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Nr. 99 — 1929
Fulda, Montag, 29. April
6. Jahrgang
Krisis in der Abrüstungsfrage.
A Kampf um die Keeresreferven.
Deutschland kann keine Zugeständnisse mehr machen.
GrafBernstorff gab in der vorbereitenden Konferenz der Abrüstungskommission in Genf eine grundsätzliche Erklärung der deutschen Regierung ab, in der er mit Nachdruck den deutschen Standpunkt in der Frage der ausgebildeten Reserven darlegte und an die Mächte die Aufforderung richtete, nunmehr ihrerseits bekanntzugeben, zu welchen Zugeständnissen sie bereit seien. Graf Bernstorff führte folgendes aus: Hinsichtlich der
ausgebildeten Reserven
ist die deutsche Regierung bereit, einen Weg zu suchen, der es ermöglicht, auf diesem Gebiete eine Einigung zu finden. Es ist möglich, eine Methode auszuarbeiten, bei der die ausgebildeten Reserven bei der Vergleichung der militärischen Stärke der effektiven Truppenbestände geringer ins Gewicht fallen als die unter den Fahnen stehenden Truppen. Deutschland kann sich jedoch einer These nicht anschließen, die auf die Einbeziehung der ausgebildeten Reserven in eine Entwaffnungskonvention verzichtet. Auf die große Bedeutung der ausgebildeten Reserven haben auch die militärischen Sachverständigen in der Unterkommission A bereits nachdrücklich hingewiesen. Die logische Folge wäre eigentlich nur die Forderung, daß das System der
allgemeinen Wehrpflicht abgeschafst
würde. Hierdurch würde sich die Frage der Anrechnung der ausgebildeten Reserven von selbst lösen. Trotzdem hat die deutsche Regierung die Forderung nach Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht nicht erhoben. Hierin liegt bereits ein wesentliches Z u g e st ä n d n i s, das Deutschland gemacht hat. Zum Schluß seiner Rede erklärte Graf Bernstorff folgendes:
„Es würde meines Erachtens nach sehr zur Klärung der Lage und zu einer Beschleunigung der Arbeiten beitragen, wenn die Delegierten, die sich zu Zugeständnissen bereit erklärt haben, sich möglichst bald darüber äußern würden, auf welchem Gebiet sie etwa Zugeständnisse zu gewähren geneigt sind. Ich lege aus diese Äußerungen den allergrößten Wert, da möglicherweise von ihnen zum größten Teil nicht nur die Z i e l s e tz u n a der Arbeiten dieses Ausschusses abhängen wird, sondern infolgedessen auch die S t e l l u n g, die meine Regierung diesen Arbeiten gegenüber einnehmen muß."
Die große Aussprache über den amerikanischen Kompromißvorschlag in der Landabrüstungsfrage führte zu einer
Reihe offizieller Erklärungen.
Der italienische Vertreter betonte, daß er nach seinen Instruktionen nicht in der Lage fei, den bisherigen
Die schlecht vorbereitete llonserenz.
Wer ist an dm Pariser Mißerfolg schult?
Die englische Delegation auf der Reparations- lonferenz in Paris sieht die Verhandlungen augenscheinlich als gescheitert an, wie aus den Äußerungen der Londoner Presse und gut informierter englischer Beobachter der Konferenz hervorgeht. In scharfen Aus- brücken wird das Kefseltreiben der Pariser Presse gegen
Schacht zurückgewiesen. Man weist darauf hin, daß, wenn die Konferenz ergebnislos auseinandergehen sollte, Dr. SchachtkeineSchuld daran trifft. Selbst wenn er ein noch größeres Verhandlungsgeschick bewiesen hätte, wäre es ihm doch unmöglich gewesen, die Konferenz zu retten.
. Als Hauptschuldigen bezeichnen diese englischen Stimmen den Reparationsagenten Parker Gilbert, der den Konferenzteilnehmern von vornherein viel zu llroße Hoffnungen auf ein gegenseitiges Entgegenkommen hfmacht habe. Auch in Deutschland soll der Generalagent die Lage allzu optimistisch geschildert haben, so daß die Enttäuschungen, die sich im Laufe der Verhandlungen herausstellten, doppelt schwer empfunden wurden und die Verhandlungen über das tatsächlich notwendige Maß hinaus erschwerten. Die Konferenz sei schlecht vorbereitet und deswegen von Anfang an zur Erfolglosigkeit ver- danimt gewesen.
