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Fuldaer Anzeiger

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Nr. 102 1929

Fulda, Donnerstag, 2. Mai

6. Jahrgang

Blutige Ztratzenkämpfe in Berlin.

Die Maikundgebungen 1929.

8 Tote, 8 0 Verletzte.

Während es den Anschein hatte, als ob die Maifeiern in Berlin ohne besonders schwere Zwischenfälle zu Ende gehen würden, ist es im Laufe des Abends doch im Norden Berlins

zu schweren Straßenkämpfcir gekommen.

Die Kommunisten errichteten dort aus Eisenröhren und anderem Baumaterial, sowie umgestürzten Bauhütten und Wagen eine Barrikade, von der aus sowie von den Fenstern der umliegenden Häuser, sie ein

regelrechtes Feuergefecht auf die Polizei

eröffneten. Drei Hundertschaften nahmen mit dem Kara­biner unter der Deckung eines mit Maschinengewehr und Scheinwerfern ausgerüsteten Panzerautos den Angriff gegen die Barrikade auf. Erst gegen %10 Uhr nachts war es gelungen, die Barrikade zu nehmen. Ein Polizeiober- leutnant wurde schwer verletzt.

Bis gegen 2 Uhr nachts waren im Polizeipräsidium am Alexanderplatz und in der Magazinstratze etwa

900 sistierte Personen eingetroffen. Die Zahl der Toten beträgt 8, die der ver­letzten Demonstranten etwa 80, abgesehen von den vielen Verletzten, die durch ihre Genossen weggeschafft wurden.

In den gestrigen späten Abendstunden kam es in Neu­kölln zu schweren kommunistischen Ausschreitungen, die die Polizei schließlich veranlaßten, mit Panzerwagen vorzu­gehen. Die Kommunisten hatten in der Ziethenstraße Barrikaden errichtet. Auf die heranrückenden starken Schutzpolizei-Kommandos wurde

aus den Häusern und von den Dächern geschossen.

Tie Straßenzüge in der Nähe der Hermannftraße lagen in völligem Dunkel. Einzelheiten über die Kämpfe liegen noch nicht vor.

Die Säubern ngsaktion der Polizei am Wedding.

Die Polizei hatte bei den Kämpfen in der Kösliner-, Wedding- und Pankstraße, besonders aus einem Hause der Weddingstraßs, in dem sich ein Rotfrontkämpserlokal be­findet, heftiges Feuer erhalten, so daß sich der Komman­deur der Schutzpolizei entschloß, das Haus säubern zu lassen. Bei der um Mitternacht vorgenommenen Durchsuchung zeigte es sich, daß sich ganz am Ende des Lokals ein ange­bauter Saal befindet, der eben in höchster Eile »erlassen

Fürst Bülow.

Leicht ist's, beim Rückblick auf vergangene Zeiten mit schnellem Wort Ungeschicklichkeiten, falsche Beurteilungen, Fehler, ja Schuld leitender Staatsmänner aufzuweisen, heute die Zusammenhänge zu ahnen oder zu sehen, die man damals in ihres Wesens und ihrer Wirkungen Kern mitten im Fluß der Dinge nicht erkannte. Nur wenigen ist es beschieden, diesen Fluß zu lenken und zu leiten, dem Genie. Das Talent vermag es nicht, weil ihm der starke Wille, der Charakter fehlt, der alles aus Biegen oder Brechen setzt, der nicht das Opfer der besseren Über­zeugung leistet, sich nicht in fatalistischer Ergebung schließlich doch mit den Dingen treiben läßt.

