Zul-aer Anzeiger
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Nr. 104 — 1929
Fulda, Samstag, 4. Mai
6. Jahrgang
Die Unruhen in Neukölln
^Der Verlauf der letzten Nacht.
Mit Hand- und Eewehrgranaten.
Welch schweren Stand die Polizei gegenüber den Tumultuanten hat, erweist sich aus folgender Meldung, die das Berliner Polizeipräsidium am Freitag nachmittag veröffentlichen läßt. Es heißt darin:
Nachdem in den Vormittagsstunden in Neukölln in der Hermannstraße und in den angrenzenden Straßen immer wieder kleinere Zusammenstöße zwischen Polizei und Straßenpöbel stattgefunden haben, die erst durch das Eingreifen größerer Polizeiaufgebote in gemeinsamem Vorgehen mit Panzerwagen beendet werden konnten, ist es in den Nachmittagsstunden zu neuen Zwischenfällen gekommen, die e r n st e r e n Umfang anzu- nchmen, drohten. Von neuem eingesetzte Polizeitruppen sind mit Hand- und Gewehrgranaten ausgerüstet. Es soll auch Tote und Verletzte gegeben haben.
Hoffentlich gelingt es der Polizei bald, wieder Ordnung und Ruhe in Berlin herzustellen, da das Leben der Reichshauptstadt natürlich unter diesen Zuständen leidet.
Die Schießereien in dem Neuköllner Sperrbezirk haben auch in den späten Abendstunden angedauert. Die Polizeiposten auf den Dächern wurden erneut aus einer Maschinenpistole beschossen. In einem Hause der Prinz-Hanjery-
Straße wurde eine fliegende Wache eingerichtet, in die bis 11 Uhr abends gegen 15 Personen eingeliefert wurden, darunter einige junge Burschen, die in der Lessingstraße eine Barrikade zu errichten versucht hatten. Die meisten der Sistierten waren im Besitz von Waffen verschiedener Art. Die Passanten, die in dem Sperrbezirk wohnen, werden nach genügender Legitimation unter polizeilichem Schutz in ihre Häuser geleitet. Die gestrigen Kämpfe haben bisher insgesamt 4 Todesopfer gefordert. Am Wedding herrschte dank der umfassenden Maßnahmen der Polizei Ruhe.
Berlin, 4. Mai (7 Uhr morgens.) Bis gegen 2 Uhr , DM ReparatiöNSentscheidllNg nachts waren in der Hermannstraße unb in der Stein- | t a
metzstraße von beiden Seiten Schüsse gewechselt worden, I WCIllTjUlBtnllCfi
der Rest der Nacht bis Tagesanbruch verlief ruhig. Um
4 Uhr morgens räumte die Polizei die spanischen Reiter, . Uber die Unterhaltungen, die Dr. S ch a ch t kurz nach mit denen sie die Straßen gesperrt hatte und die in dieser Nacht von der Polizei errichteten Barrikaden aus Untergrundmaterial fort. Ebenso wurden die Posten auf den Dächern, die Scheinwerferposten und die Maschinengewehrposten auf den Balkons verschiedener Häuser eingezogen.
Die Polizei will sich während des Tages möglichst unsichtbar machen, sofern diese Absicht nicht durch neue Angriffe und neue Ansammlungen der Aufrührer zunichte gemacht wird. Heute abend um 9 Uhr wird genau so wie in der ver-
gangenen Nacht das Viertel wieder abgesperrt werden, da mit einer Aufhebung des Ausnahmezustandes vor Montag früh nicht zu rechnen ist. Die Freigabe der Straßen für den Verkehr vollzog sich am heutigen Morgen ohne Zwischenfall. Gegen 4% Uhr zeigten sich die ersten Passanten auf der Straße. Es handelt sich größtenteils um Einwohner anderer Stadtteile, die Besuche bei Bekannten oder Verwandten im abgesperrten Viertel gemacht hatten und von der Absperrung, an die sie nicht so recht geglaubt hatten, überrascht worden waren. Kurz vor 5 Uhr ging der Verkehr wieder seinen normalen Gang. Auch der Straßenverkehr durch die Hermannstraße war um diese Zeit freigegeben. Die fliegenden Wachen in den verschiedenen Hausfluren, in denen die während der Nacht festgenommenen Personen vorübergehend untergebracht worden waren, wurden gegen Morgen ebenfalls aufgehoben. Die Verhafteten wurden dem Polizeipräsidium zugeführt. Im allgemeinen wurde die Absperrung ziemlich milde gehandhabt. Die zahlreichen Betrunkenen, die sich gestern abend zeigten — in den meisten Betrieben wurden gestern die Löhne ausgezahlt — wurden von Polizeibeamten in ihre Wohnungen geleitet, damit sie nicht in Ccfahrzoncn hineingerieten.