In Paris dagegen zeigt sich ein gewisser wieder- "wachender O p t i m i s m u s, der sich an die Reise Schachts nach Berlin knüpft. Man verbindet mit ihr dre Hoffnung, daß Dr. Schacht vielleicht mit neuen 0 rschlägen zurückkehren werde, die eine Einigung noch in letzter Stunde ermöglichen könnten. Einige Pariser Blätter wollen wissen, daß Owen Noung Dr. Schacht vor seiner Abreise noch neue Vorschläge unterbreitet habe und dieser sich bereit erklärte, sie zu prüfen.
Pariser Blätter
über die Neparationsverhandlungen.
wtb.Paris, 29. April. Gestern abend wandte sich der „-emps" gegen den Gedanken, nach einem Scheitern der Repa- nuivnskonfcrenz die Lösung des Reparationsproblems den Re- gwrungen zu unterbreiten. Das Blatt sagt, wenn die Techniker
Finanz nichts hätten regeln können, würden die verant
Srandpünkt der italienischen Regierung in der Reservisten- frage zu ändern.
Der deutsche Standpunkt fand eine außerordentlich weitgehende Unterstützung durch den holländischen Vertreter, der in sehr scharfer Weise das Kompromiß in der Landabrüstungsfrage kritisierte.
Litwinow erklärte sodann, man müsse jetzt offen und mutig ein Fehlschlagen der Abrüstungs- kommifsion zugeben. Der Vertreter Schwedens bedauerte gleichfalls außerordentlich das Kompromiß in der Laudabrüstungsfrage und drückte die Hoffnung aus, daß die Großmächte jetzt wesentliche Zugeständnisse machen würden. Der polnische Vertreter Sokal fchloß sich vorbehaltlos dem amerikanischen Standpunkt an.
Nach dem Abschluß der durch das amerikanische Zu- geständnis gekennzeichneten Aussprache, die, wie man festhalten muß, noch keine Antwort über die Art der Konzessionen gebracht hat, die die amerikanische Delegation von den Landmächten erwartet, begründete zum Schluß der Sitzung die chinesische Delegation ihren Antrag auf Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht. Die Eröffnung der allgemeinen Aussprache über diesen Antrag wurde auf Montag vormittag vertagt.
*
Die Reservistenfrage
in der amerikanischen Presse.
wtb. Washington, 28. April. Die meisten der führenden Blätter beschäftigen sich mit Amerikas Nachgeben in der Reservistenfrage lediglich in ihren Berichten aus Europa. Der Pariser Berichterstatter der „Newyork Times" bezeichnet Deutschland als isoliert und erklärt, Frankreich stehe nunmehr der Weg zur Schaffung starker Reserven offen. „Chicago Tribune" meldet dagegen, daß Gibsons Erklärung lediglich bedeute, Amerika wolle einstweilen beiseitestehen und obwarten, ob nun Frankreich wirklich Einschränkungsabsichten bezüglich seines Landheeres offenbare. Der Leitartikel der „Baltimore Sun" hält diese Version für richtig und hofft, daß Frankreich nun mit der Reduzierung ernst machen werde. „Washington Post" protestiert als bisher einziges Blatt gegen Amerikas Umfall, der die ganze Abrüstungskonferenz zur Komödie mache. Ekbson habe zuerst in treffenden Ausführungen dargelegt, daß die Reserven mitgezählt werden müßten, da sie ein wichtiges Angriffskriegsmittel seien, und dann habe er plötzlich diesen Standpunkt aufgehoben, nur um ein Abkommen auf dem Papier zu erzielen. Aber Wilson habe ebenso wie Gibson verfucht, mit Europa zu handeln, und der Senat, der Wilson desavuiert habe, werde auch in dieser Frage ein gewichtiges Wort mitzusprechen haben.
wortlichen Politiker dies auch nicht erreichen, ohne zu einem Kompromiß politischer Art zu gelangen, das außerordentlich gefährlich sei.
Aehnlich spricht sich „Echo de Paris" aus und sagt, wenn Mc. Donald und seine Freunde die englische Regierung übernehmen oder selbst wenn sie zahlreicher in das Parlament einziehen würden, dann würden die englischen Vertreter auf einer politischen Konferenz, in der über Rheinlandräumung und Reparationen verhandelt werden würde, sich nicht leicht mit einem Mißerfolg abfinden, der den Bankerott der Abkommen von Locarno bedeuten würde.