. Im Zeitalter des dritten Deutschen Kaisers ist der Reichskanzler Fürst Bülow schon nicht mehr mitten in die Entscheidung hineingestellt gewesen. Vielleicht mied er überhaupt Entscheidungen. Als er nach der sanftesten aller Reichskanzlerkrisen des vorrevolutionären Deutsch­lands, nach der Amtsführung des greisen Fürsten Hohen­lohe, ganz selbstverständlich den Sessel des Auswärtigen Staatssekretärs verließ und der dritte Nachfolger Bis^ marcks wurde, da war jener Konfliktstoff schon da, an dem sich vierzehn Jahre später der Weltbrand entzündete: der deutsch-englische Gegensatz. Ihn zu beseitigen vermochte Bülow nicht mehr, hoffte es aber und tat alles, ihn zu mildern, ihn abzubiegen. Und glaubte, wie er in seinerDeutschen Politik" es als roten Faden immer wieder durchblicken läßt. allmählich so weit gewesen zu: sein, daß eine Verständigung zwischen den beiden Mächten vor der Tür stand, als innenpolitische Kämpfe den zum Fürsten Gewordenen in das Dunkel der Machtlosigkeit hrnabsticßen. War sich dessen nicht bewußt, daß er mit seiner Politik, die Entscheidung für England oder für Rußland, für denWalfisch" oder für denBären", zu vermeiden, sich zwischen beide Stühle gesetzt hatte, das Bündnis zwischen London und Petersburg schließlich da war.Er ist so sehr bemüht, cs allen recht zu machen, daß er es schließlich mit allen verderbe» und einst die un- chinstigsten, bittersten und boshaftesten Nachrufe von allen Seiten erhalten wird," schrieb bei seinem Amtsantritt der sozialdemokratische Vorwärts; und btefeS Wort erfüllte sich, als 1909 der Reichskanzler Fürst Bülow von der politischen Bühne abtrat. Er hatte es, außen- wie innen­politisch, mit allen verdorben, weil er es allen recht machen wollte.

Vielleicht übernahm er außenpolitisch mit dieserVer- beugungspolitik nach allen Seiten hin" aber nur ein Erb­teil des letzten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts. Oder paßte nicht gerade er, der unseres Volkes Werdegang im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts maßgebend be­einflußte, in diese Politik hinein mit seiner ganzen Art, seinem Wesen! Er, der es sich wünschte, daß dereinst aus seinem Leichenttein die Worte vomagrarischen Reichs­

worden war. Darauf ließen noch glimmende Zigarrenstum­mel schließen. Die Haussuchung förderte lediglich bei der Wirtin eine Schußwaffe zutage, die beschlagnahmt wurde. Anscheinend haben die Kommunisten von der Hausdurch­suchung Wind bekommen und sind

über die Dächer geflüchtet.

Im Hausflur des Hauses fand man überall Spuren von Schützen. Bemerkenswert ist dabei, daß den Kommunisten auf Grund von Kugelspuren, die keinesfalls von der Schutz­polizei herrühren können, die

Verwendung von schweren Schußwaffen nachgewiesen werben kann.

Bei der Erstürmung der von den Kommunisten an der Ecke Pankstraße und Köslinerstratze errichteten Barrikade nahm die Polizei gestern abend 40 der Aufrührer fest. Mehrere der Verhafteten hatten teils schwere, teils leich­tere Verletzungen davongetragen. Auch 4 Tote wurden auf dem Kampffeld aufgefunden und durch Krankenwagen des Rettungsamts abtransportiert.

Die Feiern im Weiche.

Auch aus den größeren Städten de2 Reiches brachte der Tag zunächst keine Meldungen von Mtßhelligkeiten. In Kö­nigsberg zogen etwa 10 000 Angehörige der sozialistischen Parteien mit Musik und Fahnen durch die Stadt. Nach mehreren Ansprachen aus öffentlichen Plätzen lösten sich Die Züge ruhig aus. Aus dem Reichsgerichtsplatz in Leipzig fand eine größere Versammlung der Kommunisten statt, die Plakate, Fahnen und Transpareme mit sich führten. In Breslau verliefen der Aufmarsch und die Kundgebungen ordnungsgemäß mit Ausnahme eines kleinen Zusammenstoßes zwischen Polizei und Demonstranten nach Beendigung der offiziellen Feier. Etwa 20000 Personen nahmen in Ham­burg an der kommunistischen Demonstration auf der Moor­weide teil. Bis zum Abmarsch ergaben sich keine Zwischen-, fälle. Einen großen Umzug veranstalteten Die Kommunist^ tn Frankfurt a. M., während Gewerkschaften und Sozial­demokraten im Schumann-Theater feierten. Die getrennten Kundgebungen der Sozialdemokraten und Kommunisten in München, bei denen Reden durch Land- und Reichstags- abgeordnete gehalten wurden, verliefen reibungslos. Sk. großen Betriebe feierten. Getrennte Umzüge der beiden fozia- /'stischen Richtungen wickelten sich auch in Chemnitz ab, <-.-öenso in Bremen, Oldenburg, Bremerhaven, Wesermünde, Stuttgart. In Essen und im Ruhrgebiet beteiligten sich etwa 27 Prozent der Zecheu- belegschaft an den Kundgebungen.