Ein ausländischer Zeitungskorrespondent in Neukölln erschossen.
Unter den Todesopfern der gestrigen Straßenkämpfe in Neukölln befindet sich auch ein ausländischer Pressevertreter und zwar der in Nelson (Neuseeland) geborene 46 Jahre alte Charles Mackay, der Vertreter der Neuseeländischen Zeitung „Waitara Daily News". Er wurde gegen 914 Uhr abends in der Hermannstraße von einem Passanten am Boden liegend erschossen aufgefunden. Die Polizei brachte den Toten nach dem Buckower Schauhaus, wo aus den Vorgefundenen Papieren seine Personalien festgestellt werden konnten.
Noch 6 weitere Todesfälle.
wtb. Berlin, 4. Mai, vormittags. (Tel.) Von den bei den Maiunruhen verletzten Personen, die in die Krankenhäuser cingeliefert worden waren, sind inzwischen außer den bereits gemeldeten noch weitere 6 gestorben.
Vollkommene Ruhe im Ruhrgebiet.
Die kommunistische Streikaktion scheint im Sande verlausen zu sein. Auf sämtlichen Werken und Zechen im Ruhrgebiet wird voll gearbeitet. Es herrscht vollkommene Ruhe. In Dortmund ist von der kommunistischen Partei für heute abend eine öffentliche Protestkundgebung gegen die Berliner Vorgänge einberufen worden.
Blutiger kommunistischer Uebcrfall auf Nationalsozialisten.
wtb. Köln, 4. Mai. In der Nacht zum Freitag wurden 20—30 Nationalsozialisten aus dem Hinterhalt beschossen und daraufhin von etwa 100 Kommunisten überfallen. Ein Ueberfallkommando stellte die Ruhe wieder her. Ein Nationalsozialist wurde schwer verletzt.
Finanzielle Hilfe aus Moskaus
Im übrigen scheint es, daß die Kommunisten aus Moskau finanzielle Unterstützungen erhalten. Wie ein Telegramm aus Moskau besagt, Hai die Internationale Arbeiterhilfe sich an die russischen Gewerkschaften und andere russische Kommunistenorganisationen mit der Bitte gewandt, Gelder zwecks Unterstützung der Opfer der Berliner Ereignisse zu sammeln. Die Internationale Arbeiterhilfe hat von der Sowjetregierung die Erlaubnis zu dieser Geldsammlung erhalten. Die Sammlung, die von der Internationalen Arbeiterhilfe in Rußland auf 10 000 Mark gebracht werden soll, dient der Unterstützung aller Berliner Maiopfer, die sich in schlechter materieller Lage befinden.
Am Donnerstag hat in Moskau eine Versammlung der deutschen Kommunisten stattgefunden, in der Vertreter der deutschen Abteilung der Kommunistischen Internationale Reden hielten. Sie erklärten tn ihren Ausführungen zu den Berliner Vorgängen, daß die Ereignisse des 1. Mai gezeigt hätten, daß das deutsche Proletariat zur Führung eines Bürgerkrieges reif geworden sei.