„Chicago Tribune" behauptet, daß Dr. Schacht in Berlin die Reichsregierung dafür gewinnen wolle, sein neues Angebot, das gut unterrichteten Kreisen zufolge tatsächlich gemacht worden sein soll, zu billigen. Dieses neue deutsche Angebot sei, so glaubt man, für die Alliierten annehmbar, zum wenigsten für die ersten 15 Annuitäten. Das Schema sehe eine Klausel vor, auf Grund deren die Zahlungen später herabgesetzt würden oder wenn die Weltwirtschaftslage es erfordere, ausgeschoben werden könnten. Grundlage des ganzen Projektes sei: Offenlassung der Lösung nach 1945, weil man glaube, daß di- Vereinigten Staaten dann in eine Revision deer Kriegsschulden cinwilligen können. (Es handelt sich offenbar um einen von dem gleichen Blatt bereits genapnten Annuitätenbetrag von l.oO Millionen Goldmark.)
In der „Volontè" heißt es, bisher habe keine Prüfung der Zahlungsfähigkeit Deutschlands stattgefunden. Die alliierten Sachverständigen hätten auch Zahlen genannt, über die sie nicht hinausgehen können. Behauptung stehe also gegen Behauptung. Ein wirkliches Urteil hätte daher nur von Neutralen gefällt werden können.
Dr. Schacht in Berlin.
Berlin. Die bereits angekündigte übliche Sitzung des Generalrats der Reichsbank findet am 30. April und 1. Mai statt An ihr wird, wenn die Verhältnisse es gestatten, Reichs- bankpräsident Dr. Schacht teilnehmen. — Laut „Montag" wird Dr. Schacht frühestens am Mittwoch abend Berlin wieder verlassen, da er noch am Mittwoch an den Verhandlungen des Generalrats der Reichsbank teilnimmt. Von den Beratungen der Reichsbant sind offizielle Erklärungen über die Festigkeit der deutschen Währung und gegen die von Frankreich betriebenen Machenschaften gegen die deutsche Mark zu erwarten.
Die deutsche Währung bleibt stabil!
Den meisten Deutschen ist auch heute noch der Dawes- Plan ein Buch mit sieben Siegeln, was übrigens nicht weiter verwunderlich ist, da selbst die klügsten Leute — oder solche, die zum mindesten sich dafür halten — die allerverschiedensten Urteile über ihn selbst und seine Auswirkungen fällen. Nun ist in letzter Zeit schärfer als früher von einer «drohenden Inflation- gesprochen worden, die bei weiterer Durchführung des Dawes-Planes zur Wirklichkeit werden müßte. Allerhand Gerüchte, aber auch allerhand Tatsachen und — Börsenmanöver trugen in jüngster Zeit dazu bei, dieses Geraune und Gerede von einer Erschütterung der deutschen Währung, von einer „drohenden Inflation" noch lauter werden zu lassen.
Es ist aber wirklich nur ein Gerede. Aber ein gefährliches, und besonders dann, wenn dabei unter Anspielung auf den, wie gesagt, allzu unbekannten Dawes- Plan gearbeitet wird. Gewiß hat der Reparationsagent aus seinem Guthaben bei der Reichsbank, das durch die Milliardenzahlungen Deutschlands erhalten wird, unter Ankauf von Devisen Summen an die Gläubigerstaaten transferiert, die die Golddeckung unserer Währung arg verkürzten. Aber er und das Transferkomitee müssen dafür sorgen, daß diese Gold- und Devisendecke nie kürzer als 33% Prozent des Notenumlaufs, alfo nichl kürzer als in der Vorkriegszeit, wird. Vorläufig ist sie aber immer noch um ein großes Stück breiter und länger. Und kann noch verlängert und verbreitert werden durch die wirtschaftlich allerdings unerfreuliche Heraufsetzung des Diskontsatzes der Reichsbank.
