschlands; aber allem setzen die jetzt vorgeschlagene Höhe und Dauer der uns aufzuerlegenden Jahreszahlungen die Krone auf.
Noch ist jene Denkschrift der interalliierten Mächte nicht in ultimative Form gekleidet worden, aber sie unterscheidet sich tatsächlich kaum noch von einem Ultimatum.
*
Unannehmbar ’
Die Berliner Presse beschäftigt sich ausführlich mit dem in Paris der Reparationskonferenz überreichten Memorandum. Die Blätter betrachten die Lage der Pariser Konferenz sehr pessimistisch, zumal die von Deutschland geforderten Zahlungen noch über die von der Pariser Presse bekanntgegebenen Zahlen hinausgehen sollen. Man spricht von „maßlosen" und „unmöglichen" Forderungen und bezeichnet das Vorgehen der Alliierten in Paris als „Plünderungspolitik". Allgemein wird das Scheitern der Konferenz in Aussicht gestellt, falls die alliierten Sachverständigen sich nicht zu einer anderen Auffassung bekehren sollten. Allgemein wird hervorgehoben, daß die amerikanischen Sachverständigen sich mit dem überreichten Memorandum und den darin enthaltenen Zahlungsforderungen nicht einverstanden erklärt haben. Die ^Pariser Presse gibt ausführlich das Echo wieder, das die neue Wendung in den Pariser Sachverständigenverhandlungen in Berlin ausgelöst hat. Eine Berliner Meldung des „Petit Parisien" folgert aus den deutschen Pressestimmen, daß man sich am Montag auf eine Ablehnung der alliierten Vorschläge durch die deutsche Abordnung gefaßt machen müsse.
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Der Vorsitzende als Schiedsrichter.
Der „Matin" will in der Lage sein, die Zahlen angeben zu ; können, die die reparationsberechtigten Mächte in dem Memorandum niedergelegt haben. Danach seien die vorgeschlagenen ; Annuitäten auf einen Zinssatz von 5% Prozent berechnet und ; stellten für die 35 ersten Jahre eine Durchschntttsannuität von 2198 Millionen oder nach anderen Berechnungen von 2300 Millionen dar. Sie stiegen im Laufe von 37 Jahren von 1800 auf 2450 Millionen, erreichten also niemals die jetzige Normalannuität von 214 Milliarden. Nach den ersten 37 Jahren würden die eigentlichen Reparationen getilgt sein. Die Annuität für die Bezahlung der Kriegsschulden sinke in den letzten 21 Jahren von 1700 Millionen auf 900 Millionen Mark. Diese vom „Matin" heute genannte Er- mäßigung der Kriegsschuldenannuität ist bisher nirgends er« wähnt worden.
„Echo des Paris" berichtet übrigens, daß die Delegationen der vier reparationsberechtigten Länder den Versuch gemacht haben, den Vorsitzenden der Reparationskonferenz, Owen Aoung, zur Unterzeichnung des Dokumentes zu bewegen Dieser habe sich jedoch, obwohl er allen Erörterungen dieser Frage beiwohnte, wohl gehütet seine Unterschrift zu geben. Das Blatt will darin eine Zeichen dafür erblicken, daß der Vorsitzende nunmehr fein Schiedsrichtern mt ausüben wolle.
Sie neuen Mnèßer ernannt
v. Guërard, Stegerwald, Wirth.
auf
Der Reichspräsident hat am Sonnabend, den 13. April, „u? Vorschlag des Reichskanzlers den Reichsminister Koch-Weser auf seinen Antrag hin aus dem Amt des Reichsministers der Justiz entlassen und den Rc.chs- Minister a. D. von Guerard, M. d. R., zum ^cich^ minister der Justiz ernannt. Ferner hat der Reichs- Präsident auf Vorschlag des Reichskanzlers den prcusn- schen Ministerpräsidenten a. D. Dr. Stcgcrwald, Md R zum Rcichsvcrkchrsminister und den Reich»- kanzler a D. Dr. Wirth znm Reichsminister für die belebten (Gebiete eenunnt.
Die Veröffentlichung der Ernennungen, die schon vor zwei Tagen scststandxu, wurde aufgeschoben, damit es dem scheidenden Reichsjustizmmlster Koch - Weser noch möglich war, Den neuen Reichsgerichtspra,identen Bumke in sein Amt einzuführe». Man wollte auch wissen, das Unwohlsein des Reichspräsidenten von Hindenburg habe die Verzögerung herbeigeführt Tatsächlich ist der Reichspräsident seit Donnerstag außer Bett und sein Befinden ist durchaus befriedigend.
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Die vier Hauptgläubiger Deutschlands übergaben in der Sonnabendsitzung der Pariser Reparationslonfermz ihre Denkschrifi über die Kriegsschuldenregelung als Vorschlag. Zahlen wurden nicht bekannlgegeben.
* Die Lohnverhandlungen im Ruhrbergbau sind ergebnislos abgebrochen worden. Sie werden vor dem Schlichter fortgesetzt werden.
* Die polnische Regierung ist zurückgetreten. Mit der Neubildung wurde der bisherige Unterrichtsminister Dr. Swi- talski beauftragt.
Luftfahrt èn Noi.