kanzler" stünden, hat einmal lachend geäußert:Ja, ich sterbe auch noch einmal als Liberaler und die liberale Presse wird mir einen anerkennenden Nekrolog schreiben müssen." Sein Charakterbild schwankte und schwankt - Bülow selbst würde sicher ein originelleres Bild als dieses mißbrauchte Dichterwort wählen! von der Parteien Gunst und Haß verwirrt in der Geschichte. Zwanzig­jähriges Wirken im Ausland an zum Teil hochwichtigen diplomatischen Posten hatten ihm nicht bloß den Blick, sondern auch den inneren Menschen geweitet. Er war Jn großer Menschenkenner geworden und ein großer Menschenfänger, darum auch ein gutes Stück Menschen. Verächter. Eleganz der Form wurde ihm häufig wichtiger als die Wucht und Eindringlichkeit des Inhalts. Tren­nendes glaubte er mit schnellem, aber immer gut ge­wähltem Wort oder rascher Gebärde beiseiteschieben zu können, erwar bemüht, es allen recht zu machen". Weil er die Menschen zu sangen vermochte, so glaubte er, da­durch auch die Entwicklung der Dinge meistern zu können. Undverdarb es mit allen" und alles. Er glaubte zu meistern und wurde gemeistert.

Niemand ist so sehr das Spiegelbild seiner Zeit ge­wesen wie des Deutschen Reiches vierter Kanzler. Er sah bewußt das Neue, das heraufwuchs, aber verkannte auch nicht die immer noch lebendige Kraft historisch gewordener. Größen und Mächte. Beides, wie einst Bismarck es gr^ konnt und c^ctan hatte, zu einem klaren politischen Ziel zusammenzuballen, vermochte er aber nicht. Dazu fehlte ihm das. was jenen anderen Mann zum wahrhaft Großen,

zum Genie machte: die Persönlichkeit; das Einsetzen seines Willens auf Biegen oder Brechen. Er ging der Ent­scheidung aus dem Weg, trat ab von der Bühne, als die Stunde schlug, ob in die alten Formen neuer Inhalt hin­eingepreßt werden könnte.

Aber dieses Zurückweichen vor dem letztenEntweder oder" ist ja das Charakteristische nicht bloß dieses leitenden Staatsmanns gewesen, sondern der deutschen nachbismarckschen Politik überhaupt, aller der damaligen Führer unseres Geschicks, unter denen Bülow mit allen Vorzügen und Fehlern doch der geistig hervor­ragend st e war. Sie alle, alle habendas Beste ge­wollt", doch die Weltgeschichte fällt ihren Urteilsspruch nicht nach dem Wollen, sondern nach dem Können. So blieb es bis zu dem tragischen, unverdienten Ausklang der staatsmännischen Tätigkeit Bülows, als er sich vergebens mühte, Italien vom Treubruch am Dreibund zurückzuhalten: viel zu weit waren auch dort schon die Dinge gediehen, als daß er das rollende Rad des G-r- tchehens hätte aufhalten können. Und man denkt an das -fatalistische Wort, das GoethesEgmont" spricht:Wie ^on unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnen Pferde der Zeit mit unseres Schicksals leichtem Wagen durch; und uns bleibt nichts, als, mutig gefaßt, die Zügel festzuhalten und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder wegzulenken."

LustsahridLenst der Weichspost.

35 Millionen mehr an das Reich.

Der Verwaltungsrat der Deutschen Reichspost beriet den Nachtrag zum Voranschlag für 1929, der eine Erhöhung der Ablieferung an das Reich um 35 Millionen vorsteht Nach eingehender Beratung beschloß der Verwaltungsrat, der Mehrbewilligung von 35 Millionen an das Reich unter Zurück­stellung Der sich aus der gegenwärtigen Finanz- und Wirt- schaftèlage der Deutschen Reichspost ergebenden schwer­wiegenden Bedenken mit Rücksicht aus die Notlage des Reiches einmalig für das Rechnungsjahr 1929 zuzustimmen. Auf Anfrage teilte Reichspostminister Dr. Schätzel mit, daß die Reichspost Lem Reiche Darlehen in Höhe von 192 Millionen Mark gewährt habe.