Keine MW» AlsGU «der Anlegingen
wahrscheinlich Montag
seiner Rückkehr aus Berlin in Gegenwart Dr. Böglers mit dem Vorsitzenden der Pariser Kommission hatte, ist so
gut wie nichts durchgesickert, noch weniger über die kurze Unterhaltung, die der Reichsbankpräsident angeblich noch mit Sir Josua Stamp und dem Gouverneur der Bank von Frankreich, Moreau, hatte. Es steht nur so viel fest, daß dieser ersten Fühlungnahme neue Besprechungen zwischen Dr. Schacht und Owen Doung sowie einigen anderen Hauptdelegierten folgen werden. Die Abwesenheit Moreaus und die Londoner Reise des japanischen Delegierten Kengo Mori bringen es mit sich, daß vor Montag kommender Woche kaum irgendwelche Entscheidungen fallen werden.
Wenn sämtliche Delegierten anwesend sind, so berichtet Havas, wird es möglich sein, zu sehen, ob die Experten in der Lage sind, einen einstimmigen Bericht abzufassen oder nicht. Gemäß den in Konferenzkreiscn ein- geholten Auskünften soll die deutsche Delegation keine eigentlichen Vorschläge gemacht, jedoch An- regungen gegeben haben. Diese Anregungen werden Gegenstand des dcmnöchstigcn Meinungsaustausches bilden.
Pcrtinax über die Vorschläge Owen D'doungs.
Pertinax drahtet dem „Daily Telegraph" aus Paris: Die neuen jetzt erörterten Vorschläge Owen D'Poungs sehen 37 Annuitäten von einem Durchschnittswert von etwas weniger als 2 Milliarden Mark vor. Sie betragen
Kleine Zeitung für eilige Leser
* In Neukölln dauern die blutigen Straßenkämpfe an. Die Berliner Polizei hat umfassende Maßnahmen getroffen, um die Ruhe wiederherzustellen.
* Der neue Reichsbankausweis zeigt wieder große Gold- abflüssc, durch die die Dcckungsvcrhältnisse der umlaufenden Noten hart an die gesetzlich vorgeschriebene Grenze herankommen.
* Der ReichSarbcitsministcr hat den Schiedsspruch für den Ruhrbergbau für verbindlich erklärt.
* Durch Wirbelstürme in verschiedenen Teilen Amerikas wurden 100 Personen getötet und großer Sachschaden an- gerichtet.
Die Luftfahrt im neuen Etat.
Die Finanzsachverständigen der Regierungsparteien haben einer Mitteilung der „Germania" zufolge gestern erneut die Frage der Verteilung der nach den vorgenommenen Streichungen für die Flugzeug-Industrie und den Luftverkehr im neuen Etat zur Verfügung stehenden Mit- tel geprüft. Es wurde dabei beschlossen, diese Mittel in erster Linie für die Zwecke des Luftverkehrs zu verwenden, während die Flugzeug-Industrie bereits in diesem Jahre zu einem großen Teil und in den kommenden Jahren fast ausschließlich zu ihrer Finanzierung auf den Weg der Anleihe verwiesen werden soll. Was die Arbeiten der Zeppelin-Werft betrifft, so sind Wege gefunden worden, die mit der Unterstützung des Freistaates Württemberg ihre Fortführung ermöglichen.
Um die Gemüter in Berlin nicht noch mehr durch die aufreizende Sprache, die das Berliner Kommunistenblatt, die Rote Fahne, im Anschluß an die blutigen Vorgänge des 1. Mai führte, zu erhitzen hat der Berliner Polizeipräsident dieses Blatt auf die Dauer von drei Wochen verboten, weil „die Rote Fahne die Kommunistische Partei Deutschlands in ihrer Bestrebung, die verfassungsmäßig festgestellte republikanische Staatsform des Reiches zu untergraben, durch die Tat unterstützt habe". Der Leitung der Kommunistischen Partei ist es durch Flugblätter, Reden in den Versammlungen usw. gelungen, in zahlreichen Berliner Betrieben ine Arbeiterschaft als „Protest gegen das Verhalten der Polizei" von der Arbeitsstätte fernzuhalten. Es handelt sich hierbei vornehmlich um mehrere Zigarettenfabriken, um Metall- und Bauarbeiter.
Auch im Reiche sind in einigen Unternehmungen die Arbeiter nicht zur Arbeit erschienen.
Die Sowjets rempeln Deutschland an.
Verspottung von Reichsministern bei der Maiparade.