Bei dem „Sparprogramm", das von den Etatssachoerständigen der Regierungskoalition ausgearbeitet und von der Regierung grundsätzlich angenommen wurde, hat die Streichung von 24 Millionen beim Haushalt des Reichsverkehrsministeriums großes Aufsehen er« regt, da es sich hier um Zuschüsse handelte, die das Reich dem modernsten Verkehrsmittel, nämlich der Luftfahrt, zugedacht hatte. Natürlich sind aus den Kreisen der Lufthansa, des Zeppelins und der beteiligten Industrie scharfe Proteste erfolgt, wurde darauf hingewiesen, daß damit der deutsche Flugverkehr schwer st e Einbußen erleiden müsse, und Dr. Eckener hat die Zukunft des Zeppelinbaus recht schwarz gemalt. Der Beirat für das Luftfahrwesen hat darum den Reichsverkehrsminister er» sucht, seinen Einfluß bei Negierung und Reichstag einzusetzen, daß die Aufrechterhaltung und planmäßige Förderung der deutschen Luftfahrt nicht allzu großen Schaden leidet.
Ursprünglich waren im Etat 68 Millionen an Ausgaben für diesen Zweck vorgesehen, doch war schon diese Summe um 14 Millionen gekürzt worden, ehe der Etat dem Reichstag vorgelegt wurde. Die größten Posten dabei waren die etwa 19 Millionen für die Lufthansa und die 15,5 Millionen „für die Förderung der technischen und allgemeinwirtschaftlichen Zwecke". Dazu kamen dann noch etwa 4,5 Millionen für den Bau einer neuen Zeppelinhalle und 3,5 Millionen für die Ausbildung von Flugzeugführern usw. Dann erhielten aber noch eine ganze Reihe anderer Unternehmungen, die mit der Luftfahrt zusammenhängen, zwar nicht beträchtliche, aber doch für ihr Bestehen wichtige Reichssubventionen; so wurden für das Segelflugwesen, die Luftfahrtpropaganda, für Sonderflüge und sportliche Wettbewerbe, für den Flugwetterdienst, für wissenschaftliche Forschungszwecke und das Freiballonwesen im ganzen recht erhebliche Gelder aufgewendet.
Nun sollen für 1929 insgesamt nur etwa 20 Millionen vom Reich für das Luftfahrwesen hergegeben werden — und das steht in einem grotesken, leider nnr zu beklagenswerten Gegensatz zu dem, was andere Staaten für ihr Luftfahrwesen aufwenden. Allerdings werden dort mit einem großen Teil der Aufwendungen sehr stark auch militärische Gründe verfolgt, aber für die Handelsluftfahrt allein schon gibt der Französische Staat etwa 92 Millionen Mark her, etwa ein Viertel dessen, was Frankreich insgesamt für den Lufthaushalt aufwendet. 285 Millionen Mark beträgt dieser Etat in den Vereinigten Staaten und noch etwas höher, nämlich 325 Millionen, ist der englische Luftfahrhaushalt dotiert. Da verschwinden die 20 Millionen des deutschen Etats fast vollkommen.
Daß die Streichung des Hauptteils der Reichssubventionen einen schweren Schlag für die deutsche Luftfahrt bedeutet, ist ja selbstverständlich, und diesen Schlag wird sie deswegen nm so stärker verspüren, weil Deutschland bei seiner Lage im Herzen Europas für das internationale Luftverkehrswesen eine überaus wichtige Rolle spielt. Nicht weniger als 25 Luftfahrlinien werden künftighin in Wegfall kommen müssen oder — werden durch ausländische Fluggesellschaften beflogen werden. Angeblich werden aber noch andere, regionale Linien, die Zubringerdienste für das Hauptverkehrsnetz leisteten, bald in Fortfall kommen, wenn die Hanptlinien abgebant werden.
In erst vierjähriger Arbeit, seitdem die vom Versailler Diktat festgesetzten Einengungsbestimmungen fielen, ist das deutsche Lüftfahrwesen aufgebaut worden ; man mag noch immer nicht daran glauben, daß ein großer Teil des mühsam errichteten Gebäudes nun wieder eingerissen werden muß.
Fori mit der Besatzung!
I Die Presse als Trommler. '
Auf dem pfälzischen Pressefest betonte in seiner Festrede der bayrische Minister des Jnnnern, Dr. Stützel, daß es schon schlimm mit der Pfalz bestellt sein müsse, wenn die stolzen Bewohner der Pfalz die Hilfe des rechtsrheinischen Bayerns in Anspruch nähmen, und schloß mit den Worten: Die pfälzische Presse mutz der Trommler sein für die Forderung: FortmitderBcsatzung! Freiheit der Pfalz, Freiheit dem Deutschen Reiche! Kommerzienrat Grosser-Frankenthal, der erste Vorsitzende der Vereinigung Pfälzischer Zcitungsvcrleger, wies in seiner Ansprache darauf hin, Latz Deutschlands Grötze sich nicht in einigen Wochen wieder aufrichten könne, und schloß mit einem Hoch aus das Deutsche Reich.
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Warschau. In der Wilnaer polnischen StaatSforstver Wallung lvurdcn ungeheure Unterweise aufgcdccku Ins gesamt ist der Staat durch betrügerische Machcuschasten der polnischen Beamten um 50 Millio »cn Zloty geschädigt worden. Der Hauptschuldige ist bereits verhaftet worden.