Ja, aber die Reichsregierung! Die braucht doch so fürchterlich viel Geld — wie einst in der Inflationszeit. Und half sich damgls einfach durch massenhaften Neudruck von Noten, vermehrte dadurch den Notenumlauf, ohne daß die Werte der wirtschaftlichen Erzeugung stiegen. Das war damals — leider — möglich; die Reichsregierung stellte Schatzanweisungen an die Reichsbank aus, aus Grund derer dann die Notenpressen Ströme neuen Geldes ausspien. Das ist aber jetzt nicht mebr möglich: das Reichsbankgesetz — ein Teil des international vereinbarten und ebenso garantierten Dawes-Plans — läßt das nicht zu und die Reichsregierung mag noch so sehr stöhnen und ächzen — die Reichsbanl reguliert den Notenumlauf ganz selbständig nur entsprechend den wirtschaftlichen Bedürfnissen und geht über die 400-Millionen-Grenze nicht hinaus, die durch jenes Reichsbankgesetz jetzt für den dem Reich zu gewährenden Kredit in Schatzanweisungen und Schatzwechseln gezogen ist. Ganz felbständig ist die Reichsbank, ihr Direktorium und namentlich ihr Generalral, in dem auch eine Anzahl von der Reparationskommission delegierter Ausländer sitzen. In den fünfeinhalb Jahren seit Stabilisierung unserer Währung hat Dr. Schacht, bisweilen unter Zuhilfenahme überaus harter Maßregeln, bewiesen, daß die Erhaltung dieser Stabilität bei ihm in zwar harten, aber zuverlässigen Händen ruht Mag das Reich betteln geh n, wenn es hungrig ist, besser gesagt: selbst soll es dafür sorgen, mit seinen Mitteln spar- famer zu wirtschaften, aber nicht eine neue Note läßt Dr. Schacht mehr drucken, als wirtschaftliche Notwendigkeit und der stete Blick auf die Golddeckung es zulassen. Nach dieser Decke hat sich die Reichsregierung zu strecken, ob sie will oder nicht, denn gegen das Reichs- bankgefetz kann sie nicht verstoßen, weil dies einen Vorstoß gegen den Dawes-Plan bedeuten würde.
Man sollte auch sich vor Augen halten, daß die epidemische Besorgnis des Augenblicks, das Gerede von der „gefährdeten deutschen Währung", zum großen Teil ein politisches Manöver ist, von Paris ausgeht. Und es blieb erfolglos, was man jetzt selbst in Paris einzusehen beginnt. „Die Situation der Reichsbank ist keineswegs beunruhigend." schreibt ein großes französisches Finanzblatt, „und es wäre ganz unberechtigt, den gegenwärtigen Ereignissen eine übermäßige Bedeutung zuzu- schreiben." Unsere große Verschuldung an das Ausland in Form langfristiger Kredite hat neben den großen damit verknüpften Bedenken doch das eine Gute für sich, daß auch unsere ausländischen Gläubiger letzten Endes ein sehr erhebliches eigenes Interesse daran haben, jede Erschütterung der deutschen Währung hintanzuhalten. So hat man sich denn außerhalb Deutschlands sehr rasch beruhigt: höchste Zeit, daß diese Beruhigung nun auch bei uns selbst Platz greift, zumal für eine Beunruhigung gar kein Grund vorliegt und vorlaa.
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Die englische Finanzpresse
über die deutsche Währung.
wtb. London, 29. April. Die heute erschienen Finanzblätter befassen sich mit den Vorgängen, die gegen Ende der vergangenen Woche zu einer zeitweiligen Schwächung der Reichsmark, auf den Auslandsbörsen geführt hatten. „Financial News" schreiben: Die Schwäche der Reichsmark, die weiterhin einigen Grund zur Besorgnis gibt, wurde zum großen Teil durch vollkommen grundlose Gerüchte und Befürchtungen hervorgerufen. Es bestehen nicht die geringsten Beweife dafür, daß die kürzlichen schweren Geldverluste Deutschlands die Folge vorsätzlicher Pläne der deutschen Behörden sind. Diese Behauptung wird auch von den maßgebenden Vankkreisen in London zurückgewiesen. Es liegt sicher nicht im französischen Interesse, daß der deutsche Kredit geschwächt wird. Das Blatt betont, daß die Schwäche der Mark nicht auf dunkle politische Beweggründe zurückzuführen war und beantwortet die Frage, ob Deutschland wirklich so viel angeboten habe, wie es zahlen könne, mit der Feststellung: Es muß gesagt werden. daß die bestunterrichtete Ansicht in Londoner Bankkreisen dahingeht, daß dies der Fall ist.