Wegen der mehrere deutsche Minister beleidigenden Plakate, die gelegentlich der Moskauer Maifeiern herumgetragen wurden, hat das Auswärtige Ami die notwendigen diplomatischen Schritte eingeleitet.
Es handelt sich dabei um grobe Verspottungen deutscher innenpolitischer Angelegenheiten. So wurde in einem Festzug auf einem Wagen der von den deutschen Sozialdemokraten bewilligte Kreuzer gezeigt, der vorn die alte, hinten die neue Reichsflagge und am Mast die alte Marineflagge trug. Aus dem Schiss befanden sich in bösartigen Karikaturen verschiedene Reichsminister mit beleidigenden Unterschriften.
daher etwa 200 Millionen Mark weniger als die von den Alliierten geforderten Annuitäten. Außerdem decken sie nicht die 25 Millionen Mark, die die Belgier jährlich noch erhalten sollten als Entschädigung für die vom deutschen Besatzungsheer zurückgelassenen Markbeträge und auch nicht die jährlich der amerikanischen Regierung zugewiesenen Markbeträge. Es ist nicht bekannt geworden, welche Vorsorge für die Commerzialisierung der Schuld getroffen wird.
Pariser Blätter über die neuen Reparationsbesprechungen.
Das „Petit Journal" sagt zu den gegenwärtigen Besprechungen der einzelnen Delegierten, man könne zwar nicht behaupten, daß Reichsbankpräsident Dr. Schacht neue Vorschläge unterbreitet habe, aber er habe Anregungen gegeben, die man gegenwärtig prüfe. Es habe den Anschein, daß der Abstand zwischen den in dem Memorandum der Alliierten enthaltenen Ziffern und den im deutschen Memorandum genannten Zahlen nicht mehr so groß sei, als daß man nicht schließlich eine Verständigung für möglich ansehen sollte.
„Petit P a r i s i e n" und andere Morgenblätter erklären, man operiere sowohl auf der Seite der Gläubiger mit dem möglichen Gewinn, den die Bank für internationale Zahlungen abwerfen werde, und zwar sagten die Gläubiger zum Schuldner: Weshalb fürchtet Ihr Euch, Verpflichtungen zu übernehmen? Wenn Eure Zahlungsfähigkeit eines Tages zurückgehen wird, dann wird ja der Gewinn der Bank für internationale Zahlungen das ausgleichen können. Der Schuldner antwortet darauf: Weshalb fordert Ihr soviel, da ja die Bank für internationale Zahlungen durch ihren Gewinn leicht die Summe aufbringen kann, die wir nicht in der Lage sind zu bezahlen?
Spiritus aus Holz.
Proteste der Landwirtschaft.
Der Reichsrat beschäftigte sich mit einem Anträge der Brennerei- und Preßhefefabrik Tornesch, die ein neues Verfahren erfunden hat, aus Holz und Holzabfällen Spiritus herzustellen. Die Ausschüsse des Rcichsrates haben trotz verschiedener Bedenken mit Mehrheit den Antrag der Firma genehmigt, aber mit dem Hinzufügen, daß die Firma nach dem neuen Verfahren jährlich nur bis 35 000 Hektoliter Spiritus herstellen darf.
Namens der landwirtschaftlichen preußischen Provinzen gab Freiherr von Gayl eine Erklärung ab, in der aus grundsätzlichen Erwägungen heraus der Antrag abgelehnt wird. Der Reichsrat stimmte mit Mehrheit dem Beschluß der Ausschüsse zu.
Die Umgemeindung im Westen.
Aachen. In Aachen tagte unter dem Vorsitz des Land- rats v. Achenbach der Vorstand des Preußischen Land- kreistages. Im Mittelpunkt der Beratungen standen das große Umgemcindungsgesetz im Westen sowie das Gemeinde- versaffungsgesetz. Es wurde begrüßt, daß die Kraftsahrzeug- steucrverteilung dahin umacändcri worden ist, den Kreisen 20 Prozent mehr zu überweisen als bisher. Jedoch könne diese Regelung nur als Behelf gewertet werden. Umfassende Maßnahmen seien erforderlich, wenn die Nöte der Gemeinden und Kreise auf diesem so wichtigen Gebiet gemildert werden sollen.