*

Bei einer Besprechung der vom Reichsverband der Deutschen Luftfahrtindustrie an den Verwaltungsrat gerichte­ten Telegramme, in denen für die Sanierung dieser Industrie die Mithilfe der Reichspost gefordert wird, machte Dr. Schätzel interessante Mitteilungen. Danach beabsichtigt die Deutsche Reichspost,

selbständige Lustfahrtliuien

für den Auslandsdienst einzuführen. Es sollen unter Aus­nutzung der Konkurrenz Fahrzeuge gemietet werden, wodurch die deutsche Luftfahrtindustrie zur Schaffung eines Einheits­typs veranlaßt werden könnte. Als Ziel der ersten Luftpost- linien, die vollständig unabhängig in der Lufthansa bleiben sollen, nannte Dr. Schätzel Cherbourg und Konstanti­nopel. Der Verwaltungsrat vertagte seine Stellungnahme, wobei der Reichspostminister ausdrücklich erklärte, daß er seine Vorarbeiten weiterführen würde. Bisher kranke die Luftfahr­zeugindustrie daran, daß jedes Fahrzeug anders gebaut werde. Die Lufipostlinicn würden kein Unternehmen der Lufthansa darsiellen.

SerÄtereAngestellte auf-emArbtttsmarkt

Steigende B e s ch ä f t i g u n g s z a h l e n.

Die Vereinigung der Deutschen Arbeitgeber­verbände hat gemeinsam mit den Spitzenverbänden des Handels, der Banken und der Versicherungen auf Grund eines einheitlichen Fragebogens mit dem Stichtage vom 31. Dezember 1928 eine Erhebung über die A l t e r s- gliederung und über die Dauer der Betriebszu- gchörigkeit der beschäftigten Angestellten durchgeführt. Bei der Erhebung wurden von den in der Industrie beschäftigten Angestellten insgesamt rund 405 000 erfaßt. Dies ist ein so wesentlicher Teil der in der Industrie über­haupt beschäftigten Angestellten, daß die Ergebnisse der Erhebung berechtigte Rückschlüsse auf die gesamten nach dieser Richtung in der Industrie vorhandenen Verhältnisse zuläßt. Hierbei ergibt es sich, daß von insgesamt 341156 männlichen Angestellten 42,5 Prozent im Alter über 4 0 Iahre stehen. Von den insgesamt erfaßten männ­lichen technischen Angestellten entfallen 52 Prozent, von den männlichen kaufmännischen Angestellten

30,5 Prozent auf die Altersklassen über 40 Jahre. Bei den letzteren ist zu berücksichtigen, daß das Ergebnis durch die Einbeziehung der Lehrlinge in die Altersklasse bis zu 20 Jahren (9,1 Prozent) das Gesamtergebnis nicht if y wesentlich beeinflußt. Soweit Erhebungen über bre Altersgliederung vor und nach dem Kriege vorliegen, zeigen sie, daß der Prozentsatz der beschäftigten älteren Angesteellten dauernd gestiegen ist.

Crotzdeutsche Kundgebung in München.

Die Bayerische Volkspartei in München veranstaltete km Bürgerbräukeller eine großdeutsche Kundgebung, zu der der österreichische Bundesminister a. D. Nationalrat Dr. Mataja als Vertreter des deutschen Ostens und der Präsident des saarländischen Landesrats, S ch e u e r^ St. Ingbert, als Repräsentant des bedrohten deutschen Westens erschienen waren. Dr. Mataja führte aus, es solle der ganzen Welt gezeigt werden, daß die deutschen Stämme im Osten und Westen eine untrennbare Einheit bilden. Landesratspräsident S ch e u e r - St. Ingbert be­tonte, daß rechtlich und historisch der Charakter von Land und Volk an der Saar unbestritten deutsch ist und daß das Saargebiet deutsch war, deutsch ist und ewig deutsch bleiben will.